Von Irmi Feldman

 

Blut. Überall Blut. Frankie wäre beinahe darauf ausgerutscht, als er spätnachmittags nach dem Lunch in Vic’s Diner in seinen Gemüseladen zurückkehrte. Es fing bei der Hintertür an und hörte erst beim vollbeladenen Regal im Durchgang zwischen Laden und Büro auf. Frankie schluckte. Ihm schwante Schlimmes.

Seit zehn Jahren hatte Frankie nicht hinter dieses Regal geschaut. Hatte nicht die schwere Eisentür dahinter geöffnet. War nicht in den Keller hinuntergestiegen. Nicht seitdem Maria, seine Frau, die steile Treppe hinuntergestürzt und sich das Genick gebrochen hatte, weil sie, wohl zum hundertsten Mal, Frankie angefleht hatte, sich von Gianni zu trennen. Gianni Coloni, Mafiaboss und Frankies älterer Bruder, der den Alkoholschmuggel in Chicago während der Prohibition beherrschte.

Marias Tod war der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Frankie und sein Sohn Salva waren aus dem illegalen Whiskeyhandel ausgestiegen. Gianni hatte widerwillig zugestimmt, aber nur, weil Frankie Gianni als Kind das Leben gerettet hatte, nachdem dieser beim Schlittschuhlaufen in den noch nicht ganz zugefrorenen See eingebrochen war. Was Gianni anging, so war seine Schuld Frankie gegenüber damit getilgt.

Mit klopfendem Herzen schob Frankie das Regal zur Seite. Er keuchte, wischte sich den Schweiß von der Stirn, konnte kaum abwarten, zu sehen, wer sich im Keller verborgen hielt. Wer wusste überhaupt von der Eisentür? Wer wusste, wo der Schlüssel lag? Eigentlich nur Frankie, sein Sohn Salva, sein Bruder Gianni, und dessen Sohn Filipo. Und natürlich Tony, Giannis ergebener Leibwächter.

Vor der Eisentür vergrößerte sich die Blutlache. Frankies Herz schlug ihm bis zum Hals. Er rang nach Luft. Wer immer da unten war, musste viel Blut verloren haben. Der Schlüssel, der seit Jahren über dem rechten Türrahmen lag, steckte nun im Türschloss. Gerade als Frankie die Tür aufziehen und die Treppe hinuntersteigen wollte, hörte er ungeduldiges Pochen an der Ladentür. Jemand wollte herein. Und zwar sofort. Mit zitternden Fingern sperrte Frankie die Tür ab, erwog, ob er den Schlüssel wieder auf den Türrahmen legen sollte, entschied sich dagegen und steckte ihn stattdessen in seine Hosentasche. Er war so nervös, dass ihm der Schlüssel zweimal auf den Boden fiel, – zum Glück nicht in die Blutlache – bevor er ihn endlich in der Hosentasche versenkte. Zuletzt schob er das Regal wieder vor die Tür.

Das Pochen wurde dringender.

„Ja, ja, komm ja schon“, rief Frankie atemlos und war schon auf dem Weg zur Ladentür, als ihm das Blut, das viele Blut, im Gang wieder einfiel. Abrupt machte er kehrt, überlegte fieberhaft, was er zum Aufwischen benutzen könnte, fand ein paar dreckige Handtücher und machte sich an die Arbeit. Danach stopfte er die Handtücher in den Papierkorb in seinem Büro und deckte alles mit herumliegenden Zeitungen zu.

Das Pochen und Schreien an der Ladentür hatten sich derweil verstärkt.

Schwitzend und schwer keuchend schaffte Frankie es endlich nach vorne in den Laden. Doch es war kein ungeduldiger Kunde, der aufgebracht an die Ladentür hämmerte, sondern sein Bruder Gianni samt seinem Leibwächter Tony.

„Gianni?“, rief Frankie erstaunt.

„Schläfst du?“ Gianni war sichtlich erbost.

„Sorry! War auf dem Klo“, erwiderte Frankie. „Was verschafft mir die Ehre?“

„Lange nicht gesehen, fratello mio“, sagte Gianni stattdessen und klopfte Frankie auf die Schulter.

