Von Sabine Rickert                                

Charlie war schon eine Stunde früher aufgestanden, er hatte einiges vorzubereiten. Er fütterte seine Tiere, die völlig irritiert waren durch die Hektik in der Küche zu einer ungewohnten Zeit. Vor allem Bonifatius, der Zwergpinscher, ein Langschläfer, schaute verschlafen aus seinem Hundebettchen. Die Gefahr, das Tallulah, die exzentrische Riesenkatze, seinen Napf plündern würde, war heute doppelt so groß. Der Einzige, der sich in diesem Haushalt sicher fühlte, war Habakuk, der Kakadu, in seiner vergitterten Quarantänestation, an die die Main Coon nicht dran kam. Er schob sich genüsslich das erste Apfelstückchen in den Schnabel. Bald stand für ihn die Rückkehr in die Voliere an.

Charlie schuf Platz für einen großen Käfig, denn seine kleine Nichte Annabelle brachte ihre Meerschweinchen mit. Sie blieb einige Tage bei ihm und seiner Freundin Melanie, weil sie ein Geschwisterchen erwartete. Ihre Eltern fuhren gleich ins Krankenhaus, denn das Kleine war schon überfällig. Sie hatten heute einen Termin auf der Entbindungsstation, damit nachgeholfen wurde.

Es klingelte; sein Bruder stand mit dem halben Hausstand vor der Tür. Der Weg war ja nicht weit, denn er wohnte gegenüber, da ist es verlockend, zu übertreiben.

„Hätte ich das gewusst, wäre ich mit Boni unterm Arm und einer frische Unterhose zu euch gekommen“, stichelte Charlie.

„Eine Prinzessin braucht das, was ihr zusteht.“ Er zwinkerte ihm zu und sprang zurück zum Haus, um den Käfig mit den Meerschweinchen zu holen. Charlie half ihm tragen, die Meerschweinchenlandschaft war sperrig. Annabelle schlurfte, schon fertig ausstaffiert für die Schule, hinter ihnen her.

„Hallo, Onkel Charlie, bringst du mich heute zur Schule?“

„Ja, mein Schatz, ich stelle nur kurz die Schweinchen ins Haus, dann laufen wir los.“

Annabelle war seit vier Wochen in der ersten Klasse. 

„Holst du mich wieder ab?“

„Ja, aber sicher, ich habe einen Plan bekommen. Heute habt ihr drei Stunden. Ich bin dann am Tor“, beruhigte er sie.

„Musst du nicht zur Arbeit?“, fragte sie mit großen Augen.

„Nein, ich habe mir frei genommen, damit wir beide Zeit miteinander verbringen können.“

„Wer kümmert sich denn dann um deine Tiger und Löwen im Zoo?“

„Der Paul, meine Vertretung, den kennst du doch. Der macht das ausgezeichnet“, beruhigte er sie.

„Ja, der ist nett, die Löwen haben ihn gerne. Wir können nachher mit den Meerschweinchen spielen“, sagte sie aufgeregt.

„Mit denen spielt man nicht, die werden nur beobachtet. Du weißt doch, dass die sich nur untereinander brauchen, aber Boni freut sich schon auf dich.“

Als Charlie zurück war, bot sich ihm ein skurriles Bild in der Küche. Auf dem Käfig der Schweinchen Pünktchen und Anton saß die Main Coon.

Die beiden saßen starr vor Schreck in einer Ecke.

„Wenn sich Tallulah so benimmt, führt sie etwas im Schilde“, bemerkte er. Boni, der aus seinem Hundebettchen kroch, hatte heute Schonzeit, sein Napf war noch voll. 

Normalerweise hätte sie Boni jetzt gepackt und wäre mit ihm durch die Katzenklappe abgehauen, um ihn am Jägerzaun wieder frei zu lassen.

Heute passierte nichts, und er hatte einen entspannten Morgen.

„Ich glaube, Boni, wir dürfen die Schweinchen nicht aus den Augen lassen“, sagte er zu dem uninteressierten Hund.

