Von Björn D. Neumann

„Was tue ich hier nur?“ Jon blickte zweifelnd in den Spiegel. Eben hatte er sich noch gewaschen und schon hatte sich wieder ein dünner Schweißfilm gebildet. Die lederne Kleidung wollte so gar nicht über die Haut gleiten. Das Anziehen wurde, erschwert durch die mörderische Hitze, zur Qual. Aber es musste sein – so war es besprochen. Er verzurrte die Ledergurte und -riemen, die die schwere Rüstung und Panzerung hielten. Dann schlüpfte er in schwarze, fellgefütterte Stiefel und zog Stulpenhandschuhe an. Sein Blick viel auf „Longclaw“. Das beeindruckende Schwert lehnte an der Wand und wartete darauf, ebenfalls angelegt zu werden. Jon wusste, dass es heute eine zusätzliche Qual würde, die 150 cm Stahl mit sich herumzuschleppen. Aber es gehörte dazu. Seufzend nahm er die Waffe mit dem edlen, geschnitzten Knauf in Form eines Wolfkopfs an sich und steckte es in eine Scheide, die am Gürtel befestigt war. Noch einmal blickte er in den Spiegel und verlor sich dabei fast in seinen melancholischen, braunen Augen. Dann wischte er sich eine Strähne seiner gelockten Haare, die schweißnass an der Stirn klebten, zurück und warf den dicken, körperlangen Fellumhang über die Schultern.

Die Sonne brannte mörderisch über der alten Hafenstadt und auf eine sanfte Meeresbrise wartete man heute vergeblich. Also blieb nur die Möglichkeit, in den verwinkelten Gassen der Altstadt jeden Schatten zu nutzen, der sich ihm anbot. Er musste zur Burg und der Weg dorthin war steil und lang. Außerdem wollte er so wenig Aufsehen wie möglich erregen. Ein fast unmögliches Unterfangen in einem solchen Aufzug bei diesen Temperaturen. Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gebracht, hörte er schon die Schreie. „Jon, Jon! Da ist er!“ Er beschleunigte die Schritte, rempelte unbeteiligte Passanten an, die empört stehen blieben und ihn in Sprachen, die er nicht verstand, wüst beschimpften. Egal. Er bog in eine schmale Seitengasse und suchte Schutz im Türrahmen eines Hauseingangs. Aus dem Augenwinkel erkannte er, wie seine Verfolger an der Abbiegung vorbeiliefen. Jon pustete durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Ah! Der König des Nordens!“ Jon erschrak. Auf einer Mauer saß ein kleinwüchsiger Mann, den er nur allzu gut kannte. Peter.

„Meine Güte, hast du mich erschreckt. Wo kommst du denn her, Peter?“

„Oh, komm schon. Ich bin nicht Peter. Du weißt, wo wir hier sind!“

Jon deutete eine Verbeugung an. „Ihr habt ja so Recht, Ser Lannister. So steht es wohl in den Papieren.“

„Fein. Immer schön in der Rolle bleiben. Dann können wir den Rest des Weges gemeinsam zurücklegen.“ Mit diesen Worten sprang er von der Mauer und öffnete den obersten Knopf der Lederweste, die er über einem luftigen Leinenhemd trug. „Elendige Hitze.“

„Mein Mitleid mit dir, hält sich in Grenzen“, schnaubte Jon.

„Sei froh, dass wir in Königsmund und nicht in Dorne sind.“

„Selbst in den Feuern der Hölle könnte es nicht heißer sein.“ Jon spuckte verächtlich auf die Straße.

„Na, na. Darf ich dich vielleicht auf einen Becher Wein einladen? Wir haben ja noch ein wenig Zeit.“

„Der erste kluge Satz, den ich heute von dir höre, Tyrion.“

„Nun, meine Talente sind halt das Trinken und dass ich Dinge weiß. Apropos – wir bekommen gleich noch Besuch.“

Nach wenigen Schritten erreichte das ungleiche Gespann eine Schänke, die etwas entfernt von den Menschenströmen der Hauptwege lag. Erschöpft ließen sie sich auf die rustikalen Holzbänke unter einem Sonnenschutz fallen. 

