Von Claudia Schäckel

Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren. Seit Tagen ging sie durch die Kälte und den Schnee. Jeder Tag wie der vorherige. Immer hungrig, immer müde und am Ende ihrer Kräfte. Gefangen in der scheinbar endlosen Reihe verzweifelter Menschen. Manchmal brach jemand zusammen. Blieb einfach am Wegrand liegen. Manchmal versuchte jemand, zu helfen.

 

Die Räder einer kleinen Karre vor ihr hatten etwas Hypnotisches. Sie folgte Stunde um Stunde ihren Drehungen vorwärts. Alles andere um sie herum verschwamm mit dem Weiß. Das einzig Tröstliche waren die Schritte ihres Bruders an ihrer Seite. 

Die meiste Zeit war trotz der vielen Menschen kaum etwas zu hören. Die Erschöpften und Verängstigten sprachen nicht mehr. Ab und zu schrie oder quengelte ein Kind oder ein Kranker stöhnte. 

Seit einiger Zeit spürte Anni den Hunger nicht mehr. Das war eine Erleichterung, aber wahrscheinlich kein gutes Zeichen. 

 

Plötzlich fuhr das rechte Rad der kleinen Karre über einen größeren Stein. Das Rad hüpfte in die Höhe und landete hart wieder auf dem gefrorenen Boden. Ihr Blick folgte stumpf der Bewegung. Einen Schritt später traf ihr Fuß den gleichen Stein. Sie knickte um, verlor das Gleichgewicht und stürzte seitlich in den schneegefüllten Graben.

„Anni. Anni! Hast du dir wehgetan?“ Ihr Bruder war sofort bei ihr.

Er kniete neben ihr und hob sie an den Schultern etwas hoch.

„Du musst aufstehen. Wir dürfen den Anschluss nicht verlieren.“

„Ich möchte einfach nur liegen bleiben, Heinz. Ich bin so müde.“

„Du kannst dich später ausruhen!“, seine Stimme wurde lauter und flehend. „Jetzt müssen wir weiter.“ 

Er zog sie energisch hoch. Doch schon beim ersten Schritt stöhnte sie auf und ließ sich wieder in den Schnee fallen.

Der letzte Wagen der Kolonne kam bei ihnen an und stoppte. Zwei Frauen zogen und eine ältere schob ihn. Eine der beiden Jüngeren kramte kurz in ihrem Karren und zog zwei Krücken unter einer gammeligen Matratze hervor. Eine schob sie zurück, die andere reichte sie Heinz. Bevor sie sich mit den anderen Frauen wieder in Bewegung setzte.

Die ältere Frau griff noch in einen Beutel, den sie umhängen hatte, und warf den Geschwistern einen Kanten altes Brot zu.

Das schwache Danke von Heinz hörten sie schon nicht mehr.

Der zog seine Schwester wieder auf die Füße und klemmte ihr die Krücke energisch unter die Achsel.

„Los, wir müssen weiter. Wir dürfen sie nicht verlieren.“

 

Das Ende der Kolonne war ein ganzes Stück weiter vorne und verschwand gerade um eine Wegbiegung.

Da zerrissen Gewehrsalven die Stille. Und dann Schreie. Schüsse und Schreie.

Heinz stieß seine Schwester wieder zu Boden und suchte panisch nach einem Fluchtweg.

Anni war schlagartig wieder aufnahmefähig. In ihren aufgerissenen Augen stand die Angst. 

 

„Zurück zu den Büschen.“, sagten sie beinahe gleichzeitig. Halb kriechend, halb laufend flohen sie so schnell es möglich war dahin, woher sie gekommen waren. In der Hoffnung, dass die Wegelagerer noch einige Zeit beschäftigt waren. Sie erreichten die Buschreihe und krochen in das Unterholz. 

Das Schießen hatte aufgehört, aber noch immer waren einzelne Schreie zu hören. 

Dann Stille.

