Von Andrea Fröhlking

Ein Blitz durchzuckte das Dunkel der Nacht. Das Zimmer, in dem die Mädchen spielten, hellte sich für einen kurzen Moment auf. In der Ferne hörten die Schwestern unheilvolles Grummeln. Der Regen prasselte inzwischen stärker auf das Dachfenster. Die beiden schauten sich ängstlich an. Sie waren alleine. Ihre Eltern waren kurz zu den Nachbarn gegangen. Eines der Mädchen, Rosalie, stand auf und lief zum großen Giebelfenster. Sie drückte ihre Nase an die Scheibe und spähte hindurch. Das Regenwasser lief in Schlieren an der Glasscheibe hinab und sie konnte nur wenig erkennen. Wieder wurde es hell im Zimmer. Am Horizont zeichnete sich die zackige Linie eines weiteren Blitzes ab. Ramona, die jüngere der beiden, flüsterte Zahlen vor sich hin. „Eins, zwei, drei, vier, fünf…“ Ihre Stimme verstummte, als es erneut, diesmal lauter, donnerte.

Rosalie schaute ihre Schwester fragend an: „Was machst du da?“

„Ich rechne aus, wie weit das Zentrum des Sturmes von uns entfernt ist“, entgegnete Ramona unbeeindruckt. Sie drückte weitere Mosaiksteinchen in die Platte, die vor ihr lag. Gewitter machten ihr keine Angst. Die elektrisch aufgeladene Luft entlud sich durch Blitze, das wusste sie aus dem Sachkunde-Unterricht. Während, durch den starken Wind aufgewirbelte Steinchen und harte Samen an die Scheibe des Fensters knallten, legte sie in aller Ruhe eine Reihe nach der anderen in die sechseckige Plastikschale. Zufrieden betrachtete Ramona ihr Werk. Die Trapezsteinchen formten ein hübsches Muster und ihr gefiel der Gedanke, ein Mosaik zu entwerfen, das noch niemand vor ihr gelegt hatte.

Rosalie stand noch immer am Fenster und schaute hinaus. Regen klatschte im Schwall auf die Scheibe des Fensters und ein Blitz nach dem anderen zerriss die Nacht. Auch das Grollen am donnernden Himmel wurde lauter und steuerte seinem Höhepunkt zu, als ein großer Zweig berstend von seinem Baum brach und in einer mächtigen Bewegung gegen das Haus krachte. Das Mädchen sprang erschrocken zur Seite. Im Erdgeschoss des Hauses hörten die beiden Glas splittern und im gleichen Augenblick eine Tür knallen.

Auch Ramona schaute inzwischen von ihrem Spiel auf. „Da wird ein Fenster kaputtgegangen sein“, sagte sie ruhig zu ihrer Schwester, stand nun aber doch auf und stellte sich neben sie. Mit einem Knall schlug eine weitere Tür zu. „Wir gehen nach unten und schauen nach, was passiert ist.“ Ramona nahm die zitternde Hand ihrer Schwester und zog sie in Richtung des Treppenhauses. Inzwischen wehte auch im Haus ein feiner Wind. Kaum, dass die Mädchen den schützenden Raum verließen, in dem sie gespielt hatten, bäumte sich der Sturm ein letztes Mal auf und wehte mehrere Ziegel vom Dach. Polternd schlugen sich die schweren Steine ihren Weg vom Dach Richtung Erde. Der prasselnde Regen, den sie im Flur immer noch gut hören konnten, vermischte sich mit den rasselnden Geräuschen der herabfallenden Dachziegel. Die beiden Mädchen duckten sich in eine Nische des Flures und warteten ab. Ramona umschlang den schlotternden Körper ihrer verängstigten Schwester und redete ihr beruhigend zu. „Der Sturm hört jetzt langsam auf und es wird nicht Schlimmes mehr passieren.“

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörten die Schwester endlich die Stimme ihres Vaters, der beunruhigt nach ihnen rief. „Wo seid ihr, Rosalie, Ramona?“

Ramona stand auf und löste sich langsam aus der Umklammerung ihrer Schwester. „Wir sind hier oben“, rief sie ihrem Vater zu. Im nächsten Moment kam dieser keuchend die Treppe hoch gerannt und stürmte erleichtert auf sie zu. „Gott sei Dank ist euch nichts passiert“. Seine Töchter rannten auf ihn zu und vergruben ihren Kopf an seiner Brust. Die regennasse Jacke roch unwiderstehlich nach Wald und Tabak. Die schwielen-harten Hände des Mannes streichelten unbeholfen über die Köpfe seiner Töchter.

