Von Marianne Apfelstedt
Die Lichtung schimmerte im Schein des Vollmondes. In ihrer Mitte saß Tigerkatze Wera, eine der Ältesten des Clans der Blutmond-Katzen, und ein Junges in den Farben rot, schwarz und weiß. Das Gesicht des Katers war akkurat geteilt. Eine Hälfte leuchtend rot, mit grünem Auge, das andere Auge blau, umrahmt von Fell in tiefstem Schwarz. Eine Chimäre, mit weißem Stern auf der Brust.
„Jetzt wird sich die Prophezeiung erfüllen. Du wirst in den Südlanden Ausschau nach deinem Menschen halten.“
„Wozu brauche ich einen Zweibeiner, wenn die Magie durch meinen Körper rauscht, wie das Wasser durch die Stromschnellen? Die Menschen verfügen nur über wenig Magie.“ Noth war noch nie einem begegnet, doch in den Geschichten, die in den Vollmondnächten erzählt wurden, gab es Kater und Kätzinnen, die Heldenhaftes vollbracht hatten. Vom Triumph der Zweibeiner gab es nur wenige Erzählungen. Schon immer war er direkt mit seinen Fragen und verantwortlich, für mehr als nur ein graues Haar der Tigerkatze.
„Deine Magie wird anschwellen, bis du eines Tages verbrennst. Nur ein Mensch kann sie in Bahnen lenken. Alleine schaffst du das nicht, du Törichter.“ Noth verengte seine Augen, bei der Zurechtweisung. Wütend peitschte sein Schwanz durch die Luft, bis er den mahnenden Blick der alten Katzenaugen wahrnahm.
„Das solltest du inzwischen wissen, kleines Kätzchen.“ Beschämt legte Noth sich den Schwanz über die Vorderpfoten.
„Woran erkenne ich den richtigen Menschen?“
„Dein Seelengefährte wird ebenfalls mit einem grünen und einem blauen Auge in die Welt blicken. Er hört deine Gedanken, genau wie wir Katzen. Nur er kann die Kräfte in Runen kanalisieren, die du monatelang studiert hast. Berührt er dich, entsteht ein untrennbares magisches Band, welches sich in Form eines Sterns auf seinem Handteller manifestiert.“
„Wo sind die anderen Chimären?“
„Die letzten wurden vor vielen Mondjahren geboren und ausgesandt, als sich der Blutmond oft am Nachthimmel zeigte. Sie zogen mit dem Wind ins Land und kehrten nie zurück. Sei vorsichtig, über die Jahre ist bei vielen Menschen das Wissen um die Magie in Vergessenheit geraten.“ Wera rieb ihre Nase zum Abschied an der Stirn des Katers und hängte ihm einen Beutel mit Katzenminze um. Dann sah sie zu, wie er von der Lichtung in die Wälder lief.
Noth preschte im Mondlicht durch das Unterholz und folgte auf seinem Weg beständig den Sternen. Bei Tagesanbruch fing er sich eine dicke Ratte und verspeiste sie genüsslich, dann rollte er sich unter einem blühenden Busch für ein Schläfchen zusammen.
Tagelang begegnete er weder Tier noch Mensch, dann sah er, als er wieder aus dem Wald heraustrat, eine befestigte Stadt. Über eine Zugbrücke gingen viele Zweibeiner, beladen mit Kiepen und Körben auf dem Rücken. Dazwischen Fuhrwerke, gezogen von Ochsen. Noth pirschte sich an und mischte sich unter die nicht enden wollende Schlange, die sich durch das offene Stadttor schob. Auf dem Marktplatz setzte er sich auf ein Mäuerchen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Eine graue Katze sprang ebenfalls hinauf. Sie putzte sich ausgiebig, wenn sie sich mit der Pfote über den Kopf wischte, warf sie einen kurzen, taxierenden Blick zu ihm. Noth tat so, als würde er die Katze nicht bemerken, und beobachtete das Treiben rund um das Mäuerchen. Er setzte sich in Pose und spreizte die Schwanzhaare ab, damit er nicht zu übersehen war. Da das keine Wirkung zeigte, blickte er sie jetzt direkt mit seinen beiden unterschiedlichen Augen an.
