Von Raina Bodyk
„Oh, schaut mal. Die Stare fliegen wieder in den Süden. Ach, ich würde so gern mit ihnen fliegen! Fliegen können muss herrlich sein!“, seufzt Tapsi auf seinem knorrigen Ast und lässt seinen prächtigen Puschelschwanz traurig herunterhängen.
Kratzbürst, ein recht ungeduldiger Zeitgenosse von einem Eichhörnchen, brummt von oben herunter: „Ach du meine Güte! Was hast du denn für Flausen im Kopf? Was gefällt dir hier denn nicht? Wir haben alles, was wir brauchen, machen es uns gemütlich in diesem herrlichen Park. Was willst du mehr?!“
„Du verstehst mich nicht! Den ganzen Sommer suchen wir pausenlos nach Vorräten, bevor der Frost kommt, und den passenden Verstecken dazu. Das ist so mühselig. Dann hocken wir während der ganzen kalten Jahreszeit in unseren Kobeln, schlafen oder suchen die versteckten Nüsse und Samen und finden dann die Hälfte nicht wieder. Wir hungern und frieren doch jeden Winter!“
„Meinst du nicht, dass du fürchterlich übertreibst?“
„Nein! Die Bäume werden schon langsam kahl. Die Kälte dringt langsam bis in die Knochen trotz unseres dicken Fells. Du weißt so gut wie ich, dass wieder so mancher von uns im bitteren Frost verenden wird. Stell dir doch nur mal vor, wir könnten auch in ein Land ohne Winter fliegen. Dann hätten wir immer genug zu fressen und es wäre sooo wunderbar warm. Im Frühling kämen wir zurück in unseren Lieblingspark.“
Ruhelos wie immer verschwindet Kratzbürst kopfschüttelnd und Blätter raschelnd im Geäst, ohne auf dieses kindische Gejammer, wie er es nennt, einzugehen.
Tapsi kann seinen Wunschtraum nicht vergessen und versammelt seine Freunde Knusper, Wusel und Puschel um sich und verrät ihnen im Vertrauen seine Sehnsucht. Die anderen sind ebenso begeistert von der Idee wie er. Aber wie sollen sie es anstellen, fliegen zu lernen? Als erstes befragen sie logischerweise die Vögel, mit denen sie ihre Eiche teilen, ob sie es ihnen beibringen können.
Fast wären die Piepmätze bei dieser Vorstellung kreischend vor Lachen von ihren Zweigen gefallen. „Fliegen?! Hahaha. Womit denn? Mit euren Ohren?“ Erneutes Gelächter statt guter Ratschläge.
Aber die Vier weigern sich aufzugeben. Wenn sie immer weitere Sprünge machen … Also beginnen sie flugs mit Sprungübungen, strecken dabei die Pfoten so weit wie möglich aus und schaffen es nach einer Weile tatsächlich, ein ganzes Stück weiter zu kommen als ihre Genossen. Gutgelaunt lernen sie, auf schwankenden Ästen aufzusetzen und dabei nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Nussix, der Chef der Hörnchen auf diesem Baum, hat sich das eine ganze Weile still mitangesehen und knöpft sich die Freunde dann nach einigem Zögern doch vor. Übrigens: Er besteht kraft seines Amtes darauf, mit „Lord“ angesprochen zu werden. So viel Respekt muss sein!
„Hey, ihr Jungspunde, was treibt ihr eigentlich die ganze Zeit? Es ist ja schön, dass ihr euch sportlich trimmt. Aber mir sind da Gerüchte zu Ohren gekommen …“
„Lord Nussix! Wir möchten fliegen lernen wie die Stare.“
„So ein Unsinn! Ihr habt vier Pfoten zum Laufen und Springen, seid also von Natur aus nicht geschaffen dafür. Sonst hätten wir Flügel. Oder sind euch welche gewachsen, wenn ich mal fragen darf?“
Aber die jugendlichen Hörnchen sind wie alle Geschöpfe in diesem Alter nicht geneigt, auf die Älteren und Erfahreneren zu hören. Wann wäre es je anders gewesen?!
„Der Lord hat recht! Wir brauchen Flügel!“
Zuerst versuchen sie es mit langen Blättern, die sie sich gegenseitig mit Halmen an den Pfoten festbinden. Sie klettern ganz nach oben in die Baumspitze, schauen sehnsüchtig in den Himmel, als wollten sie ihn hypnotisieren, ihnen beizustehen. Noch ein kurzer Blick nach unten und sie springen.
Der Wind erfasst die Blätter von unten, sie spannen sich. Die Eichhörnchen fliegen! Sie schreien begeistert auf, wiegen sich im Wind.
Sie fallen.
Braunrotes Fell inmitten einer weißen Landschaft. Die kleinen Pfötchen gekrümmt. Leises Wimmern und Schluchzen.
Sie haben sehr viel Glück gehabt, wie Lord Nussix ihnen in seiner Schimpfkanonade unmissverständlich klar macht: „Nur weil letzte Nacht dichter Schnee gefallen ist, seid ihr mit dem Leben davongekommen. Seid froh, dass Puschel sich nur ein Bein gebrochen hat. Wenn mehr passiert wäre, hättet ihr euch ein neues Zuhause suchen können. Merkt euch endlich, wir sind nicht fürs Fliegen gemacht! Dafür können wir andere Dinge, die die Vögel nicht können.“
Die Beschimpften schauen beschämt zu Boden und geloben Besserung.
