Von Jane Carol

Sally war angekommen. Vom langen Flug noch ganz zerknittert saß sie mir gegenüber. Wir aßen Nudelsuppe beim Vietnamesen und Sally war sichtlich unruhig. Sie fing an zu reden und hörte lange nicht mehr auf:  “Stell Dir vor, Jane, ich habe in Peking an einer Party einen Professor für Alte Geschichte kennengelernt. Er darf an de Uni nicht mehr unterrichten, er wurde “frühpensioniert”. Trotzdem hat er eine große Anhängerschaft. Viele Studenten und Studentinnen kommen zu ihm und hören ihm zu. Er hat uns auch eine Geschichte erzählt, willst Du sie hören?” Ohne meine Antwort abzuwarten, begann Sally mit ihren Ausführungen:

 

“Es war vor langer Zeit, – im 16. oder 17. Jahrhundert – da lebte ein Maler, der wollte ein lebensechtes Portrait von einem Heiligen malen. Es sollte so lebendig und echt aussehen, dass die Menschen glaubten, vor ihnen stünde der Heilige selbst. Er arbeitete Tag und Nacht. Es beschäftigte ihn vor allem die Farbgebung. Er versuchte allerlei Pigmentmischung, benutzte pflanzliche und tierische Stoffe, aber die von ihm gewünschte Wirkung stellte sich nicht ein. Das Portrait wirkte flach und leblos. So schrieb er seinem Lehrer und bat ihn um Rat. Kurz vor Neujahr schrieb der Meister seinem Schüler folgende Zeilen:

 

Mein verehrter Schüler!

Sei auf der Hut, selbst die Größten unter den Bildkünstlern haben es nicht geschafft, solch eine Lebendigkeit – wie Du sie Dir wünschst – in ihren Werken zu erzeugen. Aus Resignation legen bald viele den hohen Anspruch ab und begnügen sich nur noch mit Lustmalerei, die das Auge verwöhnt. Sie suchen nicht mehr nach den Geheimnissen unserer Wahrnehmungsformen. Und dabei besteht doch gerade die größte Freude eines Malers darin, sein Publikum zu erregen, ihm eine Lebendigkeit zu vermitteln, die über das Auge in das Innere des Betrachters fließt, seinen Körper ergreift und ihn nicht mehr los lässt. Vollkommen ist ein Werk erst, wenn es nach dem Tod des Auctors noch Jahrhunderte nachwirkt. Deshalb lobe ich Deine Absicht, nach Lebedigkeit in den eigenen Werken zu streben, dennoch muss ich Dich warnen, dass so mancher Maler ist an diesem Streben zerbrochen. Höre Dir folgende Geschichte an, die ich für Dich niederschreibe und die ich bereits von meinem Lehrer vernommen habe:

 

Vor langer Zeit lebte ein Maler, der war besessen von der Idee, die Passion Christi so lebendig und echt darzustellen, dass die Menschen glaubten, vor ihnen stünde der leibhaftige Erlöser. Er arbeitete Tag und Nacht an der Farbgebung, insbesondere das Blut beschäftigte ihn, das aus den Wunden des Gekreuzigten zu rinnen hatte. Der Farbton wollte ihm jedoch nicht gelingen. Die Wirkung von wahrhaftigem Blut schien nicht erzeugbar zu sein. Da holte sich der Maler Rat bei einer alten Zigeunerin, die sich gerade in der Stadt aufhielt.

 

Die Alte empfing ihn, als ob sie ihn bereits erwartet hätte. Beim Eintreten schnitt sie ihm ein Haarbüschel vom Kopf, warf es in einen Kessel und begann heftig darin zu rühren. Dem Maler wurde Bange und er wollte fliehen, da verkündete die Alte ihm bereits: “Blu-u-t ist es, das Wirkung in deinen Augen zeigt! Aber nur dann, wenn es nicht durch Verletzung oder Tötung gewonnen! Sei besorgt, nicht darüber zu reden, damit es nicht wie gewonnen, so zerronnen.” Damit entließ sie ihn und der Maler ging nach Hause, schloss sich in seine Werkstatt ein und saß drei Tage und drei Nächte lang nachdenklich in seinem Sessel. “Woher nur das Blut herholen und dann auch noch solches, das ohne zu verletzen oder zu töten gewonnen werden sollte?” Er hatte diese Worte so laut gesprochen, dass sie auch seine Magd gehört hatte. Sie kam herbei und versprach zu helfen. Denn die Not ihres Herren war auch die ihre. “Ohne Arbeit kein Brot” das wusste sie nur zu gut. Der Maler ließ sie gewähren.

 

Sie aber ging zum Knecht und befahl ihm einen hohen Stuhl ohne Boden zu zimmern, diesen in ihre Stube zu stellen und danach ein Schwein zu schlachten. Sie selbst holte eine dicke Schnur und eine Schüssel aus der Küche und rief dann Mary zu sich, die Hilfsmagd, die sie kürzlich in ihren Dienst aufgenommen hatte. Mary war ein Waisenkind und hatte schon früh gelernt, dass die Welt nicht nur gut war. Mit ihren 13 Jahren sah sie bereits wie eine reife Frau aus, die durch vollwärtige Fütterung zu einem tüchtigen Mädchen herangezogen werden konnte.

