Von Marianne Apfelstedt

1952
Leise schloss er die Tür. Er genoss das Gefühl, auf ihrem Stuhl zu sitzen. Maurice Wilkins sah ihr Gesicht vor sich, das kurze, braune Haar, das sich um den klugen Kopf schmiegte. Die Augen, die ihn immer verächtlich anblickten, und vor allem ihr Mund, der Worte ausspie, spitzer als ein Dolch, und immer zu Kritik bereit war. Für eine Frau war Rosalind Franklin ganz schön eigenwillig und unabhängig. Dabei dachte er, als sie ihm vorgestellt wurde, sie könnte eine gute Assistentin abgeben.

Wie erwartet entdeckte er in der obersten Schublade ihres Schreibtisches ein Notizbuch. Ihr Notizbuch. Da er wusste, wann die „Fotografie Nr. 51“ entstanden war, fand er schnell ihre Notizen von diesem Tag. Die Schlussfolgerungen, die sie notiert hatte, waren brillant. Ihre akribische Schrift bedeckte Seite um Seite. Nach geraumer Zeit hatte er das Wesentliche in sein eigenes Notizbuch übertragen.
Eilig lief er durch die Gänge des ehrwürdigen King’s College. Das Gebäude verströmte eine eigenwillige Mischung aus altem Papier, Bohnerwachs und Staub. Die Gemälde an den Wänden, Bilder von intelligenten und reichen Männern des Landes in der Forschung vereint, schienen ihm zuzunicken. Eines Tages würde sein Bildnis an diesen Wänden hängen, dann würde sein Name unter den Nobelpreisträgern zu finden sein. Er war sich ganz sicher, dann würde auch diese unbedeutende Frau längst vergessen sein.
Zurück an seinem Schreibtisch, strukturierte er seine Gedanken, um einen Brief an Francis Crick und James Watson aufzusetzen, in dem er ihnen Franklins neueste Erkenntnisse mitteilte. Seit er sie mit Franklin besucht hatte, tauschten sie sich über ihre Forschungsergebnisse aus, dadurch erhoffte er sich im Wettlauf um die Entschlüsselung der DNA, einen entscheidenden Vorteil. Schon am nächsten Tag schickte er diesen Brief an die Wissenschaftler in Cambridge.

Zusammen mit dem Brief von Maurice Wilkins traf ein Brief eines jungen Kollegen ein, der kürzlich die Universität Cambridge verlassen hatte. Dieser enthielt einen unveröffentlichten Forschungsbericht von Franklin an das Medical Research Council. Diese reichte sie dort ein, damit die Quelle der Fördergelder nicht versiegte.

„Hast du den Brief von Maurice Wilkins gelesen, er liegt auf meinem Schreibtisch?“, fragte Watson seinen Kollegen Crick.

„Ja, sogar mehrfach.“ Er lockerte seine Krawatte und las noch einmal die beiden Briefe.

„Da Rosalind Franklin einen Forschungsbericht zum Fortschritt ihrer Arbeit geschrieben hat, muss sie inzwischen Beweise für ihre Theorie haben.“

„Da stimme ich dir zu. Nur verstehe ich ihre Schlussfolgerungen nicht. Sie arbeitet akribisch und würde ihre Thesen sicherlich mit Belegen untermauern. Es fehlt uns noch ein wichtiges Puzzleteil.“ Entnervt zündete er sich eine Zigarette an.

„Ich werde Wilkins besuchen und auch Franklin, vielleicht kann ich einen Blick auf ihre Fotografien werfen. Das könnte uns nützlich sein.“

Nach dem Vortrag von Franklin wartete Watson ab, bis die Studenten den Hörsaal verlassen hatten. Ihre anmutig geformten Beine weckten einen Anflug von Gefühlen, die er sofort im Keim erstickte. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte sie seine Männlichkeit verhöhnt.
„Guten Tag, Rosalind. Bist du sicher, dass deine Studentinnen deinem Vortrag über die Röntgenanalyse folgen konnten? Bei den meisten schien mir das nicht der Fall zu sein.“

„Sie sind durch meine Vorträge durchaus in der Lage sich weiterzuentwickeln, ob das auch auf dich zutrifft, musst du selbst entscheiden. Was führt dich hierher? Benötigst du wieder eine Expertise für ein neues Modell zur Struktur der DNA? Diesmal vielleicht mit mehr als drei Strängen?“ Diesen Seitenhieb auf die Niederlage durch die Expertise von Rosalind zu seinem letzten Modell, das sie als Fehlkonstruktion enttarnt hatte, trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht. Wie er die scharfe Zunge dieser Frau hasste. Seine Mundwinkel führten ein Eigenleben. Er schaffte es nicht, eine gute Miene aufzusetzen, doch er hoffte auf ihr Entgegenkommen, deshalb lief er ihr eilig hinterher, als sie den Hörsaal verließ.

„Da ich nachher ein Gespräch mit Maurice Wilkins habe, dachte ich, ich begleite dich in dein Labor. Möchtest du mir deine letzten Fotografien zeigen? Wir können unser Wissen austauschen“, sprach er zu ihrem Rücken. Im Labor angekommen, setzte sich Rosalind an den einzigen Stuhl an ihrem Schreibtisch, und ignorierte den Mann, der ihr gefolgt war. Watson entdeckte auf einem Labortisch verschiedene Fotografien und nahm sich wahllos eine, um sie zu studieren.

„Ich habe dich nicht eingeladen, da ich wichtige Arbeiten zu erledigen habe.“ Breitbeinig, wie ein Mann stand sie vor ihm und nahm ihm das Foto ab. Er setzte zu einer Erwiderung an, als Wilkins sich zu ihnen gesellte.

