Von Agnes Decker

Der Mietwagen passt nur knapp in die Ausweichbucht am Rand der engen Straße. Ich steige aus und bleibe wie gebannt stehen. Es ist so, als wäre ich nie woanders gewesen. Vielleicht gibt es ja für jeden Menschen einen Ort, an dem er sich ganz fühlt.

 „Spektakulär, schau dir das an.“ Hannes spricht mitten hinein in meine Gedanken und legt mir den Arm um die Schultern. „He“, seine Stimme wird tiefer. Bekommt diese Wärme, die mir so gut tut. „Träum weiter, Träumerle, ich schaue mir schon mal den Garten an.“ Er zieht mich kurz an sich, dreht sich um, und stapft unter Pusten und Schnaufen den steilen, felsigen Weg hinauf. Ich sehe ihm nach, wie er den von Sträuchern und Unkraut zugewucherten Weg am Haus entlang geht, bis seine kräftige Gestalt aus meinem Blickfeld verschwindet. Noch einen Moment lasse ich den wundervollen Ort auf mich wirken, genieße das Gefühl, nach einer langen Reise angekommen zu sein. Dann gehe ich los.

Ich habe die Kapuze meines Hoodies tief in die Stirn gezogen. Eine Haarsträhne hat sich gelöst. Der Wind spielt mit ihr, lässt sie vor meinen Augen tanzen, weht sie mir ins Gesicht. Atemlos vom Steigen und Staunen erreiche ich das Haus. Mit seinen groben, naturfarbenen Steinen fügt es sich perfekt in die wilde Landschaft ein. Der Himmel ist grau. Ab und zu blitzt ein Sonnenstrahl zwischen den Wolkenbergen hindurch, lässt den baldigen Sommer erahnen. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich die Wärme auf meinem Gesicht, schmecke das Salz auf der Zunge und lausche dem Wind, der an meiner Kleidung zerrt, untermalt vom Rauschen des Meeres und dem Kreischen der Möwen.

Der perfekte Ort zum Schreiben. Ich sehe mich schon auf der Terrasse sitzen und über die steilen Klippen zum Meer schauen, eine Tasse Tee vor mir auf dem Tisch, während Hannes seine Morgenrunde läuft. Schreiben, ja, endlich wieder schreiben.

Ein lautes Knallen reißt mich aus meinem inneren Monolog. Der Mann, der gerade aus dem Haus tritt, schaut mich an. „Dieser Wind, schlägt er mir doch glatt die Türe aus der Hand.“ Sein breites Grinsen wird von dunklen Locken verdeckt, die ihm ins Gesicht gefallen sind, und die er mit seiner großen Hand zurückstreicht. Er ist groß und muskulös. Das karierte Hemd ist aus der Hose gerutscht und steht am Hals offen, lässt seine behaarte Brust sehen. Seine hochgekrempelte Hose hat Flecken auf den Knien.

 „Hallo, da sind Sie ja. Wie war die Fahrt?“ Er mustert mich. „Herein, herein.“

„Danke, wir sind gut durchgekommen. Vera, Vera Hoffmann. Sie sprechen perfekt deutsch.“ So wie er, streiche ich mir die Haarsträhne aus dem Gesicht und grinse zurück.

„Entschuldigung, da habe ich doch glatt vergessen, mich vorzustellen. Ich bin Peter, habe lange in Köln gelebt. Die Agentur schickt mich gerne, wenn deutsche Touristen anreisen. Also…“ Peters Grinsen wird breiter. Er tritt zur Seite und macht eine weit ausholende Handbewegung.

Nachdem ich eingetreten bin,  zieht er hinter mir die Tür ins Schloss. Sie quietscht ein bisschen. Aber das nehme ich wie aus weiter Ferne wahr. Zu sehr berührt mich das, was ich sehe. Alles ist stilvoll, ohne überladen zu wirken: Die Küchenschränke aus grün lackiertem Holz, der breite Esstisch mit den hochlehnigen Stühlen, sowie die beiden, mit hellem Leinen bezogenen Ohrensessel, die sich um den Kamin gruppieren, und das dazu passende Sofa mit seinen vielen bunten Kissen. Genauso hätte ich das Haus eingerichtet, wenn es mir gehören würde.

