Von Marianne Apfelstedt

 

Olympia, haben sie gesagt, das ist ein absoluter Routinejob. Vermessung und Kartografierung des neu entdeckten Planeten. Du fliegst mit deinem Schiff dorthin, nimmst einige Proben, steckst ein Fähnchen auf jede der Polkappen, und bevor das Jahr um ist, bist du wieder zurück auf der guten alten Erde. Pustekuchen! Natürlich hat keiner die extraterrestrischen Lebensformen auf diesem Planeten erwähnt. Genau deshalb sitze ich jetzt hier fest, in dieser Halle der Trophäen.

 

Wir spulen das Ganze mal zurück zum Tag der Landung.

 

„Büchse, gib mir mal die Koordinaten für die Landung durch.“ Ein Rumpeln und Knirschen in ihrem Rücken ließ sie ihre Augen zusammenkneifen. „Wo bist du denn jetzt wieder hängen geblieben? Vor dem Rückflug werde ich dein Sonar einer Feinabstimmung unterziehen.“

 

„Wenn Sie mich nicht immer kreuz und quer durch das Schiff jagen würdest, gäbe es dieses Problem gar nicht.“ BÜ3ZPO, der Android, war verstimmt. Beim letzten Sonnensturm waren ihm einige seiner Sensoren verrutscht und bei Stress stimmte seine Ausrichtung nicht mehr so ganz. Mit einem Ruck setzte der Periodenfalke, Olympias Raumfrachter, den sie nur „Kübel“ nannte, auf dem Planeten auf.

 

„Bordcomputer, überprüfe die Atmosphäre! Kann ich die Luft dieses Planeten atmen, oder benötige ich einen Raumanzug?“

 

„Stickstoff bei knapp 70 %, Sauerstoff 22,1 %, alle Bestandteile der Atmosphäre sind für Menschen unbedenklich.“

 

„Büchse, mach den Airgleiter startklar. Je schneller ich die Pole des Planeten kennzeichne, umso schneller kann ich für heute Feierabend machen. Dann kann ich meine Lieblingsserie streamen.“

 

„Sie sollten gleich Bodenproben entnehmen. Für die Wasserproben ist der Südpol besser geeignet, er liegt am Meer.“ Olympia musste schmunzeln. Manchmal hörte sich ihr Androide an wie ihre längst verstorbene Mutter, weil er sie ständig ermahnte.

 

Der Gleiter setzte im Sinkflug auf der Oberfläche auf. Olympia nahm den Rucksack auf den Rücken und trat durch die Luke nach draußen. Beim ersten Atemzug prüfte sie die unbekannte Luft, die in ihre Lungen strömte. Sie schmeckte nach Maiglöckchen mit fruchtiger Beimischung. Fast war sie versucht, die Augen zu schließen, um sich besser auf diese Empfindung zu konzentrieren. Als eine metallische Stimme in Ihrem Ohr erklang.

 

„Wo sind Sie denn? Sie müssten längst unterwegs sein. Trödeln Sie?“

 

„Mensch Büchse, ich muss mich doch erst hier zurechtfinden.“

 

„Der Weg geht direkt vom Gleiter im 45-Grad-Winkel rechts von Ihnen zu der kleinen Anhöhe mit den Felsen und Sträuchern.“

 

„Es gibt einiges, dass du nie verstehen wirst. Den Weg kenne ich ja, aber hier riecht die Luft anders und das Licht wirkt weicher als auf der Erde.“

 

„Das ist unwesentlich für unsere Mission. Sonst würden sich Hinweise über verschiedene Gerüche in meinem Speicher befinden.“ Vielleicht sollte ich doch einen Gefühls- und Emotionsspeicher für ihn erwerben, sinnierte Olympia, als sie sich mit ausholenden Schritten dem Nordpol zuwandte. Sie nahm Proben vom Sand und von unterschiedlichen Steinen auf dem Boden. Die Luft um sie herum wurde zäh wie angetrockneter Klebstoff. Mühsam kämpfte sie gegen den Widerstand an, der auf sie eindrückte wie beim Tieftauchen. Schweißgebadet stand sie endlich aufrecht und sah vor sich eine Gestalt mit blauer Haut, vier Armen und Beinen. Welliges Haar, heidelbeerblau, fiel auf die Schulter und umrahmte ein Gesicht.

