Von Ines Kruse-Kahn
Lauras Herz hüpfte voller Vorfreude, als sie die Praxis ihrer Gynäkologin verließ. Gerade hatte sie sich die Spirale entfernen lassen – von nun an würde es für Jonas und sie Sex „ohne Netz und doppelten Boden“, sprich: ohne Verhütung, geben und mit etwas Glück vielleicht auch schon bald Nachwuchs. Eine äußerst prickelnde Vorstellung! Sie beschloss, zur Feier des Tages eine gute Flasche Sekt zu kaufen. Wenn sie sich beeilte, hätte sie sicher noch Zeit, etwas Schönes zu kochen, bevor Jonas von der Arbeit kam.
Wie immer, wenn Laura es eilig hatte, war im Supermarkt nur eine einzige Kasse besetzt. Vor ihr standen zwei sehr junge Frauen und unterhielten sich lautstark: „Ein Glück, dass keine von uns heute Abend allein ist – wahrscheinlich würde ich mich sonst zu Tode gruseln…“ sagte die Schlankere von beiden und kicherte. Die Andere blieb gelassen und erwiderte: „Ach, Du meinst wegen dem Blutmond – so ein Unsinn! An diesen Spuk glauben doch nur Kinder“. – Blutmond, Blutmond…? Davon hatte Laura noch nie gehört, aber während ihrer Wartezeit an der Kasse wurde sie ungewollt durch das Gespräch der beiden Frauen aufgeklärt. Angeblich erwachten Werwölfe, Vampire und sonstige Geister in solch einer Nacht mit blutrotem Mond, wie sie offenbar heute bevorstand.
Sie konnte sich nur mühsam das Lachen verkneifen, während die beiden Frauen ihre Einkäufe bezahlten und Laura endlich an der Reihe war. Jetzt aber schnell, trieb sie sich selbst zur Eile an, wurde aber vom Klingeln ihres Smartphones jäh gebremst, noch bevor sie ihr Auto erreichte. Jonas. „Schatz, bitte warte heute nicht mit dem Essen auf mich – es kann später werden, weil ich mich noch zum Essen mit dem Kunden verabredet habe, der das Wohn- und Geschäftshaus in der Altstadt kaufen will. Es tut mir so Leid, ich wollte ihm eigentlich schon absagen, aber, wenn der Verkauf klappt, gibt es eine dicke Provision und das Geld können wir wirklich gut gebrauchen…“
Zack – Schon hatte sich die euphorische Stimmung verflüchtigt! Laura seufzte. Irgendwie hatte Jonas ja recht. Mit dem Erwerb des kleinen Häuschens im letzten Jahr hatten sie ihre finanziellen Möglichkeiten so ziemlich ausgereizt. Die Gelegenheit war aber auch zu verführerisch gewesen: Monatelang hatte Jonas, der als Immobilienmakler tätig war, darüber geklagt, dass es ihm nicht möglich sei, dieses verträumte Häuschen zu verkaufen, obwohl der Preis schon dreimal reduziert worden war. Obendrein hatte das Objekt eine ausgesprochen idyllische Lage – in einer kleinen Siedlung am Stadtrand, als letztes Haus einer Sackgasse, die direkt am Wald endete.
Zu dieser Zeit hatte das Gebäude schon fast ein Jahr lang leer gestanden, denn die letzten Besitzer waren völlig überstürzt ins Ausland verzogen, nachdem ihr dreijähriger Sohn im hauseigenen Pool ertrunken war. Seither tuschelten die Leute, es würde dort spuken und die Verkaufschancen tendierten gegen Null.
Eines Abends war Jonas dann mit dem Vorschlag herausgerückt, das kleine Einfamilienhaus selbst zu kaufen. Er hatte Laura die Vorteile eines Erwerbs in glühenden Farben geschildert, allerdings auch die Spuk-Gerüchte nicht verschwiegen.
