Von Robert Reitz

Anfangs hatte ich geglaubt, dass er in den Keller gegangen war, um sich ein Bier zu holen, weiter nichts.

Ich saß in meinem Zimmer und war abends noch ausnahmsweise damit beschäftigt, die Hausaufgaben zu machen. Es lief nicht gut in der Schule und nur ein Wunder konnte mir helfen, die 7. Klasse noch zu schaffen – falls es eins der größeren Wunder war.

 

Ich musste pinkeln. Mein Zimmer liegt im Erdgeschoss, genau zwischen dem Klo und der Tür nach unten, doch es war besetzt, und ich hörte, nachdem ich geklopft hatte, Vaters Grunzen. Deshalb drehte ich ab und schlurfte wieder zurück an meinen Schreibtisch, ließ aber offen, und tatsächlich: Eine Minute später oder so was kam Vater raus, huschte vorbei und verschwand im Keller. Von dort kam er nicht zurück.

Als ich auf dem Klo fertig war, wartete ich lange auf sein Auftauchen, bestimmt zwanzig Minuten, weil mir eingefallen war, dass ich noch eine rattensatte 6 in Mathe zu beichten hatte; vor dem Abendessen hatte ich das sicherheitshalber nicht mehr geschafft. Ich hoffte, wenn er ein Bier in der Hand hielt und vielleicht auch schon zwei, drei intus hatte, wären meine schulischen Leistungen nicht mehr in der Gruppe der für ihn wichtigen Themen. 

 

Im Wohnzimmer, am Ende des Flurs, lief der Fernseher. Agnes und Alexandra, meine bescheuerten Schwestern, schauten sich ziemlich sicher irgendwas mit Pferden an, und zwischen den Viechern liefen adlige Pferdeknechte links und rechts durchs Bild – natürlich Königssöhne.

Ich betrat den Raum. Mutter arbeitete an ihrem tausendsten Gobelin, weil niemand ihr sagte, dass sie es nicht drauf hatte, weshalb alles mit dem verhunzten Zeug vollhing, und sie seufzte, als ich ihr das Blatt zur Unterschrift vor die Nase hielt – und so tat, als hätte ich mal wieder einfach nur Pech gehabt.

«Zeig’s deinem Vater», sagte sie, ohne hinzuschauen.

«Der ist im Keller», antwortete ich.

«Dann warte, bis er kommt.»

Das tat ich dann auch, pendelte zwischen Wohnzimmer und Kellereingang, bestimmt eine halbe Stunde, doch er kam nicht; und Mutter stickte sich weiter ihr Leben weg.

 

Vielleicht war er auch bei seiner Stein- und Skelettsammlung hängengeblieben: bei seinen zehntausend Steinen und Knochen, die er in seiner Kindheit und Jugend gesammelt hatte wie andere Menschen coole Erlebnisse oder so was. Den ganzen Unrat hatte er in einem der hintersten Verliese gestapelt.

Ich schlurfte zur Kellertreppe und lauschte.

Es war nichts zu hören. Unten brannte das spärliche Licht. Es gab keinen zweiten Ausgang, auch nicht hinaus zum Garten, und er würde ja kaum aus einem der verdreckten Fenster kriechen.

«Vater!», rief ich hinunter. «Bist du da unten?»

Klar war er da unten, wo sonst sollte er denn sein? Aber er antwortete nicht. Es ließ mir keine Ruhe. Als ich schließlich hinunterschlich, kamen die einzigen Geräusche von mir: mein Atmen, meine Füße auf der Holztreppe, ein lautes Knarren.

Ich mochte den Keller nicht. Da gab es Räume, die zu dunkel für mich waren; die ich nicht betreten wollte. Mit Tieren und so was drin, Spinnweben, altem Gerümpel; Regale mit verstaubten Gläsern von den Großeltern, die Sachen enthielten, von denen keiner sagen konnte, was die früher mal gewesen waren.

 

Wie immer spürte mich die Angst auf und packte mich. Ich lief ich also wieder hoch, kaum dass ich unten gewesen war, und stand dann keuchend im Wohnzimmer.

Agnes sah zu mir. «Was ist?»

«Vater ist in den Keller gegangen und kommt nicht mehr rauf», sagte ich.

«Du bist total verblödet», sagte sie.

«Er ist verschwunden.»

«So wie deine Hirnfunktion? – Er ist bestimmt im Schlafzimmer!» Sie stand auf, ging voraus, doch im Schlafzimmer war er nicht.

«Er wird schon wo sein», sagte sie dann. Das war ihre finale Analyse – anschließend waren wieder die Pferde und Prinzen dran. Auf dem Tisch lag Mutters Stickzeug.

Ich ging auf mein Zimmer. Blieb stehen, kaum dass ich es betreten hatte. Ein Windzug beulte den Vorhang aus, der vor dem gekippten Fenster hing. Die Angst grinste mich an. War er hier, in meinem Zimmer? Um mich zu beobachten oder so was? Unter dem Bett? Im Schrank? Hinter dem Vorhang? Ich wagte nicht nachzusehen, denn das wäre zu grausam gewesen: ihn da zu finden.

 

Mir blieb keine Wahl, ich hielt die Ungewissheit nicht länger aus.

