Von Bernd Kleber
Elara betrachtete den Mann, der ihr gegenübersaß und auf seinem Platz hin und her rutschte. Eine verdrehte Welt. Eigentlich müsste doch sie zittern, schließlich war dies ihr Vorstellungsgespräch. Er war es, der entscheiden würde.
Die gerahmte Anzeige war ihr in der zurückliegenden Woche im Tageblatt aufgefallen.
„Hauswirtschafterin in einem alten Herrenhaus, ausgezeichnete Vergütung.“
Sie brauchte diesen Job. Nach der unerwarteten Kündigung im Café am Markt, war die Miete ein steter Druck. Diese Stelle hier in der Villa am Griebnitzsee klang wie ein Geschenk, erst recht, als der Hausbesitzer jetzt erwähnte, er und seine Frau seien nur selten hier. Sie hatte einen guten Eindruck.
Und den schien der Herr des Hauses auch von ihr zu haben, obwohl seine Hände hin und her flatterten.
„Wilhelm, wir müssen los!“, rief eine junge Stimme aus der Empfangshalle.
Elara zeigte nichts von ihrem Erstaunen. War sie nur ein lästiger Termin? Sie wünschte sich doch nichts weiter als endlich irgendwo anzukommen. Das Studium und der Job hatten sie zum Nervenbündel gemacht. Manchmal hatte sie schon geglaubt, der Nachbarshund spräche zu ihr, die Katze von den Müllers bitte sie, ihr ein Lied vorzusingen. Sie musste zur Ruhe kommen, weniger Sorgen täten ihr gut.
Er stand auf. „Darf ich Ihnen das Haus zeigen? Ihre Unterlagen überzeugen mich. Ich möchte Sie einstellen.“ Er nannte Konditionen, die wie ein Märchen klangen. Üppiges Gehalt, viel Freiheit, nur eine Regel: keine Partys, und Gäste empfangen nur in der Dienstwohnung. Das restliche Haus war allein nur für ihren Zutritt gestattet.
„Sie können, nein eigentlich müssen Sie morgen einziehen. Weil wir noch heute wieder abreisen. Wie gesagt, wir sind nur sehr selten hier, wünschen uns jedoch, dass das Haus versorgt wird.“
Elaras Herz hüpfte, doch sie blieb förmlich und atmete durch gespitzte Lippen aus. „Zeigen Sie mir bitte noch die Dienst-Wohnung? Und, ich bin gerne ab morgen schon bereit.“ Sie strich sich ihre blau gefärbten Haare aus der Stirn.
Die Einliegerwohnung war ein Traum. Hell und geräumig lag sie, durch die Küche erreichbar, im Souterrain. Kein Keller, sondern sogar mit Blick in den Garten. Sie würde hier in Neubabelsberg leben wie eine Königin. Sie unterschrieb, von Glück ergriffen und erhielt ein sehr dickes Schlüsselbund. An den Schlüsseln hingen kleine Schildchen mit Bezeichnungen.
Am selben Tag zog sie in das Haus. Die Übergabe ihres möblierten Zimmers an den ehemaligen Vermieter verlief reibungslos.
Schon die erste Nacht im neuen Domizil verbrachte Finn mit ihr.
Der noch nicht ganz volle Mond warf das filigrane Skelett der Tanne an die Wand. Seine Anwesenheit vertrieb jedes Unbehagen.
Elara und Finn verlebten schöne Stunden, liefen durch das ganze Haus. Untersuchten jede Ecke.
Zwei schöne Tage und Nächte. Dann verabschiedete sich Finn. Er würde heim nach Leipzig fahren über die Semesterferien.
