Von Andreas Schröter
Für diese Geschichte ist zweierlei wichtig, das auf den ersten Blick rein gar nichts miteinander zu tun hat: eine alte Legende, die meinen Kumpel Jörg und mich zu Schulzeiten faszinierte, und ein Zahnarztbesuch im Januar 2025.
Die Legende geht so:
In einem Waldstück in der Nähe unseres Dorfes gab es einst ein prächtiges Schloss. Der König, der dort lebte, war unermesslich reich. Doch dann trug es sich zu, dass der Dorfpöbel seines Gehabes und dieses Reichtums überdrüssig wurde. Mit Mistgabeln und Fackeln bewaffnet zogen die Bauern durch den Wald Richtung Schloss, um seiner Herrschaft ein Ende zu bereiten. Der König sah den Pöbel von den Schlosszinnen aus herannahen und befahl, seine gesamten Reichtümer in einen unterirdischen Stollen zu bringen. Bewacht werden sollten die Schätze von seinem großen schwarzen Hund.
Dem König gelang es auf diesem Weg zwar, seinen Reichtum zu verstecken, doch er selbst – wie auch seine gesamte Familie – konnte dem Lynchtod nicht mehr entgehen. Anschließend brannte der Pöbel das gesamte Schloss bis auf die Grundmauern nieder. Schon nach wenigen Jahren erinnerte nichts mehr an sein früheres Vorhandensein.
Mich faszinierten solche Sagen und Legenden, doch Jörg war deutlich nüchterner als ich:
„Da ist so einiges unlogisch, oder? Wieso haben die Bauern nicht einfach den Hund gekillt und sich das Gold und das andere Gedöns geschnappt?“
Ich: „Weil der König die unterirdischen Gänge und den Hund in eine andere Dimension versetzt hat. Nur in Blutmondnächten ist er zu sehen. Außerdem wurde der Hund zu einem Werwolf mit feuerroten Augen.“
Mein Freund tippte sich an die Stirn: „Was für ein Quatsch!“
Trotzdem pilgerten wir – vor Angst und Kälte schlotternd – fortan in jeder Blutmondnacht in besagten Wald. Wir sahen natürlich:
Nichts, rein gar nichts.
Obwohl, so ganz stimmte das nicht. Einmal, in einer dieser Nächte, als ich schon 15 oder 16 Jahre alt war, meinte ich, eine Art Nebel auf der Lichtung zu sehen, auf der das Schloss möglicherweise gestanden haben könnte. Zugleich spürte ich einen ziehenden Schmerz in meinen Weisheitszähnen.
„Hast du den Nebel auch gesehen?“, fragte ich Jörg.
„Was für einen Nebel?“ – womit die Frage beantwortet war.
***
Jahre später stieß ich bei Recherchen für mein Geschichtsstudium in der Uni-Bibliothek auf eine ausführlichere Fassung jener alten Sage. Darin hieß es, dass nur magische Wesen wie Werwölfe, Vampire, Feen, Kobolde, Trolle, Riesen, Gestaltwandler oder Zwerge in der Lage seien, den Hund mit den glühendroten Augen und den Schatz, den er bewacht, zu sehen. Auch getötet werden könne dieser Hund nur durch ein solches magisches Wesen – wenn überhaupt.
***
Okay, kommen wir zum zweiten Aspekt, der für diese Geschichte wichtig ist: meinem Zahnarztbesuch im Januar 2025. Schon seit einigen Monaten hatte ich starke Schmerzen in den Weisheitszähnen, und mein Zahnarzt sah keine andere Möglichkeit mehr, als sie mir zu ziehen. Die Prozedur war äußerst schmerzhaft, und auch der Arzt schien nachher nicht richtig glücklich zu sein.
Mit tränenverschleiertem Blick nahm ich wahr, wie er die Zähne einzeln mit der Pinzette packte, sie nah an seine Augen hielt und ständig hin- und herdrehte. Dabei schüttelte er ungläubig den Kopf und murmelte: „Da hat sich wohl jemand einen üblen …“ Anschließend komplimentierte er mich reichlich überstürzt nach draußen.
Das alles ist jedoch noch gar nichts im Vergleich zu der Reaktion, die meine Mutter zeigte, als ich ihr Wochen später im Nebensatz von dem Arztbesuch erzählte. Sie wurde erst kalkweiß, dann schossen Tränen wie Sturzbäche aus ihren Augen. Sie packte mich, schüttelte mich und schrie immer wieder: „Nein, nein, nein!!!! … nicht auch du. Du durftest die Blocker auf keinen Fall …“ Es dauerte Tage, bis sich ihre Hysterie in eine stoische, wortlose und düstere Ruhe verwandelt hatte. Auf meine Fragen, was sie mit „Blocker“ meinte, gab sie keine Antwort.
Erst Wochen später, am Nachmittag des 14. März, richtete sie erstmals wieder das Wort an mich:
„Ich habe im Schuppen so ein seltsames Klappern gehört. Können wir mal nachschauen, ob sich da ein Tier verfangen hat?“
Ich schaute sie erstaunt an, denn normalerweise erledigte sie so etwas selbst.