Eingewickelt in ihre Decken hockten die Geschwister so tief in dem Gebüsch, wie es möglich war.

„Und was machen wir jetzt?“ Anni hatte Tränen in den Augen. „Wir sind alleine und ich kann nicht mehr richtig laufen.“

„Wir finden einen Weg.“ Heinz zerbrach das Stück altes Brot und wickelte sich und Annie enger in die Decken. Er musste zuversichtlich bleiben, egal wie er sich fühlte.

 

Solange es hell war, blieben die beiden in ihrem Versteck und lauschten auf jedes Geräusch. Sie schliefen abwechselnd, aber es kam niemand bei ihnen vorbei, weder weitere Flüchtlinge aus der einen Richtung noch die Wegelagerer aus der anderen. Mit der ersten Dämmerung wagten sie sich aus ihrem Versteck. Sie hatten beschlossen, noch ein Stück weiter zurückzugehen. Dort waren sie an einem Wald vorbeigekommen. Sie hofften, sich in ihm besser verstecken zu können als neben der Straße. 

Anni kam trotz Krücke und der Hilfe ihres Bruders nur langsam vorwärts. In ständiger Angst vor einem Überfall erreichten sie die ersten Bäume und verschwanden erleichtert im Wald. Ein ganzes Stück weiter richteten sie sich gut verborgen ein Lager her und schliefen erschöpft ein.

 

Seit zwei Tagen harrten sie jetzt in ihrem Versteck aus. Tagsüber zog Heinz alleine los, erkundete die Umgebung und suchte nach einem geeigneten Weg. Auf der Straße hatte er keinen weiteren Treck oder Hinweise darauf gesehen. In die andere Richtung durch den Wald begannen nach einiger Zeit Felder und Weiden. Man konnte etwas entfernt die Umrisse einiger Gebäude erkennen. Er beschloss, dass die Richtung erfolgversprechender war. Vielleicht würden sie auf dem verlassenen Hof etwas finden, das ihnen helfen würde.

 

Am nächsten Morgen gaben sie ihr Versteck auf. Noch immer konnte Anni kaum laufen, ihr Fuß war dick und schmerzte. Heinz ließ ihr viel Zeit, und sie machten immer wieder Pausen. Dann hörten sie Stimmen, eine Frau und einen Mann. Anni duckte sich und Heinz schlich vorsichtig auf die Stimmen zu.

Auf einer kleinen Lichtung stand eine Waldhütte, davor ein alter Heuwagen mit zwei kleinen Pferden. 

Heinz schlich vorsichtig näher und versuchte, etwas zu verstehen.

„Wir brechen vor Sonnenuntergang auf. Dann erreichen wir die Straße, bevor es ganz dunkel wird.“ Die Frau sah zu dem Mann in Försterkleidung auf und zeigte auf einen breiteren Waldweg, der von der Hütte wegführte. 

„Schafft es ihre Frau Mutter bis hierher, oder soll ich noch einmal zum Gutshaus kommen und helfen?“ 

„Das wird sie schaffen, wir haben noch ein älteres Reitpferd dabehalten. Bleibt lieber und ladet die Sachen auf, die wir die letzten Tage hier versteckt haben. Nachher bleibt nicht mehr viel Zeit.“

Der Mann nickte. „Wir sollten aufbrechen, bevor es dunkel wird. Es gab die letzten Tage immer wieder Warnungen vor Überfällen durch Plünderer.“

Sie nickte. „Es wird wirklich Zeit. Ich gehe meine Mutter holen.“

Kurz legte sie ihre Hand auf seinen Arm. Dann drehte sie sich um und verschwand zwischen den Bäumen.

Heinz gab ihr recht. Nicht viel Zeit.

Ohne weiter nachzudenken eilte er zurück zu Anni.

Er hatte die Lösung gefunden. 

Zusammen schlichen die beiden so nah an die Hütte wie möglich.

