Von Franck Sezelli

»Franck, was machst du? Schreibst du schon wieder eine Geschichte?«, rief Elisabeth fragend vom Wohnzimmer aus in mein kleines Büro.

»So richtig schreiben kann man das wohl nicht nennen«, antwortete ich etwas missmutig. »Ich sitze hier am Rechner und versuche, mir etwas einfallen zu lassen.«

»Ach ja, es ist ja schon Mitte Februar. Sonst hast du doch am Monatsende immer schon die Geschichte für nächsten Monat fertig.«

»Diesmal ist mir keine zündende Idee gekommen. Vielleicht muss ich diesen Monat aussetzen, obwohl ich gerade erst wieder in die Arbeit dieser Forumsgruppe eingestiegen bin.«

»Was für ein Thema ist denn für die Schreibaufgabe im Februar gestellt?«, fragte  Elisabeth. Sie bemühte sich, Interesse zu zeigen.

»Olympia. Was da so passieren könnte, eine interessante Geschichte dazu. Wie Bob Alpinski die Kuh vom Eis holte, steht da echt in der Aufgabenstellung als ein Beispiel.« Ich glaubte nicht, dass meine Frau mir da helfen könnte.

»So ein Quatsch!«, war auch prompt ihre Reaktion. Aber sie fragte weiter: »Olympia? Die olympischen Winterspiele? Die laufen doch wohl jetzt. Wo finden die gleich statt?«

»In Milano und Cortina, so heißt es im offiziellen Logo, aber auch noch in anderen Orten der Gegend.«

»Cortina? Cortina d’Ampezzo?«

Inzwischen war ich ins Wohnzimmer gegangen, um die Unterhaltung fortzusetzen.

»Ja, Cortina d’Ampezzo«, bestätigte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Auch Elisabeth schmunzelte. Sie fragte direkt: »Denkst du dabei auch an dasselbe?«

»Offensichtlich«, musste ich zugeben, »bei Cortina d’Ampezzo fällt mir das immer wieder ein, das hat sich fest im Gedächtnis eingebrannt.«

Es war im Sommer 1991. Nachdem wir im Juli 1990 das erste Mal einen Urlaub im Westen verbracht hatten, mit einer Pauschal-Busreise an die Costa Brava, nicht sehr weit von der Region, wo wir heute leben, waren wir zu einer individuellen Rundreise aufgebrochen. Zunächst in vertraute Gefilde, in die Tschechoslowakei und nach Ungarn. Von Bratislava aus haben wir auch Wien besucht. 

Während wir den Sommerurlaub im Gedächtnis Revue passieren ließen, erinnerte sich Elisabeth an den Aufenthalt in der Nähe des Stephansdoms. »Weißt du noch, wie wir dort im strömenden Regen in so eine Art Glaskasten geflüchtet sind?«

»Ja, natürlich. Der war nicht zum Unterstellen gedacht, sondern gehörte zu einem sauteuren Hotelrestaurant als Quasi-Terrasse mitten auf der Straße. Der Kellner forderte uns sofort eine Bestellung ab. Dabei hatten wir gar keinen Sitzplatz, sondern standen eng gedrängt zwischen lauter Leuten, die wie wir vor dem Regen geflüchtet waren. Für eine winzige Flasche Bier, eine für uns beide, und die ebenso kleine Cola für die Kleine hatten wir ein Vermögen bezahlt.«

»Am darauffolgenden Tag ging es dann an den Balaton. Die Woche dort war sehr schön, auch wenn es am Ufer des Sees immer sehr voll war.« Ich sah meiner Frau richtig an, wie ihr diese Erinnerungen gefielen.

»Danach wollten wir ja eigentlich nach Venedig. Aber von Ungarn aus quer durch Slowenien oder Kroatien haben wir uns nicht getraut. Damals war der Jugoslawienkrieg. Also fuhren wir durch Österreich über Graz an den Wörther See und suchten dort eine Übernachtung.«

»Ach ja, der schöne Wörther See«, fiel Elisabeth in meinen aus dem Gedächtnis geholten Rückblick ein.

»Dort waren wir wegen der Kleinen sogar in einem Strandbad. Wir mussten aber zeitig wieder raus wegen der Verunsicherung.«

»Wir waren verunsichert?«, wunderte sich meine Frau.

