Von Claudia Schäckel
Ein heller Vollmond steht über einem zugefrorenen See, eingerahmt von hohen Bergen und tief verschneiten Wäldern.
Zwischen den Bäumen bewegen sich Schatten, erst nur wenige, dann mehr und mehr. Sie strömen von allen Seiten in das über 1.600 m hoch gelegene Tal. Sie erscheinen zwischen den Bäumen und ergießen sich auf die Tribünen.
Aus den Katakomben tritt ein riesiger Bär in die Dunkelheit und hebt ein Megafon vor sein Maul.
„LICHT AN!“, brüllt er in die Nacht.
Eine der großen Flutlichtlampen nach der andern geht an. Die Arena wird taghell, begleitet von lautem Jubelgeschrei von den voll besetzten Tribünen. Alle sind gekommen, vom Wildschwein über Rotwild, Vögel und viele andere. Eine Gruppe Waschbären schreit mit einigen Murmeltieren um die Wette und in den hinteren Reihen stehen sogar zwei Elche.
Eine Lichterspur bahnt sich ihren Weg durch den Wald. Auch hier wird jedes Aufflackern vom anschwellenden Jubel unzähliger Zuschauer gefeiert.
Der Bär wendet sich an einen Raben, der neben ihm auf dem Geländer sitzt.
„Alles vorbereitet?“
„Die Streckenposten sind eingeteilt und auf ihren Plätzen.“
Der Bär nickt und rückt sein Headset zurecht.
„Können mich alle hören?“, fragt er in sein Mikrofon.
Der Chef der Strecken-Raben zieht sein Mikro neben den Schnabel, nickt kurz und fliegt in Richtung Startaufstellung.
„Stadionsprecher bereit?“, fragt der Bär.
Die klare Stimme der erfahrenen Wölfin und Stadionsprecherin antwortet über seinen Kopfhörer.
„Bereit.“
Gleich darauf ein leises Klicken, dann ist sie über die Lautsprecheranlage bis in den letzten Winkel zu hören.
„Hallo zusammen. Hier ist eure Kommentatorin! Eure Alice!“, hallt es durch Arena und Wald.
„Who the fuck is Alice!!”, antwortet die gesamte Zuschauermenge dröhnend.
„Super! Ihr seid gut drauf!“
Johlende Zustimmung.
„Herzlich willkommen“, ihre Stimme wird lauter, „zur ersten HASEN-JAGD 2026.“
Die Menge jubelt, stampft und röhrt ihre Begeisterung in die Nacht.
Der Bär schüttelt kurz seinen massigen Kopf über die Euphorie, die sie anscheinend auf Knopfdruck verbreiten kann.
Aus den Lautsprechern schallt „An Tagen wie diesen …“ um die Wette mit dem Zuschauerchor.
„Schießstand bereit?“
„Schiedsrichter bereit!“ Die erste der Eulen hebt einen Flügel. Sie saßen, je eine, hinter jedem der Schießstände.
„Munitions-Team bereit!“ Unter jeder Eule hüpfen zwei aufgeregte Eichhörnchen hin und her, zwischen ihnen je ein Hügel Haselnüsse.
„Security bereit!“ Die dunkle, kehlige Stimme kam nicht nur aus dem Kopfhörer, sondern war auch direkt hinter ihm.
Erschrocken macht der riesige Bär einen Satz nach vorne und dreht sich um.
„ALTER!“ Peinlich berührt sieht er in die Runde. Alle Posten, mit denen er verbunden ist, schauen rüber und die Eichhörnchen kichern hörbar und schadenfroh.
„Immer wieder gerne.“ Der große, hellgraue Wolf grinst zu ihm hoch. Dann wird er sachlich.
„Ich mach mich auf den Weg zum Start.“
Der Bär nickt und atmet einmal tief durch.
„Einlass der Athleten!“, befiehlt er und hebt die rechte Tatze.
Die Katakomben öffnen sich.
Alice übernimmt.
„Begrüßt mit mir die in diesem Winter bis jetzt ungeschlagene Nummer 1!“, sie macht eine kurze Pause. „Aus Italien. LOLA BRIGIDA!“
Jubel bricht los.
Aus den Katakomben sprintet eine schlanke braune Häsin mit schmalen Eisskiern unter den Hinterläufen, Stöcken in den Pfoten und der Nr. 1 auf dem Trikot.
