Von J.W. Anders

„Ich habe endlich Signale eingefangen, die klar sind“, stört Nummer Eins die konzentrierte Arbeit.

Nummer Zwei, Drei und Vier verlassen ihre Plätze.

„Und? Was gibt es?“, fragt Nummer Drei.

„Seht selbst.“

Auf dem Bildschirm zeigen sich Aufnahmen in schwarz und weiß. Boden und Himmel sind scheinbar ohne Farbe, während sich im Hintergrund eine unregelmäßige dunkle Fläche abhebt. Parallele Linien in hellem Grau führen durch den Vordergrund.

„Ist das alles?“, nörgelt Zwei.

In diesem Augenblick kommt eine Figur ins Bild, von Kopf bis Fuß in Rot mit kleiner Lücke für ein Antlitz.

„Ah, es gibt doch Farben in dieser Übertragung. Ich dachte schon, sie ist so alt, dass wir nur schwarz-weiß sehen können. Na schön, dann schauen wir mal, was passiert.“

Die Person gleitet auf langen schmalen Brettern in den grauen Linien vorüber.

„Kuriose Fortbewegungsart“, grummelt Nummer Zwei.

„Wozu soll das gut sein?“, fragt Nummer Drei.

Nummer Vier imitiert die Bewegung und stößt sich dabei im Wechsel mit den Beinen ab. „Keine Ahnung, wofür diese komischen Spieße sind“, meint Vier. Wie erwartet gibt es keine Antwort.

Nachdem etliche Gestalten in Schwarz, Blau, Orange, Grün und Gelb durchs Bild geglitten sind, hat Nummer Vier die Abfolge aus Arm, Arm, Bein, Arm, Arm, Bein heraus und langweilt sich. Damit ist es nicht allein. Nummer Eins ändert die Einstellung und auf dem Bildschirm wird ein eigenartiges Gestell sichtbar.

„Sieht aus, wie eine fehlgeplante Startrampe“, meckert Nummer Zwei.

Der Bildausschnitt zoomt an das obere Ende heran, auf einen Körper, der bisher zu winzig war, um ihn wahrzunehmen.

„Wieso sitzt es da oben? Was soll das denn werden?“, fragt Drei.

„Es hat auch diese Bretter an den Füßen. Jedoch keine Spieße. Unklarer Sachverhalt. Widerspricht Sinn und Verstand“, grantelt Nummer Zwei.

In diesem Augenblick stößt sich die Gestalt ab. Gleitet in unerwarteter Geschwindigkeit das Gestell hinab.

„Es will sich umbringen!“, ruft Nummer Drei.

Das untere Ende des Gestells kommt ins Bild, das in kurzem Bogen nach oben führt.

„Nein, es will sich in die Höhe katapultieren lassen“, kichert Zwei. „So ein Blödsinn. Das kann nur schiefgehen.“

Inzwischen hat Nummer Vier die gebeugte Haltung der Figur eingenommen. Als diese von der Rampe abhebt, streckt Vier sich in spitzem Winkel vorwärts.

„Nein, seht es euch an: Es fliegt. Es fliegt tatsächlich! Und dabei hat es keine Flugflächen“, ruft Nummer Drei.

„Ganz im Gegensatz zu Vier“, lästert Nummer Zwei.

Nummer Vier schnellt vom Boden hoch. „Pfff, ich habe ja auch kein solches Gestell zur Verfügung. Sonst könnte ich eine genauere Rekonstruktion versuchen. Doch wozu wollen die mit diesen Brettern fliegen. Ich verstehe diese Art des Bewegens nicht.“

Nummer Eins zappt bereits zu Aufnahmen mit flachgedrückten Fortbewegungsmitteln, die weißen Staub hinter sich herziehend durch schmale Bahnen flitzen. „Ein bisschen old school, oder?“ Eins zappt weiter zu einem steilen Abhang. Auf Brettern saust eine biegsame Figur mäandernd hinab.

„Sie scheinen es schnell zu lieben“, sinniert Eins.

Sie beobachten einige rasende Gestalten.

