Von Bergthora Eldey
Diesmal wird es gelingen. Ich werde meine Fesseln zerreißen und die Erde wird erbeben und mein Sohn wird die Sonne verschlingen mit Wolfszähnen; ihr Blut wird den Himmel rot färben und zu Asche gerinnen und zur Erde fallen wie schwarzer Schnee, und der Frost wird das Land einhüllen in dreifachem Winter, und der Hunger die Menschen ins Totenreich treiben, bis ihre Gerippe wieder aufstehen als Heer gegen die alten Götter. „Diesmal wird es gelingen, Sigyn!“
Sie schüttelt den Kopf – sachte, um nicht an ihrer Schale zu rütteln. „Wieviel hundert Mal hast du das schon gesagt, Loki? Und falls wirklich eintritt, worauf du hoffst, was hättest du davon? Du wirst sterben, deine Söhne werden sterben, alles wird hinsterben, und wozu?“
Du hast leicht reden, Sigyn. Du bist hier aus freien Stücken; ich liege gefesselt an ein Bett aus scharfkantigem Stein, mit einer giftgeifernden Schlange über meinem Haupt. Wieviel hundert Mal hat der Winter den schwarzen Talkessel mit Schnee gefüllt, mein verbranntes Antlitz gekühlt mit seinem Eishauch – und wieviel hundert Mal ist die Sonne wieder in den Himmel geklommen, um mir mit gleißenden Strahlen ins Gesicht zu lachen? Wieder ein Jahr vorbei, und Allvater Odin und die anderen Götter saufen Met in Valhalla und verhöhnen mich, den unwürdigen Sohn eines Riesen, der es gewagt hat, sich unter die Götter zu mischen und den sie so trefflich in Ketten gelegt haben. Mein Ende ist mir willkommen, je eher, desto besser. Und ich werde so viele goldringbehangene Götter mit in den Tod reißen, wie ich kann.
„Die Schale ist fast voll.“ Die Schale, in der Sigyn das Schlangengift auffängt, damit es mir nicht ins Gesicht tropft. Sie klettert dann die schroffen Wände des Kraters hinauf und gießt das Gift jenseits des Bergkamms in einen Fluss. Mir ist, als bleibe sie jedes Mal länger fort. Ein Wunder, dass sie überhaupt zurückkehrt.
„Ich gehe jetzt. Bitte, halt still, lasse nicht wieder die Erde so fürchterlich beben!“
Das hättest du wohl gerne.
Sie kommt auf die Füße, schwankt unter dem Gewicht ihrer Schale, und gerade in dem Augenblick stoße ich ein Gebrüll aus, das sie zusammenfahren lässt; das Gefäß entgleitet ihren Händen und der ätzende Geifer spritzt auf meine Brust, meine Arme und Beine, schweflige Rauchwölkchen steigen auf und der brennende Schmerz gibt mir Kraft, ich zerre an meinen Banden, dass die Erde bebt.
Fenrir, mein Sohn! Erheb dich mit mir!
Zerreiße die blutende Sonne, stürze in Nacht und Winter die Welt! –
Die Erde bricht auf. Feuersäulen drängen sich gen Himmel.
Fassungslos starrte der Pfarrer auf die Flammenflut, die sich durch das ausgetrocknete Flussbett wälzte, Schwall um Schwall. Schwarze Krusten trieben in der Mitte des Stroms wie Eisschollen, am Ufer schwelten Moos und Gras und verkohlte Reste eines Torfhauses. Gluthitze schlug ihm ins Gesicht, aber von hinten griff ihm der kalte Ostwind unter die Weste, dabei hätte es Hochsommer sein müssen. Stinkender Nebel würgte das Land, und die Sonne war nur noch ein Schatten ihrer selbst, schleppte sich kraftlos über den Himmel, ein blutrotes Scheibchen. Es begann wieder zu schneien, harte dunkelgraue Ascheflocken, die sich auf das Gras legten und Schafe und Kühe vergifteten.
Die Lavaflut mochte die Menschen verschonen.
Der Hunger kannte kein Erbarmen.