„Ich würde mich hier nicht so zur Schau stellen, mit dieser Teufelsfratze.“ Klar hört er ihre Gedanken, wobei sie desinteressiert in die andere Richtung blickte.
„Du bist ziemlich griesgrämig.“ Noth zuckte heftig mit dem Schwanz und begann sich ebenfalls ausgiebig seinem Fell zu widmen, er schenkte der Kätzin keinen weiteren Blick.
„Der Berater des Königs in dieser Stadt lässt alle Lebewesen mit zwei verschiedenen Augen aufhängen, da sie mit dem Teufel im Bunde sind. Du musst von außerhalb kommen, denn in der Stadt würde sich keiner mit solchen Augen so zur Schau stellen.“
„Ich suche einen Zweibeiner. Kennst du einen Platz, wo ich mich verstecken kann, bis es dunkel wird?“
„Das könnte durchaus sein.“
„Ich wäre dir überaus dankbar, Katzenlady.“ Noth kringelt sich ein und versteckt den Kopf zwischen den Pfoten. Die Minuten zogen sich dahin, wie ein Spinnfaden, an dem sich die Spinne zum Boden abseilt.
„Dann komm mit.“ Die Katze sprang von der Mauer und Noth sah ihren buschigen Schwanz in der nächsten Gasse verschwinden. Beherzt flitzte er ihr hinterher. Er schlängelte sich durch Menschenbeine und die Holzbeine der Marktstände, die Katze immer im Blick.
Die Häuser nah an der Stadtmauer waren hoch und windschief und suchten Halt an der schützenden Mauer. Die beiden liefen durch einen Torbogen, um dann in das Dunkel eines Stalls zu huschen. Eine Kuh kaute das vor ihr liegende Heu, ohne aufzuschauen. Die Augen der Kätzin blickten fragend zu Noth, der sich entspannt neben sie setzte.
„Woher kommst du?“
„Von den Wäldern nördlich von hier. Ich bin Noth, Kater des Blutmond-Clans. Hast du einen Menschen gesehen, der zwei verschiedene Augen besitzt, so wie ich?“
„Lebend nicht. Warum hat dich deine Suche hierhergeführt?“
„Miez, Miez. Ich habe dich in den Schuppen huschen sehen. In der Küche konnte ich ein Schälchen Milch für dich auftreiben.“ Die Graue lief gemächlich auf einen Menschen mit struppigen schwarzen Haaren und einer Augenklappe zu. Sie streicht um die nackten Füße, die aus braunen Pumphosen herausschauen.
„Hallo, meine Schöne, ich freue mich immer, wenn du mir Gesellschaft leistest.“ Zärtlich fuhr die große Männerhand vom Kopf bis zur Schwanzwurzel, um die Katze auch dort zu kraulen. Die Kätzin schnurrte leidenschaftlich beim Schlecken der Flüssigkeit. Mit verschränkten Beinen ließ sich der Mann am Boden neben der Katze nieder. Da entdeckt er den Kater.
„Miez, Miez. Du hast eine Freundin mitgebracht.“
„Ich bin doch ein Kater“, empört sich Noth, was sich für den Menschen wie ein „Miiauu Miiauu“ anhörte. Bevor er einen weiteren Ton hervorbringen konnte, spürte er die Menschenhand auf seinem Fell. Er fühlte, wie seine Magie zum reisenden Strom anschwoll und in die Hand stieß.
„Du bist eine Teufelskreatur“, stöhnte der Mensch, bevor er zur Seite kippte.