Pünktlich nach der dritten Stunde holte er Annabelle am Schultor ab.

„Na, wie war die Schule?“

„Langweilig, wir haben Buchstaben gelernt, die ich schon alle kenne. Wann kommen endlich mal Neue?“ , schimpfte sie.

„Welche hast du denn drauf?“

„A, B, C …“, sie zählte das ganze Alphabet bis zum Ende auf.

„Oh, das wird schwierig. Dann wirst du auf die Wörter warten müssen, denn weitere Buchstaben gibt es nicht.“

Annabelle verdrehte die Augen: „Wir sind erst bei L.“

„Ja, die Schule ist kein Zuckerschlecken.“

Zu Hause angekommen, stellten sie fest, dass der Käfig der Meerschweinchen offensichtlich von der Katze durch die ganze Küche geschoben worden war. Flaschen waren umgefallen, Bonis und Tallulahs Näpfe waren verschoben, und der Mülleimer hatte einen neuen Platz.

Es waren deutliche Kratzspuren in der unteren Plastikschale zu erkennen. Sie hatte es auf Pünktchen und Anton abgesehen, definitiv. Jetzt war sie nirgends zu sehen, aber das heißt nichts. Sie beobachtet wahrscheinlich das Terrain.

„Möchte Tallulah mit den beiden spielen? Dann lass ich sie mal raus, deshalb muss sie ja nicht den Käfig zerkratzen.“

„Das ist keine gute Idee, Annabelle, die haben eher Angst. Die Katze ist eine zu große Spielkameradin für die beiden, sie könnten sich verletzen.

Wir richten erst einmal den Käfig wieder her und stellen alles an seinen Platz.“ 

„Wir sagen Tallulah am besten, dass sie die Schweinchen nur beobachten darf“, sagte die Kleine altklug.

„Genau, mein Schatz, das muss sie unbedingt wissen.“

Charlie erneuerte die Einstreu und das Heu. Alles war nass, da die Wasserschale durch die Attacke überschwappte. Während er im Begriff war, sie mit frischem Wasser zu füllen, schlug Tallulah zu.

Sie hatte sich versteckt und kam wie ein Geist urplötzlich aus dem Nichts zum Käfig gesprungen. Charlie hatte nur kurz die kleine Klappe offengelassen, und sie nutzte die Gelegenheit, schnappte sich mit ihrer Pfote Pünktchen und schoss mit ihm durch die Katzenklappe in den Garten.

Ein schriller Schrei von Annabelle fuhr Charlie durch Mark und Bein.

Sie stand wie erstarrt, mit einer Möhre in der Hand, vor der Klappe.

Er hechtete nach draußen, aber sie war schon über den Jägerzaun gesprungen. Er hatte ein ungutes Gefühl. Das war nicht dasselbe wie mit Boni. Hier vermutete Charlie ein Drama aus reiner Eifersucht.

„Sie wird ihn wiederbringen, liebe Annabelle, mach dir keine Sorgen“, log er.

Sie war untröstlich, weil Anton jetzt alleine in der Ecke saß.

„Ich werde Pünktchen gleich suchen, in einer halben Stunde kommt Melanie von der Arbeit, dann gehe ich los, falls Tallulah ihn bis dahin nicht zurückgebracht hat“, versprach er ihr.

Er versuchte, Annabelle abzulenken, und gab ihr Boni. Sie durfte ihn bürsten und mit Leckerchen verwöhnen.

Plötzlich sah er durch das Küchenfenster, die Main Coon auf die Terrasse zuspringen, sie hatte etwas im Maul. Genauso schnell war sie wieder weg. Er schaute durch die Terrassentür, und dort lag Pünktchen. Die Katze hatte ihm ein makaberes Geschenk gebracht. Er eilte durch die Tür und stülpte einen großen Blumentopf über das Meerschweinchen, das eindeutig nicht mehr lebte. Annabelle war damit beschäftigt, Boni Kommandos beizubringen.

Melanie kam nach Hause und hörte sich das Drama an. 

