Von Lea Naum

Holger hielt inne. Was war das? Ein Grasbüschel? Ein Haarschopf? Möhrenkraut? Er beugte sich tiefer über die Flurkarte der Gemeinde Rockenschorf, die als nächste auf seinem Digitalisiertisch lag. Er starrte, kniff mal das linke und dann das rechte Auge zu, blinzelte, und nahm schließlich eine Lupe. Die half auch nicht weiter. Das mit schwarzer Tinte hingekritzelte Büschel auf dem Flurstück über der Zahl 118 blieb undefinierbar. Damit nicht genug. Jemand hatte in das Flurstück 118 auf der Karte nicht nur hinein gekritzelt, sondern es auch noch mit rotem Buntstift ausgemalt! Das war unerhört und in einer amtlichen Karte völlig unzulässig!

Heute kann sich Holger nicht erklären, wie ihm geschah. Vielleicht lag es an der feuchten Luft im Keller des Katasteramtes oder an den Schmerzmitteln. Seit er jeden Tag stundenlang am Digitalisiertisch stand, hatte er mit dem Rücken zu tun. Zudem staubten die alten Flurkarten beim Ausbreiten. Sicher waren da auch Pilzsporen drin. Warum auch immer – plötzlich war da diese Idee. Was, wenn das Büschel ein Schatz war? Blödsinn! Doch! Niemals! Und falls ja?

Der Gedanke ließ Holger nicht mehr los. Schwarzes Büschel auf rotem Grund! Was war das in der Wirklichkeit? Ein Goldschatz? Ein Ölvorkommen? Die sterblichen Überreste eines Mordopfers? Und wer zum Teufel hatte dieses Wasauchimmer in die Karte gekritzelt? Jemand aus dem Katasteramt? Der Eigentümer, heimlich, als er der die Karte einsah? War es jemand vor 100 Jahren, vor 20 oder vor drei? Er musste es herausfinden! 

Damals erfasste er das Flurstück 118 digital so korrekt wie es die Vorschriften vorsahen. Die rote Farbe und das schwarze Büschel ließ er weg, Die waren ja auch gegen die gesetzlichen Bestimmungen. Das Stück Flurkarte, mit 118 in der Mitte prägte er sich ein. Es war etwa anderthalb Hektar groß und hatte die Form eines Trapezes. Die schmale Seite grenzte an einen Feldweg, das war 111, die breitere Seite führte am Waldrand entlang. Das Waldstück war 122.  Auf der Karte sah 118 wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers aus, der den Wald beleuchtete. 

Schon am folgenden Wochenende beschloss er, Flurstück 118 in Augenschein zu nehmen. Rockenschorf war ein Straßendorf. Beim Durchqueren preschte an beinahe jedem Grundstück ein Hund an den Zaun und kläffte aus Leibeskräften. Erst als er die Häuser weit hinter sich gelassen verebbte das Gebell. Rund 300 Meter hinter dem letzten Haus musste er sich rechts halten. Da – der Feldweg! Flurstück 111.  Noch einen Kilometer geradeaus und er stand vor 118. 

Es war eine große, mit borstigen Gräsern bedeckte Wiese, die in Richtung Wald etwas abfiel. Jetzt, mitten im November, sah sie verblichen aus. Die Gräser hatten alle Kraft verloren, wurden von den Windböen hin und her gezaust und viele Halme lagen platt am Boden, als hätte ein Traktor sie niedergewalzt. Holger wollte jene Stelle genauer inspizieren, an der auf der alten Flurkarte das undefinierbare Büschel eingezeichnet war. Er brach den Versuch nach rund zehn Metern querfeldein ab, weil sein rechter Halbschuh im Schlamm stecken blieb. 

