Von Daniela Recht

«Meeresbiologe.»

Was war mit Meeresbiologe? Susanne verließ ihre lümmelnde Haltung, setzte sich aufrecht hin und schenkte der Unterhaltung zum ersten Mal ihre volle Aufmerksamkeit.

«Gunnar, warum willst Du mal Meeresbiologe werden?» Herr Heinrich saß auf dem Schreibtisch und ließ die Beine baumeln. In dieser für ihn eher untypischen Haltung blickte der Lehrer zu dem Abiturienten und wartete auf seine Antwort. Die Prüfungen standen bevor und die Lehrer zeigten sich von ihrer menschlichen Seite, sprachen mit den Schülern über deren Zukunft.

«Ich möchte etwas in der Natur und für die Natur machen. Damit meine Kinder in ein paar Jahren auch noch etwas davon haben.»

Der Lehrer nickte und lächelte. Susanne wusste nicht, ob er über ihn lachte oder ob ihm seine Antwort gefallen hatte. Sie war auf jeden Fall hin und weg. Gunnar. Nie hatte sie ihn wahrgenommen. Ein paar Kurse hatte sie in den letzten Monaten zusammen gehabt, aber nie war er ihr aufgefallen. Sie betrachtete ihn und ihr fiel seine sportliche Figur auf, die breiten Schulter, er war nicht sehr groß, aber doch eine ordentliche Statur. Meeresbiologe wollte er also werden, genau wie sie. Nicht viele Leute wussten das. In der Schule nur ihre beste Freundin. Die Schulglocke läutete und Susanne seufzte auf. Schade, jetzt, wo es endlich interessant geworden war. Gern hätte sie mehr von ihm erfahren. Sie sah, wie er sich von seinem Stuhl erhob, die blonden Haarsträhnen aus seinem Gesicht strich und mit seinen Sachen davoneilte. In der Pause würde sie ihn unbedingt ansprechen. Seine Antwort hatte sie neugierig auf ihn gemacht. Seltsam, warum sie ihn nie vorher bemerkt hatte. Hatte sie etwa die ganze Zeit über geschlafen?

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Neugierig ließ Gunnar seinen Blick durch den Raum schweifen. Poster von Boybands hingen nicht an der Wand. Auch fand er kein vollgestopftes Zimmer mit schnörkeligen Einrichtungsgegenständen oder mit Blumen verzierte Gardinen oder dergleichen vor, wie sie seine Ex-Freundin mit Vorliebe besaß. Was er jedoch stattdessen sah, verblüffte ihn. Schwarz eingerahmte Fotoaufnahmen von Walen und Delphinen schmückten Susannes Wände und mit der Unmenge von Pflanzen, die sich in Terrakotta-Töpfen im Zimmer verteilten und deren Blätter sich zu allen Seiten hin ausbreiteten und schlangenmäßig nach vorne drangen, fühlte sich Gunnar wie in der Unterwasserwelt. Das Mädchen hatte Klasse. In der Pause hatte sie ihn unerwartet angesprochen und ihm ein paar Fragen zu seinem Berufswunsch gestellt. Eigentlich hatte sie ihn eher ausgequetscht und ihre Neugier hatte ihn neugierig gemacht.

«Dieses Buch meinte ich. Das ist super interessant und schau, wie viele Belugas es hier gibt. Meine Lieblingswale. Gib’s mir einfach zurück, wenn Du es durch hast. Keine Eile.» Sie hielt es ihm entgegen und lächelte. Ein hübsches Lächeln, war ihm vorher gar nicht aufgefallen. «Möchtest Du was Trinken, ne Schorle oder ne Cola?»

«Gern ne Cola. Susanne, mmm, vielleicht hast Du ja mal Lust, mit mir ins Imax zu gehen, dort läuft grad ein ziemlich cooler Film Der Blaue Planet.» Das war ihm spontan herausgerutscht, er sah sie ein wenig bestürzt an. Diese Frage kam viel zu schnell, viel zu direkt. Doch eigentlich wäre sie genau die richtige Person dafür, dachte er. Er entspannte sich wieder und blickte sie erwartungsvoll an.