Meine Fesseln haben gehalten. Die Sonne kehrt wieder. Es war alles umsonst.
Meine gefiederten Freunde, die Vögel, berichten von der Not, die die Menschen im Tiefland getroffen hat, aber was kümmert mich das? Ich wollte die Götter treffen, nicht die unbedeutenden Menschen.
Die Vögel zwitschern und kreischen noch dies und das, ich höre nicht hin, bis eine Küstenseeschwalbe ruft: „Denkt euch, ich habe fliegende Menschen gesehen! Es war in einem grünen Land, südlich von hier, und sie haben eine große Kugel aus Stoff gebaut mit einem Korb darunter, und darin haben sie ein Feuer entzündet und die Stoffkugel erhob sich in die Lüfte und flog mehrere Meilen und landete so sicher wie der Adler auf dem Felsen!“
Fliegende Menschen! Ha! Diese schwachen, nichtigen Wesen, die wir eines Nachmittags aus einer Laune heraus schufen, haben erreicht, was Allvater Odin mit all seiner Weisheit nie gelungen ist. Ich hoffe, du hörst davon, Odin. Ich hoffe, die Nachricht zwickt und piesackt dich. Loki hast du in Bande geschlagen, aber die Menschen, die sich über dich erhoben haben, tausendmal tausende Menschen, kannst du die auch in Fesseln legen? Hast du Ketten und Hände genug?
„Vielleicht gelingt den Menschen, wofür meine Kraft nicht ausreicht, Sigyn. Uns rächen, dich und mich und unsere Söhne!“
„Werdet ihr nie klüger, Odin und du? Sind Hader und Fehde das Einzige, das ihr zustandebringt?“ Sie klingt müde. Die Schale zittert. „Ich könnte zu Odin gehen. Vielleicht kann ich ihn überzeugen, dass tausend Jahre Buße genug sind. Vielleicht ist er zum Einlenken bereit, wenn du dich ihm unterwirfst, ihm einen Eid schwörst.“
Niemals werde ich Odin um Gnade bitten! Und würde ich ihm tausend Eide schwören, er würde mir nicht glauben. Aber ich nicke. „Geh nur. Ich werde versuchen, stillzuhalten.“
Sobald sie außer Sicht ist, rufe ich meine Vögel. „Fliegt aus, meine Freunde, fliegt in die Städte der Menschen und flüstert ihnen ein, sie bräuchten keine Götter, weder Odin noch den neuen Gott aus dem Osten, vernunftbegabt, wie sie sind! Spornt sie an, in den Himmel zu greifen und in der Erde zu wühlen, nach Wissen zu dürsten und nach fremdem Gold zu lechzen!“
Odin und ich haben die Menschen geschaffen an einem Nachmittag. Ich kenne ihre Schwächen und Eitelkeiten, denn sie sind ein Spiegel der unseren.
Kurz vor Mitternacht riss der Wecker den Piloten aus tiefem Schlaf. Er war stolz darauf, dass er gut geschlafen hatte. Er hatte vor Jahren aufgegeben, sich um den Schlaf zu bringen; seine Aufgabe war, Bomben auf vorgegebene Ziele zu werfen, nicht, sich über moralische Dilemmas den Kopf zu zerbrechen. War der Gegner etwa zimperlich?
Aber diese Mission war anders. Nur er und die beiden Bombenschützen wussten, was für eine Bombe sie heute werfen sollten. Vielleicht würden sie alle umkommen in der Schockwelle.
Aber es musste sein. Um den Krieg zu beenden, ein für alle Mal.
Fünfzehn Stunden später heftete ihm der General das Verdienstkreuz an die Brust.
Vielleicht sind die Menschen klüger als wir Götter.
Wann hätte Odin je gezögert, seinen Speer zu gebrauchen, oder Thor seinen Hammer?
Aber die Menschen haben ihre unheimliche Waffe jetzt seit dutzenden Jahren und haben sie seither nicht wieder benutzt. Und die Sonne geht ihren gewohnten Gang und ich liege hier auf meinem schwarzen Steinbett und Sigyn leert ihre Schale, und kein Feuersturm hat Valhalla verschlungen.