„Lola! Lola!“, hallt es durch die Arena, während sie sich auf den ersten Startplatz stellt und noch einmal den Sitz der großen Schleuder auf ihrem Rücken überprüft.
„Nur wenige Punkte dahinter der norwegische Schneehase. GIS LARSON!“
Ein kleinerer schneeweißer Hase mit der Nummer 2 auf dem Trikot nimmt unter etwas weniger Applaus den zweiten Startplatz neben Lola ein. Sie würdigt ihn keines Blickes.
„Und etwas abgeschlagen, unsere österreichische Nummer 3 der Rangliste! KAISA SCHMARN!“
Jetzt brandet der stärkste Jubel auf. Silbernes Fell, lange schlanke Läufe und geschmeidige Bewegungen. Kaisa schiebt sich auf den dritten und letzten Startplatz in der ersten Reihe. Gis sieht zu ihr und sie erwidert seinen Blick. Hinter langen Wimpern kann er die kleinen Goldsprenkel in ihren braunen Augen erkennen. Abgelenkt bekommt er nicht mit, dass die restlichen zehn Teilnehmer zusammen in die Arena gekommen sind und sich hinter ihnen aufgestellt haben.
Ein lauter Glockenschlag bringt ihn wieder zu sich.
„ZWEI!“, schreit das Publikum beim nächsten Glockenschlag.
„LOS!“
„Gis hat den Start verpennt.“, kommentiert Alice prompt. „Er sollte sich mehr auf den Wettkampf konzentrieren.“ Sie klang ein wenig mitfühlend. „Die kleine Verzögerung hat sich auf die anderen Starter ausgewirkt. Der Schweizer Widder hat seinem amerikanischen Hintermann unglücklich auf die Ski getreten. Eisbruch schon beim Start. Was wird da noch passieren?“
Aus den Stadionlautsprechern schallt „Highway to Hell“. Das Publikum grölt begeistert mit.
„Die erste Steigung im Wald. Die Gruppe ist noch nah beieinander. Der unglückliche Amerikaner hat einen neuen Ski und macht sich jetzt an die Verfolgung.
Langsam zieht sich das Feld auseinander. Lola ist einfach unschlagbar in Tempo und Technik. Kaisa kämpft darum, an ihr dran zu bleiben. Gis, hinter ihr, wirkt immer noch ein wenig abgelenkt. Sein Blick hängt an dem silbernen Fell vor seiner Nase.
Der Deutsche Riese, BILE FELD, holt auf. Kommt immer näher.
Der letzte Anstieg vor dem Schießstand!
Bile setzt sich neben Gis und zieht mit langen, kräftigen Schritten an ihm vorbei. Hören wir, was sein Trainer an der Strecke sagt.“
„Gut so. Gleichmäßig weiter über die Kuppe. Das ist deine Chance. Du bist der bessere Schütze.“, hört man den nebenher rennenden Hasen schreien.
„Der bessere Schütze? Schauen wir mal. Die Munition wird bereitgelegt und die Führenden kommen zum Schießstand.“
Auf den großen Bildschirmen sieht man fleißige Eichhörnchen. Sie legen Haselnüsse vorne an die Matten. Immer 6 sauber nebeneinander. In 10 Metern Abstand sind leere Dosen auf Balken platziert. Immer 3 pro Matte.
„Jetzt kommen sie zum ersten Schießen. Ob Kaisa wieder alles beim ersten Schuss trifft? Bile kommt als Dritter über die Kuppe, aber Gis hat den Anschluss nicht verloren. Die beiden Häsinnen gehen auf ihre Matten.“
Im Stadion wird es völlig still.
Lola ist etwas früher in Stellung, nimmt die Schleuder vom Rücken und greift nach der ersten Nuss. Alles eine Bewegung. Aufheben. Einlegen. Aufrichten. Spannen. Atem anhalten. Die erste Dose fliegt in hohem Bogen von dem Balken.
Das Publikum kommentiert mit lautem „AH!“.
Kaisa trifft. Das AH! ist noch lauter.
Gis und Bile sind angekommen. Stellen sich auf. Nehmen die Schleudern von den Schultern und beginnen zu schießen.
Lola trifft. „AH!“
Kaisa trifft. „AH!“
Lolas Dose bleibt stehen. „OH!“
Die Eule, die für Lola zuständig ist, tuschelt mit einem der Security-Wölfe.
