Von Ingo Pietsch

Siegfried Rubens von der Spurensicherung begrüßte den übergewichtigen Kriminalkommissar Gerhard Otto und seinen zivilen Kollegen Jean Zinklär.
Otto, der sich vor zwanzig Jahren das Rauchen abgewöhnt hatte und deswegen der Meinung war, immer etwas essen zu müssen, zog eine Salzstange aus seinem Mund und steckte sie in eine Tüte in seiner Tasche, um den Tatort nicht zu verunreinigen.
Sie befanden sich am Hamburger Hauptbahnhof, bei der Müllentsorgung.
Zwischen den Containern hatte eine Reinigungskraft in den frühen Morgenstunden Leiche gefunden. Ein nackter Mann.
Daneben lag seine Kleidung – ordentlich zusammengefaltet, fast respektvoll drapiert. Die Brieftasche obendrauf.
„Ich warne euch, das ist kein schöner Anblick. Die Kehle des Opfers wurde völlig zerfetzt. Ein Wunder, dass der Kopf drangeblieben ist. Den Blutspuren nach wurde er woanders getötet. Und jemand wollte, dass wir wissen, wer er ist.“
Eine kurze Pause. „Investmentbanker. In seinem Umfeld hoch angesehen.“
„Und da habt ihr uns gerufen, damit wir ein bisschen zaubern?“, wollte Otto wissen.
Zinklär war kalkweiß geworden. Er hatte in seinem Leben vieles gesehen, doch das hier überstieg alles. Das Gesicht war kaum noch als solches zu erkennen, ein Teil der Schulter fehlte vollständig. Die Wunde wirkte nicht zufällig – eher gezielt.
„Ein Tier?“, fragte Otto.
Rubens nickte langsam. „Bei der Größe der Verletzungen würde ich auf eine Großkatze tippen. Tiger vielleicht.“
Er schnaubte. „Extrem unwahrscheinlich. Niemand hat bisher ein vermisstes Tier gemeldet. Wir haben Haare gefunden, aber… wenn wirklich so etwas durch die Stadt läuft, will ich das so schnell wie möglich wissen.“
Zinklär streifte nach dieser Aufforderung einen seiner Lederhandschuhe ab, schloss die Augen und fasste den Toten bei der Hand. Er sah und fühlte, was der Banker zuletzt in seinem Leben erlebt hatte.
Zinklär schrie auf und stürzte rücklings zu Boden. Sein Atem ging stoßweise, panisch. Hastig riss er eine Papiertüte aus der Jacke und übergab sich.
Rubens und Otto halfen ihm auf.
„So schlimm?“, hakte Otto nach.
Zinklär nickte: „Wolf“, antwortete er knapp. „Lagerhaus. Hamburger Hafen.“
Rubens zog die Augenbrauen hoch: „Das muss aber ein verdammt großer Wolf gewesen sein.“
Zinklär zuckte mit den Schultern. „Alles hatte wie in einem Blutrausch gewirkt.“
Otto tätschelte ihm die Schulter. Auf dem Weg zum Auto zog er eine Salzstange aus der Tüte, steckte sie in den Mund und tat so, als wolle er sie anzünden. „Diese Marotte werde ich wohl nie los. Auf zum Hamburger Hafen.“

 

Otto und Zinklär hatten den ganzen Tag im Auto gehockt und darauf gewartet, dass irgendetwas Außergewöhnliches passiert.
Versteckt in einer Gasse beobachteten sie das Lagerhaus, das Zinklär in seiner Vision gesehen hatte.
Nichts geschah. Nur die üblichen Verladearbeiten, das dumpfe Scheppern von Metall, das Piepen der Stapler.
Es begann schon zu dämmern und der Mond dominierte den Himmel. Ein Blutmond.
„Unheimlich, oder?“, fragte Otto und puhlte Sonnenblumenkerne aus ihren Schalen. Der ganze Fußraum war schon davon bedeckt.
Zinklär schaute etwas skeptisch, als noch mehr Schalen nach unten rieselten.
„Das mache ich nach dieser Schicht schon wieder sauber. Moment, jetzt passiert was.“ Otto beugte sich vor, dass die Schalen raschelten. Beide hoben ihre Ferngläser.
Shuttlebusse fuhren vor und luden Leute in Abendgarderobe ab, die auch noch Masken trugen, damit man sich nicht erkannte.
Alle gingen in das Gebäude und verschwanden darin. Mehrere Stapler fuhren auf dem Gelände hin und her und wuchteten Schiffscontainer vor das Lagerhaus.
„Wir müssen näher ran“, meinte Otto.
„Vielleicht sollten wir uns auch verkleiden? Ich habe noch einen schwarzen Seidenschal dabei, den könnte ich Teilen und Löcher hineinschneiden. Dann haben wir auch Masken“, schlug Zinklär vor.
„Genial!“

 