«Mit mir willst Du da hingehen?» Sie nahm einen großen Schluck aus der Flasche, als ob sie Zeit schinden wollte. Dann blickte sie ihm in die Augen. «Das wäre toll.» Er atmete auf. Er hätte sie gerne in den Arm genommen und geküsst. Auf die Nase zum Beispiel, auf der er ein paar Sommersprossen entdeckte. Er wusste, dass er sich in diesem Moment in sie verliebt hatte.

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Sie freute sich auf die Schule. Dort würde sie Gunnar sehen und in seine schönen, dunklen Augen blicken und seine beruhigende, tiefe Stimme hören. Auch genoss sie es, dass die Mitschüler hinter ihrem Rücken über sie tuschelten. Zum ersten Mal fühlte sie sich als etwas Besonderes, die sonst eher unscheinbare Susanne, welche die Leute wegen ihrer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft mochten, die aber normalerweise nicht für aufregenden Gesprächsstoff sorgte. Sie konnte ihre Fragezeichen in ihren Gesichtern sehen, die sie durchdrangen, wenn sie mit Gunnar in der Ecke stand und sich mit ihm unterhielt. Dabei berührten sie sich nicht und gerade, weil sie in der Schule die Finger voneinander ließen, erhöhte das die Spannung, wenn sie sich außerhalb trafen, zu ihr oder zu ihm gingen. Auch die sonst so heruntergekommenen, grauen Wände des Schulgebäudes wirkten auf einmal bunt und selbst die Lehrer empfand Susanne erträglich. Sie hatte richtiges Herzklopfen, wenn sie Gunnar traf und dieses neuartige Gefühl überraschte sie. So ist das also, wenn man verliebt war. Eine Sehnsucht zu spüren, den anderen sehen zu wollen, wenn man ihn nicht sah. Sie summte, als sie die Tür zur Schule aufstieß und strich ihr Outfit glatt und fuhr sich durch die feinen Haare, die locker auf ihre Schulter fielen. Jeden Tag begutachtete sie sich kritisch vor dem Spiegel, das Verliebtsein hatte auch seinen Preis, statt länger zu schlafen, stand sie nun um sechs Uhr morgens im Bad, machte sich schön.

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Sie lagen nebeneinander, kein Zentimeter passte zwischen ihnen. Susanne küsste ihn. Sie fuhr mit der Hand nach unten zu seinem Oberschenkel und streichelte ihn. Mochte er das? Er hielt seine Augen geschlossen, atmete schneller und erwiderte ihren Kuss. Ihre Haut fühlte sich sehr zart an und auch so zerbrechlich. Seine Hände kamen ihm einmal so groß, zu kräftig vor und er fühlte Unsicherheit. Er versuchte, entspannt zu bleiben. Er streichelte über ihr Ohr, was sie zu mögen schien, denn sie schnurrte wie eine Katze. Bei seiner vorherigen Freundin hatte er nie überlegt, ob ihr seine Berührungen gefallen hatten. Susanne war etwas Besonderes, er wollte, dass sie sich wohl fühlte, Spaß hatte. Spielerisch drang er mit seiner Zunge ins Ohr hinein, mit der Spitze in die Ohröffnung. Sie fing an zu kichern. Sie befreite sich von ihm und legte sich auf die Seite. «Aufhören. Ich kann nicht mehr!» Sie lachte und fasste sich an die Stelle. «Ich bin doch so kitzlig!»

«Dir gefällt das nicht?» Gunnar klang enttäuscht.

«Doch, doch. Aber mein Ohr ist so empfindlich, nicht Deine Schuld.» Sie rückte wieder näher an ihn heran und presste ihre Lippen lange und leidenschaftlich auf seine. «Du bist ein genialer Küsser.» Gunnar lächelte und legte seinen Arm um das schönste Mädchen der Welt.

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«Unbedingt ins Ausland. Ich würde gerne nach Spanien, England oder am liebsten nach Australien. Auf jeden Fall raus aus Deutschland!»

