Von Marianne Apfelstedt

Auf dem Plan sehe ich mir an, für welche Regale ich heute zuständig bin. Zuerst geht es in die Sanitärabteilung, Duravit-Waschbecken auffüllen. Ich klemme mir meinen Arbeitsplan unter den Arm. Meine Finger sind klamm vor Kälte, schnell streife ich mir die Handschuhe über. Ich zwirble den Pferdeschwanz zu einem Dutt und ziehe die Wollmütze darüber. Am Brett mit den Schlüsseln hängt nur noch einer. Der Schlüssel der Taube, so genannt, weil sie schon recht flügellahm ist und immer irgendwo hängen bleibt. Was solls, wer zu spät kommt, muss nehmen, was übrig ist. Dabei hätte ich den vorherigen Bus fast erwischt.

„Frau Pfeiffer, auch schon da? Jetzt aber hurtig, die Regale müssen vor der Öffnung aufgefüllt werden. Heute ist schließlich Samstag und jetzt vor Weihnachten sind die Kunden in Kauflaune.“
„Ihnen auch einen guten Morgen.“ Er zieht eine Augenbraue nach oben, was mich ein wenig an den Grinch erinnert und geht kopfschüttelnd weiter. Den Chef kann ich mir auch nicht aussuchen. Herr Grün, den Filialleiter würde ich nur zu gerne eintauschen.

Ich starte die Taube und lenke sie zwischen die Regale für den Sanitärbereich. Ohne Probleme lade ich fünf Waschtische auf und fahre durch das Rolltor in den Ladenbereich des Baumarktes. Umsichtig bugsiere ich den Gabelstapler durch die Reihen zum gewünschten Standort und befülle den Lagerplatz mit den Waschbecken. Diese stille Stunde, wenn der riesige Verkaufsbereich wie eine Märchenlandschaft anmutet, mit Wegen die im Neonlicht glänzen und warten bis sie von Stiefeln und Schuhen wieder und wieder getreten werden. Mit gefüllten Regalen, jungfräulich, alle Artikel in Reih und Glied, harren sie ihrem großen Auftritt entgegen, wenn sie geweckt werden vom Stimmengewirr der zukünftigen Käufer. In dieser stillen Stunde mag ich meinen Job. Ich trete heftig auf die Bremse. Mein neuer Kollege Herbert kommt mit Schwung aus dem Gang vor mir, nimmt die Kurve ungebremst und fährt zurück zum Lager. Angeber. Er bildet sich was darauf ein, dass er seine Liste immer am schnellsten abarbeitet. Doofmann. Die Taube ist abgestorben und nimmt nur stotternd wieder ihren Dienst auf. Wir fahren gemächlich zurück ins Lager, am Tor kommt uns Herbert entgegengebrettert. Ich muss natürlich zur Seite ausweichen. Jetzt sind die Heimtextilien dran. Ich lade den großen Container mit Kissen und Teppichen auf, den die Kollegen vom Verkauf nachher in die Regale einräumen und stelle ihn an einer passenden Stelle im Verkaufsraum ab. Als Nächstes muss ich zu den Baustoffen, um eine Palette Mörtel M5 zu holen. Die Gabelzinken der Taube schieben sich unter die Palette, doch auf halbem Weg blockieren sie. Also lege ich den Rückwärtsgang ein, um die Zinken wieder herauszuziehen. Festgefahren. Jetzt nur nicht so viel Zeit vertrödeln. Ich steige aus und hole mir im Laufschritt eine der Leitern, die am Tor stehen, um mir das Ganze aus der Nähe zu besehen. Auf der vorletzten Sprosse der Leiter stehend taste ich an der Gabel entlang, um festzustellen, warum sie die Zinken des Staplers nicht weiter unter die Palette schieben. Immer weiter strecke ich meinen Arm aus, ziehe und drücke. Die Leiter kippt scheppernd zu Boden. Ich höre ein Knacken, als ich neben der Leiter auf dem Boden lande.

Licht aus!