»Wir nicht! Es war die Erste Allgemeine Verunsicherung, die später dort aufgetreten ist, wofür alles vorbereitet werden musste.«

»Ach so! Aber wie kamen wir jetzt eigentlich auf diesen Österreich-Aufenthalt?«

»Wegen Cortina d’Ampezzo kamen wir auf diesen etwas abenteuerlichen Urlaub. Vom Wörther See aus sind wir dann nach Italien reingefahren und haben uns auf der Karte ein Etappenziel unweit von Venedig gesucht. So sind wir auf Caorle verfallen.«

»Ich erinnere mich. Es war in Udine, als wir überlegt hatten, wie wir weiterfahren. Da haben wir Lido di Jesolo entdeckt. Von dem Ort hatte ich bei Konsalik schon gelesen, der kam uns zu bekannt und damit sicherlich zu teuer vor. Also haben wir den Nachbarort an der Küste gewählt, von dem wir noch nie gehört hatten.«

»Das war eine gute Wahl. Trotz des billigen Zimmers, das mit Doppelstockbetten zugestellt war, ich sehe das noch wie heute. Im Hotel, wo wir zuerst gefragt hatten, dachten wir, sie wollten uns die Hochzeitssuite anbieten.«

Kein Wunder, das wir dieses Gefühl hatten. Ich wurde, ein ganzes Jahr nach der Währungsunion, immer noch mit dem gleichen Gehalt wie in der DDR bezahlt, nur eben in DM. Trotz lange abgeschlossenem Tarifvertrag, der 60% des Gehaltsniveaus meiner westdeutschen Kollegen versprach. 

Unser Quartier lag direkt hinter einem Campingplatz, den wir nur durchqueren mussten, um an den Strand zu kommen. So wurde das auch eine schöne Urlaubswoche. 

Elisabeth nickte. »Ja, es war schön. Weißt du aber noch, wie enttäuscht wir von Venedig waren?«

»Ja, sicher. Wie verfallen es fast überall aussah! Wie in der Hainstraße! Unten Geschäfte mit schönen Auslagen in den Schaufenstern, aber nach oben durfte man nicht sehen, alles grau und abbröckelnder Putz.«

»In Venedig gab es ja kaum solche Schaufenster, oft sah es schon unten verfallen aus, das Wasser macht den Häusern zu schaffen.«

»Jedenfalls waren wir dann auf der Rückreise und hatten auf einmal furchtbaren Durst. Dummerweise hatten wir nichts zu trinken mitgenommen.«

»Wir finden in jedem Dorf eine Gaststätte, wo man etwas zu trinken bekommt, nahmen wir an.«

Nordwärts auf kleinen Straßen in den Alpen, auf dem Weg zurück nach Österreich kamen wir dann an einem auffallenden Ortsschild vorbei.

»Ich habe das Schild zuerst gesehen«, meinte Elisabeth, »Cortina d’Ampezzo, das kam mir sehr bekannt vor.«

»Wegen der Olympischen Winterspiele, deswegen kannten wir den Ortsnamen.«

Erlebt haben wir die ja nicht, sie waren 1956, da waren wir noch Kinder und interessierten uns nicht dafür. Außerdem gab es noch kein Fernsehen. 

»Jedenfalls freuten wir uns, so per Zufall in einem so bekannten Ort zu landen.«

 »Dort kam dann das Erlebnis«, betonte ich, »das von da an immer mit dem Namen Cortina d’Ampezzo für uns verbunden ist.«

Elisabeth schmunzelte. »Wir haben in dem Ristorante zwei Espresso bestellt und für die Kleine eine Cola.«

Warum Espresso?, wird mancher fragen, der das liest. Weil die Karte für uns nicht mehr hergab, Säfte und Mineralwasser waren alle sauteuer. So entschieden wir uns für den kleinen Kaffee, der war bezahlbar. Wir dachten Espresso ist so etwas wie Mokka.  

»Und dann kam der Wirt mit dem Tablett. Ich dachte, ich sehe nicht richtig.« Elisabeth machte zur Illustration solche Augen wie damals.

Auch ich musste an den Schock von damals denken. Auf dem Tablett waren neben der Cola-Flasche zwei winzige Tässchen, die mich an die Puppenstubentassen meiner Schwestern erinnerten. »Wir haben uns angesehen und wohl das Gleiche empfunden. Als wir in die Tässchen hineinblickten, sind wir beide noch einmal erschrocken. Sie waren ja nicht mal zur Hälfte gefüllt!«

»Diesen Anblick und die ganze Situation werde ich wohl nie vergessen«, fasste Elisabeth zusammen. Es war unsere damalige Unerfahrenheit und Naivität, die sich in diesem Erlebnis ausdrückte.

 

»Nun haben wir uns zwar ausführlich zum Thema unterhalten, aber ich weiß immer noch nicht, was ich schreibe.

Trotzdem: Völlig egal, was in diesen Tagen in Cortina d’Ampezzo passieren wird, dieser Olympiaort bleibt in unserem Gedächtnis immer mit diesem winzigsten Espresso unseres Lebens und dem damit verbundenen schockhaften Erstaunen verbunden.«

 

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