Von Andreas Schröter

Wir suchen für unsere Hochzeit eine/n

schlanken Kleinwüchsige/n, die/der im Gollum-

Kostüm (Herr der Ringe) mit uns um die Ringe kämpft.

 

Doch, ich hatte diese Anzeige in der Zeitung gesehen, aber nur sehr am Rande meines Aufmerksamkeits-Spektrums wahrgenommen. Eigentlich war ich gerade damit beschäftigt, über die Fußball-Bundesliga-Tabelle nachzudenken. Der BVB, mein Lieblingsverein, war Erster, die Bayern nur Sechster. Ich ging im Geiste die nächsten Spieltage durch, um zu errechnen, wie lange sich die Schwarz-Gelben noch an der Spitze halten würden. Meine Prognose: Lange. Genau in dieser Situation erhaschte ich irgendwo am Rande einer Zeitungsseite, die auf dem Tisch lag, einen Blick auf besagte Gollum-Anzeige. Für den Bruchteil einer Sekunde muss ich sowas gedacht haben wie: Aha, es gibt also noch mehr Spinner wie meine Freundin Sabine.

Es wäre damals vielleicht ratsam gewesen, drei Sekunden länger darüber nachzudenken, dann wäre mir womöglich aufgefallen, dass sich durchaus ein Zusammenhang zwischen besagter Anzeige und unserer geplanten Hochzeit in sechs Wochen herleiten ließ.

Sabine war Herr-der-Ringe-Fan durch und durch. Mindestens einmal im Monat schaute sie die Trilogie von Peter Jackson. Alle drei Filme. In der Extended-Version. Auf Blue Ray. Mit einer Lautstärke, als wäre in unserem Wohnzimmer der Krieg um Mittelerde ausgebrochen. Sie behauptete in jedem Gespräch nach spätestens zehn Minuten, den Tolkien-Roman schon 20 Mal gelesen zu haben. Egal, um was es ging. Und wenn es die eskalierenden Mietpreise in den Großstädten waren. Aber das stimmte nicht. Sie hatte ihn weit öfter gelesen. Außerdem loggte sie sich im Internet in die entsprechenden Foren ein und schrieb selbst Spin-Off-Fan-Fiction-Geschichten um Hobbits und Elben. In unserem Wohnzimmer – wir wohnten seit rund einem Jahr zusammen – stand eine riesige Gandalf-Figur, vor der ich etwas Angst hatte.

Ganz ehrlich? Das alles ging mir unglaublich auf den Sender. Warum konnte ich keine Freundin haben, die mir montagabends nach meiner Arbeit pünktlich so gegen sechs ein schönes Rumpsteak briet, sich interessiert und wiederholt nickend mein Geschimpfe über den fast überstandenen Tag anhörte und sich danach vielleicht einer Handarbeit widmete, die nicht allzu viele Geräusche machte? Um unserem Alltag etwas Abwechslung zu gönnen, könnte sie ja dienstags Hüftsteak servieren und mittwochs Lammkotelett.

Sie fragen sich, warum, um Himmels Willen, ich mit dieser Frau zusammen bin. Die Antwort ist: Ich verliebe mich offenbar ausschließlich in Frauen, die eine Schraube locker haben. Das scheint gar nicht so selten zu sein. Ich habe neulich tatsächlich von einer wissenschaftlichen Untersuchung gelesen, die besagt, dass Männer auf verrückte Frauen stehen. Sie können mir glauben: Ich wünschte, es wäre anders, aber ich bin da wohl leider nur ein ganz normaler Durchschnittsmann. Hier mal ein kleiner Exkurs über meine Exfreundinnen: Susanne war ganz vernarrt in das Tanzen. Am allerliebsten tanzte sie auf der Motorhaube meines ersten Autos, eines Opel Kadett B. Mir war das egal, der Wagen war damals 14 Jahre alt und ganz knapp vor dem Schrottplatz. Etwas heikler wurde die Sache, als ich sie mit dem Wagen meines Vaters, eines recht neuen Toyota Celica, abholte. Als ich ganz sachte Einwände gegen ihr Tanzen auf dem Dach erhob, schrie sie mich an: „Das ist nur ein Scheiß-Auto, du verdammter Spießer. Dir ist eine Sache wichtiger als mein Glück.“ Wir blieben immerhin noch ganze drei Monate zusammen. Dann kam Heike. Ich wohnte seit Kurzem in meiner eigenen Bude mit Parkettfußboden, auf den der Vermieter besonders stolz war. Heike jedoch liebte es, in Stöckelschuhen durch die Wohnung zu laufen. Wenn wir uns stritten – und wir stritten uns oft – stampfte sie mit voller Wucht auf. Der Vermieter weigerte sich später, mir meine Kaution zurückzuzahlen. Naja, drauf geschissen – der Mann hatte ja keine Ahnung, wie es war, wenn Heike ihre Stöckelschuhe auszog. Und diverse Kleinigkeiten mehr. Soll ich Ihnen noch von Sibylle mit ihrem Plüschteddy-Wahn erzählen? Oder von Isabell, die drei (!!) Terrarien mit ekelhaften Nacktschnecken in ihrem Wohnzimmer hatte? Ach, ich glaube nicht, oder? Sie haben das Prinzip verstanden. Ich verliebe mich nur in Frauen, die auf die eine oder andere Art einen Schuss haben.

