Von Simone Tröger

Annemarie zog vorsichtig am Reißverschluss ihres Anoraks. Genauso behutsam nahm sie das Baby an sich und gab dem Mädchen, das keine Nase besaß, einen Kuss auf die Stirn. Das Licht war zwar nicht besonders nahe am Tageslicht; aber auch nicht so dunkel wie in einem Kellerverließ. Auch das beheizte Baby-Nest befand sich sehr abseits jeglichen Geschehens. Also zögerte Annemarie nicht länger und legte das Bündel sanft in das wärmende Schaffell. Das Baby ruderte nicht mit den Ärmchen, Hände hatte es ohnehin nicht. Glücklicherweise weinte das Kind nicht. Daraufhin schloss Annemarie leise die Babyklappe. Die Kapuze tief im Gesicht schaute sie nervös nach allen Seiten und rannte mit einem tiefen Seufzer davon.

Etwa 500 Meter weiter verschnaufte sie auf einem Parkplatz. Aus der geöffneten Fensterscheibe eines Autos hörte Annemarie Fragmente eines Berichtes von der Winterolympiade in Italien. Diese Informationen verfolgten sie schon ein paar Tage. Es könnten auch Wochen sein. Letztendlich war das nicht wichtig für sie.

Einzig zwei Namen hatte Annemarie aufgeschnappt und sich gemerkt: Milano Antonelle und Cortina Biacchi. Worauf die Scheibe wieder nach oben ging. Cortina. Das war der Name, dem sie ihrem Baby gab. Keine Zeit, um darüber nachzudenken. Um Abstand zu dieser Sache zu gewinnen, musste sie weiter weg sein. Sie setzte ihren Weg rennend fort. In dieser Gegend wohnte eine Freundin. Also hatte Annemarie keine Mühe, sich zu orientieren. Wenn die Eltern von der Arbeit kamen, musste, ja MUSSTE, sie bei eingeschaltetem Fernseher auf der Couch sitzen und so tun, als wäre nichts gewesen.

Die Gedanken an das Baby fesselten regelmäßig andere Gedanken. Viel zu dünne Strampler hatte sie ihrem Mädchen angezogen. Die Decke, die sie um den kleinen Körper gewickelt hatte und das Jäckchen waren ebenfalls nicht so, als würden sie den winterlichen Temperaturen lange standhalten. Vielleicht fand man Cortina auch schon? Durch Läuten eines Glöckchens wird die Ankunft eines Babys angekündigt. Doch das hatte Annemarie nur zufällig, während sich zwei Frauen in der S-Bahn unterhielten, mitgehört. Der Gedanke beruhigte sie jedoch dahingehend, dass Cortina nicht lange frieren musste, falls sie das tat.

Es gab noch einen Grund, weshalb sie den Namen des Sportlers aus dem Autoradiobericht im Gedächtnis behielt. „Milano“, der süße Milano, war der Papa des Babys. Alle Mädchen waren ständig um ihn herum. Der schwarzhaarige, großgewachsene Milano. Mutter, Vater, Kind… Hieß nicht so das Kinderspiel?

Obwohl Annemarie ihren Kopf sorgsam verhüllt hatte, wurde sie von der ihr entgegenkommenden Nachbarin erkannt: „Hallo Annemarie!“ Die Kindsmutter sah sie nur schleierhaft und wie durch einen Nebel. Annemarie grüßte zurück, denn etwas anderes hätte ihre Tat verraten. Dessen war sie sich sicher.

Im Lautsprecher eines Fernsehfachgeschäftes fasste ein Reporter soeben den Abfahrtslauf der Herren zusammen. Dämliche Olympiade!

Da! Auch das noch! Trotz ihrer großen Kopfbedeckung erkannte Annemarie ihren Lehrer. Diesmal recht deutlich und ohne Schleier. Sogleich schnürte sich ihr Schal von allein sehr viel fester um ihren Hals. Schließlich hatte sie eben etwas Schlimmes getan. Würde sie Herr Weigand jetzt in ein Gespräch verwickeln? Was sollte sie dann antworten? Die Schule hatte sie auf keinen Fall geschwänzt, also würde es keine Rüge geben. Es waren Winterferien. Aber der Schullehrer ging schnellen Schrittes um die Ecke, ohne Annemarie zu sehen. „Puh, das ging noch einmal gut!“

Außerdem kam sie in heimatliche Gefilde. Das war erfreulich, denn es begann zu dämmern. Nicht, dass sie sich fürchtete. Heute entzog sich Annemarie sehr gern den bohrenden Fragen der Eltern, morgen der der Nachbarn, übermorgen der der ganzen Stadt. In den Zeitungen berichtete man sicher auch über sie. Mit der Olympiade würde sie konkurrieren um die Sendungen im Radio und Fernsehen.

Aber ein Dach über dem Kopf wäre ihr schon recht.

Es war wieder Luft, um über das Geschehene nachzudenken. Vielleicht gab es jemanden, der Mitleid mit dem Baby hatte, ihm schöne Kleidchen nähte oder kaufte.

 

Inzwischen war sie nahe ihres Wohnhauses. Die Autobahnbrücke sah sie in der Ferne. In der Wohnung brannte noch kein Licht. Das war tröstlich. Sie würde also vor Eintreffen der Eltern mit einer Tüte Chips auf dem Sofa sitzen oder mit einer Freundin telefonieren. In Nürnberg war auch in der Dämmerung noch viel los. Annemarie malte sich aus, die Autobahn diente als Rennstrecke beim Olympia-Langlauf. So löste sich der Knoten um ihren Hals und wurde lockerer.

Das Gras war feucht und kalt. Ungeachtet dessen setzte sie sich völlig außer Puste hin. Der Sauerstoff kehrte in ihr Gehirn zurück. Sie dachte lange nach. Ob sie es richtig machte? Was passierte danach mit den Babys? Gab es dafür nicht auch eine Strafe? Ob Cortina gefunden wurde? Forschte einer nach, wer das getan hatte?

Annemarie kroch nun hoch, da es inzwischen dunkel war. Außerdem musste sie sich sputen, um vor Eintreffen der Eltern daheim zu sein.

Sämtliche hinderlichen Bedenken schob sie beiseite. Allem würde sie entgegen gehen und sich voller Selbstbewusstsein der Wahrheit stellen.

Hinter dem welken Gebüsch sah sie auf die „Langlaufstrecke“ und beschloss, sich zum Geburtstag eine neue Babypuppe zu wünschen. Für neunjährige Erziehungsberechtigte war das doch ein kindgerechter Wunsch.

 

 

 

 

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