Von Sabine Rickert        

  (2.Teil von „Der Extrakt“ November 25)

                             

Ambrosius landete mit seinem Besen sanft vor seiner Haustür. Das Absteigen von dem Transportmittel fiel ihm leichter, denn sein Rücken und die Knie waren durchaus geschmeidiger, nichts schmerzte mehr.

Er kam zurück von einem vierwöchigen Aufenthalt in einem Vier-Sterne-Zauber-Spa-Resort, das er mit seiner Rivalin Samantha zusammen beim Liebesextrakt-Wettbewerb gewonnen hatte.

Er schaute sich um, und schon hatte der Alltag ihn wieder ein.

„Es müsste gefegt werden, die Blumen sind vertrocknet, die Dachrinne ist voller Blätter“, waren seine ersten Gedanken.

„Om“, er öffnete die Arme und atmete tief ein.

„Delegieren und einen Tee kochen, dann in Ruhe ankommen“, murmelte er. Somit schickte er die Gießkanne und den Putzbesen los, die schnell ihre Aufträge erledigten.

Er schaute ihnen verträumt bei der Arbeit zu. Er war geistig noch im Zauber-Spa und dachte an seine netten Begegnungen und die erfüllenden Abende. Samantha hatte ihren Verjüngungsextrakt mitgebracht, um ihn dort zu präsentieren und den Verkauf anzuregen. Das Gleiche hatten die beiden mit ihren Liebesextrakten vor, die gerne genommen wurden. Schließlich fanden im Resort die Tantra-Lehren ihre Anwendung. Da er, als Druide, von allen Extrakten kostete, damit er in Expertenkreisen seine Meinung kundtun konnte, profitierte er von der Wirksamkeit der Gebräue. Mehr Beweglichkeit und eine auffallende Steigerung der Libido. Sein neuer Tatendrang führte ihn zu den Tantra-Seminaren.

Lydia, eine Hexe aus dem Norden, nahm ihn sofort als Massage-Partner in Beschlag. Es herrschte Männermangel in den Seminaren.

Ihre Hände waren weich und glitten sanft über seinen Körper. Sie war erst zweihundertsiebenundvierzig Jahre alt, ihr war aber bewusst, wo ihre Finger gewünscht wurden. Ambrosius ließ sich gerne verwöhnen. Sie war die Experimentierfreudige. Er war glücklich, ihr Objekt der Begierde zu sein, solange er liegen durfte. Schließlich war er schon vierhundertfünfundsiebzig.

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Ambrosius öffnete die Haustür, und sofort sprang ihn sein Kater an.

„Was ist mit dir los? Freust du dich so, dass ich wieder da bin?“

Es kam nur ein wütendes Fauchen und ein krächzendes: „Frag den Spiegel.“

„Wieso ist der Spiegel hier? Ich brauche ihn nicht mehr.“

Erst einmal eine Tasse Tee trinken, nichts überstürzen.

Nachdem er einen Schluck genommen hatte, schrie der Spiegel: „Schau mich endlich an, du hast achtundneunzig verpasste Nachrichten.“

„Warum? Jeder wusste, dass ich verreist war. Hast du etwa achtundneunzig Mal herumgezetert?“

„Ja, hat er“, fauchte der Kater.

Ambrosius meldete sich zuerst bei seinem Freund Ecid, der sich freundlich erkundigte, ob er gesund angekommen war.

„Wieso ist der Spiegel hier?“

„Weil das Komitee der Meinung war, du könntest ihn gebrauchen, wenn du die Blutmondnacht ausrichtest. Wir haben dich vor vier Tagen erwartet.“

„Ich habe auf eigene Kosten verlängert, es ergaben sich einige Bekanntschaften, die ich vertiefen wollte. Das kommende Ereignis war bei mir nicht mehr präsent, ich war im Yin auf Grund der Yoga-Entspannungsübungen und des Eintauchens in die Tantra-Lehren.“

„Tantra in deinem Alter?“ Ecid staunte und schaute ungläubig.

„Diverse Extrakte haben mich dabei unterstützt.“

„Jetzt habe ich Bilder im Kopf“, sagte Ecid kopfschüttelnd.

„Lass uns über das bevorstehende Ereignis reden. Wir sind etwas im Rückstand. Uns fehlen einige organisatorische Antworten von dir.

Hast du dir schon Gedanken über den Urahnen oder die Urahnin gemacht, die wir beim Blutmond transformieren wollen?

Du weißt, der- oder diejenige, die wir zu uns rufen, dient zur Bereicherung unserer Gemeinschaft. Der berühmte Alchimist Graciel, der großartige Extrakte für Notfälle aller Art erfand und eine Koryphäe in alter Zauberkunst mit breitem Heilpflanzenwissen war, würde uns für die nächsten drei Jahre ein Lehrmeister sein. Er ist zurzeit der Favorit, wie die neuste Alchemisten-Forsa-Studie ergab.

