Von Bergthora Eldey

(Tórshavn/Færøer, Januar 1673)

 

„Ich muss bekennen, dass ich enttäuscht bin. Wie konntet Ihr diesen verfluchten Pfaffen Debes nach Kopenhagen reisen lassen, damit er sich über unsere Amtsführung beschweren kann? Wozu gibt es ein Gefängnis in Tórshavn? Wozu beherrscht der Kaufherr, Euer Halbbruder den Schiffsverkehr? Ich habe Euch 1660 zum Vogt über die Færøer gemacht (und Euch damit, wenn ich mich recht entsinne, vor unangenehmen Gläubigern gerettet), damit Ihr meine Interessen vertretet – und zwar tatkräftig und zuverlässig. 

Nun, ich selbst habe immer noch genug Freunde bei Hofe, um den ärgsten Scherereien zu entgehen. Selbst wenn Debes mit seiner Untersuchungskommission erfolgreich sein sollte, wird man mir selbst wohl nichts nachweisen können. Aber um Euretwillen hoffe ich, dass Ihr entschlossen handelt, ehe die Kommission auf Spurensuche geht. Gewiss wollt Ihr Euer Leben nicht im Gefängnis von Bremerholm verbringen. Mit Hochachtung, Christopher Gabel.“

 

Vogt Søren Heigaard kochte vor Wut, als er Gabels Brief las. 

Gabel da in Kopenhagen hatte gut reden! Natürlich hatte Heigaard alles getan, um Debes an seiner Reise zu hindern. Der verdammte Pfaffe hatte durchaus Grund, sich zu beschweren. Seit Gabel 1660 für seinen Einsatz bei der Einführung des Absolutismus die Færøer zu Lehen bekommen hatte, hatten er und seine Leute die Inseln als Einnahmequelle behandelt. Heigaard hatte die Pachten für Kronland verdreifacht. Sein Halbbruder Jonas Rasmussen übte das Handelsmonopol aus. Unantastbar hatten sie sich gefühlt. 

Aber vor drei Jahren war König Frederick gestorben und sein Sohn hatte einen Admiral geschickt, um die Huldigung der Færinger entgegenzunehmen. Ehe Heigaard sich’s versah, hatte dieser unbotmäßige Probst Lucas Debes eine Gruppe Færinger zusammengetrommelt und dem Admiral eine Flut von Beschwerden vorgelegt. Zwei Jahre lang hatte Heigaard Debes an der Ausreise gehindert, Kapitäne bestochen und bedroht, damit sie ihn nicht mitnahmen. Aber als ein königlicher Kommissar erschien, um Debes nach Kopenhagen einzuladen, hatte Heigaard sich nicht getraut, den Probst im Gefängnis verschwinden zu lassen. Stattdessen hatte er ihm ein Geschäft vorgeschlagen. Der Mann hatte neun Stiefkinder und ständig Schulden, da sollte man doch meinen, er würde das Geld dankbar annehmen! Aber Debes war in die Hauptstadt gesegelt und mit einer ganzen Kommission zurückgekehrt. Wenigstens hatte der Kapitän Heigaard Gabels Brief zugesteckt. Jetzt musste er schnell handeln.

 

Ein paar Stunden später schlich Heigaard mit klopfendem Herzen hinaus auf die Tinganes-Halbinsel. Sollte er rechts oder links an Debes‘ Pfarrhof vorbei? Links war er vom Wasser aus sichtbar, rechts lag Debes‘ Wachhund. Er hasste die Töle. Lieber Himmel, er wurde zu alt für sowas!

Zum Glück war der Himmel bedeckt; hoffentlich brach der Mond nicht durch. Zur Sicherheit hatte er Hut, Stock und Mantel seines betagten Schreibers geborgt. Der lag ahnungslos im Bett und schlief seinen Rausch aus. Die Mitglieder der vermaledeiten Kommission hingegen hatten es leider bei einem Höflichkeitsschluck belassen und sich auf ihr Schiff zurückgezogen. Vorsichtig streckte Heigaard den Kopf hinter der Stallecke hervor und starrte auf die neblige Ostbucht hinaus, konnte aber das Schiff nicht ausmachen. Dann würden sie ihn erst recht nicht sehen. Er konnte den Hund umgehen.

