Von Andreas Schröter

Als ich Ende 2018 dieses ausgesprochen seltsame Gespräch mit einem der obersten Chefs der Ruhrkohle AG hatte, ging es mir nicht sonderlich gut. Und das hatte dreierlei Gründe.

Erstens war ich arbeitslos. Die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop, bei der ich zuletzt bei der Grubenwehr gearbeitet hatte, war geschlossen worden. Zweitens hatte meine Freundin Doro wegen irgendeines anderen Kerls, den sie beim Sport kennengelernt hatte, mit mir Schluss gemacht. Und drittens – was sich im Nachhinein sogar als das geringste meiner Probleme erweisen sollte – meinte mein Arzt, wir müssten meinem Reizhusten dringend auf den Grund gehen.

Ich war zwar erst 35, aber ich kannte genug Kumpel, die schon in diesem Alter Staublunge bekommen hatten. Manche waren daran gestorben. Ja, ich gebe es zu: Ich hatte eine Scheißangst.

Die Ergebnisse des Abstrichs sollten in ein paar Tagen vorliegen.

Aber nun zu diesem ominösen Gespräch mit dem RAG-Chef:

„Kennen Sie Schacht 10 auf Prosper-Haniel?“

„Mehr oder weniger nur dem Namen nach. Ich war zweimal ganz unten. Der geht bis 1320 Meter runter, oder?“

Er nickte.

„Richtig. Sie sind mir empfohlen worden. Man sagt, Sie seien jemand, der sich auch in schwieriges Terrain wagt.“

„Heißt?“

Der Mann schwieg einen Moment. Dann griff er nach der Cognacflasche.

„Darf ich Ihnen einen anbieten?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, schenkte er uns beiden ein.

„Bis etwa 1250 Meter ist alles sicher“, sagte er. „Danach wird es schwierig.“

„Schwierig?“

„Gesteinsbrüche. Verrutschte Stempel. Stellenweise ziemlich eng. Der untere Bereich sollte längst ausgebaut werden. Dazu ist es nie gekommen.“

„Und was soll ich dann dort?“

Diesmal dauerte es länger, bis er antwortete.

„Vor drei Wochen war eine letzte Inspektion dort unten.“

Er ging mit seinem Glas zum Fenster.

„Die Männer sind bis 1250 Meter gekommen. Weiter nicht.“

„Warum?“

„Weil einer von ihnen etwas gehört hat.“

Ich musste grinsen. „Wasser?“

„Das haben wir zunächst auch gedacht.“

Er sah noch immer aus dem Fenster.

„Aber der Mann bestand darauf, dass es kein Wasser war.“

„Was dann?“

Jetzt drehte er sich zu mir um.

„Ein Klopfen.“

Ich wartete.

„Immer zweimal. Dann eine Pause. Dann wieder zweimal.“

Er nahm einen Schluck Cognac.

„Als würde jemand versuchen, auf sich aufmerksam zu machen.“

Ich nahm einen Schluck von meinem Cognac und stellte das Glas wieder ab. „Und Sie wollen, dass ich da runtergehe?“

Ich hatte keine Lust, meinem Leben schon vor einer möglichen Lungenkrebsdiagnose durch Steinschlag in 1320 Metern Tiefe ein Ende zu setzen, also lehnte ich dankend ab. Aber der Chef hatte Argumente in Form eines Geldbetrags, der etwa der Hälfte meines bisherigen Jahreseinkommens entsprach. Und das bewog mich – auch nach Sichtung meines aktuellen Kontostandes – zum Umdenken.

***

Drei Tage später stand ich in voller Montur zusammen mit drei weiteren Kumpeln im Förderkorb und sauste in die Tiefe. Ich gebe zu, dass das ein emotionaler Augenblick für mich war, denn ich hatte nicht erwartet, ihn nochmal erleben zu dürfen. Die drei anderen Männer würden in 1250 Metern auf mich warten. Von da an wäre ich auf mich allein gestellt.

Damals hielt ich das für den unangenehmsten Teil des Auftrags.

Allein war ich nur wenige Minuten später. Zunächst sah ich noch den Lichtschein, den die Lampen um die wartende Gruppe erzeugten. Doch nur ein kurzes Stück den abschüssigen Weg hinab verlor sich das letzte Licht und es wurde stockdunkel. Ich schaltete mein Helmlicht ein, das den Weg vor mir – je nach Drehung des Kopfes – immer nur ausschnittweise beleuchtete. Zunächst hielt ich die Ausführungen des Chefs, hier unten sei es gefährlich, für übertrieben. Doch das änderte sich nach einer weiteren kurzen Wegstrecke. Ich stolperte fast über einen fußballgroßen Stein, der offenbar aus der Stollendecke gebrochen war. Irgendwo weiter vorne rieselten kleinere Steinchen aus der Wand auf den Boden. Das Geräusch, das dabei entstand, machte keinen sonderlich vertrauenserweckenden Eindruck. Die Stützstempel schienen hier in einem weitaus größeren Abstand als üblich zu stehen. Einer lag längs auf dem Boden. Er stützte gar nichts mehr, sodass die anderen mehr Gewicht halten mussten. Konnte das gutgehen? „Male Dir nie aus, wie viel hunderte Meter Gestein über Dir sind“, hatte ein von mir hochgeschätzter Steiger mal gesagt. Ich versuchte, es zu beherzigen. Letztlich mit wenig Erfolg.