„Mein lieber Watson, es freut mich ganz außerordentlich, dass Sie uns besuchen. Bitte kommen Sie doch mit in mein Büro, dort können wir uns ungestört unterhalten.“ Franklin beachtete er nicht. Um sich vor Maurice Wilkins keine Blöße zu geben, folgte Watson ihm, ohne ein weiteres Wort an Franklin.

Auf dem Weg zum Büro tauschen sich die beiden Männer über Mitarbeiter aus der Wissenschaft aus. Unter sich, hinter verschlossenen Türen, kamen sie auf den Kern der gemeinsamen Interessen zu sprechen.
„Werter Kollege, vielen Dank für ihren Brief. Ist es möglich, die Originalnotizen einzusehen, damit ich meine eigenen Schlüsse daraus ziehen kann?“

„Leider nicht, aber als Laborleiter des Instituts habe ich etwas viel Interessanteres für Sie.“ Mit strahlendem Lächeln übergab er Watson eine Fotografie. Diese trug die Nummer 51. Als dieser das Bild betrachtete, blieb ihm der Mund offen stehen und sein Puls beschleunigte sich. Wilkins sah das grobkörnige Muster, das sich X-förmig zum Rand hin ausbreitete.

„Das Muster ist offensichtlich. Es handelt sich um zwei Stränge. Diese müssen spiralförmig angeordnet sein. All meine bisherigen Berechnungen gingen in die falsche Richtung. Kann dieses Bild die Lösung sein?“ Beide beugten sich über einen Notizblock, als Maurice Watson in kurzer Zeit mit Berechnungen die Anzahl der Ketten im Molekül festlegte. Anschließend genehmigten sie sich einen Sherry und eine Zigarre, um diesen besonderen Moment auszukosten.

Zurück in Cambridge setzte er sofort seinen Kollegen Crick ins Bild.
„Als ich das Foto 51 sah, erschlossen sich mir die Schlussfolgerungen aus Franklins Notizen, die Maurice Wilkins uns in seinen Briefen mitgeteilt hatte. Wir müssen ein neues Modell der DNA erstellen, dazu benötigen wir nur die Stränge A und B.“

„Lass uns gleich beginnen, jetzt wo sich die Teile des Puzzles zusammenfügen, können wir den Vorsprung nutzen, den uns ihre Unterlagen verschafft haben.“

„Genau, mit etwas Glück lösen wir das Rätsel als Erste.“

1953
„Liebe Kollegen!“ Theatralisch strich Maurice Wilkins sich das Haar aus der Stirn. Er wartete, bis der Letzte im Festsaal des King’s College sich ihm zuwandte.

„Ich freue mich außerordentlich über die Veröffentlichung im Wissenschaftsjournal Nature. Gemeinsam mit den Wissenschaftlern Crick und Watson, der Universität Cambridge haben wir das Geheimnis der DNA entschlüsselt. Sie entwarfen das Modell der spiralförmigen Leiterhelixstruktur. Das war ihnen nur möglich, weil sie durch die Fotografie Nr. 51, die in unserem Labor aufgenommen wurde, den Aufbau des Moleküls entschlüsseln konnten. Ich bin stolz auf unsere erfolgreiche Zusammenarbeit.“ Maurice Wilkins schüttelte an diesem Abend viele Hände und er bestritt nie, dass der wesentliche Teil des Erfolgs ihm zu verdanken war.
Rosalind Franklin war der eisigen Atmosphäre am King’s College entflohen. Inzwischen leitete sie ein eigenes Labor im Birkbecks College. Alle Gedanken an die Forschung über die Struktur der DNA hatte sie in eine dunkle Kammer gesperrt und den Schlüssel in die Themse. Sie steckte ihre Kraft und ihr Wissen in ein neues Forschungsgebiet.

In Cambridge wurde ebenfalls gefeiert an diesem denkwürdigen Abend. Die beiden Wissenschaftler rauchten eine Zigarre und prosteten sich mit einem Bowmore zu.

„Auf dein Wohl! Wir haben es geschafft.“

„Das Foto in der Ausgabe des Wissenschaftsjournals mit unserem Modell der Doppelhelix macht mich unheimlich stolz auf unseren Erfolg.“ Der Rauch ihrer kubanischen Zigarren zog gemächlich zur Decke, als Crick seinem Kollegen einen weiteren Whisky eingoss.

„Ich bin immer noch der Meinung, wir hätten in dem Artikel Franklin erwähnen sollen, immerhin …“ Watson fuhr ihm ins Wort.

„Wegen dieser Notizen musst du dir nicht den Kopf zerbrechen. Die Fotografie war Eigentum des King’s College. Wer es aufgenommen hat, ist nicht wichtig. Werde nicht sentimental, nur weil deine Frau sich auf einer Seereise mit Franklin angefreundet hat.“ Schweigsam folgte er Watson in den großen Saal, wo sie bald vom Erfolg und dem Whisky beschwingt weiteren Kollegen das aufgebaute Modell erklärte.

1962
„Der diesjährige Nobelpreis für Physiologie und Medizin wird an Francis Crick, James Watson und Maurice Wilkins verliehen, für ihre Entdeckung der spiralförmigen Leiterhelixstruktur der DNA und ihrer Rolle bei der Vererbung.“

Der Nobelpreis wird nie an mehr als drei Personen für die gleiche Forschung verliehen und auch nicht an verstorbene Personen.

Rosalind Franklin verstarb am 16. April 1958 an Eierstockkrebs.

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Diese Geschichte basiert auf historischen Fakten. Die Dialoge jedoch basieren auf der Fantasie der Schreiberin.

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