„Er hat dich berührt, dann ist er umgefallen wie ein gefällter Baum. Was hast du getan?“ Sie setzte sich zu ihm und rieb ihre Stirn an seiner leblosen Hand. Noth machte einen Katzenbuckel, dann streckte er sich. Die Magie pulsierte jetzt wieder, abwartend, lauernd. Noth saß neben dem Kopf, sein Schwanz strich unruhig hin und her. Er näherte sich der Hand des Menschen. Noch immer lag dieser still, nur der Brustkorb hob und senkte sich. Beständig leckte ihm die Kätzin über Wange und Stirn.
„Warum schlägt er die Augen nicht auf? Tod ist er nicht.“
„Ich kenne mich mit den Menschen nicht aus, bin noch keinem so nah gewesen.“ Die linke Hand lag mit dem Rücken nach oben auf der Erde. Noth berührte sie mit der Pfote, um sie umzudrehen, und ein feines Pulsieren schwappte durch seinen Körper in die Pfote und zur Hand des Zweibeiners. Schnell drehte Noth die Hand um. Auf dem Handteller leuchtete ein glühender Stern, und der Geruch von versengter Haut lag in der Luft. Der Mensch stöhnte und öffnete die Augen.
„Wo ist die andere Katze? Wo kommt diese Hitze her?“ Noth setzte sich vor den Menschen und richtete seinen Blick direkt auf ihn.
„Ich grüße dich, mein Seelengefährte. Ich bin Noth vom Clan der Blutmond-Katzen. Bitte verrate mir deinen Namen.“
„Du kannst nicht so mit ihm sprechen. Menschen benutzen immer ihren Mund und können nur mit den Ohren hören. Wieso hast du mich nicht nach meinem Namen gefragt?“ Noth ignorierte die Katze und schaute erwartungsvoll in das Gesicht des Zweibeiners. Der runzelte die Stirn und sah verzagt zu den Katzen.
„Da sind Worte in meinem Kopf. Werde ich jetzt wahnsinnig? Hast du mit mir gesprochen?“ Immer wieder schüttelte er sein Haupt.
„Ja!“
„Ich heiße Ben.“
„Ich bin auch noch anwesend. Noth, warum hört er dich?“ Ihre Augen wurden Schlitze und der Schwanz peitschte auf den Boden. Noth beachtete die Katze nicht weiter und richtete die zeremoniellen Worte an den Menschen.
„Mein Seelengefährte Ben. Ich schenke dir meine Magie. Ich werde dir beistehen und dich unterweisen, damit du mit der Magie Gutes bewirken kannst für die Menschen und die Katzen.“ Er tritt näher und legt sanft seine Pfote auf das Mal. Konzentriert lässt er nur wenig Magie in den Zweibeiner strömen. Das Auge des Menschen wird so blau wie ein Gebirgsbach.
„Du kannst mir in deinen Gedanken antworten. Versuche es.“
„Passiert das wirklich? Ihr sprecht mit mir?“
„Ja. Ich bin ein Kater und heiße Noth.“
„Ich habe nie von magischen Katzen gehört.“ Verblüfft besah er sich das Zeichen auf seiner Hand, einen Stern. Ein brennender Schmerz zog sich seinen Arm hinauf.
„Mit dieser Hand kann ich die nächsten Tage nicht zupacken.“
„Dieses Mal ist die Pforte, durch die meine Magie in deinen Körper strömt. Ich werde dich Runen lehren, mit welchen du die Magie lenken kannst. Nimm den Beutel, den ich um den Hals trage. Die Blätter der Katzenminze kannst du zu Brei kauen und auf deinen Handteller legen.“ Ben strich den Minzbrei auf die brennende Handfläche und der Schmerz ebbte ab. Samira rollte sich vertrauensvoll auf seinem Schoß zusammen und schnurrte, als er sie im Nacken kraulte.
„Verrate mir eines, Ben. Welche Farbe hatte dein anderes Auge?“
„Es war grün. Ich war ein Junge, als ich geblendet wurde. Meine Eltern starben und so wurde ich das Mündel meines Onkels, der in dieser Stadt wohnt. Er hat mich bei sich aufgenommen, unter der Bedingung, dass ich au
f eines meiner Augen verzichte.“
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