Von Franck Sezelli
Ja, ich weiß, im August 1572 gab es keine Mondfinsternis, also auch keinen Blutmond. Erst am Freitag, dem 19. Dezember, geriet ich wieder in den Schatten der Erde. Trotzdem, liebe Erdenkinder, muss ich euch diese Geschichte erzählen, an die ich auch heute noch, nach über 450 Jahren, mit Grausen zurückdenke. Es war die Vollmondnacht zum Tag des Heiligen Bartholomäus, als sich die Straßen und Gassen von Paris rot färbten von Blut, sodass der Widerschein wohl auch mein Antlitz rot färbte. Mich deucht, der Schrecken ist so sehr in mich gefahren, dass ich in meinem Himmelslauf sogar einen Moment innegehalten hatte. Später, in all den vielen Jahren, als ich immer wieder über das Geschehen nachdenken musste, habe ich mich über meine Rolle in dieser schrecklichen Nacht geschämt. Denn ich habe mit meinem Licht die Stadt so erhellt, dass es in den Gassen kaum dunkle Ecken gab, in denen sich die Verfolgten verstecken konnten. So fielen Tausende den aufgeputschten, blutrünstigen Bürgern in die Hände und ließen Pfützen ihres Blutes auf den Pflastersteinen zurück. Hätte ich mir doch einen dicken Wolkenschleier vors Antlitz gezogen!
An euren unverständigen Gesichtern sehe ich, dass ihr nichts versteht. Kein Wunder, auch ich, der das alles miterlebt hat, verstehe es bis heute nicht. Aber ich muss weiter ausholen. Am 18. August heiratete Heinrich, König von Navarra, seine Verlobte Margarete von Valois in der Kathedrale von Notre-Dame. Nein, so stimmt das nicht. Ich habe mir damals gleich die Augen gerieben, denn bei der Zeremonie in der Messe war der Bräutigam nicht dabei. Der Hochzeitssegen wurde erst danach auf dem Vorplatz erteilt. Seltsam, seltsam …
Natürlich habe ich mich kundig gemacht, wie das zu erklären ist. Heinrich wollte sich nicht der katholischen Zeremonie unterwerfen und der Bischof von Paris hätte den Ketzer auch nicht im Gotteshaus getraut. Es war eine dieser Zwistigkeiten, die ich seit Tausenden von Jahren bis heute bei den Menschen beobachte. Statt sich über die Größe Gottes, seine Allmacht und unergründliche Schöpferkraft zu freuen, ihn zu bewundern und anzubeten, zerstreiten sie sich darüber, wie sie ihn nennen können und welche die richtige Art ist, ihm zu huldigen.
Zu jener Zeit waren es in Frankreich zwei Lager, die sich deswegen schon lange bekriegten. Die einen waren die Katholiken mit dem Königshaus und dem Herzog von Guise an der Spitze, die anderen die protestantischen Hugenotten mit dem König von Navarra als Anführer und seinem engen Vertrauten und Feldherrn Admiral Gaspard de Coligny. Es war die langjährige Regentin Katharina von Medici, die Mutter des jungen französischen Königs Karl IX. und seines verstorbenen Vorgängers und Bruders Franz II., die diese Heirat des Hugenottenführers mit ihrer Tochter arrangiert hatte, um Frieden zwischen den verfeindeten Religionsparteien zu stiften. Es sollte ein großes, tagelanges Fest werden, dem königlichen Rahmen angemessen. Aus dem ganzen Reich waren die Adligen mit ihrem Gefolge, reiche Kaufleute und andere ehrbare Bürger gekommen, um an dem Fest teilzunehmen. Darunter waren auch viele ranghohe Hugenottenführer. Doch bald wurde aus dem Fest, das die Versöhnung bringen sollte, eines der grauenvollsten Ereignisse in der Geschichte Frankreichs.
Vier Tage nach der Hochzeit, am 22. August, der Louvre und die ganze Stadt Paris beherbergten noch die Festgäste, beobachtete ich mit Entsetzen, wie auf Admiral de Coligny geschossen wurde, als er den Louvre verließ. Er hatte als militärischer Berater des Königs Karl IX. an einem Treffen mit ihm teilgenommen. Ein gascognischer Hauptmann gab zwei Schüsse mit einer Arkebuse auf ihn ab, verletzte ihn aber nur. Auftraggeber für dieses Attentat auf den hugenottischen Feldherrn war der Ultrakatholik Herzog von Anjou, ein enger Verbündeter des Herzogs von Guise, wie ich später herausbekam.