 

Die Magd sagte zu Mary: “Du bist nun eine Frau geworden. Deshalb sollst Du fortan in meinem Zimmer wohnen und mit mir in einem Bette schlafen, damit Dir keiner etwas antun kann.” Mary war dankbar, dass sich die Magd ihrer annahm. Bald darauf bekam nachts Mary ihre erste Regelblutung. Die Magd sprang auf, zeigte auf das blutige Laken unter dem Mädchen, riss ihr das Nachthemd vom Leib und drängte sie, sich in den Stuhlrahmen zu stellen, der seit Tagen neben ihrem Bett bereit stand. Mit den dicken Seilen band sie ihre Füsse und Hände an den Holzbeinen des Stuhls fest, schob die Schüssel zwischen ihre Schenkel und sagte beschwichtigend: “Braves Mädchen, Du wirst mir Dein Blut geben und ich Dir gute Speisen. Gott sieht es, es soll Dir an nichts fehlen!” Mary blieb im Gestühl eingespannt ganze drei Tage lang.

 

Wie die Magd versprochen hatte, briet, buck und kochte sie, und brachte ihr die köstlichsten Speisen und Getränke, die das Haus zu bieten hatte. Während dieser Tage durchströmten das Haus Düfte nach saftigem Schweinebraten, frischen Klößen, nährenden Hühnerbrühen, süßen Pralinen, mandelköstlichen Christstollen und vielem mehr. Mary durfte von allem kosten, wovon sie in ihrem Leben noch nie genascht hatte. Auch Wein wurde ihr kredenzt. Sie erfuhr zum ersten Mal seine verstörende Kraft. Obwohl Mary aß und trank und vieles genoss, vergass sie nie die Fesseln an ihren Fußknöcheln und das in ihr Fleisch drückende Holz. Auch spürte sie jeden Tropfen Blut, den sie verlor. Was sie am meisten betrübte, war, dass sie nicht wusste, wohin ihr Blut in der Schüssel gebracht wurde.

 

Der Maler aber war erfreut, denn er bekam täglich lebensfrisches Rot. Er wusste nicht, woher es kam und wie es gewonnen. Hoch lobend die Magd, trug er die noch warme und würzig riechende Essenz auf. Die raue Leinwand sog gierig ein, was ihr der Pinsel bot. Die so hinterlassenen Spuren wandelten sich zu einem dunklen Leuchten. Je nach Lichteinfall zeigten sich schillernde Schattierungen von Pur-pur bis Violett. Der lumuniöse Farbenwurf gefiel dem Maler außerordentlich, er geriet regelrecht außer sich vor Freude und rief erstaunt: “Die Substanz bringt Leben in mein Bild! Ein wahres Wunderwerk!” Vor seinen Augen begann die Figur Christi sich von der Leinwand wegzubewegen, als ob sie kippen und sich langsam erheben würde.

 

Mary saß immer noch im Gestühl und wollte wissen, was mit ihrem Blut geschah. Da die Magd ihr keine Antwort gab, holte sie sich den Knecht zu Hilfe. Durch das halbgeöffnete Zimmerfenster, das die Magd offen gelassen hatte, rief sie ihn herbei und bat ihn, ihr einen Gefallen zu tun, den sie ihm entlöhnen wollte. Der Knecht wunderte sich, warum sie mit ihm durchs Fenster sprach, sie aber sagte, das tue sie, damit sie nicht zusammengesehen würden. Er verstand und nahm ihre Weisungen entgegen.

 

Unterdessen besuchte der Bischof den Maler, um sich das Bildnis anzusehen. Er war sehr angetan und wollte es gleich am nächsten Freitag weihen. Das Geschäft war besiegelt, noch bevor der letzte Pinsel-Strich gezogen. Am Freitag frühmorgens kamen zwei Messdiener, um das Gemälde abzuholen. Sie hüllten es in einen langen weißen Laken. Der Maler saß erschöpft in seinem Sessel und schaute nicht auf, als die Männer es wegtrugen. Es schmerzte ihn, Abschied zu nehmen von seinem vollbrachten Werk.

 

Als die Glocken läuteten gingen sie in die Kirche. Auch der Maler ging. Er stellte sich in die hinterste Reihe und sah zu, wie die beiden Messdiener sein Bild enthüllten. Der weiße Stoff glitt wie ein Kleid zu Boden und brachte das Gemälde zum Vorschein. Als Mary, die in der mittleren Reihe saß, das Christus-Bild sah, schrie sie laut auf. Dann wurde sie vom Knecht zum Altar gezerrt, der für sie sprach: “Ihr O’ Gnaden, hört meine Worte, dieses Bild ist befleckt! Es ist mit dem Blut dieser Jungfer gemalt. Aber tut ihr nichts zu Leide, sie ist unschuldig! Sie wurde mit Gewalt gezwungen, es herzugeben!” Ein Geraune ging durch die Gemeinde. Der Bischof sah, dass sein teuer erworbenes Bild gefährdet war und ließ es wegtragen. Keiner bekam es je wieder zu Gesicht. – Und nun willst Du, lieber Schüler, sicher wissen, wie es dem armen Maler ergangen. Ich kann Dich beruhigen, er wurde nicht hingerichtet, obwohl es bestimmt viele lautstark verlangten. Nein, er verschwand spurlos und hinterließ sein ganzes Hab-und-Gut den gierigen Nachbaren. Seine zurückgebliebenen Bilder wurden alle verbrannt.” Damit endete der lange Brief, den der Meister seinem Schüler geschrieben hatte. Der Schüler aber nahm seinen Mantel und Hut und ging zum Kloster auf dem Berg und wurde Mönch.”

Als Sally ihre Erzählung beendet hatte, sah ich, dass ihre Augen feucht glänzten. Ja, ich konnte sie verstehen. Denn wie wird es für sie ausgehen werden? Kann sie noch eine Ausstellung zuhause durchführen, oder muss sie ins Ausland ziehen? Ganz auf ihre Kunst zu verzichten konnte sie nicht, das wusste ich.