Von Florian Erhardt

Die Seile schneiden in meine Gelenke. Jede Bewegung tut weh und mein Mund ist staubtrocken. Ich schließe die Augen. Bei diesem schummrigen Licht kann ich sowieso nichts erkennen. Ich zähle im Kopf von zehn bis null runter. Öffne die Augen wieder, während die leise Hoffnung stirbt, dass ich gleich wohlbehalten in meinem warmen Bett aufwachen werde. Mein Schädel brummt, trotzdem versuche ich, irgendwie herauszufinden, wie ich hier gelandet sein könnte.

 

Einige Stunden zuvor

 

„Sieben Dinge, die beim Blutmond passieren?“ Laura sieht mich fragend an. „Darauf bist du jetzt so stolz?“

Ich zucke mit den Schultern. „Zwei Millionen Klicks innerhalb von 24 Stunden. Weißt du, wie viel Cash das ist?“

Sie verdreht die Augen. „Tobi, das ist doch kein Journalismus. Und um die Geschichte mit den verschollenen Fünfzehnjährigen schert sich nach über zehn Jahren auch niemand mehr.“

„Hast du den Artikel überhaupt richtig gelesen?“

Das jüngere Pärchen am Nachbartisch dreht sich demonstrativ pikiert weg.

„Ja“, seufzt Laura. „Leider. Der Volksmund sagt, dass in Blutmondnächten die Werwölfe erwachen, aber eigentlich gibt es Wölfe nur noch in Nationalparks und…Tobi, das stimmt doch überhaupt nicht!“, sagt sie entrüstet. Vorsichtig schiebt sie das iPad, auf dem mein Artikel geöffnet ist, am Tiramisu vorbei zurück in meine Richtung.

„Was soll das heißen? Leider?“, gebe ich schärfer als gewollt zurück.

Laura entscheidet sich, meine Frage nicht zu beantworten: „Du hast dich verändert.“

Ich mustere sie. Hat sich gut gehalten. Immer noch ganz ansehnliche Titten. Wenn sie auf das Problempony verzichten würde, könnte man sie sogar noch als gutaussehend bezeichnen.

Sie zieht eine Augenbraue hoch. „Ist was?“

„Sorry, war kurz in Gedanken“, lüge ich.

„Brauchen deine Clickbait-Artikel etwa so viel Hirnschmalz?“

„Darum geht’s doch nicht“, gebe ich etwas angesäuert zurück.

„Fragst du dich wenigstens, wo in deinem Leben du falsch abgebogen bist?“

„Willst du jetzt hören, dass wir auf ewig die Lokalredaktion hätten leiten sollen, um mit zwei Kindern und einem Schrebergarten gemeinsam alt zu werden?“

„Wäre das wirklich so viel schlechter gewesen als das, was du jetzt machst?“

Ich merke, dass ich wütend werde. „Wolltest du dich mit mir treffen, um mir eine Moralpredigt zu halten?“

„Nein“, sagt sie leise, „Ich bin der Fehleinschätzung aufgesessen, dass du dich für etwas anderes interessierst als deine finanziellen Verhältnisse“, meint sie gekünstelt kühl, während ihre Augen wütend blitzen.

Ich hebe abwehrend die Hände. „Das Geld geht mir am Arsch vorbei, Laura. Aber das Gefühl, wenn zwei Millionen Menschen deinen Text le—“

„Deinen Schund“, fährt sie mir in die Parade.

Ich lächle unsicher. „Was?“

„Du schreibst Clickbait-Schund. Jahrelang erzählst du mir, du wärst abgehauen, weil du mit deinen Texten die Welt zu einem besseren Ort machen wolltest!  Um mir dann sowas zu präsentieren? Du solltest dich schämen für so ‘ne Scheiße.“

„Nur weil du nicht weißt, wie es sich anfühlt, wenn zwei Millionen Menschen—“

„Arsch!“, zischt sie.

„Ist doch so. Kann schon sein, dass deine Obdachlosen-Reportage journalistisch wertvoller ist, aber bekommst du davon deine Miete gezahlt?“

Laura erwidert nichts.

„Dachte ich mir“, fahre ich selbstsicher fort, „wahrscheinlich bist du immer noch nicht festangestellt, oder?“

Entrüstet erhebt sie sich. „Es war ein Fehler, mich mit dir zu treffen, Tobi.“

Ich schlage mir das Knie an, als ich genauso abrupt aufstehe und versuche, ihre Hand zu greifen.

Kurz berühren sich unsere Fingerspitzen. Knistert es wirklich oder bilde ich mir das ein?

„Ich musste es tun!“, höre ich mich halbherzig selbst sagen.

„Du hast wirklich unsere gemeinsame Zukunft weggeworfen, um gequirlte Scheiße zu schreiben.“, stellt sie fest. Ihre Augen glitzern feucht.

„Ich hatte keine andere Wahl!“ Sie kennt nur die halbe Wahrheit.

Und nickt trotzdem verständnisvoll.

„Laura“, flüstere ich, „wollen wir nicht wenigstens einen Abend so tun, als wäre ich kein Arschloch gewesen?“

„Du bist immer noch zu süß, wenn du verunsichert bist.“, lächelt sie.

Danach reißt die Erinnerung abrupt ab. Sind wir zu ihr gegangen? War es der Wein?

 

„Das ist es doch, was du immer wolltest, oder?“, holt mich in die Realität zurück.

Meine Kehle ist wie zugeschnürt.

Schemenhaft erkenne ich Lauras Züge. „Bin ich die Einzige, die freiwillig deine kranken Fantasien mit dir ausgelebt hat?“

Mein Hilfeschrei verkommt zu einem heiseren Flüstern.

Ihre Finger streichen fast zärtlich über meine Wangen. „Psst“, haucht sie, „hier kann dich eh niemand hören, also spar dir deine Kraft.“

Ganz kurz fühlt es sich so vertraut an wie früher. Mein Mund wird noch trockener, während sie fast zärtlich ihre Hand über meinen Bauch und langsam Richtung Schritt kreisen lässt.

Ihre Faust trifft mich aus dem Nichts.

Der metallische Geschmack von Blut flutet meinen Mund.

„Dreizehn Jahre“, lächelt sie kalt. „Dreizehn Jahre hab ich mich gefragt, was falsch mit mir sein könnte. Warum du verschwunden bist, als ich alles für dich getan hätte.“

Der nächste Schlag trifft meine Schläfe und schwarze Punkte tanzen durch mein viel zu kleines Sichtfeld. Meine Hoffnung, ohnmächtig zu werden, ist unberechtigt.

„Ich hab’s rausgefunden.“

Es gelingt mir, meinen Kopf etwas zu drehen.

Sie steht über mir.

Ich finde ihre Augen. Der eine Blick genügt. „Fuck“, entfährt es mir. „Laura, glaub mir—“

Wieder trifft mich ihre Faust. Ihr Lächeln ist eisig. „Ich würde ja sagen, du bist mir perfekt in die Falle gegangen, aber ich glaube, du wolltest dich von mir erwischen lassen.“ Sie weiß genau, was ich beim letzten Blutmond getan habe.

Schlucken tut weh.

„Du warst wochenlang jeden Abend bei mir, nur in dieser Nacht nicht. Um ein paar Tage später mir nichts, dir nichts zu verschwinden. Denkst du wirklich, ich könnte eins und eins nicht zusammenzählen?“

„Laur—“, bekomme ich heraus, bevor mir ihr Tritt in die Eier den Atem raubt.

„Denk bloß nicht, dass du kürzer leiden wirst als die Mädchen.“