Ein sattes Klatschen vor ihm ließ ihn zusammenzucken. Fast hätte er seinen Sack fallengelassen. Er schmiegte sich an die Hauswand und versuchte, nicht zu keuchen. Pissegeruch stieg ihm in die Nase. Jemand hatte dem Vogt der Færøer einen Nachttopf vor die Füße gekippt. Unter anderen Umständen hätte er den Tölpel auspeitschen lassen, jetzt war er dankbar für dessen Unachtsamkeit. Trotzdem besser, einen Augenblick zu verweilen, bis der Tölpel wieder eingeschlafen war.

Wie er wünschte, er läge wieder im sicheren Bett! Vielleicht hätte er Kommandant Becker von der Feste Skansin mit der Aufgabe betrauen sollen. Der war abgebrüht genug für nächtliche Aktionen, während Heigaard in den einträglichen Jahren als Vogt ein bisschen dick und bequem geworden war, wie er zugeben musste. Aber Becker war zu redselig. Und Jonas hätte vermutlich Einwände gegen den Plan erhoben. Nein, hier musste er selber ran. Er war derjenige, der am meisten zu verlieren hatte. Mit Zwangsarbeit in Eisen hatte sein alter Freund Gabel ihm gedroht, verdammt!

 

Als mehrere Minuten alles ruhig geblieben war, wagte Heigaard sich weiter. Er schlich am kleinen Kirchhof vorbei. Zwischen den Gräbern erklang ein Rascheln, dann ein Kreischen. Nur balgende Katzen, redete er sich ein. Er glaubte doch nicht an Geister, auch nicht an den Geist des alten Bauern, den er zu Tode hatte peitschen lassen. Versehentlich. Der Alte hatte ihn mit letzter Kraft verflucht und war dann einfach umgekippt. Reiß dich zusammen, Heigaard!

Eilig durchschritt er die Gasse zwischen zwei Häuserreihen. Das letzte Haus rechts war Jonas‘ Kontor. Heigaard ließ den Stock fallen und nestelte seinen Schlüssel hervor. Das dumme Ding wollte sich nicht drehen. Hatte Jonas etwa das Schloss auswechseln lassen? Fast hätte Heigaard vor Wut gegen die Tür getreten, aber er beherrschte sich. Legte seinen Sack ab, zog und ruckelte ein wenig an der Klinke. Endlich ging die Tür auf. Ihm war nie aufgefallen, wie laut sie knarzte.

Fackelschein blendete ihn.

„Wer da?“

„Der Vogt!“, sagte Heigaard. Er war stolz, dass seine Stimme so fest und herrisch geklungen hatte. Vor ihm standen zwei bullige Knechte, die sich eilig verbeugten.

„Ich habe draußen zwei verdächtige Gestalten herumschleichen sehen“, behauptete Heigaard. „Vermutlich vom Schiff, das heute angekommen ist. Geht und nehmt sie fest! Wenn ihr sie habt, schaut, ob ein Boot am Ufer liegt.“

„Aber Herr Vogt, wir sollen doch das Kontor bewachen…“

Himmel, diese Trottel hatten ihm gerade noch gefehlt! Er zwang sich zur Ruhe.

„Das tut ihr ja, indem ihr die Eindringlinge unschädlich macht. Angriff ist die beste Verteidigung.“

„Aber Kaufherr Rasmussen will doch –“

„Ihr möchtet doch nicht, dass ich Rasmussen berichte, ihr wolltet eurem Vogt nicht gehorchen?“

Die Trolle sahen ihn an. Eine Ewigkeit, so schien es ihm.

„Ähm… ja, also, nein, Herr Vogt. Zu Befehl, Herr Vogt.“

„Na bitte. Und sucht gründlich, hört ihr?“

„Gewiss, Herr.“

Sie zogen ab. Heigaard atmete ein paarmal tief durch. Im flackernden Licht der Fackel unten schlich er die Treppe hinauf in Jonas‘ Arbeitszimmer. Zum Glück hatte er den Zweitschlüssel. Da war die Geldtruhe. Zu schwer und sperrig für eine plötzliche Flucht, aber es wäre schade, das gute Geld zurückzulassen. Er kramte ein Stemmeisen aus seinem Sack. Ein kräftiger Ruck öffnete den Deckel. Jonas war einfach zu geizig, um eine sichere Truhe zu kaufen. Gut so. Heigaard nahm zwei prall gefüllte Geldbeutel heraus und schlich wieder nach unten, legte seine Beute an der Haustür ab.