„Zwei Becher von deinem Besten“, rief Tyrion dem Wirt zu, der nach wenigen Augenblicken mit zwei randvoll gefüllten Tonbechern zurückkam. Er stellte sie auf den Tisch und schlug Jon lachend auf die Schulter. „Winter is coming, my friend. Winter is coming“, wiederholte er immer wieder in gebrochenem Englisch und rieb sich die Tränen des Lachens aus den Augen. Selbst als er in die Schänke zurückging, hielt er vor dem Eingang noch einmal kurz inne, drehte sich um, wies mit dem Zeigefinger auf Jon und prustete wieder los: „Winter is coming!“

Mit finsterer Miene stürzte Jon den Wein hinunter. „Der hält sich wohl für einen Komiker.“

„Ach, Jon, nimm es mit Humor …“ Tyrion unterbrach jäh seinen Satz. „Schau mal, wer da kommt!“

Jon drehte sich um und auch sein Blick hellte sich auf. „Emi… Ich meine Khaleesi.“ Jon glaubte, eine antike Göttin zu sehen, als er die weibliche Gestalt gegen das gleißende Sonnenlicht erblickte. Das lange blonde Haar strahlte mit der Sonne und ihrem Goldschmuck um die Wette, und gerade in diesem Moment frischte eine leichte Brise auf und spielte mit dem Haar und einem Traum aus weißer Seide, der mehr offenbarte als verbarg. 

„Vergiss jetzt mal den blöden Vertrag, Kit! Wir sind hier gerade ganz privat“, sagte sie als sie ihm einen Kuss auf die Wange hauchte.

„Danke. Unser Freund hier sieht das etwas anders“, knurrte Jon und nickte in Richtung Tyrions.

„Ich denke an unsere Fans“, verteidigte sich dieser. 

„Schau dir den armen Kit an! In dieser Aufmachung.“

„Kit ist nun mal Jon Snow. Der König des Nordens und Lord Kommandant der Nachtwache. Es ist das Lied von Eis und Feuer, und diese Convention ist jetzt halt sprichwörtlich im Feuer. In Dubrovnik. Drehplatz der Szenen im Süden. Wenn die nächste Con in Island ist, wird er sich auch nicht beschweren. So, und jetzt müssen wir weiter, sonst kommen wir zu spät.“ Mit diesen Worten legte er einen 50-Euro-Schein auf den Tisch und sagte zum Wirt: „Ein Lannister begleicht stets seine Schuld.“ 

Als die drei sich weiter Richtung Burganlage machten, winkte der Wirt ihnen nach und rief noch einmal lachend: „Winter is coming!“

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten sie endlich die Festung Lovrijenac. Hunderte Menschen säumten den roten Teppich, kreischten und feierten ihre Stars. Vergessen waren die Strapaze und die Hitze. Kit winkte in die Menge und spielte mit seinen Fans. Er erhob eine Hand und bedeutete der Menge zu schweigen. Dann setzte er an und rezitierte den Eid der Nachtwache: „Die Nacht bricht herein, und jetzt beginnt meine Wache. Sie wird nicht enden, bis ich sterbe …“ Das Publikum jubelte und rief immer wieder: „Winter is coming …“

Spät in der Nacht streifte Kit zurück auf dem Weg ins Hotel durch die Gassen Dubrovniks. Er entdeckte eine Bar, die noch geöffnet war und trat ein. Glücklicherweise war sie so gut wie leer, so dass Kit nicht bemerkte, wie eine hünenhafte Gestalt ihren pelzigen Arm mit einem Grunzen auf seine Schulter legte. Kit sah von seinem Drink auf in den Spiegel und erblickte ein über zwei Meter großes, pelziges Wesen. Kurz nickte er ihm zu und stellte nur die eine knappe Frage: „Star-Wars-Convention?“ Die Antwort des Wookies war ein langgezogenes, gutturales Heulen, bevor er sein Glas Whiskey in einem Zug herunterschüttete.

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