«So weit? Nach Australien. Ohne mich?» Gunnar zog seine Augenbrauen nach oben.

«Als Meeresbiologe muss man doch raus in die Welt. Wir können doch gemeinsam gehen!» Susanne klatschte in die Hände.

«Ich könnte Deutschland jetzt nicht verlassen. Meine Mutter. Meine Geschwister. Versteh’ mich nicht falsch. Ich reise gerne, aber ich komme auch wieder gerne nach Hause zurück. Ich mag mein Leben hier. Mit Dir.» Er berührte ihre Hand und Susanne zog sie wieder weg, tippte auf den Globus, der vor ihr stand. Seit sie zehn war, hatte sie ihn und eigentlich hatte sie die ganze Zeit auf den Tag gewartet, an dem sie das Abitur in der Tasche haben würde, um dann in die weite Welt aufzubrechen.

«Schau, hier ist Melbourne. Die haben mir gestern Info zugeschickt, von der Uni für Meeresbiologie. Die Delphine sehen, beobachten, forschen. Wir könnten die Welt gemeinsam entdecken.»

Gunnar blickte seine Freundin an. Seit drei Monaten waren sie nun zusammen und manchmal erschrak er, wie sehr er ihre Nähe, Anwesenheit brauchte. Die Unterhaltung, die sie gerade führten, gefiel ihm überhaupt nicht. Ihm war übel. Warum wollte sie nur weg, er war doch hier.

«Komm, Susi, laß uns über andere Dinge sprechen. Nach der ganzen Lernerei sollten wir einfach mal raus in die Natur. Warum fahren wir heute nicht an den See und relaxen ein bisschen?»

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Susanne lag auf ihrem Bett und studierte aufmerksam die Broschüre. Die Anmeldefrist für die Universität in Melbourne lief diese Woche ab. Sie hatte lange mit ihren Eltern darüber gesprochen und obwohl sie nicht begeistert klangen, dass ihre Tochter auf einem anderen Kontinent studieren und leben wollte, bewunderten sie ihren Mut. Die Wolkenkratzer, die durch die Stadt emporragten, das tiefblaue Meer, das sie verlockend anblickte, kitzelten sie vor Aufregung.  AUSTRALIEN. Sie stellte sich vor, wie sie mit anderen Kommilitonen mit den Büchern unterm Arm zu den Vorlesungen eilte, den ganzen Tag über Ozeane und Fische sprechen und am Abend am Strand mit neuen Freunden den Sonnenuntergang mit einem Bier in der Hand erleben würde. Ihr Blick fiel auf die Wand, auf Gunnars Foto. Seine braunen Augen sahen sie an. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie erinnerte sich an ihre erste Verabredung im Imax, wie sie händchenhaltend entzückt auf die Leinwand gestarrt hatten. «Wow, siehst Du den Hai, wie groß und stark er aussieht», hatte er in ihr Ohr geraunt. Sie war so glücklich gewesen in diesem Moment, hatte es wie ein Wunder empfunden, dass sie ihn so plötzlich, so unerwartet gefunden hatte. Wie einen seltenen Fisch, den man bereits für ausgestorben glaubte. Nach dem Film hatten sie sich angeregt über die Doku unterhalten und sie war so stolz gewesen, ihn bei sich zu haben. Ein Leben ohne Gunnar? Ihr Finger fuhr langsam über das Foto. Sie wusste, dass es falsch wäre, hier zu bleiben. Er wollte nicht mit. Es war ihr Traum, nicht seiner. Tränen kullerten über ihre Wangen, zuerst winzige, dann immer mehr. Die Trauer, die sie die letzten Tage vor Euphorie verdrängt hatte, kam über sie und sie schluchzte wie ein Kind, das nicht mehr zu weinen aufhörte. Sie konnte nicht glauben, dass die Welt unter Wasser, die sie zunächst zusammen gebracht hatte, auch wieder entzweite. Verschwommen nahm sie sein Gesicht wahr, küsste es und murmelte:  «Gunnar. Mein Gunnar.»