Von Sabine Rickert
(2.Teil von „Der Extrakt“ November 25)
Ambrosius landete mit seinem Besen sanft vor seiner Haustür. Eben saß er noch mit Samantha beim Frühstücksbuffet im Zauber-Spa, und jetzt holte ihn der Alltag direkt wieder ein.
„Es müsste gefegt werden, die Blumen sind vertrocknet, die Dachrinne ist voller Blätter“, waren seine ersten Gedanken nach der Landung.
„Om“, er öffnete die Arme und atmete tief ein.
„Delegieren und einen Tee kochen, dann in Ruhe ankommen“, murmelte er. Somit schickte er die Gießkanne und den Putzbesen hinaus, wo sie schnell ihre Aufträge erledigten. Ansonsten wären die ganzen Massagen, Saunagänge und Kräuterbehandlungen ohne lange Wirkung. Er fühlte sich verjüngt, so stieg er auch vom Besen. Kein ziehen mehr in den Knien und im Rücken. Es war nicht nur der Aufenthalt im Spa, sondern ein Verjüngungsextrakt war der Grund für seine Vitalität. Die Junghexe Samantha, mit der er sich in diesem Jahr den ersten Preis im Liebes-Extrakt-Wettbewerb geteilt hatte, und zwar vier Wochen Vier-Sterne-Zauber-Spa-Ressort, hatte im Vorjahr mit ihrem Verjüngungsextrakt ebenfalls gesiegt. Seitdem war es immer ausverkauft, doch sie nahm einige Fläschchen mit ins Spa, um es dort zu präsentieren und den Vertrieb weiter auszubauen. Das Gleiche versuchten die beiden dort mit ihren Liebesextrakten und sie hatten Erfolg. Da im Ressort die Tantra-Lehren ihre Anwendung fanden, war der Bedarf recht hoch.
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Ambrosius öffnete die Haustür, und sofort sprang ihn sein Kater an.
„Was ist mit dir los? Freust du dich so, dass ich wieder da bin?“
Es kam nur ein wütendes Fauchen und ein krächzendes: „Frag den Spiegel.“
„Wieso ist der Spiegel hier? Ich brauche ihn nicht mehr.“
Erst einmal eine Tasse Tee trinken, nichts überstürzen.
Nachdem er einen Schluck, genommen hatte, schrie der Spiegel: „Schau mich endlich an, du hast achtundneunzig verpasste Nachrichten.“
„Warum? Jeder wusste, dass ich verreist war. Hast du etwa achtundneunzig Mal herumgezetert?“
„Ja, hat er“, fauchte der Kater.
Ambrosius meldete sich zuerst bei Ecid, der sich freundlicherweise erkundigte, ob er gut angekommen war.
„Wieso ist der Spiegel hier?“
„Weil das Komitee der Meinung war, du könntest ihn gebrauchen, wenn du die Blutmond-Nacht ausrichtest. Wir haben dich vor vier Tagen erwartet.“
„Ich habe auf eigene Kosten verlängert, es ergaben sich einige Bekanntschaften, die ich vertiefen wollte. Das kommende Ereignis war bei mir nicht mehr präsent, ich war im Yin auf Grund der Yoga-Entspannungsübungen und des Eintauchens in die Tantra-Lehren.“
„Tantra in deinem Alter?“ Ecid staunte und schaute ungläubig.
„Der Verjüngungsextrakt von Samantha und mein Gewinner-Extrakt haben mich dabei unterstützt.“
„Jetzt habe ich Bilder im Kopf“, sagte Ecid kopfschüttelnd.
„Lass uns über das bevorstehende Ereignis reden. Wir sind etwas im Rückstand. Uns fehlen einige organisatorische Antworten von dir. Außerdem dein Kandidat für die Transformation in der Blutmondnacht. Morgen Abend würde ich die verschlossene Zauberkapsel mit dem Zettel, auf dem dein Favorit steht, abholen. Du weißt, der Urahn oder die Urahnin, die wir zu uns rufen, dient zur Bereicherung unserer Gemeinschaft. Der berühmte Alchimist Graciel, der großartige Extrakte für Notfälle aller Art erfand und eine Koryphäe in alter Zauberkunst mit breitem Heilpflanzenwissen war, würde uns für die nächsten drei Jahre ein Lehrmeister sein. Er ist zurzeit der Favorit, wie die neuste Alchemisten-Forsa-Studie ergab.
Oder Marga, die mit ihren übermächtigen Zauberkräften und einem großen Wissen geheime Zaubersprüche ebenfalls eine hilfreiche Lehrmeisterin wäre. Überlege intensiv, es ist für die nächsten drei Jahre. Der amtierende Urahn hat unsere Nerven, mit seinen Forschungen über die Liebe, Lust und Leidenschaft von menschlichen und mystischen Lebewesen arg überstrapaziert. Gotha hatte ihn vorgeschlagen und war somit für ihn verantwortlich. Er war ständig damit beschäftigt, sich für dessen Verfehlungen zu entschuldigen und gezwungen, Töchter wieder zu ihren Eltern zurückzubringen. Je länger er hier im Diesseits verbrachte, umso jünger wurden seine Lust-Test-Probanden.“
„Ich habe von ihm profitiert, er war mir, dank seiner Literatur- und Diskussionsabenden, wissenschaftlich eine große Hilfe. Immerhin hat mein Liebesextrakt in diesem Jahr gewonnen, das war mit auch sein Verdienst“, entgegnete Ambrosius.