 

„krz zzzzzrk“, drang eine knarzende Stimme zu ihr.

 

„Ich verstehe dich nicht. Mein Translator ist im Airgleiter.“ Olympia versuchte mit aller Kraft, sich wegzubewegen, ohne Erfolg. Hektisch schnaufte sie, sog allen Sauerstoff ein. Sie hatte das Gefühl, er würde bei jedem Atemzug weniger.

 

„Krzz. Fremdes Wesen, verstehst du mich jetzt?“ Das Knarzen hatte sich in menschliche Worte umgeformt.

 

„Keine …   Luft …! Sauerstoff!“ Olympia lief bläulich an. Als sie einen Windhauch auf der Wange spürte, absorbierte sie gierig Luft in ihre Lungen.

 

„Wesen, nimm mit mir Kontakt auf. Wer bist du?“ Verwundert sah Olympia in das Gesicht des Blauen. Sie war sich sicher, dass sich sein Mund nicht bewegt hatte. Das Lebewesen hatte zwei Hörner, wie ein Steinbock auf der Stirn. Sein Gesicht sah bis auf die Farbe fast menschlich aus.

 

„Ich höre deine Stimme in meinem Kopf?“

„Ich kommuniziere telepathisch. Du bist in unser Territorium eingedrungen. Folge mir, ich bringe dich zu unserem Rat.“

 

„Ich kann meine Beine nicht bewegen. Womit hast du mich gefesselt?“ Doch als die Worte ihren Mund verließen, spürte sie, wie der Druck auf ihre Beine nachließ. Sie wippte auf den Füßen und tat einen vorsichtigen Schritt nach vorne.

 

„Deine Spezies scheint nicht besonders hoch entwickelt zu sein, wenn ihr weder Telekinese noch Telepathie anwenden könnt.“ Sie näherten sich dem Airgleiter, der sich in die Luft erhob und hinter ihnen herschwebte. Olympia versuchte, mehrmals, ihrem Begleiter wegzulaufen. Doch ihre Fesseln ließen ihr nur die Möglichkeit, wie ein Hund an der Leine dem Fremden zu folgen.

 

„Hast du einen Namen? Wie nennt ihr euren Planeten?“

 

„In deiner Sprache würde sich unser Zuhause Andorblue nennen. Meine Gefährten sprechen mich mit Bleth an. Ich bin der Organisator der Spiele. In deinem Mutterschiff befindet sich eine weitere Lebensform. Sie wird uns ebenfalls begleiten.“ BÜ3ZPO rollte auf sie zu und blieb neben Bleth stehen.

 

„Ah, ja ihr habt recht. Ich werde Olympia informieren.“

 

„Büchse, spricht er mit dir auch telepathisch?“

 

„Wir kommunizieren im direkten Datenaustausch, das geht schneller. Da wir weit hinter den technischen Möglichkeiten der Andorianer zurückliegen, werden sie uns nicht töten. Trotzdem sehen sie unser Eindringen als kriegerische Handlung an. Deshalb dürfen wir uns nicht frei auf ihrem Planeten bewegen. Der Rat wird über unsere Zukunft entscheiden.“

 

Im Gebäude wurden sie von der Herrin des Rats empfangen. Der Rest war unabkömmlich bei den heutigen Spielen, dem Lauf der Winde. Die im Stadion ausgetragen wurde.

 

„Wie uns Bleth mitgeteilt hat, wurdet ihr an der nördlichen Anhöhe aufgegriffen. Der Androide bekommt auf seinen Wunsch hin Einblick in unser Technikzentrum. Aurora, die Leiterin der Abteilung für fremde Lebensformen im Wissenszentrum, wird ihn untersuchen und seine Fragen beantworten. Das Menschenwesen, eine Frau wie uns BÜ3ZPO erklärt hat, wird zur weiteren Verwendung in die Halle der Trophäen gebracht. Nach den Spielen werden wir über sie entscheiden.“

 

„Ich bin doch keine Trophäe“, empörte sich Olympia.

