Von Florian Ehrhardt

Die Seile schneiden in meine Gelenke. Jede Bewegung tut weh und mein Mund ist staubtrocken. Ich schließe die Augen. Bei diesem schummrigen Licht kann ich sowieso nichts erkennen. Sofort arbeiten meine anderen Sinne besser und der modrige Geruch könnte ein Hinweis sein, dass ich in einem Keller bin. Ich zähle im Kopf von zehn bis null runter. Öffne die Augen wieder, während die leise Hoffnung stirbt, dass ich gleich wohlbehalten in meinem warmen Bett aufwachen werde. Mein Schädel dröhnt, trotzdem versuche ich, irgendwie herauszufinden, wie ich hier gelandet sein könnte. Und ob ich diesen Ort lebendig verlasse.

 

Einige Stunden zuvor

 

„Merkel-Erbe am Wendepunkt? Greift Merz 2026 endlich durch?“ Laura sieht mich fragend an. „Darauf bist du jetzt stolz?“

Ich zucke mit den Schultern. „Zwei Millionen Klicks innerhalb von 24 Stunden! Weißt du, in welche Position mich das für die nächste Gehaltsverhandlung katapultiert?“

Sie verdreht die Augen: „Tobias, das ist doch kein Journalismus! Im besten Fall ist das Clickbait-Schund, im schlechtesten Fall Zunder am rechten Rand.“

„Hast du den Artikel überhaupt richtig gelesen?“, frage ich etwas lauter als beabsichtigt.

Das jüngere Pärchen am Nachbartisch dreht sich demonstrativ weg.

„Ja“, seufzt Laura. „Leider. Und außerdem befürchte ich, dass die meisten Personen nach so einer Überschrift nicht mehr viel mitnehmen.“

„Willst du meine Leser etwa für dumm verkaufen?“

„Nö“ schmunzelt sie, „aber die Studienlage, wie wenige Menschen nach einem reißerischen Titel noch weiterlesen, ist ziemlich eindeutig.“

„Aha“, versuche ich möglichst unbeeindruckt von mir zu geben.

„Aber um ehrlich zu sein kommt mir der Rest davon auch nicht besonders lesenswert vor. Hast du das mit ChatGPT geschrieben?“ Sie schiebt das iPad, auf dem mein Artikel geöffnet ist, am Tiramisu vorbei zurück in meine Richtung.

Ich bin zwar hier, um an Informationen zu kommen, aber meinen Stolz kann ich trotzdem nicht herunterschlucken: „Okay, kann schon sein, dass du theoretisch die bessere Journalistin von uns beiden bist, aber nur weil du nichts aus deinem Talent gemacht hast, heißt das nicht, dass du beleidigend werden musst!“

Lauras Augen blitzen kurz auf. „Nichts aus meinem Talent gemacht? Was meinst du denn damit? Bloß, weil ich mich nicht an den Boulevard verkauft habe? Fragst du dich wenigstens, wo du in deinem Leben falsch abgebogen bist, wenn du so etwas sagst?“

„Hätte ich bis in alle Ewigkeit mit dir gemeinsam die Lokalredaktion leiten sollen?“

„Wäre das so viel schlechter gewesen als das, was du jetzt machst?“

„Willst du jetzt hören, dass ich mit zwei Kindern, einem Schrebergarten und dir glücklicher wäre?“

„Wenn du so fragen musst, kennst du die Antwort“, gibt sie bissig zurück.

„Hast du dich wirklich nur mit mir getroffen, um die Moralkeule zu schwingen?“

„Du hast das Treffen doch vorgeschlagen!“

Ich druckse herum: „Naja, ich wollte mich mit dir über Journalismus unterhalten.“

„Tun wir doch!“

„Mir geht’s eher darum, was du so schreibst.“

Sie zieht eine Augenbraue hoch. „Ach. Ist das der Grund, warum ich mir erstmal ‘ne halbe Stunde Selbstbeweihräucherung über deine Klickzahlen geben musste?“

„Naja ich wollte —“

„Du wolltest um den heißen Brei herumreden. Wie damals, als du dich monatelang erfolgreich gedrückt hast, die süße Dreizimmerwohnung in der Altstadt zu besichtigen!“ 

„Musst du jetzt schon wieder diese Geschichte auspacken? Und außerdem nennt man sowas Smalltalk“, versuche ich sie zu beschwichtigen.