Jetzt kam der schwierige Teil. Er holte ein Stück Lunte hervor. Was hatte Becker über die Brandgeschwindigkeit gesagt? Ein Fuß pro Stunde? Er wickelte ein paar Blätter Papier um das Ende der Lunte, legte sie unter den schweren Holztisch und häufelte weitere Papierschnipsel darauf. Dann holte er die Fackel. Er zögerte. Je mehr Zeit er sich gab, desto weniger verdächtig war er, falls man ihn sah, aber desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Wächter sein Werk fanden. Einen halben Fuß vor dem Papier zündete er die Lunte an. Dann schnappte er die Geldsäcke und schlich zurück nach Hause. Ungesehen gelangte er in sein Schlafgemach.

 

Die erfolgreiche Operation gab ihm seine Kaltblütigkeit zurück.

Als kurz nach seiner Rückkehr an seine Tür gehämmert wurde, mimte er den Schlaftrunkenen, den Erschrockenen. Aus dem Fenster sah er das Feuer auf Tinganes: Das Kontor brannte lichterloh, die kompromittierenden Dokumente über seine und Jonas‘ Amtsführung waren gewiss nicht mehr zu retten. Also stürzte er sich mit überzeugendem Feuereifer auf die Löscharbeiten, schickte die Hälfte seiner Diener mit Eimern zum Unfallsort, die anderen zu den Nachbarhäusern, um mehr Männer zusammenzutrommeln. Als krönenden Abschluss sandte er zwei Knechte zum Schiff, um auch die Hilfe der Kopenhagener zu erbitten. Er war eben immer noch der gerissene Vogt Heigaard!

Während er selbst zur Unglücksstelle eilte, überlegte er, was er mit Jonas‘ Wächtern anstellen sollte. Sie aus dem Weg räumen? Ihnen einheizen? Ihnen Angst machen vor einer Befragung durch die Kommission und ihnen dann großzügig beim Untertauchen helfen?

Gerade als er sich dem brennenden Kontor näherte, tat es einen Schlag. Das Pulverlager!, dachte er entsetzt. Dann traf ihn etwas am Kopf, und er sackte zusammen.

 

„Gottlob, Herr Vogt! Ihr müsst einen Schädel von Eisen haben!“

Heigaard blinzelte. Silbrige Haare und ein Leberfleck auf der Nase: Ingmar Bödvarsen, der alte Quacksalber. Heigaard lag in seinem Bett und der Alte erneuerte gerade die feuchten Tücher auf seiner Stirn.

„Was ist mit dem Feuer?“

„Schlimm, Herr Vogt! Tinganes ist zur Hälfte abgebrannt, Løgtinghaus, Handelskontor, Warenlager… Alle alten Schriften des Løgtings sind verbrannt. Und der Mehlvorrat. Es sah sogar aus, als würde das Feuer die Kirche und Euer Haus erreichen, aber dann fing es an zu regnen. Und mehrere Männer sind umgekommen, Rasmussens Wächter, drei Eurer Knechte… ein Wunder, dass Ihr davongekommen seid!“

Davongekommen im doppelten Sinn, dachte Heigaard. Ausgerechnet Jonas‘ Wächter, die gegen ihn hätten aussagen können, hatte das Feuer getötet. Er war versucht, die Hände zu falten und dem Herrn für seinen Beistand zu danken, aber das Beten hatte er sich vor Jahren abgewöhnt.

 

Die „Gabelzeit“ gilt als das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Færøer. Christopher Gabel starb 1673, aber sein Sohn beherrschte die Færøer bis zu seinem Tode 1708. Allerdings beschnitt die Kommission von 1673 seine Befugnisse. Der Brand vernichtete viele Dokumente des alten Løgtings (Parlaments) und Handelswaren, was zu Mangel und Not führte. Ob das Feuer gelegt war, ist unsicher.

 

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