„Hat eine gewisse Dynamik“, gibt Nummer Drei zu. „Doch wozu schlängeln die so? Sie könnten doch auch gerade hinunter sausen. Dann wären sie noch schneller.“

„Vielleicht macht es dieses Wedeln schwieriger.“

In diesem Augenblick schlittert eine Figur aus der Kurve. Verliert das Gleichgewicht. Überschlägt sich, rutscht weiter und bleibt in einem Netz am Rand der weißen Bahn hängen. Rührt sich nicht mehr.

Vier rollt sich auf dem Boden zusammen. „Ja, und schmerzhafter.“

„Seltsame Vorliebe. Sie bringen sich gerne in Gefahr und verletzen sich.“ Nummer Zwei schüttelt sich, während Nummer Drei „Wozu soll das gut sein?“ einwirft.

„Und wieso ist die gesamte Umgebung weiß?“, quengelt Zwei. „Ich dachte, es ist alles braun. Ockerbraun, olivgrünbraun, violett-braun, rotbraun, dunkelbraun, verbrannt-braun.“

„Kann ich mir noch nicht erklären. Na schön, suchen wir etwas anderes.“

„Stopp!“, ruft Nummer Vier. „Eins, lass das hier weiterlaufen.“

Auf glitzernder Fläche drehen sich zwei Figuren umeinander. Ihre Ausstattung passt farblich zueinander, doch während die eine Person von Fuß bis Antlitz eingefärbt ist, flattert etwas Durchscheinendes um die zweite. Die Gestalten verhaken sich, rotieren. Plötzlich wird das Flatternde in die Höhe geworfen. Es landet sicher und dreht sich einmal um die andere Figur. Gleitet davon und kehrt wie angezogen zur Werfer-Figur zurück.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, flüstert Vier. „Das ist – das ist irgendwie – schön!“

„Schaut euch mal an, was die unter den Füßen haben. Sieht aus wie Metall, oder? Zumindest glänzt es.“ Nummer Zwei kann den Blick nicht abwenden. „Und diese Dinger sind ganz schmal, wie ein Strich.“

„Wozu soll …“

„Lass gut sein“, unterbricht Eins.

Nummer Vier reckt sich zur größtmöglichen Länge empor, dreht sich schnell und immer schneller um sich selbst. Kippt zwischen Nummer Zwei und Eins zu Boden. Die gesamte Kabine bebt.

„Woah, was für ein abartiges Gefühl. Es dreht sich immer noch alles. Und scheint zu schwanken. – Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie all diese Anstrengungen machen: weil sie etwas anderes fühlen wollen als das, was die Natur vorgibt. – Und schaut jetzt mal: Es hält das Flatternde mit dem Kopf nach unten und schwingt es um sich herum. Auf und Ab. Ich frage mich …“

„Bleib mir bloß weg“, quäkt Zwei und macht sich so klein wie möglich, während Nummer Drei vor sich hin schimpft: „Macht keinen Sinn, das alles.“

„Ich frage mich“, fängt Nummer Vier noch einmal an, „ob wir so eines treffen können, damit ich herausfinden kann, wozu sie dieses Drehen machen. Wie es funktioniert. Vielleicht kann ich es mir beibringen lassen.“

„Wir werden sehen, Vier, wir werden sehen.“ Nummer Eins klingt nicht übermäßig begeistert.

Eine neue Szene kommt ins Bild. Paare in verschiedenen Farben stehen auf einer Dreierstufe. Ein Individuum ganz in schwarz tritt vor die Gruppe. Eine weitere Person reicht der schwarzen etwas und diese hängt es einer Gestalt auf der Dreierstufe um. Nachdem alle auf der Dreierstufe behängt wurden, geht Schwarz zur Seite ab und die fernen Beobachter können erkennen, was die Figuren bekommen haben.

„Oh, schaut euch das an. Das sind kleine Metallplättchen an einem Band. Immer zwei haben dieselbe Farbe.“

„Schön, das könnte also so etwas wie eine Rangfolge sein“, vermutet Eins.

„Dann wissen wir ja nun, weshalb sie das ganze tun.“ Nummer Drei wirkt mit dieser Schlussfolgerung zufrieden.

