Von Kornelia Wulf
Dunja starrt hinab auf die glatte Fläche. Sieht unter dem Weiß dunkle Fischleiber treiben, hört Flossen, spitz wie Zackenmesser, in die dicke Eisschicht ritzen.
(Oder vielleicht kratzen da Schatten, die endlich ans Licht wollen?)
Dunja lehnt sich vor auf dem Tribünensitzplatz, stützt ihren Arm auf dem Schenkel ab und denkt zurück an diesen Tag, dem sie so lang entgegengefiebert hatte. An dem ihr Herz im JA-Takt klopfte, als sie vor der Bande auf Einsatz hoffte.
„Hier herrschen die Gesetze des Haifischbeckens“, hatte der Mann mit der Kappe gesagt, „da muss man viel einstecken. Und das eins klar ist.“ Sein metallener Blick nagelte sich fest in Vaters Gesicht. „Die Handschuhe aus Samt bleiben im Schrank. Wird sie das durchhalten können?“ Klein und gedrungen stand er da, die Fäuste geballt. Und Dunja musste an die dicken Pfoten von Charlie denken, sie prustete leise, den Hund ihres Nachbarn. Der wuffte stets grollend, wenn er sie sah. Komm diesem Vieh bloß nicht zu nah! warnte sie Mutter. Nie durfte Dunja die Bulldogge streicheln. Nein – seine Tochter bestehe nicht aus Watte, die könne was vertragen. Fest und entschlossen klang Vaters Stimme, der sich die feuchte Stirn abwischte, während Stolz aus allen Poren tropfte.
„Nimm sie hart ran!“
Gebannt hatte Dunja auf die schwielige Hand gestarrt, die in der fleischigen Pfote verschwand. So besiegelten die beiden den Trainingsvertrag.
In diesem Moment wurde sie in den Zwinger aus Eis gesperrt. Warum hatte sie das nur so lang nicht gemerkt?
Und Dunja denkt an die frühen Minuten zurück, in denen der Schlaf noch seine schützende Hand über sie hielt. Dann wurde ihr Geist aus tiefen Träumen gerissen. Und das Deckbett von ihren Füßen.
„Los, schon sechs“, hatte die helle Stimme gequält.
Sofort war sie von der Matratze gesprungen. Dehnen und Sit-Ups noch vor dem Duschen. Den Ranzen gepackt in den letzten Sekunden.
Die Tupperschale fest an den Gurt gedrückt, hatte sie hinten im Auto ihr Müsli gemümmelt, wenn Mutter sie morgens zur Schule fuhr. Dort versuchte sie sich an Frau Gerdes Lippen zu hängen, den Prozess des Verstehens im Hirn nicht abzudrängen, bevor sie Punkt zwei das Heft zuklappte (und manchmal aus einem Sekundenschlaf erwachte). Die Hausaufgaben mussten bis zum Abend warten. Bis gegen neun, kurz vorm ins Bett fallen.
Dann endlich. Nach dem Mittagssnack. Zog sie Bögen auf der glatten Fläche, auf der sie sich ganz und heimisch fühlte.
Das Knacken und Knirschen gaben ihr Halt. Diese zarthellen Töne unter den Kufen – fast schienen sie seufzend nach ihr zu rufen -, die sich wie die Melodie einer Eisgeige um die Ohren schmiegten. Bis der Ruf des Trainers herüberschallte. Häufig rau. Selten geschmeidig. Wenn er die Kappe über den gedrungenen Schädel schob – und sein Stahlblick sich unter dem Schirm verlor – musste sie an das Gewuffe von Charlie denken und das kitzelnde Prusten in der Kehle hinunterdrücken. Doch es nützte ihm nichts, den Blick zu verstecken. Schon bald hatte es Dunja an seinen Lippen entdeckt. Wie er sie formte, wenn er pfiff, während er entlang der Bande lief. Beim Vogelfängerlied nur leicht gespannt – vielleicht, weil der sich lustig fand? -, und steil und gespitzt beim Gesang vom Torrerokampf, den Dunja aus dem Elternschlafzimmer kannte. Den summte ihr Vater stets leise mit.