Kaisa trifft die dritte Dose. „AH!“
Schultert ihre Schleuder und läuft unter dem Jubel der Zuschauer als Erste wieder los.
Gis ist fertig und folgt ihr.
„OOH!!“, hallt es durch die Arena.
Lola kann die letzte Dose wieder nicht vom Brett schießen. Sie hat nur noch eine Nuss.
Bile ist fertig. Läuft los.
Die Eule fliegt zu der Dose von Lola. Der Wolf stoppt ihr Schießen. Irritiert hält sie die letzte Nuss in der Pfote. Eines ihrer Eichhörnchen zuckt nervös und versucht zu fliehen. Eine schwere, schwarze Pfote tritt energisch auf seinen puscheligen Schwanz.
„Schön dableiben.“, knurrt ein großer, schwarzer Wolf.
„Sie hat getroffen. Beide Male. Kann los.“ Kommentiert die Eule und ruckelt an einer offensichtlich befestigten Dose.
Lola lässt sich das nicht zweimal sagen und sprintet in einer 4-köpfigen Verfolgergruppe hinter den Führenden her.
Der Wolf packt das panische Hörnchen im Nackenfell und trägt es in die Katakomben.
„LOLA! LOLA!“
Die Zuschauer schreien, was die Lungen hergeben.
„Ob sie das wieder aufholen kann?“, Alice heizt ihnen noch weiter ein.
„Sweet Caroline …”, hallt es im Chor durch Wald und Stadion.
Mit langen, ausgreifenden Schritten beginnt Lola die Aufholjagd.
Gis liegt in Führung.
Kaisa und der Deutsche Riese sind mit etwas Abstand hinter ihm. So laufen sie zum zweiten und letzten Schießen ein.
Hochkonzentriert beginnt der norwegische Schneehase.
Treffer. „AH!“
Kaisa schießt und die erste Dose fällt. „AH!“
Gis. „AH!“
Kaisa. „AH! AH!“
Gis ist irritiert. Das war schnell.
Kaisa läuft los.
Bile hat anscheinend noch nicht einmal angefangen. Seine Dosen stehen noch alle.
Gis. Die letzte Dose. „AH!“
Er packt sich die Schleuder auf den Rücken und rennt los.
Beim Einbiegen auf die Strecke sieht er Kaisa, die von einem Security-Wolf aufgehalten wird.
Seine Chance. Volle Konzentration und laufen, was die Hasenpfoten hergeben.
An Kaisa vorbei, die der Wolf mittlerweile im Nacken gepackt hält und die ihn mit wutverzerrtem Gesicht lautstark beschimpft. Der Wolf ist bei den unflätigen Ausdrücken tiefrot geworden, auch wenn das keiner sehen kann.
Alice kommentiert begeistert.
„Gis liegt vorne!
Kaisa ist raus. Bile hat ihr die letzte Dose vom Balken geschossen. Beide sind disqualifiziert. Wieder einmal Drama, Baby, Drama.“
Gis kommt über die letzte Kuppe.
Aus den Lautsprechern und von den Rängen dröhnt: „Dann hebt er ab und völlig losgelöst … “
Lola taucht hinter Gis auf.
Und einer der französischen Rammler hat es geschafft, sich in ihren Windschatten zu hängen.
Gis sieht sich kurz um, legt noch einmal zu.
Sie kommt näher.
Das Publikum rastet aus.
Ein junges Wildschwein springt über die Absperrung und rennt kreischend neben Gis her. Bis zum nächsten Wolf.
Gis hat nur die Ziellinie vor Augen und gibt alles.
Lola kommt näher.
GIS GEWINNT!
Kurz hinter ihm kommt Lola ins Ziel.
Und mit etwas Abstand ein völlig fertiger und überraschter französischer Hase.
Alle drei umarmen sich begeistert und gratulieren sich gegenseitig.
Auf der Leinwand sieht man das wutverzerrte Hasengesicht von Kaisa, die mit trotzig verschränkten Vorderpfoten im Maul des Wolfs baumelt.
Durch die Arena hallt „So ein Tag, so wunderschön wie heute …“
Eine Stunde später knackt es über ein Megafon und die tiefe Stimme des Bären ruft in die Nacht.
„LICHT AUS! “
V1 / 9.985