 

Die Pferde fraßen Heu, das ihnen der Mann hingelegt hatte, und er lud einige kleine Möbelstücke, Decken und Matratzen auf den Wagen. Dann folgte Proviant und zum Schluss holte er ein Bild und eine kleine Schatulle. Beides versteckte er unter zwei losen Brettern, die einen doppelten Boden unter dem notdürftig gezimmerten Kutschbock verbargen.

 

„Anni, du bleibst hier und gibst keinen Ton von dir.“ Heinz ließ sie hinter einem Baumstamm zurück, bevor sie widersprechen konnte.

Aus ihrem Versteck sah sie, wie Heinz einen dicken Ast aufhob und hinter dem Mann in der Hütte verschwand. Kurze Zeit später kam er alleine wieder raus, schloss die Tür und schob den schweren Riegel vor.  

Er winkte seine Schwester zu sich und begann, Heu und Stroh für die Pferde aufzuladen. 

Auf ihre Krücke gestützt bewältigte Anni mühsam die wenigen Schritte zu ihrem Bruder.

„Was hast du gemacht?“ Anni war der Schreck ins Gesicht geschrieben.

„Nur eine Beule. Er hat nur eine Beule. Und ist gefesselt.“ Heinz versuchte vergeblich, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken. 

Er zog sie energisch zur Rückseite des Wagens. „Beeil dich. Los rauf. Wir haben keine Zeit, die Leute kommen gleich zurück.“

„Die Leute?“ Sie klang hysterisch. „Die, denen das alles hier gehört?“ Anni ließ sich auf die Ladefläche schieben.

„Ja, die Leute, denen das hier und wahrscheinlich noch viel mehr gehört.“ Er fummelte an den Brettern unter dem Kutschbock herum, bekam sie auf und zog das Kästchen hervor.

Er machte es auf und starrte wie zur Bestätigung seiner Worte auf einige sicher sehr wertvolle Schmuckstücke. Heinz zog die Luft ein und hielt seiner Schwester das Kästchen unter die Nase.

„Oh.“ Sie sah ihren Bruder an. „Das können wir nicht behalten.“

„Natürlich nicht, sonst hält uns noch jemand für Diebe.“ Er machte keinen Versuch den sarkastischen Unterton zu verstecken. Stimmte seiner Schwester aber zu. Heinz nahm ein paar unscheinbare Goldringe und zwei schmale Ketten ohne Steine aus der Schatulle. „Anziehen.“ Er hielt sie seiner Schwester hin, die den Schmuck zögernd entgegennahm. 

„Und etwas von den Vorräten?“ Anni sah ihren Bruder an, der kurz nickte. Sie fädelte die Ringe auf die Ketten, legte diese um ihren Hals und ließ sie unter ihrer abgewetzten Kleidung verschwinden.

Wortlos hatte Heinz begonnen, die Vorräte durchzusehen und die Hälfte der Kartoffeln, etwas von dem Käse und dem Mehl wieder abzuladen. Er stellte es neben die Tür, zusammen mit zwei Decken und einer Matratze. Eine der Decken warf er drüber.

Dann griff er das Schmuckkästchen und ging auf die Tür zu. Er atmete einmal tief durch und öffnete die Verriegelung. Vorsichtig machte er die Tür einen Spalt auf und stellte die Schatulle innen auf den Boden.

„Es tut uns leid.“, sagte er stockend in die Hütte. 

Die Antwort waren undeutliche Laute und dumpfes Poltern aus dem Inneren.

Schnell zog er die Tür wieder zu, schob den Riegel vor und band die Pferde los. 

Heinz stieg auf den Kutschbock. Anni hatte sich zwischen das Heu auf die Matratze gelegt und in eine Decke gewickelt. 

 

Der Wagen setzte sich in Bewegung und verschwand unter einem aufgehenden roten Mond* im Wald.

 

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*18.-19 Dezember 1945 / den Daten nach gab es in dieser Nacht tatsächlich einen Blutmond über Deutschland

 

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