Natürlich hat mich Herr Grün wieder zur Eile ermahnt, dass der mir auch jeden Morgen über den Weg laufen muss. Ich nehme mir den Plan aus dem Klemmbrett. Schon wieder sind Duravit-Waschbecken aufzufüllen. Das scheint ja ein Verkaufsschlager zu sein. Natürlich hängt auch heute nur der Schlüssel der Taube am Brett. Missmutig starte ich den Gabelstapler und lade die Waschtische auf. Als ich auf das Rolltor zufahre, fällt mir rechts davon eine graue Türe auf. Seltsam, jetzt fülle ich schon drei Jahre lang die Regale im Baumarkt auf, doch diese Tür ist mir nie aufgefallen. Als ich die Waschbecken abgeladen habe, nimmt mir Kollege Herbert die Vorfahrt. Die Taube stirbt bei dem abrupten Bremsmanöver ab und springt nur stotternd wieder an. Mit einer großen Kiste Heimtextilien fahre ich wieder auf das Rolltor zu. Die Tür schimmert ein wenig. Kann das sein? Das muss ich mir aus der Nähe ansehen.
Ich stelle die Taube am Rand ab und schaue mir die Türe genauer an. Die Tür ist grau. Ich ziehe einen Handschuh aus und lege die Hand auf das Türblatt. Kalt. Die Kälte schneidet wie ein Eiszapfen in meine Hand und bohrt sich in den Arm. Der Schmerz erwischt mich eiskalt und ich greife haltsuchend mit der Linken an den Türgriff. Der Griff senkt sich und ich stolpere, als sich die Tür nach innen öffnet.

Licht aus!

Der Boden unter meinen Händen fühlt sich kalt an. Linoleum? Wo sind meine Handschuhe? Als ich blinzle, weicht das Dunkel, kaltem weißen Licht. Ich rapple mich auf und die Tür schwingt mit einem dumpfen Klong zurück. Ich trete auf sie zu, aber sie zieht sich vor mir zurück. Mir wird schwindelig und ich schließe kurz die Augen. Mit einem schnellen Satz stürze ich mich auf den Türgriff, doch wieder hüpft er aus meiner Reichweite. Erst jetzt bemerke ich, dass sich meine Arbeitstiefel nicht an den Füßen befinden. Überhaupt, ich bin nackt, bis auf ein seltsames Nachthemd, dass hinten immer aufklafft. Ich spüre nichts, keine Kälte, fühle mich wie in Watte gepackt. Ganz fest kneife ich die Augen zu. Träume ich? Als ich sie wieder öffne, befinde ich mich in einem Gang, einem weißen Gang mit grauen Türen auf beiden Seiten.

Licht aus!

„Oh, entschuldigen Sie. Ich wusste nicht, dass Tina Besuch hat.“

„Kommen Sie doch herein. Ich glaube, wir kennen uns nicht.“ Der Mann mit dem Dreitagebart und den grauen, zerzausten Haaren sieht den tätowierten Mann mit den blonden Haaren, der unsicher im Türrahmen steht, fragend an.

„Ich bin ihr Arbeitskollege, Herbert. Ich arbeite erst seit Kurzem im Baumarkt. Dann gehe ich mal wieder.“

„Bleiben Sie! Ich sitze schon lange an ihrem Bett und sollte ohnehin nach Hause gehen. Ich komme morgen wieder. Mir fällt es leichter, zu gehen, wenn ich weiß, dass sie nicht alleine ist. Bitte schalten Sie ihren iPod an, wenn Sie gehen.“

„Welche Musik hört Tina gerne?“

„Fleetwood Mac! Sie mag die Rockklassiker.“ Er gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und legt ihre linke Hand zurück auf die Bettdecke. Ohne einen Blick zurück verlässt er mit gesenktem Kopf das Krankenbett und lässt Herbert mit seiner Tochter alleine.

Umständlich rutscht Herbert den Stuhl ein Stück vom Bett weg, nur um ihn dann dicht daneben zu stellen. Als er das Schweigen nicht mehr aushält, beginnt er leise zu reden, ohne Tina anzusehen.