 

„Schweig! Übe dich in Telepathie und vergeude nicht meine Zeit. Ich bin die derzeitige Herrscherin des Rates, bis die diesjährigen Spiele meinen Nachfolger benennen werden.“ Die Stimme dröhnte in ihrem Schädel und alles um sie herum wurde schwarz. Als sie wieder zu sich kam, saß sie in einem Käfig mit blauen Gitterstäben. Auf allen Seiten sah sie weitere Gehege mit Lebewesen, von denen sie noch nicht einmal geträumt hatte.

 

BÜ3ZPO brachte ihr Essen auf einem Tablett, das er wortlos in ihren Käfig schob.

 

„Lass mich nicht gleich wieder alleine. Was hast du herausgefunden?“ Doch bevor sie „Büchse“ sagen konnte, war er davongerollt. Sie setzte sich in eine Ecke, ohne einen weiteren Blick auf das Essen zu werfen, und ergab sich ihrem Trübsinn. Die Nahrung wird dich bei Kräften halten, bis wir dich herausholen, wisperte eine zarte Stimme in ihrem Kopf. Missmutig setzte sie sich im Schneidersitz vor das Tablett. Es roch wie Hühnchen, daneben lag Gemüse, einige Stückchen schimmerten lila. Vorsichtig schob sie mit dem Finger ein Stück in den Mund. Eindeutig Fleisch. Sehr zart und saftig. Die lila Würfel schmeckten nach Pastinake. Nach dem Essen schüttelte sie die Serviette aus. Daraus rollte ein Papier, auf dem sie Buchstaben erkannte. Ein kurzer Text mit Druckbuchstaben, wie von einem Kind geschrieben.

 

Mein Name ist Aurora, ich erforsche seltene Spezies auf diesem Planeten und freue mich schon, dich kennenzulernen. BÜ3ZPO hat mir die Schriftzeichen gezeigt. Telepathie kann belauscht werden. Nur wir drei können lesen. Bei den Spielen, auf Andorblue gibt es Wettkämpfe, so wie bei den Olympischen Spielen auf der Erde. Ich werde im zweihändigen Bogenschießen antreten, weil ich eine sehr gute Schützin bin. Wenn ich gewinne, darf ich mir einen Sitz im Rat wählen, oder eine Trophäe aussuchen. Ich werde dich auswählen. Verhalte dich unauffällig und verstecke die Nachricht.

 

Jetzt war Aurora meine einzige Chance, aus diesem Käfig herauszukommen. Wo steckte Büchse? Olympia hatte sich auf dem Polster am Boden zusammengerollt, als ein Getöse durch die Halle scholl, das vage an einen Elefanten erinnerte. Sie erblickte ein Vogelwesen zwei Käfige weiter. Zumindest hatte es einen Schnabel und gelbe Federn. Es war etwa so groß wie eine Giraffe. Wie ein Senneschall, trompetete dieses Wesen und gleichzeitig zogen Worte durch ihren Kopf.

 

„Der Gewinner des heutigen Wettkampfes, dem Lauf der Winde, ist der ehrenwerte Lou Ann, der sich für eine Amtszeit im Rat entschieden hat. Morgen geht es weiter mit dem Wettkampf im zweihändigen Bogenschießen.“

 

 

Am nächsten Tag war in der Arena kein Laut zu hören, das Finale wurde auf eine Distanz von 1000 Meter ausgetragen. Die drei letzten Schützen legten ihre mit Federn geschmückten Pfeile ein. Aurora atmete tief ein und aus und spannte ihren Bogen erst, als sie das Surren der Geschosse ihrer Kontrahenten hörte. Alle sechs Pfeile landeten im Schwarzen. Doch nur Auroras Pfeile trafen exakt die Mitte, weil einer den Schaft des anderen spaltete. Ein atemberaubender Jubel des Publikums brandete auf.

 

„Wundervoll, Aurora! Du hast es geschafft, was für ein Treffer.“ Büchse rollte wie wild mit dem Kopfteil seines Körpers und seine Dioden blinkten abwechselnd. Er hatte durch Aurora ein komplettes Update seiner Bauteile erhalten, unter anderem für Gefühle und Emotionen. Neuerdings trug er Gedichte vor, meist Liebesgedichte.

 

Als es ruhiger wurde, stellte sich Aurora vor die Tribüne des Rates, verbeugte sich und forderte: „Werter Rat für meinen Sieg fordere ich die Menschenfrau, Olympia!“

 

 

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