Von Helga Rougui
Glauben Sie, dass ein Herzanfall auch reines Glück bedeuten kann? Natürlich nicht, wenn man ihn selber hat.
Aber wenn dein Feind im Moment des drohenden Angriffs mit erhobenem Beil vor dir stehend plötzlich vor deinen Augen tot zusammensackt, da bist du doch einigermaßen erfreut?
Das Glück hält allerdings nur so lange an, bis der Feind hinter dem Feind auftaucht und sozusagen nachrückt und seinerseits mit erhobenem Beil etc. etc.
Auf einen zweiten Herzanfall kannst du nicht hoffen. Also, was machst du?
Es schien ohne Frage das Beste, nun meinerseits einen Herzanfall zu haben bzw. ihn vorzutäuschen und mich rücklings ins dichte Laub der Eiche fallen zu lassen, hoffend, dass mich irgendein unterer Ast während meines Falls auffangen würde.
Ich bin natürlich mit heilem Pelz davongekommen, sonst säße ich heute nicht hier und könnte dieses Erlebnis zum besten geben.
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Es war zur Zeit des Großen Hörnchenkrieges, als wir braunen Eichhörnchen uns gegen die schwarzen Eindringlinge aus Übersee formierten. Wir hatten endlich beschlossen, uns zur Wehr zu setzen. Wenn ich sage “wir”, meine ich eigentlich “die”, denn dieser Krieg war absolut nicht mein Krieg. Ich hatte überhaupt nichts gegen die “Pechfarbigen”, wie sie eine Weile offiziell im Wald genannt wurden. Emilia hätte mir schön den Kopf gewaschen, wenn ich mich “formiert” hätte, um gegen ihre Familie zu kämpfen, auf die sie nichts kommen ließ. Auch mich hatten sie freundlich in ihrer Mitte willkommen geheißen, als ich um Emilia warb. Das tat mir gut, denn meine Eltern und sämtliche Verwandten hatte der Fuchs gefressen, und ich war ganz allein im Wald. Da war es mir egal, welche Farbe der Pelz meiner neuen Mischpoke hatte, und außerdem hatte Emilia das süßeste schwarze Fellchen von allen lebenden Eichhörnchen überhaupt.
Ich versuchte mich also, so gut es ging, von allen Kampfhandlungen fernzuhalten: drohte es irgendwo eng zu werden, gestattete mir meine natürliche Wendigkeit, einen Ausweg zu finden. Meist gelang mir das, manchmal aber auch nur knapp, wie die anfangs beschriebene Szene zeigt. Den ganzen Tag waren damals schon Eichhörnchen aller Farben von den Bäumen gefallen, manche leicht, manche schwer verletzt, und viele hauchten noch im Fall ihr Leben aus. Ich war wohl das einzige Hörnchen weit und breit, das unverletzt und freiwillig zum Waldboden hinunterstürzte. Ich landete im weichen Moos und machte mich – wieder einmal – eilig davon.
Wir wissen alle, dass sich dieser unnötige Krieg alsbald in Wohlgefallen auflöste. Auch wer dahintersteckte, dass der nichtvorhandene Konflikt nach Jahrzehnten friedlichen Zusammenlebens plötzlich hochkochte, kam heraus: das einzige Eichhörnchen mit flammendorangerotem Fell hielt so lange dumme Reden, bis alle ganz dumm im Kopf waren und meinten, sie müssten sich dringend kloppen. Was sie dann auch ausgiebig taten.
Irgendwann ließ jedoch die Wirkung des orangenen Gifts nach, und es kehrten wieder Vernunft und Ruhe ein im Wald.
Und das Letzte, was man von dem orangenen Rädelsführer sah, war, wie er kahlrasiert auf ein Schiff nach Den Haag gebracht wurde.
Ungeschoren kommt er nicht davon.