Zehn Jahre, dachte Frankie. Ihm war es recht. Er und sein Sohn Salva hatten ein einfaches, doch ehrliches Auskommen. Salva arbeitete auf dem Bau. Frankie betrieb den Obst- und Gemüseladen. Vor ein paar Wochen jedoch hatte Filipo, Giannis Sohn, wieder Kontakt mit Salva aufgenommen. Seither war Salva wie ausgewechselt.

Mit wachsender Sorge hatte Frankie Salvas Veränderung beobachtet. Irgendetwas führten die beiden im Schilde. Er selbst wollte nichts mehr mit Giannis unsauberen Geschäften zu tun haben. Schluchzend vor Marias Sarg knieend, hatte Frankie geschworen, dass er sich nie wieder mit Gianni einlassen würde. Nun stand Gianni vor ihm. Und im Keller lag ein blutender Mensch.

„Stell dir vor“, sagte Gianni. „Jemand hat Geld von mir gestohlen. Viel Geld. Aus meinem Haus. Aus meinem Büro. Che audacia!“

„Und? Was hab ich damit zu tun?“, fragte Frankie. Seine Stimme klang heiser.

„Wart es ab“, sagte Gianni lächelnd, doch seine Augen funkelten kalt. „Zum Glück kam Tony dazwischen. Hat sogar auf den Kerl geschossen. Von hinten. Gesehen hat er ihn nicht. Äh, Tony?“

Tony spuckte verächtlich auf den Boden.

„Der Kerl hat sich aus dem Staub gemacht. Und wohin, glaubst du, führt die Spur, äh, Frankie?“ Giannis Stimme war jetzt gefährlich leise.

„Zu dir. Stell dir vor! Zu dir“, fuhr Gianni fort. „Zu deinem Gemüseladen. Warum zu dir, Frankie? Warum ausgerechnet zu dir? Äh?“

„Woher soll ich das wissen?“, sagte Frankie. „Ich hab niemanden gesehen.“

„Wo ist Salva?“, fragte Gianni plötzlich. „Dein Junge. Er muss ja jetzt auch schon an die dreißig sein. Wie mein Filipo.“

„Bei der Arbeit“, erwiderte Frankie. Ihm war ganz schlecht bei dem Gedanken, dass sein Sohn etwas mit dem Diebstahl zu tun haben könnte.

„Ah, bei der Arbeit!“, säuselte Gianni. Dann lachte er. „Du hast doch nichts dagegen, wenn wir uns ein bisschen umschauen? Oder?“

„Sei mein Gast“, sagte Frankie. Er konnte das Zittern in seiner Stimme kaum verbergen.

Mit einer Kopfbewegung sandte Gianni Tony auf die Suche. Frankie folgte ihm, den Blick auf den Boden gerichtet, fieberhaft hoffend, dass er beim Aufwischen keinen Blutfleck übersehen hatte. Im Büro platzierte Frankie sich unauffällig vor dem Papierkorb. Doch Tony interessierte sich weder für den Papierkorb noch dafür, was sonst noch im Büro stand. Auch im Laden und im Lagerraum schaute er sich nur flüchtig um. Frankies und Salvas Apartment im ersten Stock ließ er ganz aus. Zuletzt blieb Tony beim Regal im Flur stehen. Frankie wusste, dass das von Anfang an seine Absicht gewesen war. Lächelnd gesellte Gianni sich dazu.

„Dahinter befindet sich doch die Tür zum geheimen Keller, äh, Frankie?“, sagte Gianni.

Frankie nickte. Ihm war zum Kotzen zumute.

„Tony, schieb das Regal zur Seite“, befahl Gianni.

„Gianni, warte!“, rief Frankie. „Das muss doch nicht sein. Ich war seit Jahren nicht mehr da unten.“

Gianni nickte Tony zu. Dieser grinste hämisch, zog langsam seine Jacke aus, faltete sie, – Innenseite nach außen – und legte sie sorgfältig über eine Stuhllehne. Erst dann machte er sich am Regal zu schaffen. Schob es zur Seite.

„Ist das Blut?“, fragte Gianni und stocherte mit seinem Gehstock in der dunklen Flüssigkeit.

„Woher soll ich das wissen?“, entgegnete Frankie. Fieberhaft überlegte er, wie er sich Gianni vom Hals schaffen könnte.

