Von Daniela Seitz
Ich ziehe meine langen Haare zur Seite, um diese nicht mit meinem Schulranzen einzuklemmen, der sich freitags zu schwer anfühlt. Alles in mir schreit danach, mich freitags der Schülerbewegung anzuschließen. Stattdessen gehe ich zum Bus, der mich zur Schule bringen wird.
„Ich bin dann weg, Mama!“, rufe ich über meine Schulter.
„Keine Umwege, klar Fräulein!“, ernte ich als Verabschiedung.
„Ja, Mama.“
„Und du kommst auf direktem Wege wieder nach Hause, wenn die Schule aus ist!“
„Ja, Mama.“
„Und sprich nicht mit Fremden …“, hört sie einfach nicht auf, mich zu ermahnen.
Als Antwort lasse ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin 15 Jahre alt und weiß, wem ich vertrauen kann und wem nicht!
Wir wohnen in der Nähe des Parks und meine Bushaltestelle ist die beim Park. Das ist das Schöne an meinem Schulweg. Ich kann die Eichhörnchen beobachten. Aber heute stimmt etwas nicht. Sie wuseln nicht herum wie sonst. Ich schaue auf die Uhr.
Da ich mir die Ermahnungen erspart habe, habe ich Zeit gewonnen. Umweg oder nicht, ich schaue ja nur nach, was mit den Eichhörnchen passiert ist. Das dauert keine drei Minuten. Den Bus werde ich deswegen nicht verpassen.
Dachte ich, bis ich die Eichhörnchen auf dem Boden unter den Bäumen liegend finde. Es sind drei. Dieser verdammte Klimawandel. Es ist Juli und auch um 7:30 Uhr so warm, dass ich in kurzen Hosen losgelaufen bin. Ich hole meine Wasserflasche aus dem Ranzen. Die drei sind unter Garantie dehydriert und konnten sich deshalb nicht mehr festhalten. Hoffentlich hat der Sturz nicht ein Übriges getan. Darüber habe ich letztens noch ein You-Tube Video gesehen.
Während ich feststelle, dass zwei von drei Eichhörnchen auf das Wasser reagieren, überlege ich wo der nächste Tierarzt ist. Die Schule muss warten, bis wenigstens die zwei die noch reagieren ärztliche Hilfe haben. Ich werde mich ja nur verspäten, aber trotzdem hingehen. Und ganz ehrlich, die erste Kunststunde kann ich ja nun wirklich schwänzen.
„Das würde ich nicht tun“, höre ich hinter mir eine Männerstimme.
Habe ich etwa laut gesagt, dass ich schwänzen werde? Schuldbewusst schaue ich hinter mich und sehe einen alten Mann.
„Ich meine, wer weiß, was die Tiere für Krankheiten haben. Fass die lieber nicht an.“
„Wissen Sie, wo der nächste Tierarzt ist?“
„Ja, drei Straßen weiter ist einer. Ganz schnell zu erreichen, wenn du durch den Park gehst. Aber dann wirst du deinen Schulbus verpassen.“
„Aber zwei von Ihnen leben noch!“, verteidige ich meine Entscheidung.
„Der Teufel ist eben ein Eichhörnchen, junge Dame“, sagt der Alte schmunzelnd.
„Bitte was?“
„Das ist ein Sprichwort und meint, dass die Dinge nicht immer so harmlos sind wie sie scheinen. Was, wenn diese harmlosen Eichhörnchen deine Zukunft verändern, weil du wegen ihnen nicht zur Schule gehst?“
„Es ist nur Kunst“, nuschele ich und fange an, die zwei Eichhörnchen aufzuheben, und stelle fest, dass ich sie beide an mich gedrückt tragen kann.
„Bitte, was hast du gesagt?“, fragt der Alte nach.
Ich habe wohl doch nicht laut gesprochen. Der Alte hat einfach die Situation korrekt gedeutet, nicht aber meine Gedanken gehört. Ich lasse ihn stehen und laufe mit den Eichhörnchen durch den Park. Meine Wasserflasche und meinen Ranzen habe ich wegen dem Alten vergessen. Aber jetzt drehe ich nicht mehr um, sondern steigere mein Renntempo noch. Es sind nur Schulbücher.
