Von J. W. Anders

Ganz Highgate scheint friedlich zu schlafen. Einzig Williams ausholende Schritte auf dem Kopfsteinpflaster stören die Stille. Er ist spät dran, da er noch zwei Schraubendreher aus dem Laden seines Vaters ausleihen musste.

Vor der Mauer schaut er sich um. James kauert im Torbogen eines Seiteneingangs. Sein Gesicht ein heller Fleck vor dem Sandstein.

„Wie geht‘ s? Siehst ein bisschen blass aus. Oder liegt das am Mondlicht?“ William hat leicht grinsen, ist er doch mindestens einen halben Kopf größer und von breiter Statur, während James ein Klappergestell ist

„Hast du die Schlüssel?“

James nickt langsam. Seine rechte Hand kriecht in die Hosentasche. Wo sie bleibt. „Du willst wirklich …?“

„Deshalb sind wir hier, oder? Ich will mich von Vicky verabschieden. Konnte ja nicht zur Beerdigung.“

„Aber gerade diese Nacht? Du weißt doch, was Vater immer sagt? Geht ja nie nachts auf den Friedhof. Schon gar nicht bei Vollmond. Und niemals, absolut niemals bei Blutmond. Da verwischt …“ James Stimme kippt.

„…verwischt die Grenze zwischen Tod und Leben“, vollendet William. „Weiß ich doch. Genau deshalb ist diese Nacht perfekt. Falls das stimmt, kann ich Vicky …“

„Ohne mich!“

„Du sollst nur Wache stehen, sonst nichts. Lass mich jetzt nicht im Stich. Ich muss Vicky unbedingt ihr Geschenk geben.“ William zieht eine Kette aus der Jackentasche und hält sie hoch. Ein silberner Herzanhänger reflektiert das Mondlicht.

James‘ Blick huscht vom Anhänger zu Williams Gesicht, über das sich ein hässlicher roter Striemen zieht. Er seufzt. Sackt noch weiter in sich zusammen, als er den Schlüsselbund aus der Hosentasche zieht. Seine Hand zittert, während er den richtigen Schlüssel wählt.

William nimmt ihm den Bund aus der Hand, schließt auf und stößt die schwere Holztür auf. Er nickt James zu. „Also …“

Da James zögert, packt er ihn am Ellbogen und zerrt ihn hinter sich her. Vorbei an efeuüberwucherten Grabstellen und tiefschwarzen Schatten.

„Großvater sagte immer:“, flüstert James, „wie im Leben, so im Tod.“

„Pff!“ William deutet auf einen steinernen Engel, der vor sich hinträumt. „Was sollen die denn von uns wollen? Die waren reich und glücklich und hatten alles.“

William stoppt erst an der Familiengruft derer von Farthingham. Auch auf diese Grabstätte legt der Blutmond einen unheimlichen Schimmer. Vorsichtshalber hält er James‘ Arm fest, während er die Tür aufschließt. Er will ihn hineinschieben, doch James stemmt sich gegen den Türrahmen.

„Wache halten, hast du gesagt. Nur Wache halten.“

„Du musst mir erst mit dem Deckel helfen.“

„Deckel?“ James scheint noch bleicher zu werden.

William zuckt die Schultern und nickt gleichzeitig. „Wir hätten auf dem Weg nach Gretna Green sein sollen. Da hätte ich ihr die Kette umgehängt.“

„Du glaubst das ernsthaft? Dass sie heiraten wollte?“ James reißt die Augen auf. „Weißt du, was ich glaube? Dass sie Sir George selbst gesagt …“

„Hör auf!“

„Kannst ihr nicht viel bieten!“

„Na, immerhin ist mein Vater Ladenbesitzer. Und Sir George hätte nach der Hochzeit sicher …“

James entweicht ein Prusten. William stößt ihn in die Familiengruft.

Totenlichter brennen am Fußende der zwei Eichensärge in der Mitte der Kammer. William zieht Kerzen und Streichhölzer hervor und schafft eine Stimmung, die er unter anderen Umständen als romantisch empfunden hätte. James steht erstarrt mit dem Rücken zur Wand.

„Wie du die Totengräbertradition fortführen sollst, ist mir ein Rätsel“, lästert William.

„Tagsüber, nur tagsüber“, würgt James hervor.

