Von Anne Zeisig

Sie hopst plump auf  die Zehnespitzen, verliert fast das Gleichgewicht, winkelt ein Bein an, schwankt unsicher, ihre Hand krallt sich an der Barre vor dem raumhohen Spiegel fest und das pausbackige Mädel lächelt dennoch zaghaft ihrer Mutter zu, die im Türrahmen der Ballettschule steht und ihr aufmunternd zulächelt.

„Du bist eine Primaballerina!“, ruft sie ihr zu.

 

Das Tüllröckchen tanzt auf und ab um die strammen Waden, welche die weißen Leggins verhüllen und die zudem von rosa gestrickten Beistulpen umgeben sind.

Die blonden Locken wippen im Takt zur Pianomusik.

 

„Mama!“, fleht der Blick der Kleinen aus tränennassen blauen Augen.

 

 

* * * 

 

Meine Süße schwebt wie ein Schwan auf ruhigem Gewässer zur seichten Musik und ihr Partner hebt sie empor, sein Teint läuft rot an, er lässt sie zu hart auf die Bretter gleiten, welche die Welt bedeuten für das junge Leben meines Kindes. 

Wie schwächlich doch ihr Tanzpartner ist. Man hätte ihr einen kompetenteren an die Seite stellen sollen!

Ein rond de jambe folgt, danach ein rise und sodann ein grand plié.

Stakkato!

En avant, en arriére, demi-plié, dégagé, en croisé und allégro, Sprünge über die Diagonale.

 

Sie lächelt triumphierend mit erhobenem Kopf, den sie stolz in den Nacken wirft. Ich wusste, dass sie bereits mit Ballettschuhen geboren worden ist.

Das Ballett hat sie geformt: Der Hals ist länger geworden, die Arme straffer und ihr Rückrat aufrechter.

Und ich bin stolz, ihr einen Traum zu verwirklichen, der mir versagt worden ist.

Habe Zeit und Geld investiert, um das Talent zu fördern, welches in meiner Tanzmaus steckt.

Na klar, wollte sie oft nicht zum Training gehen, aber wissen Kinder immer, was gut für sie ist? Nein! Da braucht es Eltern, die den wahren inneren Kern erkennen.

 

Am Ende die pirouette en dehorse, eine Linksdrehung nach außen, weg vom Sandbein rechts.

 

Applaus!

Meine Hände klatschen so hart aufeinander, dass es schmerzt. Ein gelungenes Debüt meiner Tochter!

 

Der samtene Vorhang in Bordeauxrot schließt sich kurz und öffnet sich. Mein hervorragendes Kind und dieser unfähige Junge verbeugen sich tief, er atmet schwer. Seine Welt wird das Ballett niemals sein! Er ist zu klein, zu zierlich, zu schwach.

Unsere Tochter überragt ihn um gut einen Kopf.

Ich erhebe mich und schlage meine Handinnenflächen abermals fest aufeinanderder.

Laut. Lauter. Noch lauter.

Mein Mann ergreift meine Hände, ziehen sie hinunter. ‘Was soll das?’, fragen meine Gedanken.

 

Er schüttelt leicht seinen Kopf. Klatscht in die Hände. Kaum, dass ich es hören kann.

 

Ich drehe mich zu den Leuten herum.

So nach und nach tut es mir das übrige Publikum gleich. Sie zollen dieser grandiosen Darbietung ein Standing-Ovation. 

 

Meine Tochter stolpert von der Bühne auf mich zu, flüchtet sich in meine Arme, weint und macht einen révérence vor mir, einen Knicks mit Verbeugung.

Ich ziehe sie hoch.

„Was ist ?“ Sie hat schließlich ein wundervolles Debüt abgegeben.

 

„Momie!“

 

Wische ihr die nassen Wangen mit einem Taschentuch trocken.

Das ist die Erschöpfung.

 

Warum schaut mich ihre Tanzlehrerin so merkwürdig an: „Marie-Jasmin hat ihr Bestes gegeben. Aber sie ist zu kräftig und zu groß fürs Ballett.“

 

* * *

 

Wir bewegen uns Richtung Ausgang: “Ich finde eine bessere Ballettschule!“ Streichele meiner kleinen zarten Prinzessin übers blonde Haar. „Dein Partner war zu schwächlich!“ 

 

Mein Mann umarmt uns und flüstert mir ins Ohr: „Wir sollten sie im Judoverein anmelden.“

 

„Oh non Cherie! Sie tanzt wie eine Elfe.“

 

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