In der gleichen Nacht hat Tapsi einen wunderschönen Traum: Ihm sind große, rotbraune Flügel aus Fell gewachsen. Er erhebt sich in den blauen, strahlenden Himmel und gleitet dahin. Unter ihm sein Park mit den uralten Baumbeständen. Es ist unbeschreiblich herrlich. Er fühlt sich so leicht und frei wie noch nie in seinem Leben. Lässt sich ein Stück fallen, nur um wieder hinauf zu schweben, macht jubelnd Purzelbäume, dreht sich auf den Rücken, die vier Pfoten weit ausgebreitet, winkt begeistert der Sonne zu. Es ist, als sei er eine Feder, spielt mit den Wolken und dem Wind, schießt die tollsten Kariolen in dieser Freiheit von jeglicher Schwere.
Als er aufwacht, ist sein Inneres immer noch angefüllt mit reiner Glückseligkeit über dieses absolute Losgelassensein. Nie mehr möchte er auf dieses Gefühl verzichten.
Aber ein Blick durch seinen unordentlichen Kobel zeigt ihm leider eine andere Realität.
Dennoch lässt ihn dieser Traum nicht mehr los. Er weiß, dass er das Versprechen, dass er Lord Nussix gegeben hat, nicht einhalten kann. Er muss einfach dieses Freiheitsgefühl um jeden Preis erneut spüren.
Sobald der Schnee geschmolzen ist, macht er sich heimlich auf die Suche nach Vogelfedern. Sein Freund Wusel hilft ihm, sie an seinem Köper festzumachen, und verspricht, sein Geheimnis nicht zu verraten.
Allein klettert er wieder die Eiche bis ganz oben hinauf, schaut sehnsuchtsvoll in den weiten Himmel und springt.
Doch kein Gefühl unendlicher Leichtigkeit stellt sich ein.
Er fällt.
Zu seinem Glück kann er sich, kurz bevor er auf dem Waldboden landet, an einen dünnen Ast klammern. Der ist nicht stark genug, ihn zu halten, lässt ihn aber zumindest sanft auf den Boden gleiten. Er muss endlich einsehen, dass es seiner Gattung nicht gegeben ist zu fliegen. Diesmal ist das erneute Versprechen, das er Lord Nussix gibt, ehrlich gemeint. Er hat etwas Wichtiges verstanden.
*
„Schau mal, Puschel, die Stare kommen zurück.“ Tapsi zeigt nach oben.
„Ein gutes Zeichen! Dann wird es sicher bald warm. Ich bin den Winter leid. Es ist so langweilig, fast nur im Kobel zu hocken.“
„Aber guck mal, es kommen viel weniger Vögel zurück als weggeflogen sind.“
„Stimmt. Was da wohl passiert ist?“
Die beiden brauchen nicht lange auf eine Antwort warten. Auf den benachbarten Zweigen und Ästen beginnt ein lautes Zwitschern und Piepen, unterlegt von heftigen Flügelschlägen und Schnabelgeklapper. Offensichtlich schimpfen die Vögel, nachdem sie sich vom langen Flug etwas erholt haben, wie die Rohrspatzen.
Tapsi ruft rüber: „Was schimpft ihr so? Hattet ihr Pech auf eurem Flug in den Süden? Sind die anderen dortgeblieben?“
„Ach, Hörnchen, von wegen. Du kannst dir nicht vorstellen, was wir für eine schreckliche Reise hinter uns haben. Wir kamen ans Mittelmeer, freuten uns auf die Wärme. Wir trauten unseren Augen nicht. Alles war verändert. Statt Sonne glitzerte überall Schnee und es war bitterkalt. Wir fanden nicht genug Nahrung und einige von uns sind verhungert.“
„Aber das war noch nicht mal das Schlimmste. Nach dem Schnee kam das Wasser. Es hat geschüttet und geschüttet. Wir konnten weder wegfliegen noch was zu essen finden. Als es endlich aufhörte, waren wir so schwach, dass wir kaum die lange Strecke hinter uns bringen konnten. Die Älteren und viele der Hungernden haben es vor Mattigkeit nicht geschafft und sind gestorben.“
Die Augen des Eichhörnchens füllen sich mit Tränen des Mitleids für die armen Stare. Was hat es sich nur dabei gedacht, sie zu beneiden?
Tapsis Traum vom Süden beginnt langsam, sich aufzulösen.
Er denkt in den nächsten Tagen viel nach. Langsam dämmert ihm, dass ihn gar nicht so sehr die Reise in wärmere Gefilde verlockt hat, sondern das Fliegen selbst. Tapsi wird sein ganzes Leben lang nicht das Gefühl vergessen, das ihm der Flug im Traum geschenkt hat. Obwohl es nicht in der Natur seiner Art liegt, in den Himmel aufsteigen zu können, hat er es doch erlebt. Er wird immer dankbar sein für dieses unbeschreibliche Gefühl der Leichtigkeit und Freiheit, das außer ihm kein anderes Eichhörnchen kennt.
Er balgt sich weiter mit seinen Freunden. Sie gehen gemeinsam auf Nahrungssuche, spielen sich Streiche und denken sich die wildesten Abenteuer aus, wetten miteinander, wer am weitesten springen kann. Ihre Flugversuche tun sie inzwischen als Kinderei ab. Tapsi spricht nie nicht über sein Traumerlebnis. Er hat erkannt, was seine Kumpane instinktiv erfasst haben, dass sie auch ohne Flügel frei wie der Wind sind, aber eben anders als Vögel.
Übrigens, es geht das Gerücht, dass Eichhörnchen nachts vom Fliegen träumen.
V 1, 8993 Z