Elara war das erste Mal allein im Haus und pfiff Melodien, wenn sie durch die hohen Räume wandelte. Die Villa atmete Geschichte. Jedes Knarren des Parketts, jeder Duft nach altem Holz und Wachs erzählte von vergangenem Leben. Im Salon thronte ein mächtiger Flügel, im Jagdzimmer hingen Trophäen mit gläsernen Augen: ein Bärenkopf, ein Hirsch, ein Wolf mit gefletschten Zähnen. Tierfelle fanden sich ebenfalls, die am Boden lagen, an Wänden hingen oder Sitzmöbel zierten. Elara empfand tiefes Mitgefühl für diese gefrorenen Blicke, diese Überreste einstigen Lebens.
Der Abend kam. Hinter der Tanne stieg der Mond empor, nicht silbern, sondern rostrot und groß, wie eine schwelende Wunde am Himmelsgewölbe. Ein Blutmond wie eine Drohgebärde. Das gesamte Haus badete in diesem trüben, kupfernen Licht. Im Garten begann eine Nachtigall zu singen, eine kristallklare Arie der Einsamkeit, die sich um die alten Gemäuer wiegte.
Unerwartet erklang eine geisterhafte Tonleiter aus dem Salon, nicht laut, sondern wie ein Seufzer unter der Haut des Hauses.
Ihr Atem stockte. Langsam stieg sie die fünf Stufen zum Erdgeschoss hinauf, schritt durch die Küche in den Salon. Der Raum war in rotes Licht getaucht, jedes Möbelstück warf lange, verzerrte Schatten wie schlafende Wächter. Und dann sah sie es: Die Elfenbeintasten des Flügels lösten sich wie welkes Laub vom hellen Holz. Sie fielen nicht, sie schwebten, leise klimpernd, zu Boden und bewegten sich dann über das Parkett. Ein winziges, trauriges Bündnis im Mondlicht. Sie marschierten, als würden sie einem Taktstock gehorchen, alle in Richtung Jagdzimmer.
Ein erstickter Schrei brannte in Elaras Kehle.
Sie folgte den huschenden Plättchen, ihr eigener Schritt ein viel zu lautes Echo in der gespenstischen Stille. Die Tür zum Jagdzimmer stand sperrangelweit offen.
Was sich ihr zeigte, raubte ihr den Atem. Es war ein Erwachen von so tragischer Schönheit, dass es ihr Herz zusammenzog. Der Wolfskopf an der Wand drehte sich langsam mit stechendem Blick und gesträubtem Nacken, seine Glasaugen fingen das rote Licht des Mondes ein und warfen es als trüben Rubinblick zurück. Er starrte auf das ausgebreitete Fell zu seinen Füßen, das sich wie unter einer ungewohnten Berührung zu bewegen begann. Das schwere Bärenfell an der gegenüberliegenden Wand löste sich mit einem säuselnden Rauschen, als streife es ein unsichtbarer Körper ab. Die Bärenaugen blitzten, und die Krallen an den Tatzen scharrten haltsuchend über das Holz, ein Geräusch wie schabende Stuhlbeine auf Parkett. Das Tierfell traf in der Mitte des Raumes mit dem Lehnstuhl zusammen, dessen Polster ebenfalls mit Bärenhaut bespannt war
Der Hirschschädel: Sein ausladendes Geweih schien sich aus der Wand zu heben, nicht als steifes Gebilde, sondern mit einer langsamen, würdevollen Grazie, als neige es sich einer unsichtbaren Quelle zu.
Aus der Bibliothek klang ein pulsierendes Rascheln. Die ledernen Buchrücken atmeten, wölbten sich und sanken wieder, ein Atemrhythmus uralten Wissens.
Einige Fragmente bewegten sich nicht chaotisch, sondern in einer strengen Choreographie auf die Raummitte zu. Im glutroten Mondlicht, das wie flüssiges Eisen durch das hohe Fenster goss, formten sie ein zitterndes, mosaikhaftes Wesen. Ein zusammengesetzter Geist aus Tier und Erinnerung, der keinen vollständigen Körper fand, nur die Ahnung davon. Es war eine Skulptur des Verlustes, die in der Luft vibrierte, umgeben von der klaren Arie in Moll der Nachtigall, die noch immer zu hören war. Und diese Gestalt schaute hinaus zum Mond, blickte ohne Augen und säuselte etwas.