Er musste sich ausrüsten. Er kaufte Gummistiefel, Feldspaten, einen großen Rucksack, Thermoskanne und ein Regencape. Das war der praktische Teil. Unter der Woche widmete er sich dem theoretischem – der Abfolge der Eigentümer von 118.  Sie ließ sich bis 1892 zurückverfolgen, aber außer einem Emil Schroter, weiteren ganz gewöhnlichen Schroters namens Herbert, Hans und Bruno, konnte er nichts Auffälliges entdecken. Der letzte Schroter, ein gewisser Hajo, hatte vor 26 Jahren das Erbe ausgeschlagen. Jetziger Eigentümer war die Gemeinde Rockenschorf.

Draußen fror es. Holger beschloss, den Winter ins Land gehen zu lassen und seine Grabungen im Frühjahr zu beginnen. Während er im Keller des Katasteramtes, im Supermarkt oder auf seinem Sofa körperlich vorkam, durchstreifte sein Geist unablässig geheimnisvolle Gefilde. Alle lagen unter der Grasnarbe von 118, mal mehr oder weniger tief. Es gab sie als schmale Höhle, weitläufige Katakomben, bewohnt von gefährlichem Getier oder ohne. Der Schatz war variabel. Seine Phantasie erschuf Münzen in einer massiven Holzkiste, Felszeichnungen und Skelette unbekannter Riesengeschöpfe. Sie verlegte das Bernsteinzimmer unter 118 und erschuf ein Wesen, das aussah wie ein Nacktmull. Es war nur größer, kam ohne Wasser aus und saß grübelnd auf einem Felsvorsprung. Es wurde Zeit, dass der Frühling kam. 

 Am ersten sonnigen Märzsonnabend machte sich Holger, mit Spaten, Rucksack und einem gehörigen Maß Vorfreude beladen, zu 118 auf. Kaum auf der Wiese, musste er feststellen, dass sein Plan eine Schwachstelle aufwies. Auf dem Flurstück 111, also dem Feldweg, patrouillierten unter der Frühlingssonne allerlei Hunde mit ihren Haltern. Die komplette Hundepopulation Rockenschorfs schien auf den Beinen. Manche Tiere ignorierten Rufe oder Pfiffe, rannten auf ihn zu, bauten sich knurrend vor ihm auf und warteten, bis Herrchen oder Frauchen herbeigestolpert kamen. 

Den Hunden war es Wurst, warum er da mit dem Spaten hantierte. Den Haltern nicht. Was es da zu buddeln gibt, wollten sie wissen. Holger faselte etwas von Botaniker und einem Forschungsauftrag. Er erntete anerkennendes Nicken. Schon am nächsten Samstag erschien der Bürgermeister in Begleitung seiner Dogge und die Grundschullehrerin mit ihrem Mann und baten um einen Informationsabend. Einen für die Bürger und ein oder zwei Schulstunden für die Grundschüler in der lebenden Natur sollten es sein.

Es dauerte bis zum Herbst. Holger sammelte wahllos alle möglichen Gräser, Kräuter und Blumen. Er tat nicht einen einzigen Spatenstich. Ihm fiel keine Begründung für die Grabung ein. Vielleicht hätte er sich als Geologe ausgeben sollen. Zu spät! Zuhause bestimmte er das ihm bis dato unbekannte Grünzeug auf das Genaueste. Er identifizierte unter anderem Labkraut, Wiesensalbei, Wundklee und Zittergras. Im August kam er zu dem Schluss, dass es sich bei 118 um eine Magerwiese handelte. Ende September gab er seine soeben erworbenen botanischen Kenntnisse an die Schulkinder und einen Monat später an interessierte Rockenschorfer weiter. Dann erklärte er das Projekt für abgeschlossen. Nun war es wieder nass und kalt. Aber es würde ein neues Frühjahr kommen! Und er würde im Schutz der Dunkelheit graben.

Ende März des Folgejahres erwarb Holger ein Mofa und eine Stirnlampe. Nach Einbruch der Dämmerung umfuhr er die Gemeinde großzügig und pirschte sich von der anderen Seite des Feldwegs an 118 heran. Es sah in der Finsternis gespenstisch aus. Die verdorrten Halme aus dem Vorjahr glichen Stacheln, die kreuz und quer in Luft ragten. Dann die Geräusche! Ein Knistern hier, ein Rascheln da, ein Knacken dort!  Was war das? Ein Grunzen? Ein kehliger Schrei? Kam es vom Waldrand? Was lauerte dort? Wildschweine oder gar Wölfe? Luchse? Kamen hier Bären vor? Holger hatte keine Ahnung und begann zu schwitzen. Er schwang sich flugs auf sein Mofa. 