„Ich hoffe, lieber Charlie, du lässt bei der Fütterung im Zoo nicht mal eine Gehegetür auf, weil du mal schnell etwas holen musst, sonst bist du irgendwann das Opfer“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Ja, wer den Schaden hat …, als wenn er sich nicht schon mies genug fühlte.

Melanie überredete die Kleine, mit ihr und Boni spazieren zu gehen, so konnte Charlie sich um das Pünktchen-Problem kümmern. 

Bevor er zum Zoogeschäft fuhr, schaute er sich den Verstorbenen nochmal genauer an. Er fotografierte ihn von allen Seiten, um später ein Double zu suchen. Er kam sich vor wie ein Tatort-Fotograf.

Er begrub das Meerschweinchen im Garten und fuhr zur Zoohandlung.

Einen Doppelgänger zu finde, war gar nicht so leicht. Er achtete auf alle markanten Stellen und verglich die Tierchen immer mit den Bildern des Verstorbenen. Nach einer halben Stunde war er dann mit dem Ergebnis zufrieden und hoffte, das Annabelle es nicht merkte.

Als die beiden Damen vom Spaziergang zurückkamen, saß Pünktchen II schon verängstigt im Käfig. 

„Oh, da bist du ja wieder. Du hattest bestimmt große Angst, aber Tallulah will nur spielen“, beruhigt Annabelle den Kleinen.

„Onkel Charlie, warum hat Pünktchen ein Knick in dem einen Ohr?“

„Das ist passiert, als Tallulah ihn in ihrem Maul getragen hat“, flunkerte er. 

Das Ohr war tatsächlich etwas anders, stellte er fest, nachdem er nochmal auf die Fotos schaute. „Mein Gott, man kann doch nicht jedes Detail im Blick haben“, dachte er. 

Am nächsten Morgen sah der Käfig aus, als hätte ein Boxkampf stattgefunden. Die beiden Schweinchen hatten sich gezankt.

„Pünktchen ist gebissen worden, Onkel Charlie, warum hat Anton das gemacht?“

„Weil er nach Katze riecht“, log er wiederum.

„Dann bade ich ihn.“

„Nein, die haben eine natürliche Schutzschicht in ihrem Fell. Der Kleine muss nur etwas auslüften.“

Charlie wunderte sich mittlerweile über sein Lügenrepertoire.

Das Gezanke der beiden Schweine nahm leider kein Ende.

Pünktchen II wurde umgesiedelt, in einen eigenen Käfig.

Am übernächsten Tag standen nachmittags die Eltern von Annabelle als Überraschung vor der Tür. Sie hatten nicht gesagt, wann sie genau aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Das neue Brüderchen nahm sofort die ganze Aufmerksamkeit von Annabelle in Anspruch. 

Bevor Charlie dazu kam, seiner Schwägerin zu erklären, was mit dem Meerschweinchen passiert war, rief diese auf einmal: „Wieso haben wir ein neues Tier? Wo ist Pünktchen?“

Annabelle erklärte ihrer Mutter die Entführung durch die Katze und die Rettung durch den Onkel. Außerdem erwähnte sie, dass es nicht neu war, sondern nur anders roch und ein verknicktes Ohr durch Tallulah hatte.

Charlie versuchte, im Hintergrund seiner Schwägerin Zeichen zuzusenden, die sie nicht gewillt war zu deuten. Margit sagte direkt: „Das ist eindeutig nicht unser Pünktchen, der hatte einen schwarzen Fleck am Hintern, dieser hier nicht.“

Charlie scrollte schnell in seinem Handy nach den Bildern und rief dann nur: „Scheiße, ein markantes Zeichen, hatte ich vergessen.“ 

„Onkel Charlie, das sagt man nicht“, hörte er Annabelle rufen.

„Dein Patenonkel wird dir gleich eine Menge erklären“, sagte Margit süffisant.

An Charlie gewandt sagte sie: „Sage die Wahrheit, und du brauchst dich an nichts zu erinnern.“ – Mark Twain

                                    

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