„Und, gefällt es Ihnen?“ Peter ist neben mich getreten. „Toller Ausblick hier, nicht wahr?“ Er zeigt auf die riesige Fensterfront, die eine Wand des geräumigen Zimmers einnimmt, und einen fantastischen Ausblick über Klippen, Strand und Meer freigibt.

 „Vera, kommen Sie, ich zeige Ihnen die anderen Zimmer.“ Peter berührt mich leicht an der Schulter.

„Wir sollten auf meinen Mann warten.“ Nur widerwillig trete ich vom Fenster zurück „Hannes wollte zuerst den Garten anschauen.“

 „Eigenartig, da hätte ich ihn doch sehen müssen. Vielleicht ist er zum Strand gegangen. Man kann zwischen den Klippen hinabsteigen.“ Peter geht mit schnellen Schritten voran. Ich folge ihm nach draußen, noch ganz benommen von dem Eindruck, den das Haus auf mich gemacht hat. Der Weg schlängelt sich zwischen Felsen, dann durch saftige Wiesen steil nach unten. In der Tiefe bäumen sich meterhohe Wellen auf und klatschen an die Felsen.

„Haaaaaannes“, der Wind reißt mir den Schrei aus dem Mund und lässt ihn tonlos verklingen. „Haaaaaannes… “

„Wir sollten zurückgehen. Hier ist niemand.“ Erschreckt zucke ich zusammen. Peter steht dicht neben mir und spricht direkt in mein Ohr. Ich drehe mich abrupt  um. Hoffentlich hat er gemerkt, dass mir die Nähe unangenehm war. Ein Blick zurück zeigt mir, dass er in gebührendem Abstand hinter mir den Berg hinaufsteigt. Weit unten sehe ich die leere Bucht mit ihrem hellen Sandstrand, malerisch eingebettet in die raue Landschaft.

 Zurück auf der Terrasse ziehe ich das Handy aus der Hosentasche und bete um ein funktionierendes Netz. Das Klingeln schrillt in meinem Ohr, scheint bis in mein Gehirn zu dringen. Ring, ring, ring…  wieder und wieder. Warum geht er nicht ran? Hoffentlich ist nichts passiert. Er könnte auf den Felsen ausgerutscht sein, irgendwo liegen, ohne Bewusstsein, oder…  Nein, das darf ich nicht denken.

„Vielleicht hat sich Ihr Mann verlaufen. Das kann schnell passieren. Was gerade noch ein Weg war, wird im nächsten Moment von den unberechenbaren Wellen überspült.  Dann heißt es weitergehen oder warten, bis das Wasser zurückgeht. Keine Angst, der kommt schon zurück, früher oder später.“ Peter hat sich vor mir aufgebaut und schaut mich an. Ob er mich beruhigen will? Oder glaubt er das wirklich? Ich meine, dass Hannes bald zurückkommt. „Ich helfe Ihnen jetzt erst einmal, die Koffer ins Haus zu bringen. Geben Sie mir den Autoschlüssel.“ Er streckt mir seine Hand entgegen.

Der Autoschlüssel. Habe ich den überhaupt? Hannes ist doch gefahren. Ich krame in meinem Rucksack, durchwühle die Hosentaschen, die Taschen meines Hoodies. Nichts, nichts, nichts. Vielleicht steckt er noch. Ja, bestimmt, ich glaube mich zu erinnern, dass Hannes den Wagen offen gelassen hat.

Ich entriegele die Eingangstüre und erschrecke, als der Wind sie auch mir aus der Hand reißt und laut knallend an die Hauswand schlägt. Dann laufe ich. Den felsigen Weg hinunter. Da steht er, der silberne Mercedes-Vito, und, der Schlüssel steckt.