Doch Odin macht sich offenbar Sorgen, denn jetzt kommt er an mein Marterbett gehumpelt, zum ersten Mal, seit er mich hier zurückgelassen hat. Erschöpft sieht er aus, der Alte.
„Die Weltlage gefällt mir nicht, Loki“, sagt er heiser. „Ich weiß nicht, ob du dahintersteckst. Versucht hast du es, aber vielleicht sind die Menschen von selbst auf diesen unheilvollen Weg gekommen. Zuzutrauen wäre es ihnen. Und dir.“
„Und jetzt fragst du dich, ob deine Schöpfung sich gegen dich kehrt und die Menschen dich ausräuchern in deiner hübschen Halle? Dumm gelaufen, Allvater. Wohl dem, der nichts mehr zu verlieren hat.“
„Wir sollten vielleicht – in Ruhe darüber sprechen – ob wir uns gütlich einigen können“, sagt Odin. Nie hat er einen erquicklicheren Anblick geboten als jetzt, gebeugt von Angst und Sorge.
„Odin, du hast meine Schläue ausgenutzt und gleichzeitig auf mich herabgesehen, weil ich nicht ebenbürtig bin, sondern der Sohn eines Riesen. Als ich dir und den Deinen eure Scheinheiligkeit vorhielt, habt ihr mich zu Ketten und Schlangengift verurteilt.“
„Du hast Baldurs Tod verschuldet, du –“
„Ja, ja.“ Diese aufgeblasene Lichtgestalt. Was musste er so mit seiner Unverwundbarkeit prahlen… „Trotzdem. Jetzt, nach tausend Jahren, scheint es dir auf einmal nützlich, Frieden zu schließen. Warum sollte ich?“
Odin wendet sich ab. Sigyns Schale füllt sich mit Tränen.
„Fliegt aus, meine Freunde! Heißt die Menschen, nicht länger Klugheit und Vernunft zu feiern, sondern Schamlosigkeit! Lehrt sie, Fremden zu misstrauen, die Augen zu verschließen und den Mund aufzureißen, Hass zu zwitschern wie ein Schwarm blauer Vögel, trunken von hirnlosem Beifall! Fliegt aus…!“
Jahrelang hatten die Forscher gewarnt. Mit zusammengekratzten Geldern und Personalstunden, weil kein staatlicher Geldgeber sie unterstützen wollte, hatten sie ihre Berechnungen angestellt. Nuklearer Winter. Schon ein lokaler Kernkrieg mit drei Prozent der bestehenden Atombomben würde genug Rauch freisetzen, um für Jahre die Sonne zu verdüstern und die Erde abzukühlen wie in der letzten Eiszeit, die Ozonschicht zu zerstören – und weltweit ein Drittel der Ernte vernichten. Aber ein Kernkrieg zwischen Russland und Amerika…
„Wie konnte die Menschheit zulassen, dass ein Einzelner – ein Einzelner! – diese Entscheidung treffen kann, innerhalb einer Viertelstunde? Selbst für den weisesten Präsidenten wäre das zu viel Verantwortung, aber dieser…“
Die anderen schwiegen. Was sollten sie noch sagen?
„Was werdet ihr jetzt tun? Halla hat ja vielleicht eine Chance, in ihrem dünnbesiedelten fischreichen Land. Hast du – gepreppt?“
„Nein. Und ich will auch nicht.“ Sie würde ihren Rucksack packen und ins Hochland ziehen und die Vulkane besteigen, die ihr immer zu gefährlich gewesen waren. Vielleicht würde einer ihr Gnade erweisen und ausbrechen, während sie auf dem Gipfel stand.
* * *
In der nordischen Mythologie wird das Weltende dadurch eingeläutet, dass ein Wolf – vielleicht Lokis Sohn Fenrir – die Sonne verschlingt und einen dreifachen Winter (Fimbulwinter) hervorruft. Der Mythos könnte durch Vulkanausbrüche inspiriert sein. Ein nuklearer Winter würde alle historischen Vulkanausbrüche in den Schatten stellen.
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