William drückt James einen Schraubendreher in die Hand und wendet sich selbst dem nächsten Fußende zu. „Los, hilf mal.“

James bewegt sich nicht, bis William ihn an den Eichensarg heranzieht.

Sie drehen Messingschrauben heraus, bis William eine Plakette auffällt: Sir George Farthingham.

„Stopp! Falsche Kiste!“

Er wendet sich dem zweiten Sarg zu und James folgt seinem Beispiel. Wieder schrauben sie, bis nur noch zwei Schrauben übrig sind. Dann schickt William James hinaus. „Und zieh die Tür hinter dir zu.“

James postiert sich vor der Gruft.

Der Wind frischt auf. Blätter rascheln in den Zweigen, Äste ächzen und knirschen. Bodennebel kommt auf. Kriecht über Wege. Durch rotes Mondlicht. Wallt gegen den Wind auf ihn zu. Kräuselt in Wellen, bäumt sich auf. Wiegt sich in einem verführerischen Tanz. James kann den Blick nicht abwenden. Kichern erklingt im Nebel.

Der Nebel umschwirrt James. Feuchte Kühle streicht wie ein Finger über seine Wange. James taumelt rückwärts. Stößt mit dem Rücken gegen die Tür. Der Schlüssel fällt ihm aus der Hand. Er wagt nicht, sich danach zu bücken. Das Flanellhemd klebt ihm feucht unter den Achseln.

William zieht das dünne Silberkettchen aus der Jackentasche und will es Vicky um den weißen Hals legen. Ihre Wimpern zittern, sie schlägt die Augen auf. Williams Hände zucken zurück. Sein Herz schlägt einen Salto.

Victoria mustert den Anhänger, der vor ihrem Gesicht schwingt. „Oh, William. Wie – nett.“

„Hättest du in Gretna Green bekommen sollen.“

Neben ihm poltert und rumpelt es, dann kracht der Sargdeckel von Sir George auf den Steinboden. Die Flammen flackern, Schatten tanzen an den Wänden.

„Gretna Green!“, tönt Sir George.

Getöse aus der Gruft. Wogende Nebelschlieren. Ein abgerissener Zweig verpasst James eine Ohrfeige. Ohne den Kopf zu wenden, hetzen seine Augen hin und her.

„William? – William, alles in Ordnung?“, flüstert er.

Keine Antwort.

Stattdessen Gekicher. Wieder der Totenfinger auf der Wange. Der Nebel schlängelt sich um ihn. Eine feuchtkalte Umarmung. Schweiß rinnt ihm den Rücken hinab. Er rührt sich nicht, wagt kaum zu atmen.

Eine graue Böe reißt ihm die speckige Tweed Mütze seines Großvaters von den roten Haaren. Weht sie ins Geäst des nächsten Buschs.

James tastet nach der Tür in seinem Rücken. „William!“

„Alles gut“, ruft William.

Vicky greift nach dem Kettchen. Das Herz liegt winzig in ihrer Hand, die sie darum schließt.

„Gretna Green! Ohne diese groteske Idee hätte ich Victoria nie so kurzfristig zu ihrer Tante bringen müssen. Dann lägen wir nicht hier.“ Mit lautem Grunzen richtet Sir George sich auf.

„Ich liebe sie.“

„Was weiß ein Jungspund von der Liebe? Und ist es Liebe, vor unsere Kutsche zu rennen?“

„Kann ich ahnen, dass sie dem Kutscher befehlen, mit der Peitsche nach mir zu schlagen? Und deshalb die Pferde durchgehen? Ich wollte Vicky nur …“

„Nenn sie nicht Vicky!“

„Daher der Unfall?“ Victorias sonst sanfte Stimme klingt wie rostiger Stahl.

„Alles seine Schuld! Er ist nicht gut genug für dich. Und nach allem, was er angestellt hat, taucht er hier auf und stört unsere letzte Ruhe.“

„Nicht gut genug! Aber die Gut Genugen sind arrogant oder langweilig. Softies! Da würde sich keiner in dieser Nacht auf den Friedhof wagen.“

„Victoria!“, poltert Sir George. „Anstand und Sitte! Abenteuer – so ein Blödsinn. Ich hätte viel früher …“

„Ach, nur ein bisschen Spaß. Noch nicht einmal das darf ich. Und jetzt soll ich den Rest meines Nicht-Lebens mit dir in der Familiengruft liegen? Nein! Ich will nicht! Ich will leben! Einmal wenigstens geliebt werden!“

Sie wischt mit zarter Hand über den Augenwinkel, als säße dort eine Träne.