Laura verschränkt wütend die Arme. „Ahja? Wann kommen wir dann zum Big Talk?“

„Ich glaube, das sollten wir nicht hier drin besprechen.“

 

Obwohl es noch nicht einmal 20 Uhr ist, sind nur noch wenige Menschen auf der Straße unterwegs. Der Sturm pfeift über die Dächer und treibt die Wolken vor sich her, die sich plötzlich lichten und einen Blick auf den blutroten Mond freigeben.

„Ach, das passt ja!“, meint Laura erfreut.

„Was?“ Ich versuche, cool zu bleiben.

„Tobias, wir wissen beide, warum du hier bist!“

„Ja? Tun wir das?“

„Du möchtest über meinen neuen Artikel zu den Blutmondmorden reden, oder?“

Im Sommer vor sieben Jahren gab es kein anderes Thema in der Stadt.

Ich kontere mit einer Gegenfrage: „Hast du mir die ominöse Mail mit dem Link geschickt? Mein Spamfilter hätte die fast aussortiert.“

Laura zuckt mit den Schultern. „Schon möglich.“

„Warum?“

„Vielleicht weil ich nicht mehr verliebt genug in dich bin, um offensichtliche Zusammenhänge zu übersehen“, sinniert Laura. „Dass wir uns ausgerechnet in der Blutmondnacht nicht sehen konnten und du schon über alle Berge warst, als die Leichen der Mädchen aufgetaucht sind —”

Die beiden Rentner, die aus einer Seitengasse kommen, lassen sie kurz verstummen.

Ich senke meine Stimme ebenfalls: „Du hast doch nicht vor, mir die Polizei auf den Hals zu hetzen, oder? Stell dir mal vor, was die woke Gerechtigkeitskriegerbubble aus mir machen würde, wenn wegen deinem obskuren Artikel plötzlich meine Reputation —“

„Pff, wenn diese Stümper meine Reportage ernst genommen hätten, wäre ich schon längst als Zeugin geladen worden. Nicht mal die Eltern haben sich bei mir gemeldet, vielleicht haben sie die Hoffnung auf Gerechtigkeit aufgegeben. Die Leute wollen wohl keine Schauergeschichten mehr hören, in unserem Onlineauftritt wurde der Artikel seltener geklickt als die dpa-Meldung zur Vierschanzentournee. Und Aktenzeichen XY interessiert es auch nicht.“

„Wirklich?“ Mir fällt ein Stein vom Herzen.

„Ich müsste schon persönlich bei der Polizei vorbeilaufen und den Hinweisgeber spielen“, fügt Laura nachdenklich an.

Mein Puls beschleunigt sich wieder. „Und hast du …“

„Bisher nicht. Aber wenn du mir keinen guten Grund nennst, könnte ich —“

„Nein!“

„Was, nein? Willst du mir etwa drohen?“

„Nein, ich —“

„Besser so, wenn ich bis morgen früh um 8 nicht an meinem Laptop bin, geht die Mail an das Kommissariat sowieso raus.“

Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Was?! Laura, es ist alles ganz anders, als du denkst!“

„Ja?“

Ich bete den Satz herunter, den ich gefühlt tausend Mal vor dem Spiegel geübt habe: „Okay, ich gebe es zu. Ich war in der Nacht nicht bei dir, weil ich dich mit Anna betrogen habe“, erst dann wage ich es, einen Blick in Lauras Gesicht zu werfen.

Sie sieht mich ungläubig an: „Die Schülerpraktikantin? War die nicht —“

„Seit zwei Monaten 18 und —“

Ihre Ohrfeige stoppt mich. „Arsch!“, zischt sie.

