Von Irmi Feldman
Für Paul Trent war es ein Jux. Für Josh Halper bitterer Ernst. In der Schule hatten sie von Werwölfen gesprochen. Im Nachhinein wusste keiner mehr, wer das Thema aufgebracht hatte. Doch es war Freitagnachmittag, letzte Schulstunde und so ging der Lehrer darauf ein. Werwölfe besprechen war interessanter als American History.
Halper war ein Außenseiter. Unscheinbar, unbeholfen und schüchtern, wäre er kaum aufgefallen, wenn er nicht das tägliche Ziel von Trents Mobbing gewesen wäre. Sogar Trents Freunde, die ihn oft bei seinen gemeinen Späßen unterstützten, wunderten sich, warum diese immer auf Halper gerichtet waren. Immer. Halper, der keiner Fliege etwas zuleide tat. Hätten seine Freunde tiefer gebohrt, wäre ihnen klar geworden, dass Trent Halper hasste, weil dessen Eltern ihrem Sohn Liebe und Fürsorge entgegenbrachten, währenddessen Trents Eltern ihn weitgehend ignorierten. Warum ein Retard, so nannte er den autistischen Halper, mehr geschätzt wurde als er, der schlagfertige, gutaussehende, kluge Trent, erbitterte ihn zutiefst.
An jenem Nachmittag war Halper der Star. Erstaunt hörte die Klasse zu, wie er Werwolf-Legenden aus verschiedenen Ländern herunterrasselte. Jahreszahlen. Ortschaften. Begebenheiten. So kannten sie ihn nicht. So lebendig. So entfesselt. So gelöst.
Trent kochte vor Wut. Doch dann hatte er eine Idee. Beim nächsten Vollmond lud er Halper zu sich nach Hause ein. Seine Eltern seien weg. Ob Halper nicht vorbeikommen und ihm mehr von den Werwölfen erzählen könne?
Halper war erstaunt. Trent, sein Peiniger, lud ihn ein? Jeder andere hätte erkannt, dass Trent nichts Gutes im Schilde führte. Aber Menschen zu lesen, gehörte nicht zu Halpers Fähigkeiten. Also sagte er zu.
Am Abend brachte Halper seine Werwolf-Bücher mit. Trent schien interessiert. Er bot Halper sogar Tequila aus dem Alkoholschrank seiner Eltern an, den dieser trank, weil er Angst hatte, den neugewonnenen Freund zu verärgern.
Es dauerte nicht lange, bis Halper total betrunken war. Trent bot an, ihn nach Hause zu fahren. Als Halper am nächsten Morgen aufwachte, lag er nicht in seinem Bett, sondern auf einer Lichtung im Wald. Ein blutbeflecktes Messer in der Hand, ein brutal ausgeschlachteter Hase neben ihm.
Halper schnappte nach Luft. Er musste sich übergeben. Als nichts mehr kam, zwang er sich auf den Hasen zu blicken. Tränenüberströmt lief er hierhin und dorthin. Schreiend. Jammernd. Wimmernd. Was war nur geschehen? Hatte er sich in der Vollmondnacht in einen Werwolf verwandelt und den Hasen getötet? Jedes Mal, wenn sein Blick auf das blutige Etwas fiel, fing er wieder an zu schluchzen. Es dauerte lange, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er den Hasen vorsichtig aufheben und ins Gebüsch legen konnte, wo er ihn unter hastig abgerupften Blättern und Zweigen begrub. Wohl hundertmal entschuldigte er sich bei dem Hasen. Wie leid es ihm täte. Er habe das nicht gewollt. Er habe das doch nicht gewollt.
Nur vage erinnerte Halper sich an den Abend davor. Dass ihm erbärmlich schlecht von dem Tequila gewesen war, das wusste er noch. Dass Trent ihn nach Hause fahren wollte, das auch. Alles Nachfolgende war aus seinem Gedächtnis gestrichen.
