Von Ingo Pietsch

„64 Kilobyte RAM, 20 Kilobyte ROM, Auflösung: 320 × 200.“, Henning klebte förmlich an der Scheibe des Computerfachgeschäftes, als eine weibliche Stimme ergänzte:

„16 Farben gleichzeitig, Disketten, Datasetten oder Steckmodule.“

Hatte Hennig in seiner Begeisterung etwa laut gesprochen? Anders konnte es gar nicht sein.

Er blickte in die Spiegelung des Fensters und erkannte eine blonde Frau in ungefähr seinem Alter, so Anfang Vierzig.

Er drehte sich und musterte die Frau, die ihm vage bekannt vorkam. Trotz ihres verlebten Gesichtes wirkte sie attraktiv und ihre rauchige Stimme hatte dieses gewisse Etwas.

„Sag mal, bist du nicht Henning Burgmann?“, fragte sie mit freundlich leuchtenden Augen und zog ihre Schultertasche wieder hoch, die ihr heruntergerutscht war.

Henning nickte, zog die Stirn kraus und war die ganze Zeit am Überlegen, wer diese Frau war, die er nicht einordnen konnte.

Auf seine fragende Reaktion entgegnete sie euphorisch: „Ich bin`s. Ulrike Köster. Aus der Parallelklasse!“

„Ulli?“, das konnte nicht sein! Hennings Gedanken überschlugen sich und Ulrikes Gesicht verfinsterte sich ein wenig. Er bemerkte es sofort und entschuldigte sich: „Tut mir leid, war nicht so gemeint.“

„Ist schon OK. Ist auch ne lange Geschichte. Wollen wir ein Stück zusammen gehen?“

„Ja, gerne.“ Henning war seit Ewigkeiten wieder in seiner Heimatstadt. Nach seinem Studium und dem Tod seiner Eltern, hatte ihn hier nichts mehr gehalten. Er war zu einem Klassentreffen eingeladen worden und sah sich vorher noch mal die Stadt an, wie sie sich verändert hatte.

Henning erinnerte sich: Vor über zwanzig Jahren brachte sie noch über hundert Kilo auf die Waage. Alle hatten sie gehänselt und nur Ulli genannt. Was sie im Sport zurückstecken musste, machte sie mit ihren EDV-Kenntnissen wieder wett. Und so war sie zur Nummer eins geworden, wenn man die neuesten Computerspiele haben wollte. Tauschgeschäfte auf dem Schulhof halt.

Davon hatte auch Henning profitiert: Schmächtig, Hornbrille, kaum Freunde.

Henning kehrte in die Gegenwart zurück: „Habt ihr auch Klassentreffen?“

„Ja, die ganze Stufe ist hier. Ich bin schon gespannt, was aus den anderen geworden ist.“

„Ich eigentlich weniger. Die meisten sind wahrscheinlich nur zum Angeben hergekommen. Aber ein klitzekleines bisschen bin ich schon neugierig.“ Er presste Daumen und Zeigefinger zusammen.

„Bist du denn erfolgreich geworden?“, wollte Ulrike wissen.

„Naja. Ich bin leitender Angestellter im Büro einer gut gehenden Metallbaufirma. War einmal verheiratet und habe alle meine Haare verloren.“ Er tätschelte seine Glatze. „Ich stehe total auf Vintage- und Retrokram aus den Achtzigern und man sieht mich auf so ziemlich jeder Computer- und Comicmesse. Ein Nerd durch und durch. So wie früher“ Henning starrte peinlich zu Boden.

„Hui, auf Computermessen bin ich auch viel unterwegs, aber eher beruflich. Ich bin CEO in einer Softwarefirma und mein Mann, Ex-Mann, hat mich vor ein paar Jahren wegen einer Jüngeren verlassen. Aber es gibt Schlimmeres, Brustkrebs zum Beispiel. Tja, ist halt der Lauf der Dinge.“

„Das mit dem Krebs tut mir leid. Da kann ich mit meinem halbblinden linken Auge nicht ganz mithalten.“

Ulrike musste laut auflachen. Ein paar Passanten drehten sich um. „Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr so ungezwungen Lachen und Reden können.“

„Jetzt, wo du es sagst, mir geht es genauso. Holen wir uns ein Eis.“

Ulrike nickte und sie gingen zu der Eisdiele, die noch genauso wie Damals aussah.

Auch das schmeckte noch genauso gut, wie sie es in Erinnerung hatten.

Sie setzten sich auf eine Bank und plauderten weiter.

„Wie hast du es geschafft, so viel abzuspecken? Sorry, für die Wortwahl.“

„Ich bin der EDV treu geblieben. In der Branche war es egal wie du aussiehst, du musstest nur dein Können beweisen und schon hattest du den großen Durchbruch. Ich war so gut, dass ich eine eigene Firma gründete und mich in einen unqualifizierten Blender verliebte, für den ich wirklich alles tat. Und so purzelten die Funde und auch das Geld von unseren Konten. Etliche Jahre betrog er mich, ohne dass ich es wahrhaben wollte und bis wir bankrott waren. So ist das halt.“ Ulrike schleckte ihr Eis. „Du siehst aber auch ganz schön durchtrainiert aus.“

Henning starrte auf einen Springbrunnen und machte eine kurze Pause, ehe er zu erzählen begann: „Bei mir war es ähnlich. Mit Wissen alleine angelt man sich kein Mädchen. Jahrelanges Training in der Mucki-Bude und die Sache sieht schon anders aus. Allerdings sollte man nicht nur auf der Arbeit rumhängen, sonst ist die Frau ruckzuck weg.“ Er zuckte mit den Schultern. „Heute fahre ich regelmäßig Fahrrad und spiele Tischtennis. Oh ja, und natürlich Retro-Spiele auf dem NES und C64.“

„Was sind deine Lieblingsspiele auf dem 64er?“ Sie waren ein Stück weitergegangen.

Henning überlegte: „In letzter Zeit spiele ich auf einem Emulator auf dem PC. Meinen original C-64-Brotkasten habe ich schon zu Studienzeiten verhökert. Und meine Lieblingsspiele sind immer noch Summergames, Bruce Lee und Turrican.“

Ulrike lachte: „Ja, Brotkasten, so haben wir ihn genannt. Meine Top drei sind Wintergames, International Karate und Turrican II.“

„Gute Wahl.“ Henning stupste sie freundschaftlich an die Schulter.

Der Blick, den sie ihm zuwarf schien mehr als freundschaftlich zu sein.

Es wurde still zwischen den Beiden, als er es bemerkte und er räusperte sich: „Ich glaube wir sollten unsere Whatsapp-Nummern tauschen.“

Ulrike war einverstanden und sie machten Fotos voneinander.

„Sag Mal, wo wohnst du eigentlich?“, wollte Henning wissen. Sie hatten die Fußgängerzone hinter sich gelassen und waren an einem Parkhaus angelangt.

„Eine halbe Stunde Autofahrt. In Hannover.“ Sie hatte ihren Schlüssel gezückt.

„Was für ein Zufall, ich auch.“ Henning kramte nach seiner Parkkarte.

„Dann solltest du mich mal besuchen kommen. Ich habe noch meinen Original C-64 und jede Menge Ersatzjoysticks für die Summergames.“

„Das mache ich auf jeden Fall. Eigentlich hatte ich gar keinen Bock auf das Klassentreffen, aber jetzt freue ich mich richtig. Wir sehen uns dann nachher“, er lächelte sie charmant an.

Sie beugte sich vor und gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange. „Ich mich auch. Bis dann!“