Draußen ebbte das Toben des Sturmes langsam ab. „Eure Mutter ist über eine Wurzel gestürzt, als wir im Regen zu unserem Haus liefen. Ich musste sie sofort ins Krankenhaus bringen, denn sie hatte große Scherzen. Ich konnte sie nicht einfach im Sturm liegen lassen.“ Als der Vater sich erklärte, sah man ihm an, wie schwer ihm die Entscheidung gefallen sein musste. „Jetzt geht es ihr gut. Die Ärzte kümmern sich um sie und ihr gebrochenes Bein“, fügte er beruhigend hinzu.

Zu dritt stieg er mit seiner Familie die Treppe hinab, um die Schäden zu begutachten. Als die Drei vorsichtige Schritte in ihre Küche wagten, erwartete sie ein großes Durcheinander. Der Ast des Kirschbaumes hatte die Küchentür eingeschlagen. Braune Zweige lagen mit regennassen Blättern auf dem Esstisch. Glassplitter hatten sich auf dem Boden verteilt. Sie vermischten sich mit der Erde aus einem zerborstenen Blumentopf, der auf der Fensterbank gestanden hatte. Mit ungläubigem Blick beäugen die Mädchen das Chaos in der Küche. Sie hielten sich an der Jacke ihres Vaters fest. Erst als Ramona eine Tasse aufhob, um sie auf den Tisch zurück zu stellen, kam Bewegung in die Gruppe. Einen trapezförmigen Mosaikstein, den sie noch immer in ihrer Hand hielt, legte sie behutsam in ihre Hosentasche, bevor sie anfing, ihrem Vater zu helfen.

— — — — — — —

50 Jahre später

Ramona hatte es sich auf der Liege im Garten bequem gemacht und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Die ersten kräftigen Strahlen des Jahres wärmten ihre Haut. Im Hintergrund spielten die beiden Söhne ihres jüngsten Sohnes, auf die sie heute aufpassen durfte.

Max, der Jüngere von beiden, lief in diesem Moment freudestrahlend auf sie zu. „Tut mal, Oma, was ich funden hab.“ Er stolperte auf seinem Weg und fiel ins weiche Gras, aber das störte ihn nicht. Er stemmte sich wieder hoch und rannte ihr entgegen. In seinem Fäustchen hielt Max einen kleinen Gegenstand fest, den der Junge erst aus seiner Umklammerung löste, als er endlich vor ihr stand. Stolz blickte der Zweijährige seine Oma an. In seiner Hand lag ein kleiner erdverkrusteter Gegenstand, der an einer Seite rot aufleuchtete. Ramona nahm ihn entgegen und entfernte vorsichtig die Erde, die sich im Laufe vieler Jahrzehnte in seiner kantigen Höhle gesammelt hatte. Sie wusste sofort, um was es sich bei dem Stein handelte. Sie strahlte ihren Enkel liebevoll an. „Weißt du, was du da gefunden hast, Max?“ Sie strich ihm eine durchschwitzte Strähne aus seinem geröteten Gesicht. „Mit diesem Stein habe ich gespielt, als ich selbst noch ein Kind war.“

Ramona erinnerte sich schlagartig an den Abend, als ein starkes Gewitter einen großen Ast in ihre Küche geschlagen hatte. Der Stein musste aus ihrer Tasche gefallen sein, als sie ihrem Vater geholfen hatte, herausgebrochene Zweige aufzusammeln, die der Sturm aus ihrem Kirschbaum gerissen hatte. „Das ist ein toller Schatz, Max.“ „Den darfst du behalten“, wollte sie noch hinzufügen, als sie sah, dass der Junge sich schon wieder umgedreht hatte. Mit unbeholfenen Schritten lief er jetzt zu seinem Bruder, der im Sandkasten eine Rampe für den Trecker gebaut hatte, den Jonas von ihr zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Gleich nebenan erstrahlte das Baumhaus, welches Philipp in wochenlanger Arbeit für seine Söhne gebaut hatte. Nach unzähligen Sommern mit klebrig süßen Kirschen war der verletzte und über die Jahre hohl gewordene Baum dem Spieltrieb der nachkommenden Generationen geopfert worden.

Gedankenverloren legte sich Ramona zurück und schloss ihre Augen, während Erinnerungsfetzen an eine glückliche Kindheit und einen mächtigen Sturm an ihr vorbeizogen.

 

V1