An den seltenen Tagen spürte sie die Hand sanft auf die Wange klopfen. Von der Schläfe hinab an der Ohrlinie entlang, bis sie auf ihrer Schulter landete. „Ja, gestanden! Wir werden es schaffen.“ So weich klang sie dann, die Trainerstimme. „Jetzt bloß nicht nachlassen. Reiß Dich zusammen!“
Und Dunja sah weißes Gefieder auf Wolken schweben, als sie das komische Flattern in ihrem Brustkorb fühlte. Der Junior Grandprix stand vor der Eishimmeltür. „Dunja, du darfst als Jüngste teilnehmen.“, hatte er gesagt.
In den rauen Momenten lag seine Janushand schwer auf der Wange. Daumen und Zeigefinger nahmen das empfindliche Fleisch in die Zange, wenn sie auf wackligen Beinen landete, oder gar auf die Eisfläche knallte. Gruben sich tief ein, drehten es um seine eigene Achse, bis Dunja glaubte, dass es gleich platze.
Und sie verfluchte den Lutz oder den Axel, der sie wieder hatte fallen lassen.
Wie eine Schlange kroch der Schmerz durch ihre Glieder. Verbiss sich in Rippe, Hintern, Hüfte, bis er tief in das Knie eindrang.
„Los steh´ auf!“, kläffte er, „sofort noch mal probieren.“
Und wenn eine kleine Träne Richtung Mundwinkel rann
„Okay, du willst jammern? Dann hau ab! Von mir kriegt jeder nur eine Chance.“ Wie ein Steinregen prasselten die Worte auf Dunja hinab, die wehrlos vor der Bande lag. „Lisa und Amy stehen schon vor meiner Tür. Die rennen mir fast die Bude ein.“
Noch fühlt Dunja dieses Zucken in ihrem Innen, fast, als könne die Seele zittern (warum hat sie sich von ihm nur erpressen lassen?), hört ein feines Krachen in mancher Nacht, wenn ihr Kiefer wie ein rostiges Tellereisen zuschnappt.
Nein – sie hatte sich vom Schmerz nicht kleinkriegen lassen.
Training für Training, einen Schweißtropfen nach dem anderen – immer wieder war sie aufgestanden. Spürte die Kraft durch die Kufen fließen, wenn sie sich mit dem Eis verband. Nicht wie der Looser Kai, der Junge aus ihrem Lieblingsmärchen, der gefangen im Schneeschloss beinahe erfror, während er sich in seinen Eispuzzleteilen verlor (echt voll peinlich!), weil er nicht für die Aufgabe brannte.
Dunja schaut auf die Schlittschuhe hinab, ihre einzigen Begleiter in der leeren Eisporthalle, die sich in neben ihr auf dem Sitzplatz ausruhen.
Und ihre Gedanken ziehen Bögen auf der glatten Fläche.
Umkreisen die Reihe der langen Wettkämpfe. Fast immer hatte es mit den Metallstücken geklappt. Die hängen jetzt an der Wohnzimmerwand. Dort werden sie jeden Freitag abgestaubt, bevor Mutter nach dem Poliertuch greift und sich im Glanz der Medaillen anstaunt.
Dunja zieht ihre Brauen zusammen, spitzt die Erinnerung an.
Vielleicht waren es Disziplin, der Schmerz, Fleiß und Schweiß?
Die Medien berichteten vom Wunderkind mit Ausnahmetalent.
Oder ein Gehorsam, in dem man sich selbst nicht mehr kennt?
Ab der elften Klasse hieß es: Sportinternat. Dunja wurde nicht gefragt. Kurz legt sie ihr Kinn in den Händen ab und den Entschluss auf die innere Waage. Okay – ich hätte laut ja gesagt, denkt sie tief atmend. „Super Entscheidung!“, dröhnte der Trainer. „Wir müssen nun dringend an Deiner Ausstrahlung arbeiten.“, und schob seine Kappe tief in den Nacken. Und Dunja spürte ihn über ihren Körper wandern, diesen seltsamen Blick, für den sie so rasch keine Schranke fand.
