Von Christiane Labusga
„Der Erwin jault mir schon den ganzen Abend die Ohren voll, als hätte sich mal wieder ein Wolf in den Thomasfriedhof verirrt. Kannst du nochmal mit ihm raus?“
Oma Schmodtke reicht Easy die Leine. Die kleine Denkpause, die Easy braucht, um den Auftrag zu verarbeiten, nutzt Erwin, um sich hinzusetzen und ein „Jahuuuhwauwauwauuuuuu!“ in den Abend zu schicken.
„Klar. Dann kann ich sogar die Mondfinsternis sehen.“
„Ja, mach zu, aber geh nicht auf den Friedhof. Vielleicht ist da wirklich ein Wolf.“
Draußen zieht Erwin mit Goliathkräften in Richtung Thomasfriedhof. Sich von einem Dackel durch die Gegend ziehen zu lassen – nur Easy findet daran nichts komisch. Eigentlich ist der Friedhof für Hunde ja verboten und Easy würde den Mond lieber vom Tempelhofer Feld aus betrachten. Da sind heute Abend auch seine Freunde, chillen und grillen unterm Blutmond … Aber Erwin hat nun mal den stärkeren Willen. Und der Thomasfriedhof ist wirklich schön, besonders bei Vollmond.
Kaum sind sie auf dem Friedhof, wandelt sich Erwin zu einem unterwürfigen Hundegeschöpf. Er klemmt sich den Schwanz zwischen die krummen Beinchen und drückt den Kopf nach unten. Und bestimmt weiter die Richtung.
So schnell ist Easy noch nie über den Friedhof in den verwilderten Teil gekommen, Erwin ist die personifizierte Zielstrebigkeit.
Dann bleibt der Dackel stehen.
„Mann, Erwin, jetzt wäre ich glatt über dich gerannt!“
Ein lautes, grollendes Knurren ertönt.
„Kein Grund, sooo böse zu sein.“
Wieder ein Knurren, wie es Easy noch nie gehört hat.
„Schhhh!“, schhhhst es aus dem Dunkel.
„Ist da jemand?“
Easy würde sich wirklich über Begleitung freuen, vielleicht noch jemand, der zum Mondgucken rausgegangen ist.
„Wer da?“, eine gebieterische Stimme aus dem Dunkel. Erwin legt sich auf den Bauch.
Na, der spricht aber komisch, denkt Easy. Ob das ein Bayer ist?
Ein Mann tritt aus dem Dunkel der Friedhofsbäume, rechts und links zwei große Hunde. Die knurren zwar nicht, haben aber vom Zähnefletschen ganz verzerrte Gesichter. Oder Krämpfe?
„Hallo, ich bin Easy. Zum Mondgucken hier.“
„Der Mond mag das nicht.“
„Was?“
„Wenn man ihn betrachtet. Bei Finsternis. Hast du keinen Respekt?“
Der spricht wirklich komisch. Nicht nur komisches Zeug. Es kommt Easy vor, als würde der Kerl simultan übersetzt. Nur, dass kein Übersetzer in der Nähe ist. Irgendwie wie Playback in der Hitparade, wie Oma Schmodtke immer sagt. Oder wie Celine in Paris.
„Ja, äh, ich bin ja auch nur wegen Erwin hier.“
Der Mann wirft einen Blick auf Erwin, der sich sofort auf den Rücken wirft. Und zu „Toter Mann“ erstarrt.
„Ist das ein verkrüppelter Welpe?“
„Nein, ein Dackel, ausgewachsen. Wo kommen Sie denn her?“
„Dumme Frage! Seid ihr alle so mickrig wie dieser Wolf?“
„Na, ja, nee. Und das ist kein Wolf, sondern ein Hund.“
„Ein Hund? Eine Kaninchenart? Dann nimm ihn besser auf den Arm, meine beiden haben Hunger. Seit Langem nichts Richtiges in die Fänge bekommen.“
„Die fressen andere Hunde?“
„Das sind keine Kaninchen!“
Die beiden starren sich an, Easy mit zwei, der andere mit einem Auge. Dann sagt der Fremde:
„Ich habe auch Hunger. Wo bekomme ich hier etwas Gutes? Auch für den Durst?“
„Ach,“ holt Easy erleichtert Luft, „du kannst mit mir kommen. Wir grillen heute auf dem Tempelhofer Feld. Und Bier gibt es auch. Nur einfach raus aus dem Friedhof und über die Hermannstraße, da gibt‘s einen Trampelpfad durch den anderen Friedhof, nur ein paar Minuten.“
„Hört sich gut an, Mensch!“
Der Fremde dreht sich um zur Odinseiche, so nennen die Okkulten den großen Baum im hinteren Friedhofsbereich, schnippt mit dem Finger und zwei große schwarze Vögel fliegen ihm auf die Schulter.
„Hey, du hast ja zwei zahme Krähen! Und ganz schwarz, nicht so wie die anderen gescheckten hier. Toll!“
„Grr, weder zahm noch Krähen. Das sind Raben. Und sie sind hungrig!“
Später in der Nacht, man kann auch sagen: morgens – klopft, man kann auch sagen – hämmert es an Oma Schmodtkes Tür.
Oma Schmodtke hatte eine unruhige Nacht, sowieso, denn weder Erwin noch Easy sind zurück gekommen. Sie hat sich Sorgen gemacht. Ja, auch wenn sie weiß, dass mit Erwin dem Jungen nichts Schlimmes passiert sein kann. Aber manchmal … fragt sie sich, ob der Junge weiß, was er an Erwin hat?
Odin steht vor der Tür.
„Du?“
„Ich, wer sonst?“
„Easy.“
„Der hinter mir?“
Oma Schmodtke versucht, um Odin herum zu blicken, ohne Erfolg. Aber wenigstens jappst jetzt Erwin ein friedliches „Hallo!“
„Was willst du hier?“
„Mal nach dem Jungen schauen.“
„Nach so vielen Jahren?“
„Äh, ja, sind gar nicht so viele, fünfzig vielleicht?“
„Nee, nur zwanzig.“
„Sorry, ich hab so viel zu tun, dass mir die Zeit rast!“
Schweigen.
„Was jetzt?“, fragt Odin.
„Hinter dir!“, sagt Oma Schmodtke.
„Der?“
„Der!“
„Komm ich aus der Sache noch raus?“
„Ha, nee, der zeigt schon Potenzial. Dumm nur, dass seine Mutter bei der Geburt gestorben ist. Wir hatten Mühe, ihn unterzubringen, es gibt ja kaum noch asenfreundliche Leute hier. Darum ist er ein bisschen hinterher“
„Der ist aber schon, ich meine, ich bin doch DER Philosoph, und er … ?“
„Ja, genau, er setzt um, was Philosophen sich als das Beste ausdenken: Friedliebigkeit,“
„Auf Kosten von Wissen und Durchsetzungsvermögen?“
„Auf Kosten von Brutalität. So kommt es mir vor. Aber lern‘ du ihn ruhig in aller Ruhe kennen.“
„Kann ich hier in deiner Wohnung bleiben?“
„Du ja, aber die Tiere müssen draußen bleiben. Das hier ist Erwins Reich.“
„Alles klar.“
Und Easy hat hinter dem breiten Rücken des Einäugigen überhaupt nichts gehört. Nichts.
V3 , ein paar Zeichen mehr