Voller Zorn besuchte Karl seinen Berater am Krankenbett, der ihn jedoch beschwichtigte und darum bat, von Rache Abstand zu nehmen. Die protestantischen Anführer aber forderten Gerechtigkeit. Der König musste eine Untersuchung des Mordversuchs anordnen.
Zur gleichen Zeit bedrängten die katholischen Führer die wahre Herrscherin Frankreichs Katharina von Medici und beschwerten sich darüber, dass die Monarchie den Hugenotten gegenüber zu nachgiebig sei.
Ich sah am Abend des 23. August durch das Fenster der Königsmutter ihr nachdenkliches Gesicht. Sie war hin- und hergerissen, das spürte ich deutlich. Und ja, das müsst ihr wissen, ihr Erdenkinder, mit den Gemütslagen der Menschen kenne ich mich aus. Sie hatte auf den Interessenausgleich und den Frieden zwischen den Glaubensrichtungen gehofft und gesetzt. Die Partei des Henri de Guise, dem vor zwei Jahren die Hand der jetzt mit seinem Erzfeind frisch getrauten Margarete von Valois verwehrt worden war, aber auch die aufgebrachten Hugenotten waren eine ernst zu nehmende Bedrohung für das Königshaus.
Deshalb berief sie noch in derselben Nacht den Kronrat ein. Dort setzten sich die Ultrakatholiken um Herzog von Guise durch und beschlossen, die Lage zu nutzen, dass alle bedeutenden protestantischen Führer in der Stadt waren. König Karl folgte den Argumenten, dass es galt, eine Verschwörung der Hugenotten im Keim zu ersticken und gab entsprechende Anweisungen.
Ich hörte um drei Uhr morgens die Glocke der dem Louvre benachbarten Kirche Saint-Germain-l’Auxerrois Sturm läuten und sah, wie ein Trupp Bewaffneter unter dem Befehl des Herzogs von Anjou in das Haus eindrangen, in dem der verwundete protestantische Feldherr Coligny untergebracht war. Sie ermordeten ihn und warfen seinen Leichnam aus dem Fenster. Er wurde geköpft, durch die Straßen getragen und schließlich an den Galgen von Montfaucon gehängt. Im Louvre und dem angrenzenden Stadtviertel Saint-Germain l’Auxerrois schwärmten die Truppen der Guise und Anjou aus und ermordeten alle Protestanten. In der Stadt verbreitete sich das Gerücht, dass es der Wille des Königs sei, alle Hugenotten zu töten. So kam es an diesem und den folgenden Tagen zu einem furchtbaren Blutbad. Die Mordlust der aufgehetzten Pariser geriet völlig außer Kontrolle. Die Stadttore blieben geschlossen, kaum einem gelang die Flucht.
Im Hof des Louvre, in den Pariser Straßen und in der Seine häuften sich die Leichen. Überall floss das Blut, als ob es stark geregnet hätte.
Die Jungvermählten mussten im Louvre mit ansehen, wie das Gefolge des Königs von Navarra hingemetzelt wurde. Heinrich selbst wurde als Prinz von Geblüt verschont. Margarete, die trotz der furchtbaren Ereignisse und dem Angebot, die Ehe zu annullieren, loyal zu ihrem Gatten stand, gelang es durch ihre Fürsprache, den einen oder anderen Adligen vor der Ermordung zu bewahren.
Heinrich blieb mit seiner jungen Ehefrau sehr lange im Louvre gefangen, bevor er in sein Königreich Navarra zurückkehren konnte.
Liebe Sterbliche, die jetzt diese grausame Geschichte von mir gehört habt, und Mitleid mit den dahingemordeten Hugenotten und mit deren König empfindet, euch ist es vielleicht ein Trost zu erfahren, dass dieser siebzehn Jahre später als Henri IV. König von Frankreich wurde, den viele Franzosen vor allem aus den südlichen Provinzen als ihren guten König Heinrich verehrten.
Für mich bleibt das ganze Geschehen unverständlich und wird es wohl auch für die Zukunft bleiben. Es ist das Rätselhafte der menschlichen Spezies, das ich nur beobachten und darüber objektiv berichten kann nach dem Motto: »… und der Mond schaut zu.«
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