Wenn ich den Tierarzt nicht auf Anhieb finde, schaue ich über das Handy die genaue Adresse nach. Das habe ich wie alle meine Wertsachen in meiner Hosentasche. Der Alte ist kopfschüttelnd weitergegangen und steigt gerade in meinen Bus ein.
Aus den Augenwinkeln erkenne ich das Auto meiner Mutter hinter dem Bus. Ist das ein „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“-Anfall? Sie muss doch zur Arbeit. Entweder irre ich mich oder sie und ich werden ein ernsthaftes Problem haben. Wenn sie es war, hat sie mich nicht gesehen. Denn das Auto fährt dem Bus hinterher.
Während ich renne, erreiche ich schneller als sonst den „Flow“. Das ist eine Zone, in der Dinge wie Atemprobleme, Seitenstechen und was einem sonst das Rennen schwer machen kann, keine Rolle spielen Meine Mutter drohte mir, mich vom Läuferteam der Schule zu nehmen, wenn ich der Klimabewegung folge. Ein Glück für die Eichhörnchen, dass ich deswegen zähneknirschend zur Schule gehen wollte.
Drei Straßen weiter, hat der Alte gesagt. Das ist keine Herausforderung für mich. Hätte ich bloß einen besseren Orientierungssinn. Ich hatte nicht bedacht, dass ich mit zwei Eichhörnchen auf den Armen mein Handy nicht in die Hand nehmen kann. Wer weiß, welchen Schaden die Eichhörnchen wegen mir davontragen. Daher traue ich mich nicht, sie abzulegen, bevor ich ankomme. Aber schließlich komme ich mit Verspätung an, weil ich mich durchfrage.
Während ich bei der Anmeldung schildere, wie und wo ich die Eichhörnchen gefunden habe, klingelt mein Handy. Es ist meine Mutter. Doch die Arzthelferin hört einfach nicht auf zu fragen und telefoniert schließlich verärgert. Sie ist echt komisch. Aber der Anruf meiner Mutter auch. Sie wird anrufen, weil sie verstanden hat, dass ich nicht im Bus war. Während die Arzthelferin telefoniert, rufe ich meine Mutter zurück.
„Hallo Mama…“,
„…OH MEIN GOTT … DU LEBST … „ALS DU NICHT ABGENOMMEN HAST, DACHTE ICH, DU BIST TOT …“, kreischt meine Mutter in mein Ohr.
Das ist eine richtig harte Überreaktion auf ein bisschen Schwänzen. Selbst wenn meine Mutter mich verfolgt hat. Unter wilden Schluchzen fährt meine Mutter fort, bevor ich auch nur nachfragen kann, was los ist.
„…DEIN BUS… HATTE EINEN UNFALL … DER LKW … KAM AUS DEM NICHTS … OH GOTT … ICH KONNTE GERADE NOCH BREMSEN … ABER DER BUS …
Durch das Telefon höre ich die Sirenen der Feuerwehr.
„MAMA, ABER DIR GEHT ES GUT?“, übernehme ich ihre Hysterie und schreie. Sie war wirklich genau hinter dem Bus.
„JA … ja … mir ist nichts passiert. „WO BIST DU?“, wechselt ihre Stimme zwischen bemühter Beruhigung und unkontrollierter Panik.
„Führen Sie das Telefonat bitte draußen“, unterbricht mich die Arzthelferin ungehalten.
Mein Blick wandert zu den wartenden Menschen mit ihren Haustieren und ich verlasse wortlos die Praxis, während ich versuche, runterzukommen.
„Ich habe auf dem Schulweg zwei dehydrierte Eichhörnchen gefunden. Ein Mann erklärte, dass ein Tierarzt direkt hinter dem Park ist. Da bin ich nicht in den Bus eingestiegen. Sondern mit den Eichhörnchen durch den Park zum Tierarzt gerannt.“
„GOTT … SEI … DANK …“, schluchzt meine Mutter, „…BLEIB, wo du bist. Ich hole dich ab!“
„Okay Mama, dann warte ich in der Tierarztpraxis.“
„Ich liebe dich, Kleines, … Ich liebe dich so sehr!“, bricht es zum ersten Mal seit gefühlt meiner ganzen Pubertät aus meiner Mutter heraus.