„Klar, mache ich gleich.“
„Lass uns zusammen gehen. Am Ende ist es irgendwas Gefährliches.“
Mein Erstaunen blieb bestehen, aber ich war froh, dass sie überhaupt wieder mit mir sprach, also kam ich ihrem Wunsch nach, und wir gingen zum Schuppen – einem Schuppen übrigens, den ich nie betreten hatte. Zu Vaters Lebzeiten war er streng tabu gewesen. Warum auch immer.
Sie öffnete das Tor und sagte: „Ich glaube, das Geräusch war da hinten.“
„Okay“ – doch als ich wenige Schritte in den Raum hineingetreten war, hörte ich hinter mir ein dumpfes Geräusch. Meine Mutter hatte eine Art Tor hinter mir verschlossen, das ich vorher nicht wahrgenommen hatte.
Ich rannte zurück. „Mutter, was soll das? Mach sofort wieder auf!“
Mit Tränen in den Augen drehte sie sich um und ließ mich allein.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich mich nicht einfach nur in einem simplen Holzschuppen befand. Er war nur die Tarnung für einen riesigen Stahlkäfig, in dem ich nun gefangen war. Selbst der stärkste Muskelmann hätte ihn nicht durchbrechen können. Was sollte das? Wurde meine alte Mutter langsam verrückt? Und was hatte dieser Käfig mit meinem Vater zu tun?
Zwei Stunden später begannen die Schmerzen. Meine Klamotten rissen. Doch ich spürte eine Kraft, eine Lebenslust und eine Gier in mir, wie ich sie noch nie gespürt hatte. Und ich wusste plötzlich, wozu dieser Käfig gut war. Es war Blutmond.
***
Der nächste Blutmond war sechs Monate später für den 14. September angesagt. Und diesmal ließ ich mich nicht von Mutter in den Käfig sperren. Ich begab mich zu der Lichtung im Wald, auf der ich schon als Kind mit Jörg gestanden hatte.
Zunächst sah ich wieder nichts Außergewöhnliches, doch als das Zerren in meinen Gliedern einsetzte, das ich schon kannte, nahm ich zeitgleich zuerst wieder den Nebel wahr, den ich vor zig Jahren bereits gesehen hatte. Doch diesmal blieb es nicht dabei. Nach und nach verdichtete er sich zu der Silhouette eines prächtigen Schlosses.
Links daneben stand plötzlich ein auf zwei Beinen stehendes schwarzes Wesen mit blutroten Augen. Eine Art Hund? Es schien die Zähne wie zu einem bösartigen Grinsen zu blecken. Und dann entstanden fremde Gedanken in meinem Kopf:
„Na, bist du endlich gekommen, um dasselbe Schicksal wie dein Vater zu erleiden?“
‚Mein Vater?‘ schoss es mir durch den Kopf. ‚Hatte er etwa auch …‘
„Er wartet schon in der Hölle auf dich“, sprach das Wesen nun wieder in meinem Kopf. „Bringen wir es hinter uns.“ Damit kam es mit ausgestreckten Klauen auf mich zu.
Ich hätte Angst haben müssen, ich hätte wegrennen können, doch eine Stimmung überkam mich, die ich in meinem ganzen Leben noch nicht verspürt hatte. Am besten und zugleich unvorteilhaftesten für mich lässt sie sich wohl als pure Mordlust beschreiben. Und die wurde durch das Wissen weiter befeuert, was dieses Wesen offenbar meinem Vater angetan hatte.
Ich streckte meinerseits die Hände aus und erschreckte mich selbst über ihren Anblick. Sie waren auf das Doppelte ihrer normalen Größe angewachsen und dicht behaart.
Was folgte, war etwas, für das der Begriff „Kampf“ viel zu harmlos wäre. Es war eine Schlacht, ein Beißen, ein Treten, ein Geifern und zuletzt ein Morden von epischen Ausmaßen, das wir uns lieferten.
Als ich erwachte – ja, ich erwachte tatsächlich irgendwann in zerrissener Kleidung – lag ich frierend im Morgendunst auf der Wiese der Lichtung. Von einem Schloss oder gar einem Ungeheuer war nichts mehr zu sehen. Aber etwas hatte sich doch verändert.
Ich war umgeben von Goldmünzen, wertvoll aussehenden, kunstvoll gearbeiteten Kelchen, Pokalen, Haarreifen, Ketten, Armbändern, Edelsteinen, alten Bildern und anderem mehr, das ich auf den ersten Blick nicht erkennen konnte.
***
Nun, Anfang Januar 26 fährt meine Mutter einen Jaguar F-Type, und ich habe mit einem Architekten die Umbaupläne für unser altes Häuschen besprochen. Wir werden es deutlich vergrößern, einen Pool bauen und die Böden mit Marmor auslegen lassen.
Nur der Schuppen bleibt bestehen. Den Käfig in ihm haben wir verstärken lassen. Er darf keinesfalls betreten werden. Von niemandem. Außer von mir. In gewissen Nächten.
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