Oder Marga, die mit ihren übermächtigen Zauberkräften und einem großen Wissen geheimer Zaubersprüche ebenfalls eine hilfreiche Lehrmeisterin wäre. Überlege intensiv, es ist für die nächsten drei Jahre. Jeder Zauberer und jede Hexe die ihren Vorschlag in einer Kapsel in den Zauberkessel wirft, ist für ihren Urahnen oder ihre Urahnin verantwortlich. Der amtierende Urahn hat unsere Nerven mit seinen Forschungen über die Liebe, Lust und Leidenschaft von menschlichen und mystischen Lebewesen arg überstrapaziert. Gotha hatte ihn vorgeschlagen und war ständig damit beschäftigt, sich für dessen Verfehlungen zu entschuldigen und gezwungen, Töchter wieder zu ihren Eltern zurückzubringen. Je länger er hier im Diesseits verbrachte, umso jünger wurden seine Lust-Test-Probanden.“

„Ich habe von ihm profitiert, er war mir, dank seiner Literatur- und Diskussionsabende, wissenschaftlich eine große Hilfe. Immerhin hat mein Liebesextrakt in diesem Jahr gewonnen, das war auch sein Verdienst“, entgegnete Ambrosius.

„Darüber hinaus bin ich immer froh, wenn wir einen Kandidaten aus dem Jenseits haben, der nicht mordend und zerstörend sein Unwesen treibt.“

„Ja, da hast du recht, aber etwas mehr Intellekt und weniger Trieb als der Jetzige wäre wünschenswert“, entgegnete Ecid.

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Nach dem Gespräch hatte der Druide keine Lust mehr, die anderen siebenundneunzig Nachrichten abzuhören. Er befasste sich lieber intensiv mit der Überlegung, nach einem würdigen Urahnen oder einer Urahnin. Alles andere würde sich schon regeln.

Er erstellte eine Liste. Marga kam zuerst auf die Liste. Sie war nicht nur eine große Zauberin und Gelehrte, sondern sie war ebenfalls erfolgreich in der Anwendung der Tantra-Lehren, schrieb Bücher über Liebeskünste und bezauberte die Männerwelt mit ihrer charismatischen Ausstrahlung. Dieses Mal dachte Ambrosius nur an sich und sein Wohlergehen. Drei Jahre diese Frau zu betreuen, hielt er für pures Glück. Die Liste enthielt letztlich nur Margas Namen. Sein Focus war im Moment nicht mehr auf die Alchemie gerichtet.

                                                      —

Der Vollmond trat vollständig in den Kernschatten der Erde ein, es begann eine totale Mondfinsternis. Das rote Licht drang durch die Erdatmosphäre und der Blutmond leuchtete am Himmel.

Die Zauberwelt versammelten sich um den Zauberkessel, der mit den Kapseln aller Anwesenden gefüllt war. Dem Kessel wurde seine Aufgabe vorgelesen. Er hatte, wie in einem Losverfahren, eine beliebige Kapsel nach draußen zu schleudern, wo sie von Ambrosius empfangen wurde.

Der Druide gab das Startzeichen, und der Topf drehte die Kapseln hin und her, wobei sie gründlich vermischt wurden. Dann schleuderte er eine Kapsel im hohen Bogen heraus.

Ambrosius schwang seinen Zauberstab und verhinderte dadurch, dass die Kapsel in den nahegelegenen Fluss geschleudert wurde.

Langsam, um die Spannung zu erhöhen, ließ er die Kapsel auf sich zu schweben.

Ambrosius und Ecid, sein Zeuge, öffneten feierlich die Kapsel. In diesem Moment verließ sie, umgeben von einer Nebelwand, der amtierende Urahn, und gleichzeitig erschien, ebenfalls in Nebel gehüllt der oder die Transformierte. Gleich werden sie es wissen.

Ambrosius entfaltete den Zettel, auf dem sein Name und der von Marga standen. Sein Herz hüpfte vor Freude.

Er reichte Ecid das Papier und ließ sich die Korrektheit mit einem Siegel bestätigen. Der Schwaden verschwand und beide schauten die Urahnin ungläubig an. Es war definitiv nicht Marga!

Aufgebracht schrie Ambrosius den Kessel an: „Was zum Teufel hast du Zauberpflaume da gelesen? Ich habe eindeutig Marga auf den Zettel geschrieben.“

„Hast du nicht“, brüllte der Kessel zurück. „Möchtest du meine Integrität anzweifeln? Überdenke mal deine Handschrift. Da steht definitiv Margo.“

Sie stritten sich eine ganze Weile, bis Ecid einschritt und Ambrosius überzeugte, dass es nicht zu ändern ist. Es wäre keine würdevolle Begrüßung für die Urahnin, wenn er weiter mit dem Zauberkessel streiten würde. Ob Margo oder Marga, es sind beides Kandidatinnen mit hohem Intellekt und eine Bereicherung für die Zauberwelt.

„Ja, nur nicht für mich. Sie war und ist eher dem weiblichen Geschlecht zugewandt“, dachte er traurig. Er war so enttäuscht.

Aber er war Profi und hielt seine Begrüßungsrede.

„Wir freuen uns, die großartige Margo hier in unserer Runde begrüßen zu dürfen, die uns mit ihrem außergewöhnlichen Wissen über asiatische Kräuterkunde bis zum nächsten Blutmond zur Seite stehen wird. Wir hoffen, von ihr und ihren geheimen Rezepten in den kommenden drei Jahren zu profitieren“, sagte er mit enttäuschter Stimme.

Nur eine freute sich über Margo, da sie den Namen in ihre Kapsel geschrieben hatte, das war Samantha, ebenfalls entzückt von den Tantra-Lehren im Spa.

 

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