Laura war zuerst skeptisch gewesen: „Ich glaube zwar nicht an solche Spuk-Geschichten, aber ein bisschen mulmig wird mir schon bei der Vorstellung dort zu wohnen, wo ein Kind ertrunken ist – außerdem ist das Haus doch viel zu groß für uns zwei Personen!“ Jonas hatte zwar nur sehr leise gemurmelt „es muss ja nicht bei zwei Personen bleiben“, aber das hatte schließlich den Ausschlag gegeben…
Fast ein ganzes Jahr und sehr viel Mühe hatte es gekostet, das etwas unheimliche Häuschen in ein schnuckeliges Eigenheim zu verwandeln. Sogar ein angedachtes Kinderzimmer gab es schon… – Laura hatte sich wieder einmal vollkommen in Zukunftsträumen verfangen, als sie das heimatliche Grundstück betrat, – aber, was war das? Die Eingangstür stand offen – nur ein paar Zentimeter, auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Laura erschrak und sie fröstelte plötzlich. Sie war sich sicher, die Tür am Morgen sorgfältig hinter sich geschlossen zu haben. Jonas hatte das Haus bereits eine Stunde vor ihr verlassen – ob er vielleicht doch überraschend schon wieder zurück war?
Mit einem beklommenen Gefühl, öffnete Laura die Tür ein bisschen weiter und spähte vorsichtig in den Flur. Nichts. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und rief laut nach Jonas. Ihre Stimme zitterte ein wenig. Oder kam es ihr nur so vor? – Alles blieb totenstill. Lauras Vernunft sagte ihr du spinnst, wahrscheinlich hast du heute morgen, in deiner grenzenlosen Hochstimmung, einfach nicht bemerkt, dass du die Tür nicht ganz geschlossen hast. Entschlossen straffte sie die Schultern und trat mit festem Schritt in das Haus. Sie öffnete jede Tür vom Dachgeschoss bis zum Keller, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen – bis auf einen merkwürdigen, kalten Lufthauch, der sie in verschiedenen Räumen immer wieder streifte.
Nein, sagte sie sich, ich glaube nicht an solchen Spuk! Mittlerweile war es draußen vollends dunkel geworden und als sie vom Wohnzimmer durch die Terrassentür blickte, sah Laura ihn direkt vor sich… – den Blutmond! Ihr schauderte. Das sah wirklich gespenstisch aus: ein kreisrunder, leuchtend roter Vollmond. Kein Wunder, dass die Menschen sich dazu lauter Gruselgeschichten ausdenken, dachte Laura. Allmählich hatte sie ihre Gelassenheit wiedergefunden. Im Kühlschrank entdeckte sie noch eine kleine Portion Gemüseeintopf vom Vortag. Aufgewärmt, ein Butterbrot dazu und fertig war ihr Abendessen! Danach kuschelte sie sich mit einer Decke auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein. Von einer Sekunde auf die andere fühlte sich Laura unglaublich schläfrig…
Ein ungewohntes Geräusch ließ sie aufschrecken – oder hatte sie sich das nur eingebildet? Nein, da war es wieder: tapp, tapp, tapp… – wie das Geräusch von Kinderfüßen auf nassen Steinen und dann plötzlich platsch! – als ob ein schwerer Sack – oder ein Kind? dachte sie schaudernd – ins Wasser fiele… – Laura erstarrte, unbewusst hatte sie sich die Wolldecke über den Kopf gezogen und traute sich nicht, auch nur an einem winzigen Eckchen darunter hervor zu linsen, als die Geräusche sich plötzlich veränderten: Zuerst war da ein Klirren und Klimpern, dann wurde anscheinend ein Schlüssel im Schloss der Haustür gedreht. Laura glaubte, jeden Moment ohnmächtig zu werden und… – gleich darauf stand Jonas mitten im Zimmer. „Schatz,“ rief er fröhlich, und als er seiner Partnerin ins Gesicht sah, „um Himmels Willen, du siehst ja aus, als hättest du einen Geist gesehen, dabei bin ich es doch nur, dein Jonas, und ich bringe tolle Nachrichten mit: Das große Objekt in der Altstadt ist so gut wie verkauft – lass uns feiern!“ Er lachte und zog sie zärtlich in seine Arme
Laura stammelte nur noch „äh… i-ich muss wohl eingenickt sein,“ dann gab sie sich ganz ihrem Gefühl hin. In dieser Nacht liebten sie sich voller Leidenschaft und Hingabe…
* * *
Die Schwangerschaft verlief bilderbuchmäßig: keine Übelkeit, kaum Stimmungsschwankun-gen. Auch der Spuk war nicht wiedergekehrt. Lediglich in einigen Vollmondnächten wachte Laura schweißgebadet auf, weil sie geträumt hatte, ihr noch ungeborener Sohn sei ein Werwolf.
Und dann war da noch die Sache mit der Baufirma, die Laura damit beauftragt hatte, den Swimmingpool im Garten zuzuschütten. Irgendwann würde sie Jonas das wohl erklären müssen…
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