Da Halper keine Freunde hatte, behielt er das Vorgefallene für sich. Er überlegte, ob er Trent fragen sollte, was passiert war, aber dann wagte er es doch nicht. Obwohl er ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern hatte, traute er sich nicht, ihnen diese Schandtat zu gestehen. Als aktive Tierschützer hätten sie für sowas kein Verständnis gehabt.
In den folgenden Wochen zog Halper sich noch mehr zurück als sonst. Ein Gedanke peinigte ihn besonders. Der nächste Vollmond würde ein Blutmond sein. Er wusste, dass Werwölfe dann am aktivsten sind. Wenn er in einer Vollmondnacht schon einen Hasen getötet hatte, was würde er erst bei einem Blutmond anstellen?
Seltsamerweise ließ Trent ihn nun in Ruhe.
Am Tag vor dem Blutmond fing Trent Halper ab. Er wisse, sagte Trent, dass Halper ein Werwolf sei. An jenem Abend als Trent ihn nach Hause fahren wollte, sei Halper auf der Höhe des Waldes wie verrückt aus dem Auto gesprungen und in den Wald hineingelaufen. Trent sei ihm unauffällig gefolgt.
„Ich habe gesehen, wie du dich in einen Werwolf verwandelt hast. Es ging alles so schnell. Du warst eine Bestie. Der arme Hase, der verschreckt aus seiner Höhle kam, dem hast du ganz schnell den Garaus gemacht.“
Dass Trent den Hasen aus dem Hasenstall seines Onkels gestohlen und dann in einer selbst für ihn ungewohnten Rage niedergemetzelt hatte, verschwieg er. Dass der tote Hase samt blutverschmiertem Messer in seinem Kofferraum lag, als er anbot, Halper nach Hause zu fahren, natürlich ebenfalls.
„Morgen ist ein Blutmond“, sagte Trent. „Hast du denn keine Angst, dass du dich wieder in einen Werwolf verwandelst und ein Tier abschlachtest? Oder noch schlimmer?“
„Und wie!“, schrie Halper. Sein Gesicht spiegelte seine Verzweiflung wider. „Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch machen soll. Ich werd noch verrückt. Bitte hilf mir, Trent.“
Darauf hatte Trent nur gewartet. Er habe eine Idee, sagte er. Er werde Halper an die riesige Tanne auf der Lichtung im Wald fesseln. Dann soll er Schlaftabletten nehmen, damit er schlief, wenn er sich in einen Werwolf verwandelte. So konnte er keinen Schaden anrichten. Trent würde ihn am Morgen danach befreien.
Weil Halper nicht wusste, was er sonst machen sollte, stimmte er zu. Ihm war ganz schlecht, als Trent am Abend seine Hände mit einem Kabelbinder an einen Ast der Tanne fesselte.
Die Zeit schritt langsam voran. Halper schlief nicht. Die Schlaftabletten, die Trent von seiner Mutter gestohlen und Halper aufgedrängt hatte, hatte dieser sich zwar unter Trents wachsamen Augen in den Mund geschoben, doch gleich darauf heimlich wieder ausgespuckt. Unbekannte Medikamente machten ihm Angst. Außerdem wollte er wach bleiben; wollte sehen, ob er sich wirklich in einen Werwolf verwandelte.
Geschrei weckte ihn. Anscheinend war er doch eingenickt. Sofort war er hellwach. Der Blutmond hatte alles in dunkle Röte getaucht. Zwischen den Bäumen erkannte er eine grausige, behaarte Figur. War das ein Werwolf? Noch einer? Dieser kämpfte mit einem Mädchen, keine dreißig Meter von Halper entfernt.
Das Mädchen kam ihm bekannt vor. War das Lilly? Aus seiner Klasse? Trents Freundin?
Der Werwolf schien mit Lilly zu spielen. Es war fast wie ein Katz- und Maus- Spiel. Mit einem Schlag hätte der Werwolf Lilly außer Gefecht setzen können und doch tat er es nicht. Das Ganze schien unwirklich, fast wie ein Schauspiel.