„Laura, ich weiß, das war der größte Fehler meines Lebens, aber ich kann das wieder gut machen!“

„Sagst du das nur, um zu verhindern, dass ich zur Polizei gehe?“

Zum ersten Mal an diesem Abend sehe ich sie wirklich an. Selbst im fahlen Licht der Straßenlaterne lässt sich nicht leugnen, dass sie sich deutlich besser gehalten hat als ich. „Nein! Glaub mir, das ist die Wahrheit!“

„Naja, es würde zumindest erklären, warum das kleine Flittchen danach nicht mehr mit mir geredet hat“, denkt Laura laut nach. „Meinst du es diesmal wirklich ernst?“ Ihre Augen sind voller Hoffnung, dass ich sie nicht angelogen habe.

Gibt sie mir wirklich die Chance, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen? „Laura, ich —“

Sie kommt näher und legt mir sanft die Hand auf die Schulter. „Du hast verdammt viel Glück, dass du so süß aussiehst, wenn du verunsichert bist, Tobi.“

Ich bekomme kein Wort heraus. Sowas passiert doch nur im Film, oder?

Kurz kommen sich unsere Lippen ganz nah, doch Laura zieht zurück. „Später“ haucht sie und hakt sich stattdessen bei mir unter. „Fühlt sich fast an wie früher.“

Ich bin immer noch zu perplex, um ihr eine Antwort zu geben und starre stattdessen in den Nachthimmel, an dem der blutrote Mond immer größer zu werden scheint.

„Wollen wir noch zu mir?“, fragt sie.  „Ich hab‘ den Wein, den du mir zu unserem Dreijährigen geschenkt hast, nie geöffnet.“

 

„Das ist es doch, was du immer wolltest, oder?“, holt mich in die Realität zurück.

Meine Kehle ist wie zugeschnürt.

Schemenhaft erkenne ich Lauras Züge.

„Bin ich die Einzige, die freiwillig deine kranken Fantasien mit dir ausgelebt hat?“

Mein Hilfeschrei verkommt zu einem heiseren Flüstern.

Ihre Finger streichen fast zärtlich über meine Wangen. „Psst“, haucht sie, „hier kann dich eh niemand hören, also spar dir deine Kraft.“

Kurz fühlt es sich nicht bedrohlich, sondern vertraut an. Mein Mund wird noch trockener, während sie ihre Hand über meinen Bauch und langsam Richtung Schritt kreisen lässt.

Ihre Faust trifft mich aus dem Nichts. Gleichzeitig durchströmt gleißendes Licht den Raum.

Der metallische Geschmack von Blut flutet meinen Mund.

„Sieben Jahre“, lächelt sie kalt. „Sieben Jahre lang habe ich mich gefragt, was falsch mit mir sein könnte. Warum du verschwunden bist, als ich alles für dich getan hätte.“

Der nächste Schlag trifft meine Schläfe und schwarze Punkte tanzen durch mein viel zu kleines Sichtfeld, das kurz zuvor noch den Blick auf einen Fleischerhaken preisgegeben hat.

„Du hättest mir nichts gestehen müssen. Ich habe lange genug nachgeforscht, um herauszufinden, was du wirklich getan hast.“

Es gelingt mir, meinen Kopf etwas zu drehen.

Sie steht über mir.

Ich finde ihre Augen. Der Blick genügt. „Fuck“, entfährt es mir. „Laura, glaub mir —“

Wieder trifft mich ihre Faust. Ihr Lächeln ist eisig. „Ich würde ja sagen, du bist mir perfekt in die Falle gegangen, aber ich glaube, du wolltest einfach deine gerechte Strafe haben.“

Schlucken tut weh. „Laur—“, bekomme ich heraus, bevor mir ihr Tritt in die Eier den Atem raubt.

„Ich habe die Bilder von den Mädchen gesehen“, sagt sie und muss kurz stocken. „Von…danach. Glaub bloß nicht, dass du auch nur eine einzige Sekunde kürzer leiden wirst.“

 

V3 – 9.458 Zeichen – feh 012026