Der Herbst kam und Holger wusste um die Stadtorte der heimischen Wolfspopulationen und das Verhalten von Rot- und Schwarzwild. Luchse lebten, wie Bären, gottlob weit weg. Holger konnte seine Grabungen beginnen. Leider war es nun Ende November und es fror.   

Das Frühjahr kam. Holger hatte sich zu Weihnachten mit einer Wärmebildkamera beschenkt. Vielleicht hatte ein einsamer Wolf rund um 118 Revier bezogen. Wer wusste das schon. Er würde ihn anhand seiner Silhouette ganz klar erkennen. Holger freute sich wie ein Schneekönig auf die erste 118er Nacht des neuen Jahres.

Anfang März war es so weit. Holger stand kurz vor Mitternacht auf dem Feldweg 111 und spähte mit der neuen Gerätschaft über 118 hinweg bis zum Waldrand. Ihm stockte der Atem. Ganz klar lungerten dort Wildschweine. Es waren fünf. Sie schnüffelten zunächst am unteren Ende von 118 herum und pilgerten dann gemächlich auf die Mitte der Wiese zu. Sie kamen in Holgers Richtung und sie waren zu fünft! Holger wollte nicht abwarten, wie sich die Situation entwickelte.

Einen Monat später reiste Holger mit einem Plastikeimer voller „Anti-Wildschwein“ Pellets an. Laut Hersteller funktioniert es so: Die Schweine fressen die Dinger. Kurze Zeit später entfaltet sich ein unangenehmer Geschmack in ihrem Gebräch und sie erscheinen nimmermehr an dieser Stelle. Holger konnte das gut nachvollziehen. Es gab genau zwei Restaurants, die er nie mehr, in seinem ganzen Leben nicht, besuchen würde. 

Holger stand auf dem Feldweg, neben sich den Eimer mit den Pellets. Es war stark bewölkt, stockfinster und er fror ein wenig. Bevor er sich zum Waldrand aufmachte, musste er sicher sein, dass seine borstigen Gäste nicht schon da waren. Er wollte gerade die Wärmebildkamera vor die Augen heben, als der Wind auffrischte, die Wolken beiseiteschob und da war er: Ein Blutmond! Feuerrot stand er über dem Wald. Was für ein Anblick! Holger stand der Mund offen. Plötzlich knackte, knirschte und knisterte es. Die Geräusche kamen von der Mitte der Wiese, dort, wo auf der Karte das Büschel eingezeichnet war. Holger spähte durch die Wärmebildkamera. Er sah Hasen, Rehe, Wildschweine, Störche, ja sogar einen Dachs, wenn er das richtig deutete. Alle starrten auf die gleiche Stelle. Aber Holger entdeckte nicht warum. Erst als er die Kamera sinken ließ, konnte er die Ursache mit bloßem Auge sehen. Eine riesige Pflanze, bestimmt drei Meter hoch, war jäh aus der Erde geschossen. Sie war unten stämmig und öffnete sich trichterförmig zum Himmel hin. Ihre Farbe konnte Holger nur erahnen. Lila vielleicht? Es war ein Mysterium. Holger hielt den Atem an. Immer mehr Rehe traten aus Wald heraus. Kraniche und Raben kreisten über dem Zaubergewächs, Füchse und Hasen trabten herbei und alle, Holger eingeschlossen, bestaunten das Wunder. Sie staunten sehr lange.

In der Morgendämmerung war die Pflanze wie vom Erdboden verschluckt. Holger fand nur noch eine türkisfarbene Pfütze vor. Aber in seinem Herzen lagerte nun ein Schatz, der größer nicht hätte sein können.