An jedem Abend hatten sie sich auf der weiten Fläche getroffen, die Dunja dann ganz allein gehörte.
Noch hört sie die rauen Töne hallen. Die strichen an ihr vorbei wie Nebelschwaden, an denen man nichts ändern kann. Nur dieser eine, denkt sie, über den Knoten am Bauchnabel reibend, sitzt noch fest in meinem Leib. Er hatte die Lippen speerscharf gespitzt, etwas von Grazie und Dampfwalze gebrüllt, etwas von Fett, das überquillt. Tagelang hatte sie Rohkost in Quark gedippt, bis sie leicht wie ein Schneevöglein glitt und endlich wieder die sanfte Hand auf der Wange spürte.
Bis Doktor Wagner sie mit ernsten Augen ansah, Dunja seufzt auf, und ein Machtwort sprach.
In ihrem Rücken die Lehne aus Plastik, lässt Dunja sich entspannt in den Tribünenstuhl fallen. Kostet sie aus, die Momente des Rausches, die wie warme Wellen über sie schwappen. Nebelhorn, Grand Prix, Weltmeisterschaft. So viele Stufen, die sie scheinbar leichtfüßig erklommen hatte, bevor sie vor der letzten auf der Siegertreppe stand.
Bis die Wellen sich in reißende Wogen verwandeln, die über den seichten Fluss der Gedanken zusammenschlagen.
Und sie sieht ihn dort unten auf der frostigen Fläche, hört seine Kufen scharf in der Eisschicht bremsen. „Geschafft! Die E-Mail ist angekommen.“, ruft er, ein weißes Blatt in der Rechten schwenkend. „Jetzt können wir uns endlich die Ringe kaufen.“ Sein Lachen hallt in ihrem Ohr wie ein heiseres Bellen, als er spiralförmige Kreise um Dunja zieht, sie den Kopf vor dem süßlichen Atem zur Seite biegt, und der Körper unter dem seltsamen Blick zum Kantholz mutiert.
Hastig nach ihrer Tasche greifend, versucht Dunja sich von der Sitzschale hochzustemmen. Nur raus hier, befiehlt der Kopf ihr, während ihr Blick auf die sich windenden Fischleiber trifft. Die als schwarzes Knäuel unter der Eisschicht treibend die harte Fläche zum Wackeln bringen. Dunja klammert sich an der Stuhlkante fest.
„Mädchen – nicht so steif!“, hört sie seine Stimme hallen und irgendetwas von Zaunlatten brabbeln. Er folgt Dunja über die frostige Fläche, ihr ganz dicht auf den Kufen bleibend. In ihrem Ohr stampft sein Torrerogepfeife. Noch bevor Dunja den Ausgang des Zwingers findet, drückt sein Gewicht sie fest an die Bande. Sie spürt die schweißige Pfote auf dem Schenkel landen, hoch hinauf über den Pfad auf der Innenseite wandern. „Komm, ich helfe Dir beim Entspannen“, raunt er. Sabbernder Atem benetzt ihre Wange, während das Nein am Gaumen festklebt.
Dunja greift nach dem Handy in der Jacke. Ihr Finger schwebt auf dem Display herum. Eine fremde Stimme hat in ihr angeklopft. Die befiehlt, dass sie ihn anzeigen soll. Das haben auch die in der Klinik gesagt, in die sie Dunja brachten, nachdem sie sie vom Eis gezerrt hatten. Weil Dunja mit dem Schreien nicht aufhören konnte.
Sie legt das Handy auf der Sitzfläche neben ihr ab, streichelt die Schlittschuhe in ihrer Tasche. Umschließt sie mit den Armen und wiegt sie ganz sachte.
Und Dunja starrt hinab auf die glatte Fläche. Fünf Ringe erscheinen auf der dicken Eisfläche. Die in dem nun reinen Weiß zu glühen beginnen.
Fast, als seien sie eingebrannt.
V1 9628 Z.
