Von Ursula Riedinger

Seraina erwachte am Morgen als Erstes. Kevin lag noch zusammengerollt in seinem Schlafsack und schnarchte. Sonst war es ganz still. Im Raum war es jetzt ziemlich kalt. Seraina zog sich ihren dicken Norwegerpullover über und schlüpfte in ihre Filzpantoffeln. Sie ging die steile Treppe nach unten in die Küche. Wie erwartet war der Holzofen über Nacht ganz ausgegangen. Sie legte Holzscheite nach und brachte das Feuer wieder in Gang. Dann setzte sie Wasser auf.

Jetzt erst fiel ihr auf, wie diffus das Licht in der Hütte war. Dabei war es schon acht Uhr, wie ihr Handy anzeigte. Sie zog die dünnen Vorhänge zur Seite und blickte auf eine Wand aus Schnee. Es hatte in der Nacht zu schneien angefangen, das hatten sie bemerkt, als sie vor dem Zubettgehen nochmals vor die Haustüre traten und zum herrlichen Sternenhimmel hinaufschauten. Es musste stundenlang geschneit haben. Sie öffnete die Tür einen Spalt und ein Schwall von luftigem Schnee kam ihr entgegen. Panik stieg in ihr auf. Sie waren eingeschneit.

Das Wasser hatte zu kochen angefangen, aber Seraina sprang die Stufen nach oben und rüttelte Kevin wach.

«Kevin, hallo, wach auf. Wir sind eingeschneit.»

Kevin blinzelte und öffnete unwillig die Augen.

«Waaas?»

«Eingeschneit.»

«Eingeschneit? So schlimm wird es wohl nicht sein.»

«So schlimm ist es wirklich. Du immer mit deinem Optimismus. Manchmal gehtst du mir damit ganz schön auf den Keks. Ich hatte noch gesagt, dass der Wetterbericht nicht gut sei fürs Wochenende. Aber du meintest ja bloss, Wetter gebe es immer, no problem. Jetzt haben wir aber ein Problem. Komm nach unten, dann wirst du schon sehen.»

Kevin rieb sich die Augen und pellte sich unwillig aus dem Schlafsack.

Ungekämmt und mit verschlafenen Augen war Kevin nicht mehr ganz der Mann, den Seraina so bewundert hatte, als sie sich kennenlernten. Aber jetzt waren sie nun mal zusammen in dieser Hütte eingeschlossen. Es war ihr erstes gemeinsames Wochenende. Seraina fand die Idee, ein paar Tage alleine mit Kevin in den Bergen zu verbringen, reizvoll. Ausser ihnen war so spät in der Jahreszeit niemand anderes da. Den ganzen Tag zusammen Schneeschuh laufen, dann abends ein romantisches Tête-à-tête, dazu ein feines Fondue und ein Gläschen Weisswein geniessen. Das hatte sie sich in den schönsten Farben ausgemalt.

Das Wetter war umgeschlagen, genauso wie es ihre Wetter-App von MeteoSwiss vorausgesagt hatte. Kevin hatte alles in den Wind geschlagen, und sie war am Ende einverstanden gewesen. Sie wollte das Wochenende wirklich nicht fallen lassen.

Sie hatten am Tag zuvor einen recht schönen Tag miteinander verbracht. Kevin war zwar schon nach einer Stunde im Schnee müde und wollte im kleinen Gasthaus weiter vorne einkehren. Sie assen einen Teller Spaghetti und waren danach zu bequem, um nochmals loszulaufen, vor allem weil sie dazu auch noch ein Glas Rotwein getrunken hatten. Zurück in der Hütte begannen sie sich zu küssen und zwängten sich dann zusammen in den Schlafsack um sich zu lieben. Nicht gerade bequem, aber es turnte sie beide an. Danach gingen sie daran, das Fondue zuzubereiten. Sie waren unterschiedlicher Meinung, wann die Maisstärke und der Kirsch dazugegeben werden sollten. Am Ende kriegten sie es dann doch richtig sämig hin. Dazu tranken sie den Rest des Weissweins. Um Mitternacht traten sie nochmals vor die Türe, um sich abzukühlen. Sie schauten zum Sternenhimmel hinauf und sahen den ersten Schneeflocken zu, die sich in ihrem Haar festsetzten. Dann gingen sie hinauf in den Schlafraum. Zu Sex im Schlafsack kam es nicht mehr, sie fielen beide gleich in einen tiefen Schlaf.

Während sie jetzt eine Tasse heissen Tee tranken, berieten sie, was sie tun sollten. Seraina checkte nervös ihr Handy.

«Scheisse, kein Empfang mehr! Was machen wir denn jetzt?»

«Mach dir keine Sorgen, dann bleiben wir halt noch ein paar Tage länger, das ist höhere Gewalt. Essensvorräte gibt es ja noch genug.»

