Von Simone Tröger
Nach meinem langen Arbeitstag begrüßten mich daheim eine unaufgeräumte Küche, ungemachte Betten, kurze Haare im Waschbecken und der riesige rötliche Vollmond, der das Chaos in der Wohnung in ein besänftigendes Licht tauchte, wenn man die Finger vom Schalter an der Wand lies. Mein Beschluss, das alles zu ignorieren und es mir auf dem Sofa gemütlich zu machen wurde jäh unterbrochen von meinem Gatten, der aus seinem Arbeitszimmer gestürmt kam. In seiner Hand hielt er Papier, mit dem er wild vor meinem Gesicht fuchtelte. „Hier Mirjam, du sagst doch immer, ich kann nichts Romantisches! Es ist diesmal kein Thriller, kein Krimi, keine Fantasy-Geschichte.“
Mein Angetrauter, der Schriftsteller, drückte mir das Manuskript in die Hand und verschwand wieder in sein Arbeitszimmer. Da ich es mir ohnehin auf der Couch gemütlich machen wollte, bediente ich nun doch die Leselampe, da der große Mond nicht hell genug war. Sobald ich den Kühlschrank geplündert und mich in meine Wohlfühlklamotten geschmissen hatte, begann ich zu lesen.
Sie trafen sich auf einer Party eines gemeinsamen Freundes. Beide waren sie aus unterschiedlichen Städten angereist. Die eine Stadt lag im Norden des Landes, die andere im Süden. Sie waren als Single zu Besuch und hatten dasselbe Hotel ausgesucht, was bislang keinem von ihnen bekannt war. Mit ihrem Drink in der Hand stellten sie sich nebeneinander. Nicht im Traum hätten sie gedacht, was mit ihnen, beziehungsweise zwischen ihnen geschah. Zunächst entfachte eine Unterhaltung über alltägliche Dinge, die sich zu einem Gespräch über Gartenblumen ausweitete. Was der Mond mit dem Wachstum der Pflanzen zu tun hatte, brachte sie dabei in Erfahrung. Sie tat nicht kund, dass das doch jedes Kind wusste, nur damit sie seine Worte mit ihren Ohren aufsaugen konnte. Denn sie war begeistert von dem schönen blonden Mann mit den braunen Augen, der ihr Hobby, den Garten, teilte. Sie erhielt die Information, dass der Gesprächspartner ein Gartenarchitekt mit Faible für Blühendes war.
Es dauerte nicht lange, und sie setzten ihre Unterhaltung auf dem Balkon bei weniger lautstarker Geräuschkulisse fort. „Ich heiße übrigens Toni, und du?“ „Melinda!“ „Nicht gerade wie in „West-Side-Story“, dem Musical. Aber ein Glas Wein könnten wir darauf doch trinken?“, meinte er. Wow, noch dazu ein Liebhaber von Musicals!? Ihr Herz schlug immer schneller. Er holte zwei Gläser lieblichen Rotwein, und er bedauerte, keinen anderen in dem Gewimmel von Leuten gefunden zu haben, aber genau diesen bevorzugte er immer. Da gab es nichts zu bedauern. Es war genau ihr Geschmack. Nein, es konnte nicht angehen. Sogar noch den gleichen Wein trank er? Dennoch leerten sie beide ihr Glas nur zur Hälfte, um dann im Mondenschein einen Spaziergang durch die Stadt zu unternehmen. Es war hell genug, um in kurzer Entfernung eine Parkanlage zu entdecken. Der rötliche große Mond war weiterhin ihr Guide. „Hier ist übrigens mein Hotel.“ „Was? Meines auch. Nicht weit weg vom Park und nicht weit weg von der Wohnung unseres Freundes. Ob sie uns dort schon vermissen?