Halper zerrte am Kabelbinder, der schmerzlich in seine Handgelenke schnitt. Er hatte darauf bestanden, dass Trent seine Hände mit nur einem Kabelbinder fesselte. Das war ihm wichtig gewesen. Er hatte nämlich sein Klappmesser unter einem elastischen Handgelenkband im Ärmel seines Sweatshirts versteckt. Zur Vorsicht. Falls ein wildes Tier daherkäme und er sich befreien musste. Trent wusste nichts davon. Das Klappmesser mit gefesselten Händen herauszuziehen und zu öffnen, war nicht schwer. Er hatte es zuhause geübt. Trotzdem erschien es ihm ewig, bis er endlich den Kabelbinder durchgesägt hatte. Dann war er frei. Der Werwolf merkte nichts davon. Er war mit Lilly beschäftigt.
Halper sputete los. Das Messer immer noch in der Hand. Ein Gedanke kam ihm. Zuerst nur flüchtig. Dann ganz klar. Er hatte sich nicht in einen Werwolf verwandelt. Er war immer noch Halper. Nichts an ihm hatte sich verändert. Also hatte nicht er den Hasen getötet, sondern dieser Werwolf hier. Er, Halper, war unschuldig. ‚Unschuldig!‘, jubelte es in seinem Kopf. Das gab ihm Mut. Er würde diesen Werwolf zerstören, bevor er noch mehr Unheil anrichten konnte.
Lilly sah auf. Nanu? Halper? Sollte der nicht an die Tanne gefesselt sein und das Schauspiel aus der Ferne beobachten? So hatte Trent es ihr erklärt. Erst dann sah sie das Messer. Entsetzt warf sie Trent einen Blick zu, doch der versetzte ihr gerade einen gewaltigen Tritt in den Unterleib. Lilly schnappte nach Luft. Der gemeine Tritt empörte sie mehr als der Schmerz. So war das nicht geplant.
Brutal schlug Trent nun auf Lilly ein. Was für ein herrlicher Plan, dachte er, Halper für den Mord an Lilly verantwortlich zu machen. Lilly, die ihm schon seit Monaten lästig ist. Einfach Schluss mit ihr machen, war keine Option. Sie wusste Sachen über ihn, die besser geheim blieben. Lange hatte er überlegt, wie er Lilly loswerden könnte. Und dann brachte ihn Halper mit seiner Werwolf-Macke auf die beste Idee seines Lebens. Der Hasenstreich war schon genial gewesen. Dieser Retard glaubte ja alles. Aber der Werwolf-Angriff auf Lilly? Unbezahlbar! Zu dumm, dass er nicht damit prahlen konnte. Es war ein Leichtes gewesen, Lilly zu diesem Streich zu überreden. Für ihn tat sie doch alles.
War Lilly erst einmal tot, würde er den schlafenden Halper losbinden und sich anschließend aus dem Staub machen. Alles andere erledigte sich von selbst. Tat es immer, wenn die Planung stimmte.
Trent sah etwas auf sich zukommen, d.h. er spürte es mehr, als dass er es sah. Doch weil er jetzt endlich mit Lilly fertig werden wollte, achtete er nicht darauf. Als er zuletzt doch aufsah, stand Halper neben ihm. Ungläubig starrte Trent zuerst auf Halper und dann auf das Messer in seiner Hand. Noch bevor Halper zustach, wurde Trent klar, dass sein Plan gescheitert war. Gescheitert, weil Halper nicht schlief. Mist.
Halper stach und schrie. Alles schrie er sich von der Seele: Trents Grausamkeiten. Die Verzweiflung der letzten Wochen. Den toten Hasen. Er stach und stach, auch als der Werwolf schon längst auf der Erde lag. Blutend. Reglos. Stumm.
Erschöpft sank Halper zu Boden. Er sah nicht, wie Lilly die Maske vom Werwolf zerrte. Sah nicht, wie sie seinen reglosen Körper rüttelte. Sah auch nicht, wie sie sich schluchzend auf ihn warf. Nur ein Wort drang zu ihm durch, bevor er endgültig die Besinnung verlor, und auch nur, weil Lilly es immer wieder in die Blutmondnacht hinausschrie: Trent.
Irmi Feldman, 2026, 9975, v1