Tony drückte auf die Türklinke. Nichts. Suchte mit den Fingern den Türrahmen ab. Wieder nichts. Langsam drehte er sich zu Frankie herum. Schaute ihn abwartend an.

„Wo ist der Schlüssel?“, forderte Gianni.

„Weiß ich nicht“, stammelte Frankie. Schweißperlen tropften von seiner Stirn. Hemd und Jacke waren tropfnass. „Damals, als Maria starb, ging alles so schnell. Du weißt ja, wir haben den Keller ausgeräumt. Du und Tony, ihr wart doch dabei. Habt alle Whiskeykisten in Empfang genommen und gezählt. Der Schlüssel muss dabei verlorengegangen sein.“

Gianni musterte Frankie mit kalten Augen. Eine unendliche Weile sagte er gar nichts.  

„Na, wenn das so ist, warum mauern wir die Tür nicht einfach zu? Dann können wir sicher sein, dass da niemand im Keller ist. Äh, Frankie?“

Frankie wurde blass.

„Gianni, Fratello“, rief er aus. „Das ist doch nicht notwendig. Da unten ist niemand. Ich schwöre dir.“

Gianni zeigte auf die Tropfen vor der Tür. „Und das Blut? Äh? Ist das etwa von einer Ratte?“

Tony lachte auf und spuckte wieder aus. Frankie schüttelte hilflos den Kopf.

„Wir mauern zu“, bestimmte Gianni.

„Gianni! Fratello mio! Per favore!“, bettelte Frankie.

„Tony!“, befahl Gianni, ohne auf Frankie zu hören. „Hol den Koffer!”

Frankie wusste, was den Koffer holen bedeutete. Es war nicht das erste Mal, dass Gianni schwere Eisentüren, Fenster und andere Öffnungen zumauern ließ, wenn die nicht aufgesperrt oder aufgebrochen werden konnten. Tony war für solche Fälle vorbereitet und hatte deshalb immer Zement, Maurerkelle, sogar Ziegel im Kofferraum. Wenn nötig, würden Giannis Männer einen ganzen Lastwagen voller Ziegel heranschaffen.

„Gianni!“, rief Frankie. „Wirklich. Ich schwöre dir, da unten ist niemand.“

Doch Tony war schon aus der Tür, um den Koffer zu holen.

Während Tony fröhlich pfeifend Ziegel um Ziegel vor der Eisentür aufschichtete, saß Gianni auf einem Stuhl daneben. Genüsslich rauchte er eine Zigarre, blies Ringe in die Luft und trank hin und wieder aus seinem Flachmann. Wie ein Luchs beobachtete er Frankie, der danebenstand und vor Angst fast verging, sich aber trotzdem zwang, gelassen zu wirken.

Die Eisentür war schon zu zwei Drittel zugemauert, als die Glocke vorne im Laden schellte. Frankie und Gianni horchten auf. Ein Kunde? So spät? Hatte Frankie vergessen zuzusperren? Jemand durchquerte den dunklen Laden. Zielstrebig, den schnellen Schritten nach. Gebannt starrten sie auf den sich nähernden Schatten. Jetzt hörte auch Tony mit dem Mauern auf. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Besucher endlich den erleuchteten Flur erreichte und sie sein Gesicht sehen konnten.

„Salva!“, rief Frankie. „Dio mio, Salva!“

Frankie konnte sich nicht zurückhalten. Er umarmte seinen Sohn. Küsste ihn. Immer wieder. Tränen rannen über seine Wangen, doch Frankie war es egal.

„Pop! Ist was passiert?“, fragte Salva, nachdem er sich aus Frankies Umarmung befreit hatte. „Onkel Gianni? Tony? Was macht ihr hier?“

Bevor sie antworten konnten, setzte Salva hinzu. „Wisst ihr, wo Filipo ist?“

Gianni starrte auf die fast zugemauerte Tür, dann auf das verschmierte Blut davor. Zuerst Entsetzen, dann Erkenntnis breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Also doch eine Ratte im Keller!“, zischte er. „Tony, mach weiter!“

„Aber Boss…“, begann Tony.

„Mach weiter!“, befahl Gianni, drehte sich um und ging.

 

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