Von Ingo Pietsch
Endlich hatte ich mir mit meiner Frau einen Abend freischaufeln können. Die Kinder waren bei den Großeltern, der Hund bei den Nachbarn.
Wir entschlossen uns, ins GOP Bad Oeynhausen zu gehen und anschließend dort noch etwas zu essen.
Durch berufliche und private Herausforderungen war es in den letzten Jahren nicht einfach gewesen, in den Urlaub zu fahren, geschweige denn, spontan auszugehen.
Hand in Hand gingen wir zu unserem Tisch in der Mitte des prunkvollen Saales des Kaiserpalais.
Die Atmosphäre war locker und gelöst. Wir genossen einen kühlen Drink, während sich der Raum füllte und warteten gespannt auf den Beginn der Vorstellung.
Meine Frau hatte ihr Smartphone auf dem Tisch liegen und warf immer wieder beunruhigt einen Blick darauf, in Erwartung, dass ihre Eltern wegen der Kinder anrufen würden.
Ich nahm sanft ihre Hand und küsste sie. Sie erwiderte den Handkuss, indem sie meine Finger streichelte.
So eine traute Zweisamkeit war zu Hause eher selten, da wir beide berufstätig waren und nach erledigter Hausarbeit abends erschöpft ins Bett fielen.
„Versuch dich ein wenig zu entspannen. Mir fällt es auch nicht leicht. Sie sind doch bei deinen Eltern.“ Ich drückte ihre Hand und sie erwiderte die Geste mit einem etwas zaghaften Lächeln.
„Genau deswegen mache ich mir Sorgen. Die Kinder kommen sicher klar. Meine Eltern auch. Sie sind halt nicht mehr die Jüngsten.“ Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Getränk.
„Das klappt schon.“ Die angeregten Gespräche um uns herum verstummten, als das Licht gedimmt und die Bühne angestrahlt wurde.
Meine Frau klappte ihr Handy zu und steckte es in ihre Strickjacke. Darunter trug sie ein schlichtes dunkles Kleid mit dezentem Blumenmuster. Ich hatte mich für Jeans und weißes Hemd entschieden. Mein Blick streifte umher und ich stellte fest, dass wir damit den allgemeinen Dresscode getroffen hatten.
Eine junge Frau in Frack und Zylinder begrüßte die Anwesenden und kündigte den ersten Akt – eine Clownsnummer an.
Blasmusik dröhnte aus versteckten Lautsprechern und zwei Clowns in ihren bunten, viel zu großen Kostümen kamen herein. Einer war traurig, der andere fröhlich geschminkt. Auch wenn mir die Nummer eher etwas zu gewöhnlich für ein Varieté erschien, unterhielt sie mich trotzdem so gut, dass die meisten Gäste lachten oder klatschten.
Ich sah meine Frau an und stellte fest, dass all ihre Sorgen aus ihrem Gesicht gewichen waren. Sie wirkte glücklich, wie schon lange nicht mehr. Nicht dass wir nicht glücklich miteinander waren, aber der alltägliche Stress hatte uns im Griff.
Plötzlich erwiderte sie meinen Blick. „Was ist?“, fragte sie mit einem strahlenden Lächeln.
„Ich liebe dich!“, sagte ich einfach.
„Ich dich auch.“ Sie drückte meine Hand und eine Träne lief über ihre Wange.
Wir widmeten uns wieder der Show.
Ein Clown füllte gerade einen Eimer mit Wasser. Der andere nahm ihn hoch und schüttete ihn ins Publikum.
Die Menge schrie auf und Stühle rückten zur Seite. Doch der Eimer war leer.
Jubel und Beifall brandeten auf. Damit war die Nummer beendet.
Als Nächstes folgte eine Akrobatik-Darbietung. In drei Metern Höhe und ohne Netz oder Matte tanzte und schwang sich eine sehr gelenkige Artistin auf einem Seil und an Ringen über die Bühne. Mysteriöse Trancemusic begleitete das Spektakel. Nebel machte die Nummer noch fesselnder.
Mit meiner Höhenangst hatte ich großen Respekt vor dem, was die Frau dort oben machte.
Die Direktorin kündigte einen Magier an, der angeblich seinesgleichen suchte.
Seine Kunststücke waren allerdings eher unspektakulär. Vor jedem seiner Taschenspielertricks gab es einen Trommelwirbel, der in einem Tusch endete.
Dann wurde es plötzlich still und hinter ihm wurde eine Kiste auf einem fahrbaren Gestell hereingebracht. Sie erinnerte an einen grob gezimmerten Sarg aus dunklem, geölten Holz.
„Ladies und Gentleman!“, kündigte der Magier. Spannungsgeladene, aber trotzdem ruhige Musik untermalte seine Worte.
„Jetzt kommen wir zum Höhepunkt unserer heutigen Varieté-Show.“ Er lief um die Kiste herum und fuhr mit der Hand darüber. „Diese Kiste“, er streckte beide Hände danach aus und Scheinwerfer leuchteten darauf. „ist von niemand geringerem als P. T. Selbit gebaut worden, dem Erfinder des Tricks der ,zersägten Jungfrau`. Ich werde jetzt eine Freiwillige aus dem Publikum wählen, die mich assistieren wird.“ Wieder erklang ein Trommelwirbel. Gleichzeitig suchten Scheinwerfer nach einer Freiwilligen. Schließlich blieb einer der Lichtkegel auf meiner Frau hängen.
„Darf ich Sie zu mir auf die Bühne bitten?“, fragte der Magier.
Meine Frau schüttelte den Kopf, doch die Anwesenden applaudierten so auffordernd, dass sie sich schließlich hinreißen ließ, nach oben zu gehen. Sie zog ihre Strickjacke aus und ging los.