Natürlich stoppte ich alle paar Meter und lauschte nach dem Geräusch, wegen dem ich schließlich hier unten war. Doch so sehr ich mich auch konzentrierte: nichts.

Ich ging weiter – mittlerweile in einem gebückten Gang, denn die Decke war nicht mehr hoch genug.

Als ich mich gerade auf alle viere niederließ, um den immer enger werdenden Gang zu passieren, hörte ich es.

Tok, Tok.

Ich hielt inne.

Nichts.

Dann:

Tok, Tok.

Ich wartete. Mein eigener Atem kam mir plötzlich viel zu laut vor.

Tok, Tok.

Es war kein Wasser. Kein zufälliges Knacken im Gestein. Dafür war der Rhythmus zu regelmäßig.

Zweimal.

Eine Pause.

Zweimal.

Ich kroch weiter. Irgendwann kam ich zum Ende des ausgebauten Stollens. Doch dieses Ende wirkte locker und brüchig. Ich drückte probehalber ein wenig gegen die Wand, und bereits dieser geringe Druck genügte, ein Loch in ihr entstehen zu lassen, durch das ich meine Hand strecken konnte. Dahinter schien sich ein Hohlraum zu befinden, oder der Gang ging schlicht noch weiter. Ich vergrößerte den Durchstich, sodass ich mich letztlich selbst hindurchschieben konnte.

Hinter der brüchigen Wand lag tatsächlich ein weiterer Gang.

Aber es war kein Stollen.

Das war mein erster Gedanke.

Keine Stützstempel. Keine Leitungen. Keine Spuren von Werkzeugen. Keine Zeichen dafür, dass hier jemals Bergleute gearbeitet hatten. Die Wände waren unregelmäßig, stellenweise glatt, stellenweise rau wie verwitterter Fels.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr in Prosper-Haniel zu sein.

Vielleicht war dieser Gang älter als die Zeche.

Viel älter.

Das Klopfen war jetzt unmittelbar vor mir.

Tok, Tok.

Tok, Tok.

Immer zwei Schläge nacheinander, dann eine kurze Pause.

Es führte dazu, dass ich fröstelte. Dabei war es hier unten, wie üblich in Bergwerken, verdammt warm.

Ich kroch weiter.

Der Lichtkegel meiner Helmlampe zeigte mir an, dass mein Weg nun doch fast zu Ende war.

Noch sechs, vielleicht sieben Meter.

Vor mir befand sich eine Wand.

Zunächst hielt ich sie tatsächlich für eine ganz gewöhnliche Felswand. Doch als ich näherkam, erkannte ich feine, gerade Linien im Gestein. Ein Rechteck. Eine Tür.

Und mitten darauf: ein silbernes Kreuz.

Ich blieb stehen.

Es war alt. Sehr alt. Das Metall war angelaufen, an einigen Stellen fast schwarz. Trotzdem konnte ich die Form deutlich erkennen. An den Rändern klebte etwas Dunkles, das ich zunächst für Rost hielt.

Ich wusste nicht, warum, aber plötzlich wollte ich zurück.

Das Klopfen verstummte.

Nichts.

Ich wartete.

Keine weiteren Schläge. Kein Rieseln von Gestein. Nicht einmal mein eigener Atem schien noch zu existieren.

Dann kam der Gedanke.

Nicht meiner.

Zuerst war er kaum mehr als ein Flüstern.

Mach auf.

Ich schüttelte den Kopf.

Mach auf.

„Nein“, sagte ich.

Meine Stimme klang fremd.

Ich drehte mich um.

Ich wollte zurück zu den anderen. Zurück zum Licht. Zum Förderkorb. Nach oben.

Doch meine rechte Hand hob sich.

Ganz langsam.

Sie bewegte sich auf das Kreuz zu.

„Nein.“

Ich befahl meiner Hand, stehen zu bleiben.

Sie gehorchte nicht.

Ich bekam Panik. Ich riss den Arm zurück – und für einen Augenblick gelang es mir tatsächlich.

Dann schoss meine Hand wieder nach vorn.

Meine Finger schlossen sich um das kalte Metall.

Und irgendwo tief in meinem Kopf hörte ich eine Stimme lachen.

***

Die Kumpel in 1250 Metern Tiefe überlebten unsere Ankunft nicht.

Ich schon.

Zumindest irgendwie.

Mein neuer Gefährte hatte Hunger. Großen Hunger. Seit knapp 900 Jahren hatte er nichts mehr zu sich genommen.

Die beiden Männer oben am Schacht hatten ebenfalls keine Chance.

Ich erinnere mich kaum noch daran, wie es war, als wir wieder nach oben kamen und wie wir das Bergwerksgelände verließen. Ich weiß nur noch, dass ich plötzlich den Geschmack von Blut kannte.

Und dass ich ihn mochte.

Mein Kontostand ist mir mittlerweile egal. Ich brauche keinen Job mehr.

Und was das Beste ist: Der Lungenkrebs wird mir auch die nächsten 900 Jahre nichts anhaben können.

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