„Ich habe die Taube frisch geölt und geschmiert. Sie gurrt jetzt, wenn sie startet. Die Gabelzinken arbeiten wieder reibungslos. Ich fahre jetzt immer mit der Taube. Wenn sie rumsteht, wird so deutlich, dass du nicht da bist.“ Um die ungewohnten Maschinengeräusche auszublenden, schaltet er den iPod ein und erzählt leise, wie er heute mit der Taube durch die Regalreihen gefahren ist und dass der neue Kollege jetzt immer durch die Gänge rast.

Licht an!

Wahnsinn! Weiter vorn im Gang sehe ich die Taube, sie dreht sich im Kreis und tanzt zu einem meiner Lieblingssongs von Fleetwood Mac. Das ist ein abgefahrener Traum. Dabei habe ich schon ewig kein Hasch mehr geraucht. Ich werd verrückt, jetzt sitzt Hermann auf der Taube. Vielleicht wache ich auf, wenn ich die Augen fest zukneife.

Licht aus!

Die Wochen vergehen und die Blätter des Ahorns vor dem Krankenhaus färben sich gelb und rot. Jeden Freitag nach der Arbeit sitzt Herbert am Bett von Tina. Er kennt mittlerweile jedes kleine Muttermal, das auf ihrer bleichen Haut prangt. Wie gerne würde er wieder ihre Stimme hören, selbst wenn sie ihn Blödmann nennt.

„Stell dir vor, nächste Woche wird die Taube ausgemustert. Wir bekommen einen nagelneuen Jungheinrich in Gelb. Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Er legt ihr den Zündschlüssel der Taube in die Hand und legt seine darüber. Im Dämmerlicht des Herbstabends das durch das Fenster fällt beobachtet Herbert, wie sich ihre Brust hebt und senkt. Als sein Kopf im Schlaf zur Seite rutscht, liegt seine Hand immer noch fest auf der Hand von Tina.

Licht an!

„Du hast mich erschreckt. Wie kommst du in meinen Traum, du siehst so echt aus. Hey, ist das der Schlüssel der Taube?“

„Tina, du musst aufwachen! Ganz dringend. Du liegst im Krankenhaus, seit deinem Sturz von der Leiter. Nimm den Schlüssel. Geh durch die Tür …“ Herbert wird erst grau, dann immer heller, bis er verschwunden ist.

„Halt! Bleib da. Welche Tür? Hier sind so viele, lass mich nicht alleine.“ Sie sinkt kraftlos zu Boden. Verwundert bemerkt sie den Schlüssel in ihrer Hand.

„Ich habe doch schon an so vielen Türen gerüttelt, alle sind fest verschlossen.“ Ihr Körper fühlt sich wieder watteweich an, ihre Gedanken lösen sich auf wie Seifenblasen. Eine Blase weigert sich.
„Warum ist in dieser Seifenblase ein Schlüssel?“ Tina reißt die Augen auf und schüttelt den Kopf. Jetzt bemerkt sie den Gegenstand aus Metall in ihrer Hand, er fühlt sich warm.
„Der Zündschlüssel der Taube!“ Wärme steigt ihren Arm entlang und breitet sich im ganzen Körper aus. Die Wärme spendet ihr Kraft. Sie steht auf und geht ganz sicher auf die dritte Türe auf der linken Seite zu. Der Schlüssel passt. Als Tina die Klinke herunterdrückt, schwingt die Tür nach innen auf. Sie riecht ein männlich frisches Parfum. So riecht Herbert.
„Warum sehe ich nichts?“

Licht aus!

Erschrocken fährt Herbert zusammen, er hat noch Tinas Stimme im Kopf, so intensiv war der Traum. Seine warme Hand liegt auf der von Tina. Der Schlüssel ist fort. Verblüfft sieht er in ihr Gesicht und bemerkt, wie ihre geschlossenen Augenlider zucken. Er drückt den Pflegenotrufknopf und hält Tinas Hand fest in seinen.

 

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