Ging wieder hinunter in den Keller, dieses Mal ganz hinunter, den Hauptflur entlang, der nur schwach von einer einzigen, eingedrahteten Deckenbirne beleuchtet wurde. Ich hörte es scheppern, erstarrte vor Schreck – ein Blecheimer war umgefallen – in der Waschküche gegenüber, aber dorthin wollte ich auf keinen Fall, in dieses düstere Loch. Dort warteten ja die roten Augen, die mich fast jede Nacht beobachteten, wenn ich schlief. Langsam schlich ich weiter zum tiefsten Ort des Kellers, zum hintersten Raum, einem winzigen Kabuff, in dem Vaters Sammlung lag; blieb vor der geschlossenen Tür stehen, lauschte angestrengt, aber mein Keuchen übertönte alles, was es vielleicht zu hören gab. Ich wollte zur Klinke greifen, aber ich traute mich nicht, schaute mich um: das Kellerfenster links von mir und draußen Bäume in der Dunkelheit, die, schwarzen Gespenstern gleich, ihre Arme zum Haus streckten. Der Wind, der heulend um das Haus strich, es berührte, es belästigte, mitsamt allen, die darin wohnten. Das war aber gar nicht der Wind, wie Mutter uns erzählte, das waren die armen, ungehorsamen Seelen aus der Hölle, die zu uns ins Haus wollten.

Aber wer hat den Blecheimer umgeworfen? Vater? War ihm etwas zugestoßen?

Egal, ich wollte wieder oben sein, nichts sonst, jetzt sofort, ging vorsichtig in Richtung Treppe. Ein lautes Klatschen in der Waschküche ließ mich stehenbleiben und ich hörte so was wie ein Schmatzen. Die Tür war angelehnt, nun schlich ich doch zu ihr  und drückte sie langsam auf, bis ich ins schwach beleuchtete Innere sehen konnte. Eine schwarze Gestalt kniete beim Abfluss im Boden, mit dem Rücken zu mir und schien an etwas zu fressen; drehte sich dann halb zu mir um. Ich hörte Vaters Stimme, knorrig und heiser: «Ah, Timo!»

Erst fühlte ich mich erleichtert, erstarrte aber, als die Gestalt sich aufrichtete; ein gekrümmter, aber gewaltiger Körper, mit einem Gesicht, das sein Gesicht war, aber von einem schwarzen Bart überwuchert oder von einem Fell – das auch seine Arme und Klauen und seine Brust bedeckte. Er knurrte und zeigte blutige Reißzähne. «Komm her zu mir und schau dir an, was du angerichtet hast!»

Ich wollte mich bewegen, aber ich war aus Stein.

«Sohn! Komm her! – Na? Das war wohl noch so ein verlorenes Kind?» Er zeigte hinter sich und kam so nahe, dass ich seinen fleischigen Atem roch. «Aber wir schaffen das, wenn wir zusammenhalten

Sein Arm schnellte vor, seine Krallen trafen meinen Arm, zerrissen meinen Ärmel, als ich zurückfuhr; ich rannte, stolperte, rannte weiter, hörte die Angst schallend lachen. Schnell zur Treppe, hinauf, hinauf, aber ich glitt auf halber Höhe aus und stürzte, lag mit ungeordneten Armen und Beinen auf den Stufen, rappelte mich dann wieder auf. Das Licht ging aus, es war stockfinster, blind krabbelte ich weiter, glitt erneut aus, mein Kinn schlug hart auf das Holz, aber ich kämpfte mich auf allen Vieren weiter voran. Als ich nach Jahren oben ankam, hörte ich hinter mir, in all dem Gelächter, die Rufe des Tiers.


Ich stürzte ins Wohnzimmer, keuchte; meine Mutter sah auf. Ich rief: «Vater will mich umbringen! Er ist hinter mir her! Er ist …»

Sie starrten mich an. Mutter, Alex, Agnes. Der Fernseher lief. Ein Mann auf einer Stute galoppierte durch das Bild, mit einem schwarzen Hut auf dem Kopf.

Vater will ihn umbringen, na klar, stand in den ruhigen Gesichtern meiner Schwestern; Agnes verdrehte die Augen; Mutter verzog angeekelt das Gesicht. Ich erstarrte, öffnete noch einmal meinen Mund, hielt dann inne vor Entsetzen und verstand. Drehte um, rannte in den Flur, griff mir die Jacke und dann raus, nichts wie raus! Durch den Garten, auf die Straße. Und weg. Schnell weg. Weiter nichts.

 

*

Hab’s bis zur Bushaltestelle geschafft, zehn Minuten von Zuhause entfernt, bin schnell gegangen und hab mich oft umgedreht. Hinter dem Wartehäuschen wachsen dichte Büsche. Hinter denen es finster ist. Nun laufe ich hin und her, hin und her, denn der Bus kommt nicht, und der müsste doch kommen, und die Frau, die mit mir wartet, wirft mir schon verstohlene, ängstliche Blicke zu. Mir treten Tränen in die Augen. Ich bleibe stehen, strecke mich, drehe mich zu ihr. Sie riecht so irre fantastisch und ich beginne, vor Hunger zu knurren.

Am Himmel steht ein riesiger, blutroter Mond.