Irgendwann kam besagte Hochzeit mit meiner Herr-der-Ringe-Freundin. Wir hatten den Standesbeamten gebeten, uns an einem sogenannten „Ambiente-Trauort“ zu trauen: auf dem Steg eines kleinen Sees. Ich wurde in den fensterlosen Laderaum eines Kleintransporters verfrachtet und in ihm zum See gefahren. Dort würde eine Überraschung auf mich warten, hieß es, und ich sollte auf keinen Fall zu früh sehen, was es war. Nun ja, wahrscheinlich war es ihr gelungen, meine ältere Schwester nach Deutschland zu holen, mit der ich mich vor Jahren zerstritten hatte und die inzwischen in die USA ausgewandert war.

Okay, irgendwann hielt der Sprinter, und die Heckklappe ging auf. Weil es im Wagen recht dunkel gewesen war, konnte ich nicht sofort erkennen, welcher Anblick sich mir theoretisch hätte bieten sollen. Ich hörte nur seltsam gutturale Laute, als bereite sich eine düstere Meute auf eine Schlacht vor. Doch dann wurde das Bild klarer. Die komplette Hochzeitsgesellschaft – etwa 40 Leute – bestand aus Orks – und sie machten die seltsamen Geräusche, der Standesbeamte sah aus wie der Zauberer Saruman, und meine liebe Sabine strahlte mich im Outfit der Elbin Arwen an. Ich wollte mich schon wieder auf die Ladefläche des Transporters begeben, wurde aber vom Fahrer und seinem Beifahrer, ebenfalls Orks, daran gehindert und Richtung Steg geschoben, wo mich Sabine/Arwen bestens gelaunt erwartete und das Geschrei der Meute hinter mir immer bedrohlicher wurde. Wie hatte Sabine es geschafft, unsere gesamten Verwandten und Bekannten dermaßen zu drillen?

„Sabine, was soll das?“, raunte ich meiner Zukünftigen zu, kurz bevor die eigentliche Zeremonie begann.

„Wenn alle anderen aussehen wie Orks, strahlt mein Held als normaler Mann aus Gondor doch ganz besonders schön“, säuselte sie.

„Ich komme nicht aus Gondor“, gab ich matt zurück, „sondern aus Dortmund-Hörde.“ Doch da setzte Saruman schon zu seinem Sermon an.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich unter anderem das Wörtchen „Ja“ gesagt hatte, meinte er: „Sie dürfen nun die Ringe tauschen“. Zwei der Orks, das mussten mein Bruder Klaus und Sabines Halbschwester Gesine sein, traten hervor, um uns die Schatullen mit den Ringen zu geben. Ich nahm das Schmuckstück, das für Sabine bestimmt war, heraus und wollte es ihr an den Finger stecken, als ein kleines, hässliches Wesen, das ich zuvor nicht bemerkt hatte, hervorsprang und versuchte, mir den Ring zu entreißen. Dabei schrie es auf schrille und unangenehme Weise „Mein Schatz.“ Was sollte der Schwachsinn? Ich merkte, wie ich sauer wurde und schon jetzt, keine zwei Minuten nach meinem Ja-Wort, daran zweifelte, ob diese Eheschließung wirklich eine gute Entscheidung gewesen war. Ich rang ein bisschen mit dem Wesen, das ganz offensichtlich die Figur Gollum darstellen sollte, doch es war stark und gab den Ring nicht wieder frei. Am Rande nahm ich wahr, dass die Orks und auch Sabine sich offenbar köstlich amüsierten. Nach gefühlten fünf Minuten war der Kampf immer noch im Gange, und so langsam verlor ich die Geduld. Ich nahm diesen Gollum-Verschnitt in den Schwitzkasten und verstärkte den Druck. Doch mein Gegner gab nicht auf. Im Gegenteil: Er biss mir in den Finger, dass das Blut spritzte. Ich schrie auf, und das war der Moment, in dem Gollum mir den Ring entwenden konnte. Er nahm ihn, hastete damit zum Ende des Stegs und ließ ihn einfach ins Wasser fallen. Ich war entsetzt, doch mit diesem Gefühl war ich offenbar gänzlich allein. Die Orks hatten wieder ihr Kampfgeschrei aufgenommen, und Sabine grinste verschmitzt, als sie unter dem Tisch des Standesbeamten eine Taucherausrüstung hervorzog.

„Wenn du mich wirklich liebst, dann holst du mir den Ring aus dem See“, sagte sie mit verträumtem Augenaufschlag. Das alles war geplant. Gollum hatte gar keine andere Aufgabe, als den Ring im See zu versenken. Und die hatte er souverän erledigt.

Ich kann Ihnen versichern, ich verfluchte einige Minuten später, dass der verdammte See nur etwa zwei Meter tief war und ich den Ring sofort fand. Ich hätte mir gewünscht, er wäre 40 oder 50 Meter tief gewesen. Ich wäre zum Grund getaucht und hätte dort nach irgendwelchen Höhlen gesucht, durch die ich auf Nimmerwiedersehen hätte verschwinden können.

Unsere Ehe dauerte sechs Monate, dann traf Sabine jemanden, der ein riesiges Superman-S auf der Brust tätowiert hatte. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie deren Hochzeit verlaufen ist.

Ich jedenfalls bin seither Single und werde auch versuchen, es zu bleiben. Das heißt, naja, mal sehen. Gestern war eine ganz interessante Anzeige in der Zeitung:

Ruhige Sie

sucht ruhigen Ihn.