Peter kommt kurz nach mir, zieht den Zündschlüssel ab, öffnet den Kofferraum und beginnt, das Gepäck  auszuladen. Dabei schaut er mich ein paar Mal von der Seite an. Plötzlich stört mich sein ungepflegtes Aussehen. Wieso schickt die Agentur einen solchen Freak? Klar, weil er deutsch spricht. Trotzdem kommt es mir komisch vor. Was, wenn…? Ich meine, wenn er überhaupt nicht zu der Agentur…? Gut, dass er gerade wieder zum Haus hinaufsteigt. Mit zitternden Fingern wähle ich die Nummer der Agentur. Keiner da. Verdammt. Ich werde einfach losfahren, nach St.Yves. In eine Stadt mit Menschen und voller Leben. Dort wird man helfen. Als ich den Motor starten will, greife ich ins Leere. Der Zündschlüssel… Peter…  Meine Gedanken rasen. Tief atme ich ein und aus. Bitte nicht. Aber es gibt keine andere Lösung. Ich muss zurück ins Haus.

 

Der Eingangsbereich ist schon gut gefüllt mit unseren Gepäckstücken. Ich blicke hoch und sehe ihn auf der Treppe stehen. Er dreht seinen Kopf zur Seite, wohl, damit ich nicht merke, wie er mich beobachtet. Während er die Gepäckstücke im Haus verteilt, schaue ich mich um. Der Schlüssel ist nirgends zu sehen. Vermutlich hat er ihn in seine Tasche gesteckt.

„Sind Sie sicher?“  Peter steigt gerade die Treppe wieder hinunter. „Ich meine, mit ihrem Mann… Ich habe nämlich niemanden gesehen. Und ich hätte ihn sehen müssen, im Garten oder auf dem Klippenweg.“

Ich zucke zusammen? Was soll das? „Hannes wollte den Garten anschauen, das habe ich doch schon gesagt. So ist er halt. Er interessiert sich mehr für die Umgebung.“ Vergeblich versuche ich, meiner Stimme einen souveränen Klang zu geben. „Ich mache mir große Sorgen um ihn. Wir sollten die Polizei anrufen.“ Bei „Polizei“ beobachte ich Peter genau. Aber er zeigt keine Reaktion.

„Ich hole jetzt das restliche Gepäck. Vielleicht möchten Sie in der Zwischenzeit die Räume im Obergeschoss anschauen.“ Er dreht sich um und verschwindet nach draußen.

Erschöpft nehme ich in einem der Sessel Platz. Ich muss nachdenken, mich konzentrieren. Auf dem Tisch liegt eine Mappe. So eine, wie man sie häufig in Ferienhäusern findet.  Ich nehme sie in die Hand und schlage sie auf. Bunte Broschüren sind unsortiert in eine Plastikhülle gesteckt. Vielleicht finde ich hier eine Straßenkarte. Vorsichtig ziehe ich den ganzen Packen heraus und breite alles vor mir aus. Ein handgeschriebener Zettel fällt heraus. Die Schrift ist schon ganz verblasst. „Er ist böse und… “, steht da. Am Ende ist ein langer Strich, so als sei jemand beim Schreiben gestört worden. Plötzlich wird mir bewusst, wie alleine ich hier bin. Mit ihm.

 „So, das wär‘s.“ Ein Adrenalinstoß geht durch meinen Körper. Ich habe gar nicht gehört, wie er zurückgekehrt ist. „Wenn Ihr Mann in der nächsten Stunde nicht auftaucht, rufen Sie die Polizei an. Hier ist die Nummer.“ Mit ausgestrecktem Arm reicht Peter mir einen Zettel, auf dem eine Telefonnummer steht. Er tippt mit der Hand an die Stirn, wie zu einem militärischen Gruß, dreht sich um, und schließt leise die Haustüre hinter sich. Den Schlüssel hat er auf den Garderobenschrank gelegt.

Da ist wohl meine Fantasie mit mir durchgegangen. Erleichtert stehe ich auf. Gerade will ich nach dem Schlüssel greifen, als mein Handy brummt. Eine Whatsapp blinkt auf.  „Bin in der Agentur, hatte mich verlaufen, kein Netz. Kannst du mich abholen? Kuss, Hannes.“  Na also, ich wusste, doch es wird alles gut werden.

Draußen dämmert es bereits. Ich kneife die Augen zu und starre durchs Fenster auf die Straße weit unter mir. Nichts. Dabei war mir, als sei gerade etwas Dunkles hinter dem Mercedes verschwunden.

 

Version 2

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