„Vicky!“ William greift nach ihrer Hand.

„Du und ich, William.“

Sir George rumort in seinem Sarg.

William beugt sich tiefer. Victoria reckt ihm den Kopf entgegen. Spitzt die Lippen.

Sir George kippt mitsamt Sarg vom Sockel. Die Kante schlägt ihm den Kopf ab, der bis zu Williams Schuh rollt. „Victoria! Reiß dich zusammen!“, ruft er mit klapperndem Gebiss.

„William!“, gellt James Ruf.

„Willy!“, gurrt Vicky.

Wieder beugt sich William über sie. Tiefer und tiefer.

Seine Lippen berühren die ihren. Diese sind kalt. Kalt und … unnachgiebig. Oder sind das ihre Arme, die sich um ihn legen?

Sie hält sich an ihm fest. Zieht ihn näher. Ihr Blick brennt sich in seinen. „Willy, du, du, …“

„Ich liebe dich!“, flüstert er.

Sie inhaliert seinen Kuss. Atmet tief ein, als könne sie durch ihn ein Stück Leben einatmen.

Ein Stück?

Er will sich von ihr lösen. Ihre Arme sind fest verschränkt. Er kann sich nicht aufrichten. Sie atmet tiefer und tiefer. Ihr Brustkorb hebt sich.

„Du, du …!“

Sie stößt ihn von sich. Sein Körper sackt zu Boden, seine Augen starren leer.

„… Holzkopf!“, zischt Victoria.

Sie steigt aus ihrem unbequemen Sarg. Zupft das seidene Kleid zurecht und schüttelt ihre Locken.

„Vicky, was tust du?“, ruft ihr Vater.

„Ich gehe! Und lebe!“

„Aber! Du kannst mich doch hier nicht allein …“

„Du kannst dich gern mit Willy weiterstreiten. Ihr braucht mich nicht. Und ihr seid beide gleich schuld. Seht zu, wie ihr es miteinander aushaltet:“

„Victoria!“ Der abgeschlagene Kopf rollt auf sie zu.

Victoria verpasst der väterlichen Bowlingkugel einen Tritt, dass diese davonrollt und dabei das Gebiss verliert. Sie reißt die Holztür auf.

Mit schrillem Aufschrei fällt ihr James entgegen und sie springt zur Seite.

James verliert das Gleichgewicht und stürzt. Schlägt mit dem Nacken auf die Kante des leeren Sargs.

Victoria steigt über seine Beine hinweg und tritt aus der Gruft. Mitten auf einem Moospolster entdeckt sie den Schlüsselbund. Sie verschließt die Tür und wendet sich abrupt ab. Wirbelt den Ring um ihren Zeigefinger, bis er davonsaust. Hinein ins Grün der nächsten Grabstelle.

„Uups“, macht Victoria.

Aus dem Nebel tönt ein Kichern und sie lacht. Lacht noch, während sie zwischen den Grabmälern davoneilt.

Sie lebt!

Sie tänzelt, hüpft.

Ihr Schuh bleibt im Nebel an einem Stein hängen. Sie stolpert. Rudert mit den Armen. Stürzt.

Direkt vor der Familiengruft von Sir John Gurney, zu Lebzeiten Strafrichter seiner Majestät.

„Da soll mich doch …“

Sie drückt sich auf die Knie hoch. „Mein schönes Kleid!“

Ein Nebelfinger streicht ihr eine Locke aus dem Gesicht. Der Wind frischt auf. Im Geäst über ihr krächzen Krähen. Das Blätterrascheln nimmt zu.

„Aber als Erstes ziehe ich dieses Korsett aus.“

Knarren und Knacken von Holz.

„Ist ja das reinste Folterinstru…“

Ein Ast stürzt herab. Begräbt Victoria ein zweites Mal.

Kein Kichern im Nebel, nicht dieses Mal. Sir John Gurney kicherte niemals. Schon gar nicht, wenn er ein Todesurteil fällte.

 

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