Wenig später reihten sie sich in die Menge ein.
Alle gingen zu einem Schiebetor des Gebäudes, wo zwei Türsteher die Gäste unter die Lupe nahmen.
Waffen und Handys mussten abgegeben werden und einer der Rausschmeißer schnüffelte an jedem herum.
„Zinklär, das gefällt mir nicht. Wir sollten wieder verschwinden.“ Zu spät. Da waren sie schon an der Reihe.
Neben ihnen wurden die Container zu einem Kreis formiert.
Otto gab seine Waffe und sein Handy ab, die in einer Metallkiste verschlossen wurden.
Einer der Türsteher schnüffelte erst Zinklär ab und dann Otto.
„Oh, so jemanden wie dich habe ich schon lange nicht mehr getroffen. Dein Kumpel ist aber nur ein Mensch?“
Otto begann zu schwitzen, doch Zinklär meinte nur: „Er ist mein Bodyguard, ohne ihn gehe ich nirgends hin.“
„Na dann, viel Spaß!“, der Typ winkte sie durch.
„Das war knapp“, flüsterte Otto, der sich nebenbei ein Glas Orangensaft vom Tablett eines Kellners stibitzte. „Was genau wird das hier?“
Zinklär sah sich um und folgerte anhand der Kleidung, dass sie es mit der High Society zu tun hatten.
Gut zweihundert Leute waren anwesend und machten sich langsam auf den Weg in den dritten Stock.
Otto und Zinklär ließen sich vom Strom mittreiben.
Es war dunkel und der rote Mond verströmte eine mystische, aber auch bedrohliche Aura.
Alle blickten zu den offenen Fenstern hinaus in den Kreis aus den Containern.
In der Mitte stand ein Mann mittleren Alters im Gehrock. Er schwang einen Gehstock, während er redete.
„Ladies and Gentlemen! Heute ist das große Finale der Auswahl unseres neuen Rudelführers! Gestern schied unser ehemaliges Alphatier aus. Wir hatten dafür gesorgt, dass auch das gemeine Volk davon erfährt und wer die Presse verfolgt, weiß, dass es uns wunderbar gelungen ist.“
Ein Heulen erhob sich. Markerschütternd.
Otto flüsterte Zinklär ins Ohr: „Das sind doch nicht etwa Wer…?“
Weiter kam er nicht, denn einer der Maskierten hielt sich den Finger an die Lippen und machte: „Psst! Sie sollten ihren Menschen vorher einweihen, bevor sie ihn mitschleppen.“ Seine Augen glühten von innen heraus.
Jetzt bekam auch Zinklär Gänsehaut. Ausnahmslos um sie herum war das gleiche Phänomen zu beobachten.
Unten auf dem Platz waren zwei weitere Männer erschienen. Sie waren nur mit Jeans bekleidet und sehr muskulös.
Technomusik hämmerte aus versteckten Lautsprechern über das Gelände.
Der Sprecher sprang mit einem Satz auf einen Container und kommentierte dort oben weiter das Geschehen. „Kämpft“!
Otto drängelte weiter vor. „Ein Streetfight?“
Wie in Trance bewegten sich die Zuschauer und jaulten wieder auf, als die beiden Kämpfer sich verwandelten.
Unter dem Blutmond wuchsen ihnen Klauen, eine Schnauze und Reißzähne. Bald waren sie so behaart, dass sie tatsächlich wie humanoide Wölfe aussahen.
„Das erklärt die Bissspuren“, kommentierte Otto fasziniert.
Zinklär blieb stumm und beobachtete das Gemetzel, denn es war eines.
Schon nach kurzer Zeit bluteten beide Kämpfer aus zahlreichen Wunden. Als einer der beiden im Blutrausch ein Ohr verlor, drängten alle weiter an die Fenster und knurrten.
Voller Wut warf der schwerer verletzte seinen Gegner gegen einen Schiffscontainer, dass dieser eingedrückt wurde und sich um mehrere Meter verschob.
„Egal wer von den beiden gewinnt, wir sollten lieber verschwinden und Verstärkung holen.“ Während unten der Kampf weiter tobte, schoben sich Otto und Zinklär durch die Menge zur Treppe zurück und wurden dort von den Türstehern erwartet.
„Wohin des Weges, die Herren?“, grinste der eine und entblößte dabei seine Reißzähne.
„Zinklär, hast du zufällig einen Holzpflock oder Knoblauch dabei?“, war das Letzte, was Otto über die Lippen kam.

 

Otto öffnete unter Anstrengungen seine Augen. Hinter seiner Stirn tobte ein Gewitter und sein Hinterkopf tat ihm weh. Er hatte wohl einen derben Schlag abbekommen. Je weiter er die Augen öffnete, desto schlimmer wurden die Schmerzen. Es war taghell und er saß in seinem Dienstwagen am Hamburger Frachthafen.
Er tastete seinen Hals ab. Zum Glück keine Bissspuren. Unter seiner Jacke fand er seine Dienstwaffe im Holster wieder.
Unter Mühen drehte er den Kopf nach rechts, wo Zinklär mit hängendem Kopf saß. Auch ihm schien weiter nichts zu fehlen.
Otto tippte ihn an. Zinklär stöhnte nur und rührte sich nicht.
Tatsächlich entdeckte der Kommissar sein Smartphone in der Autohalterung. Er nahm es in die Hand. Eine Nachricht war eingegangen. Absender unbekannt.
„Hallo Kommissar! Vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Auswahlverfahren. Nicht jeder Außenstehende darf so einem Event beiwohnen. Doch rate ich Ihnen, sich aus unseren Angelegenheiten raus zuhalten. Das würde Ihnen und ihrem außergewöhnlichen Freund nicht gut bekommen. Noch sind Sie mit einem blauen Auge davon gekommen. Folgender Vorschlag: Wir lassen Sie in Ruhe und Sie forschen nicht weiter nach. Denn wir sind selbst in den höchsten Kreisen vertreten. Sie werden in dem Lagerhaus keine Spuren mehr von gestern Nacht finden. Belassen wir es einfach dabei. Ein Freund.“
Otto ließ das Handy sinken. Vielleicht war alles nur ein Alptraum gewesen. Das wäre die beste Erklärung. Doch tief in seinem Inneren wusste er: Es war wirklich besser, sich daraus zuhalten.

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