„Darüber hinaus bin ich immer froh, wenn wir einen Kandidaten aus dem Jenseits haben, der nicht mordend und zerstörend sein Unwesen treibt.“
„Ja, da hast du recht, aber etwas mehr Intellekt und weniger Libido als der Jetzige wäre wünschenswert“, entgegnete Ecid.
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Nach dem Gespräch hatte der Druide keine Lust mehr, die anderen siebenundneunzig Nachrichten abzuhören. Er befasste sich lieber intensiv mit der Überlegung nach einem würdigen Urahnen oder Urahnin. Alles andere würde sich schon regeln. Er gab dem Spiegel die Anweisung, keine Anrufe mehr durchzulassen, bis er seine Kapsel abgegeben hatte.
Er erstellte eine Liste. Marga kam zuerst auf die Liste. Sie war nicht nur eine große Zauberin und Gelehrte, sondern sie war ebenfalls erfolgreich in der Anwendung der Tantra-Lehren, schrieb Bücher über Liebeskünste und bezauberte die Männerwelt mit ihrer charismatischen Ausstrahlung. Dieses Mal dachte Ambrosius nur an sich und sein Wohlergehen. Drei Jahre diese Frau zu betreuen, hielt er für pures Glück. Er war vierhundertfünfundsiebzig Jahre alt, ihm lief die Zeit davon. Da ergriff man jede Gelegenheit für sein eigenes Wohlbefinden. Die Liste enthielt letztlich nur Margas Namen. Seitdem er den Liebesextrakt eingenommen hatte, war sein Fokus nicht mehr allein auf die Alchemie gerichtet.
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Die nächsten zwei Wochen der Vorbereitung der Blutmondnacht waren anstrengend. Ambrosius hatte eine Menge zu organisieren, die gesamte Zauberwelt bekam eine Einladung und eine Unterkunft.
Er koordinierte seine vielen Helfer und Helferinnen. Doch nicht nur das Ereignis war arbeitsintensiv, dazu kamen die Diskussionen, bis tief in die Nacht hinein, rund um die Auswahl der zu transformierenden Koryphäen.
Dann aber war es so weit. Alle Vorschläge waren abgegeben. Der Vollmond trat vollständig in den Kernschatten der Erde ein, es begann eine totale Mondfinsternis. Sonne, Erde und Mond standen in einer Linie und das rote Licht drang durch die Erdatmosphäre und wurde auf den Mond projiziert. Rot und voll stand er am Himmel. Die Zauberwelt versammelten sich um den Zauberkessel, der mit den Kapseln aller Anwesenden gefüllt war. Der Kessel, die Druiden und Hexen wurden von Ambrosius herzlich begrüßt.
Dem Zauberkessel wurde seine Aufgabe vorgelesen. Er hatte, wie in einem Losverfahren, eine beliebige Kapsel nach draußen zu schleudern, wo sie von Ambrosius empfangen wurde.
Der Druide gab das Startzeichen, und der Kessel drehte die Kapseln hin und her, wobei sie gründlich vermischt wurden. Dann schleuderte er eine Kapsel im hohen Bogen heraus.
Ambrosius schwang seinen Zauberstab und verhinderte dadurch, dass die Kapsel in den nahegelegenen Fluss geschleudert wurde.
Langsam, um die Spannung zu erhöhen, ließ er die Kapsel auf sich zu schweben.
Ambrosius und Ecid, sein Zeuge, öffneten feierlich die Kapsel. In diesem Moment verließ sie, umgeben von einer Nebelwand, der amtierende Urahn, und gleichzeitig erschien der oder die Neue.
Ambrosius entfaltete den Zettel, auf dem sein Name und der von Marga stand. Sein Herz hüpfte vor Freude.
Er reichte Ecid das Papier und ließ sich die Korrektheit mit einem Siegel bestätigen. Dann schauten beide ungläubig die Urahnin an, die vor ihnen stand. Es war definitiv nicht Marga!
Aufgebracht schrie Ambrosius den Kessel an: „Was zum Teufel hast du Zauberpflaume da gelesen? Ich habe eindeutig Marga auf den Zettel geschrieben.“
„Hast du nicht“, brüllte der Kessel zurück. „Möchtest du meine Integrität anzweifeln? Überdenke mal deine Handschrift. Da steht eindeutig Margo.“
Sie stritten sich eine ganze Weile, bis Ecid einschritt und Ambrosius überzeugte, dass man jetzt nichts mehr ändern dürfte. Es wäre keine würdevolle Begrüßung für die Urahnin, wenn er weiter mit dem Zauberkessel streiten würde. Ob Margo oder Marga, es sind beides Kandidatinnen mit hohem Intellekt und eine Bereicherung für die Zauberwelt.
„Ja, nur nicht für mich. Sie war und ist eher dem weiblichen Geschlecht zugewandt,“ dachte er traurig. Er war so enttäuscht.
Aber er war Profi, und hielt seine Begrüßungsrede.
„Wir freuen uns, die großartige Margo hier in unserer Runde begrüßen zu dürfen, die uns mit ihrem außergewöhnlichen Wissen über asiatische Kräuterkunde bis zum nächsten Blutmond zur Seite stehen wird. Wir hoffen, von ihr und ihren geheimen Rezepten in den kommenden drei Jahren zu profitieren,“ sagte er mit enttäuschter Stimme.
Nur eine freute sich über Margo, da sie den Namen in ihre Kapsel geschrieben hatte, das war Samantha.
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