«Aber ich habe am Montag eine wichtige Sitzung. Da kann ich nicht fehlen.»

«Tu doch nicht immer so brav. Wenn du fehlst, dann fehlst du. Sowas kann doch passieren. Wetter ist Wetter.»

«Wenn ich nicht dabei bin, schnappt mir Florian, dieser Schnösel, den Job als Abteilungsleiterin weg. Das ist eine Katastrophe für mich und meine Karriere. Meine Chefin ist da knallhart. Bei dir ist das nicht so wichtig. Wenn du als Schreiner mal ausfällst, geht die Welt nicht unter.»

«Nein, tut sie auch nicht. Aber du klingst gerade so, als ob dein Job in dieser Anwaltskanzlei wichtiger und wertvoller wäre als mein Beruf.»

«Sorry, Kevin, das wollte ich nicht damit sagen. Aber streiten wir doch nicht, wir müssen irgendwie hier rauskommen.»

Sie fanden ein altes Transistorradio und tatsächlich funktionierte der Radioempfang. Der Wetterbericht zur vollen Stunde sagte anhaltende Schneefälle in den Bergen voraus. Seraina sank in sich zusammen.

Kevin raffte sich auf, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, kämmte sich und putzte sich die Zähne. Dann begann er vor der Haustüre einen kleinen Pfad zu schaufeln. Das Wichtigste war, dass sie weiterhin zum Holzvorrat gelangen konnten, so viel war klar. Nach einer Stunde kam er erfrischt und strahlend mit einem Arm voll Holz zurück. Seraina blickte überrascht auf.

«Weisst du, eigentlich habe ich mich in dich verliebt, weil du immer so positiv bist.»

«Dann versuch doch auch einmal, die Dinge so zu nehmen wie sie sind. Wie wäre es zum Beispiel, wenn du uns ein Spiegelei braten und einen Kaffee aufsetzen würdest?»

Nach den Spiegeleiern mit geröstetem Brot und einem starken schwarzen Kaffee blickte auch Seraina wieder heiterer in die Welt.

«Lass uns ein Iglu bauen.»

Sie schaufelten die Hütte vor der Haustüre frei, bis sich die Schneewände meterhoch auftürmten. Dann begannen sie einen Höhle zu graben, bis sie einen Raum freigeschaufelt hatten, in dem sie sitzen konnten.

«Ich hole uns Wolldecken.»

Sie liebten sich in ihrem Iglu, aber es wurde bald zu kalt, und sie stapften wieder zurück ins Haus.

Die Zeit verging langsam. Sie versuchten, sich immer wieder etwas Neues auszudenken. Kevin hatte kreative Ideen. Sie verbrachten Zeit im Schnee, kochten und liebten sich. Seraina war immer noch angespannt, aber es gab nun mal keine Möglichkeit, mit der Aussenwelt zu kommunizieren.

Ein- bis zweimal pro Tag hörten sie Radio. Eine Wetterbesserung zeichnete sich ab für die kommenden Tage.

Am übernächsten Tag brach die Sonne durch. Die Märzsonne brachte den Schnee langsam zum Schmelzen. Ins Iglu wagten sie sich nicht mehr. Vor der Hütte entdeckten sie allerlei Tierspuren.

«Schau mal, Seraina, ich glaube, das sind Wolfsspuren.»

Kevin war ganz aufgeregt.

«Wenn die Wölfe nichts mehr zu fressen finden, brechen sie auch in menschliche Behausungen ein, hab ich mal gelesen.»

«Ach, was, hör bloss auf. Wölfe wagen sich bloss an Menschen heran, wenn sie ganz ausgehungert sind.»

Sie sahen aber keine Wölfe. Die Spuren waren bald wieder verwischt. Wahrscheinlich stammten sie sowieso von einem anderen Tier.

Zwei Tage später war es endlich möglich, an Aufbruch zu denken. Sie packten ihre Sachen und kämpften sich durch den Schnee bis zur Seilbahn. Die Seilbahn war zu ihrer Überraschung in Betrieb. Auch der Handyempfang war wieder da. Der Seilbahnangestellt war überrascht, als plötzlich zwei Gestalten aus dem Schnee auftauchten.

«Wolltest du nicht deine Chefin anrufen?»

«Ach, ich glaube das ist jetzt nicht mehr so wichtig. Wenn sie deswegen blöd tut, soll sie doch.»

Kevin küsste Seraina in der Seilbahn, als sie ins Tal fuhren.

«Das war ein ganz tolles Wochenende mit dir, Seraina.»

«Mir hat’s auch gefallen, war total spannend.»

«Was meinst du, wollen wir im Herbst zusammen in die Karibik fahren?»

«Aber da gibt es doch immer diese Hurricans.»

«Na und? Ist doch spannend …»

 

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