„Wieso? Erschließt sich mir nicht“, nörgelt Nummer Zwei.

„Na, wegen der Rangfolge. Sie wollen wissen, wer besser ist. Wer nach diesen Torturen oben steht, kann auf die anderen herunterschauen.“

„Nein. Das kann nicht alles sein. Schau doch mal genau hin. Die beißen in diese Plättchen. Ich wusste gar nicht, dass die Metall essen können.“

„Also, falls sie dies vorhatten, hat es nicht funktioniert. Die Plättchen sind immer noch vollständig.“

Nummer Zwei wendet sich ab, nicht ohne „Eins… besser wissen“ vor sich hin zu brummeln.

Buchstaben erscheinen auf dem Bildschirm: Olympische Spiele Milano Cortina 2026.

„Ach, zu Ende. Wie schade.“ Nummer Vier verzieht sich wieder an seinen Kontrollplatz. Nummer Drei folgt langsam. Bis zum Ziel warten nur Routineaufgaben.

 

„Na endlich!“ Wieder lockt der Ausruf von Nummer Eins die anderen an. Auf dem Bildschirm zeichnet sich innerhalb der leuchtenden Koordinatenlinien ihr Ziel ab.

„Die Eindrücke, die Späher Eins und Zwei geliefert haben, scheinen korrekt. Nichts als braun: Ockerbraun, olivgrünbraun, violett-braun, rotbraun, dunkelbraun, verbrannt-braun. Zumindest aus dieser Entfernung.“ Zwei weiß nicht, ob es zufrieden oder enttäuscht sein soll.

„Könnte ja auf der abgewandten Seite irgendwo noch weiß sein. Na schön, gehen wir runter in den Orbit.“

Nummer Eins wählt die entsprechenden Einstellungen, während Drei die Kontrolle der Technik übernimmt.

„Nein, nichts Weißes. Nirgendwo.“

„Dafür ein Riesen-Krater neben dem anderen. Haben die keine Ahnung, wie man sich vor Meteoriten-Schauern schützt?“, schimpf Nummer Zwei. Die Mission entpuppt sich auf breiter Basis als Ernüchterung.

„Weshalb …?“

Nummer Eins fällt Drei ins Wort. „Ich kann keine extraterrestrischen Werte messen. Stattdessen eine hohe Radioaktivität.“

„Soll das etwas heißen …“

„Wozu …?“

„… sie haben sich selbst ausgelöscht?“, fährt Nummer Vier lauter fort. „Ist keines mehr übrig?“

„Ich empfange keine Hinweise auf Lebensformen.“

„Wie schade! Dann kann ich keines mehr fragen, was es mit dem Drehen und Gleiten auf sich hat. Es bleibt also bei Mutmaßungen.“

„Weshalb sollen Wesen, die zu etwas Schönem fähig sind, sich selbst auslöschen?“ Endlich kommt Nummer Drei zu Wort.

„Vielleicht war die Liebe zur Gefahr größer als die Liebe zur Schönheit. Wir werden es wohl nie erfahren“, sinniert Nummer Vier.

Gleichzeitig vermutet Eins: „Das kommt sicher von ihrem Streben nach schneller, höher, weiter, gefährlicher. Irgendwann gibt es keine Grenzen mehr.“

„Für uns ist dieser Planet jedenfalls unbrauchbar.“ Nummer Zwei macht keinen Hehl aus der Unzufriedenheit. „Wie konnten die nur so dumm sein! Man zerstört doch keinen Lebensraum. Da hätte ich etwas mehr Voraussicht erwartet. Jetzt wäre es ein Riesenaufwand, hier etwas kultivieren zu wollen.“ Grummelnd verzieht es sich in seine Ecke.

„Leider!“, stimmt Vier zu. „Tja, der Sinn des Lebens ist es, zu forschen, nicht zu besitzen.“

„Schönes Schlusswort, Vier! Ab nach Hause. Energie!“

„Warp 9?“, fragt Nummer Vier, nach dem Prüfen aller Daten. „Dann können wir auf dem Rückweg noch einmal dieses Figuren-Drehen ansehen. Als letzte Erinnerung an die Erdlinge.“

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