Elaras Angst war fortgewaschen von überwältigendem Mitleid. Sie spürte keine Bosheit von den Dingen um sich herum, nur eine tiefe, schneidende Heimatlosigkeit, die von den Dingen ausging wie Kälte von Eis. Ein Strom von Gefühlen überflutete sie: die letzte, dampfende Angst des Bären, der stolze Schmerz des Hirsches im Fall, die stumpfe Verzweiflung des Wolfes im Eisen. Eine einzelne Elfenbeinschachfigur, ein Springer, rollte verzweifelt im Kreis wie ein verlorenes Kind.
Elara war keine Bewacherin mehr. Sie war Zeugin.
Ihr Impuls zu schützen schmolz dahin. Stattdessen handelte sie aus reinem Mitgefühl. Sie öffnete die französischen Fenster zum Garten. Die Nachtluft strömte herein, trug den Gesang der Nachtigall nun deutlicher mitten in die Versammlung. Dieser Riese aus toten Dingen schaukelte nach einem unklaren Takt hin und her.
Sie hob den verlorenen Springer auf, seine kühle Oberfläche pulsierte wie ein flehender Herzschlag in ihrer Hand, und trug ihn zum Schachbrett im Salon, wo andere Elfenbeinfragmente in resonierender Erwartung standen.
Die Stille war so voll, dass sie das Singen der Nachtigall in ihren eigenen Adern zu hören glaubte. Sie kehrte in den Salon zurück, setzte sich vor den kahlen, hölzernen Schlund des Flügels und legte die Finger auf. Sie spielte Schumanns „Stückchen Nr.5“. Eine einfache, kleine Melodie, eine Weise für die Heimatlosen. Die hölzernen Tasten ohne die Plättchen sahen aus wie ungepflegte Zähne.
Und wie auf einen sanften Ruf antworteten die verstreuten Teile. Die Elfenbeinbeschläge auf dem Boden, die Perlmuttknöpfe von den Vorhängen, sie begannen im Takt zu schwingen, wie leichte Boote auf den Wellen der Musik. Langsam, ganz langsam, fanden sie heim. Sie schwebten zurück an ihre angestammten Plätze, an die schweren Vorhänge, zum Schachspiel, zum Flügel. Die Plättchen setzten sich mit einem leisen Klick an ihren Platz als wären sie nie unterwegs gewesen. Es war ein zärtliches Einrenken der Welt.
Langsam erlosch die Aktivität. Der Blutmond sank, sein rotes Licht verschwamm zu einem blassen Grau. Die Fragmente kamen zur Ruhe. Doch nicht alle befanden sich wieder an ihrem angestammten Ort. Der Wolfskopf lag nun mit der Schnauze auf seinem Fell. Der Bärenstuhl hatte sich zum Kamin gedreht. Eine neue, tröstliche Ordnung.
In der Morgendämmerung saß Elara erschöpft da. Das erste Vogelzwitschern löste den letzten, hohen Ton der Nachtigall ab. Das Haus fühlte sich anders an. Ausgeglichen. Eine stille, resonante Dankbarkeit flirrte durch die Räume, warm wie zurückkehrendes Sonnenlicht.
Sie strich über die wieder vollständigen, kühlen Elfenbeintasten. Es war nichts mehr zu hören. Doch in dieser Ruhe lag nicht das Schweigen des Todes, sondern das schlafende Atmen eines Erinnerns.
Sie wusste, sie war nicht nur Angestellte hier. Sie war die Hüterin all dieser Zeugnisse getöteter Lebewesen. Und wenn der nächste Blutmond käme, würde sie die Türen öffnen zum Trauertanz und die Nachtigall würde wieder singen.
Ihr Handy durchbrach die Stille, meldete piepend eine WhatsApp im Souterrain.
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