“ Eigentlich wollte sie das genauso wenig wissen, wie und ob sich ein Joghurt links- oder rechtsdrehender Milchsäurebakterien bediente. Inzwischen gelangten sie am Park an, und der Mond setzte die Wege in ein idyllisch malerisches Dämmerlicht, was dazu führte, dass er ihre Hand nahm und sie in dieser Weise weiter spazierten. Bald erreichten sie eine Bank. Sie setzten sich, und er nahm ihr Gesicht in beide Hände. Gleich darauf jedoch löste er eine Hand und strich eine Strähne ihres Haares aus ihren Augen. Dann nahm er die Hand erneut und streichelte damit ihre Wangen. Er umkreiste die Konturen ihres Antlitzes. Sie schlosss die Augen und genoss es wie den Wellness-Besuch in einem Spa. Er nahm zart ihre beiden Hände, zog sie selbst sanft nach oben, legte den Arm um ihre Taille, und so schwebten sie ein Stück weiter. Bald darauf blieben sie erneut stehen. Er berührte wieder ihren Kopf, so dass seine Augen dicht an den ihren und seine Lippen noch dichter auf ihren zu spüren waren. Auf die gefühlvollen Berührungen ihrer Lippen folgte ein leidenschaftlicher Kuss, der mindestens so lange andauerte wie der Bau des Kölner Domes.
Nun sah ich aus dem Fenster und wünschte mir, nicht „Mirjam“, sondern „Melinda“ zu heißen. Till, mein Mann, sollte nicht „Till“ sein, sondern „Toni“. Seufz…
Der Mond schien so leuchtend wie der in der Geschichte. Die Neugier auf die Fortsetzung war groß. Till konnte doch romantisch…
Melinda schmiegte sich an Tonis Brust und ließ sich von ihm zärtlich den Rücken liebkosen. Ihre Gänsehaut zeigte sich wie bei dem namensgebenden Federvieh, was weder sie noch ihn störte. Eng umschlungen standen sie auch noch als der Mond sich verabschiedete. Wortlos war nicht nur der Himmelskörper, sondern auch Melinda und Toni.
Als es Morgen wurde, traten beide den Rückweg zum Hotel an. Benommen wurde ihnen bewusst, dass es sowohl ihr Hotel als auch sein Hotel war. Also küssten sie sich vor der Eingangstür und verschwanden Hand-in-Hand ins Innere.
Die Seiten legte ich beiseite und schaute zum Arbeitszimmer. Sicherlich schrieb mein Mann am nächsten Krimi. Das Genre war seine Leidenschaft. Irgendwann in einem Streit sagte ich ihm, er könnte doch nur das und blutrünstiges Zeug. Auf alle Fälle keine Gefühle zeigen. Das Thema hatte ihn wahrscheinlich so beschäftigt, dass er mir das Gegenteil beweisen wollte. Jetzt tat er mir schon fast leid. So rigoros hatte ich das doch nicht gemeint. Er konnte mir zweifellos einen Liebesbrief schreiben, klarmachen und auch meinen, was er mir damit sagen wollte.
Von meinem Sofa-Platz erhob ich mich nun und ging hinüber ins Arbeitszimmer, wo mein Schriftsteller tatsächlich noch mit Recherche zugange war. Ungeachtet der Wichtigkeit seiner Aktion schlang ich meine Arme um seinen Oberkörper und hauchte leicht über seinen Nacken. Liebevoll knabberte ich an seinen Ohren. Daraufhin drehte er ohne Vorwarnung seinen Stuhl und schwang mich auf seine Hüften. Seine Männlichkeit war deutlich zu spüren. Er öffnete die Knöpfe meiner Bluse. Daheim trug ich selten einen BH. Behutsam umfuhr er meine Brüste.
Dann stand er auf und trug mich ins Schlafzimmer. Wie überglücklich war ich, dass wir uns damals für die extragroße Schlafstatt entschieden hatten. Die ungemachten Betten blieben in dieser Nacht wild und wirr. Zeuge unserer Liebesnacht war nur der rötliche große Mond.
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