„Ich dich auch, Mama!“, erwidere ich und muss die Tränen zurückhalten.
Das Telefonat hat irgendwie in nur zehn Minuten jeglichen Abgrund, der zwischen uns lag, überwunden. Daher starre ich das Handy in meiner Hand noch minutenlang einfach nur an. Hoffentlich macht der zurückgelassene Rucksack da keinen Unterschied. Ich könnte ihn schnell noch holen, in der Hoffnung, dass er immer noch dort liegt, wo ich ihn zurückgelassen habe. Soll ich?
Nein, ich habe es ihr versprochen. Ich warte in der Praxis auf sie. Außerdem weiß ich nicht, ob die Eichhörnchen es geschafft haben. Also gehe ich rein und entschuldige mich und erkläre mein Geschrei. Von den Eichhörnchen kommt nur eines der beiden durch. Ich darf im Wartezimmer warten.
Und lerne einiges dazu. Denn irgendwer muss die Behandlung bezahlen. Mein erster Fehler war, dass ich den Tierschutzverein vor dem Tierarzt hätte kontaktieren müssen. Das hat die Arzthelferin über ihre Pflicht hinaus gemacht, während ich mit meiner Mutter telefonierte. Also wird meiner Mutter wohl keine Rechnung präsentiert, wenn sie mich abholt. Aber ganz klar ist das noch nicht.
Und den Eichhörnchen eigenmächtig Wasser zu geben, ist vermutlich bei zwei Eichhörnchen tödlich verlaufen. Auch wenn man das erst noch feststellen muss. So viel Verständnis die Arzthelferin und der Tierarzt für meine Situation haben, so falten beide mich doch gehörig zusammen. Traurig warte ich. Ich wusste genug über Klimaschutz, um zu glauben, eine Dehydrierung zu erkennen. Aber bezüglich des Tierschutzes musste ich heute einiges dazulernen.
Ich weiß eben doch noch nicht alles, auch wenn es sich so anfühlt. Aber echt jetzt, anstatt über das Sprichwort zu philosophieren, hätte der Alte sein „Fass die Tiere nicht an“ besser begründen können. Oh Gott. Der Alte war im Bus. Ob der jetzt gestorben ist? Dann wäre der Teufel wirklich ein Eichhörnchen. Aber anders, als der Alte es meinte. Irgendwie komme ich mir ganz klein vor. Wie ein Kind, das die Welt nicht kennt.
Als meine Mutter in der Praxis auftaucht, werfe ich mich in ihre Arme und weine hemmungslos. Weil ich sie nicht verloren habe. Weil ich noch lebe. Weil der Alte bestimmt gestorben ist. Weil zwei Eichhörnchen wegen mir gestorben sind, weil das dämliche YouTube-Video unvollständig war und irgendwie auf gar nichts Verlass ist, außer auf meine Mutter.
Sie streckt die Tierarztrechnung vor, sie fährt zum Park und findet meinen Ranzen mit meinen Schulbüchern. Sie setzt sich mit dem Tierschutzverein auseinander und sie bekommt die Auskunft, dass ich, wenn ich den Eichhörnchen nicht geholfen hätte, wegen fehlender Hilfeleistung nach dem Tierschutzgesetz hätte belangt werden können. Das hilft mir sehr. Zu helfen war also grundsätzlich richtig, auch wenn danach einiges schiefgelaufen ist.
Aber ein Eichhörnchen habe ich gerettet. Wenn auch eher durch Zufall. Und meine Mutter erlaubt mir nun ab und an in ihrer Begleitung einen Friday for Future mitzumachen. Auch wenn jeder Freitag mit einer Klausur tabu ist und sie sich nicht immer Urlaub nehmen kann. Trotz dieser Bedingungen sind wir uns nun so nah wie nie zuvor. Weil wir gemeinsam fürs Klima kämpfen.
Meine Mutter glaubt nun auch, dass der Teufel ein Eichhörnchen ist.
Denn der alte Mann hat doch tatsächlich das Feuer im Bus überlebt.
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