Oben angekommen nahm er sie bei der Hand und führte sie an den Rand der Bühne.
„Darf ich ihren Namen erfahren?“
„Isabell“, antwortete sie schüchtern beim Anblick der vielen Menschen.
„Einen großen Applaus für Isabell!“
Alle klatschten.
Ich grinste. Eigentlich hasste sie es, im Rampenlicht zu stehen.
„Wissen Sie, es wird immer schwieriger geeignete Kandidatinnen zu finden und da Sie einen Ehering tragen, drücke ich mal ein Auge zu.“
Die Gäste lachten. Ich lachte mit.
„Dann müssen wir den Trick wohl umbenennen.“ Der Magier kniff ein Auge zu. „Die ,zersägte junge Frau`.“
Wieder lachten alle.
„Isabell? Trauen Sie sich zu, von mir zersägt zu werden?“ Es klang mehr wie eine Aufforderung, als eine Frage.
„Jetzt, da ich die Einwilligung erhalten habe, legen wir sofort los! Kommen Sie mit.“ Der Magier führte Isabell zur Kiste, an die inzwischen ein Tritt gestellt worden war. Er legte einen Hebel um, damit alle hineinsehen konnten. Er klopfte hinein. „Wie Sie sehen können – kein doppelter Boden, massives Holz.“
Er stellte die Kiste wieder in die Waagerechte und entfernte Kopf und Fußseite. „Darf ich bitten?“
Isabell legte sich hinein. Die Kiste war gerade so groß, dass ihre Füße und ihre Hände herausschauten. Dann steckte er Bretter über die Enden, damit man nicht hineinsehen konnte und schloss den Deckel. Er drehte das Gestell mehrmals im Kreis und winkte mit der Hand darunter, um zu zeigen, dass dort nichts war.
„Alles in Ordnung?“
Isabell nickte.
Der Magier nahm mehrere Schwerter und schlug mit den Fingerknöcheln dagegen, damit man ein metallenes Geräusch hören konnte und rammte eins nach dem anderen in die Kiste. Von oben und von den Seiten. Isabell blieb erstaunlich ruhig.
„Spüren Sie etwas?“, wollte der Magier nach jedem Schwertstoß wissen.
„Nur so ein leichtes Kribbeln.“
Die Leute lachten und klatschten.
Ein weiterer Trommelwirbel begann.
Schließlich nahm er zwei extrabreite Schwerter und teilte mit ihnen die Kiste. Dann schob er die beiden Teile auseinander.
„Bitte bewegen Sie Ihre Füße!“
Isabells Schuhe wippten auf und ab. Wieder gab es Applaus.
Auf einmal lief eine rötliche Flüssigkeit aus einem der Teile auf den Boden. Der Magier strich mit dem Finger darüber und roch daran. Ein Raunen ging durch den Saal. Ich wollte schon aufspringen, als der Magier sagte: „Himbeerkonfitüre!“
Er schob die Hälften zusammen, zog alle Schwerter heraus, öffnete den Deckel und half Isabell aufzustehen.
„Applaus für die „zersägte junge Frau!““
Aufregende Musik untermalte das Ganze – E-Gitarre, Orchester und Gesang.
„Sind Sie bereit für das Finale?“
Isabell nickte wieder.
„Dann bleiben Sie hier stehen.“ Der Magier zog die Kiste ein Stück auseinander und eine zweite wurde hereingebracht.
Er öffnete bei beiden den Deckel und sagte: „Isabell, ich werde Sie jetzt von der einen Kiste“, er zeigte nach rechts, „zur anderen teleportieren“, er ging nach links. „Ich hoffe Sie haben keine Platzangst?“
Isabell schüttelte den Kopf.
Ich lächelte meiner Frau zu. Sie winkte zurück.
„OK, dann los, es geht auch ganz schnell.“
Der Magier schloss erst die leere Kiste, dann Isabell. Es gab ein Blitzgewitter zuckte über die Bühne und Nebel wallte auf, sodass man nichts mehr sehen konnte – bis auf die beiden Kisten.
Als der Nebel sich verzogen hatte, öffnete der Magier die erste Box – sie war wie erwartet leer.
Die Musik verstummte vollends.
Dann öffnete er die zweite Kiste.
Auch sie war leer!
Der Magier schien überrascht. „Das ist mir ja noch nie passiert.“ Er öffnete und schloss die Kisten immer wieder, aber Isabell blieb verschwunden.
Das Publikum lachte und klatschte, weil es glaubte, dies gehöre zur Show.
Das normale Licht ging wieder an. „Ich möchte Sie bitten, ihre Plätze nicht zu verlassen! Wir klären das!“ Hastig hantierte der Magier an den Kisten herum. Doch sie blieben leer.
Ich sprang von meinem Platz auf und stürmte zur Bühne. „Wo ist sie? Das ist nicht lustig“, schrie ich den Magier an.
Es war still geworden im Saal.
Ich rüttelte an den Schultern des Magiers.
Er war selbst perplex. „Ich weiß es nicht.“ Ein letztes Mal öffnete er die zweite Kiste. Sie war leer bis auf …
… etwas, das auf dem Boden der Kiste lag. Ein funkelnder Gegenstand.
Der Magier hob ihn auf und gab ihn mir.
Mein Blick fiel darauf und mir stockte der Atem. Es war Isabells Ehering. Er war noch warm.
„Was geht hier vor? Wo ist Isabell?“, schrie ich den Magier an.
„Ich weiß es nicht“, stammelte der verwirrte Magier.
Dann brach alles in mir zusammen. Unter einem Weinkrampf sackte ich auf dem Bühnenboden zusammen.
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