Von Daniela Seitz

Ich schweige seit drei Stunden. Meine Kollegin Svenja und ich sitzen in einem Zweier-Büro, direkt gegenüber von der Küche. Seit einer Stunde versucht sie, sich bei mir zu entschuldigen. Ich genieße meine Macht. Seit vier Jahren bekomme ich von Svenja auf diese Art, was ich will.

In der Küche versammeln sich die Kollegen zum Mittagessen. Sie hatten Svenja gefragt, ob sie sich dazusetzen möchte. Also lenke ich wohl langsam besser ein. Denn Svenja kocht seit drei Jahren für uns beide zu Mittag und ich will ja nicht mein Mittagessen verpassen.

„Jana, es war nur ein Vorschlag“, setzt sie erneut an.

„Schon gut“, erwidere ich also großmütig, „Ich möchte nun mal nicht mit den anderen Kollegen gemeinsam zu Mittag essen. Die sind nicht wie du. Die haben kein Mitleid.“

Svenjas Erleichterung ist körperlich spürbar. Sie geht in die Küche, um für uns unser Essen warmzumachen. Dort heimst sie Lob und Aufmerksamkeit für ihr neues, schönes Kleid ein. Ich folge ihr in die Küche.

„Das Kleid sieht wirklich toll aus Svenja, aber die Laufmasche passt gar nicht dazu“, verkünde ich so laut, dass kein Kollege mich überhören kann.

Die peinliche Stille, die folgt, wird von der Mikrowelle unterbrochen. Ich nehme unser Essen heraus und frage Svenja: „Holst du die Teller und das Besteck“, und manövriere sie so wieder aus der Küche in unser Büro.

Svenja hat Hackbraten mit Kartoffeln und Rotkraut gemacht. Erinnert mich an Omas Essen. Voll Begeisterung beginne ich zu essen.

„Wie hast du denn das Rotkraut gemacht“, frage ich und ohne sie zu Wort kommen zu lassen, erkläre ich: „Da muss noch Gänseschmalz dran, sonst schmeckt das Rotkraut doch gar nicht!“

Svenja sieht traurig aus und pickt lustlos in ihrem Teller herum. Aber ich habe nicht nur eine Peitsche. Letzte Woche hatte sie Geburtstag. Jetzt hole ich das Zuckerbrot heraus.

Mit den Worten: „Nachträglich zum Geburtstag“, ziehe ich das Geschenk aus meiner Tasche und gebe es ihr. Es ist eine DVD von einem Anime, den sie heiß und innig liebt und der sehr teuer war. Und das lasse ich sie auch spüren.

„Der war nicht nur schwer zu bekommen, sondern auch teuer. Genau wie dein Tennisschläger letztes Jahr. Nur für dich gebe ich so viel Geld aus. Und das am Ende des Monats. Ich bin schon wieder blank!“, jammere ich.

„Ach Jana, ich hatte dir doch gesagt, dass ich mich auch über das nächste Manga Band freue. Das hätte dich nur fünf Euro gekostet. Außerdem ist der Manga mit der Geschichte schon viel weiter als der Anime!“, seufzt Svenja.

„Fünf Euro sind zu wenig für dich. So ein billiges Geschenk will ich dir nicht machen“, sage ich und denke mir, dass es einfacher ist, sie über teure Geschenke zu kontrollieren. „Wo du mir doch so toll beim Lernen für meinen Angestelltenlehrgang Eins hilfst! Hast du heute nach der Arbeit Zeit um mit mir für meine Klausur am Freitag zu lernen?“

„Aber nur bis 18:00 Uhr. Und ich muss dann auch pünktlich um 18:00 Uhr bei dir weg sein. Der Chef meines Mannes hat uns ab 19:00 Uhr eingeladen! Also falls wir wieder später als geplant anfangen sollten zu lernen, kann ich diesmal nicht überziehen“, antwortet sie.

„Ach ja? Pass bloß auf, dass man dich nicht für hartherzig hält!“, drohe ich ihr.

Das hat gesessen. Verletzt schaut Svenja mich an. Das hat sie aber auch verdient. Erst nur zwei Stunden Zeit für mich haben und dann auch noch behaupten, ich könne die Zeit nicht richtig einteilen. Bloß, weil ich während des Lernens immer wieder mal auf Facebook Posts antworte bzw. selber poste, dass ich gerade lerne. Unverschämtheit!

„Wenn ich hartherzig bin, dann kannst du ja heute auch alleine lernen und ich frage dich morgen ab“, empört sie sich. Doch ich weiß, dass ich ihre Gegenwehr mit weiteren Vorwürfen durchbrechen kann. Sonst würde sie mir nicht anbieten morgen mit mir zu lernen.

„Du bist kompromisslos“, werfe ich ihr daher an den Kopf.

Das war hart, das sehe ich ihr an. Vielleicht sollte ich einen Gang zurückschalten. Ich verlege mich aufs Schmeicheln und sage ihr, wie toll sie das könne und das ich es ohne sie nicht schaffe, mich auf den Lernstoff zu konzentrieren. Doch sie ignoriert mich. Ich sage ihr, wie enttäuscht ich von ihr bin, dass sie nun erst morgen mit mir lernt. Doch sie weist mich nur darauf hin, dass wir nun weiterarbeiten müssten. Ich greife zum letzten Mittel, dass mir bleibt. Ich schweige sie wieder an!

Doch irgendetwas hat sich geändert. Zum ersten Mal hält sie das Schweigen ebenfalls bis Feierabend durch. Sie verlässt das Büro, ohne ein Wort, vor mir. Das ärgert mich. Das war eigentlich mein Abgang.

Zu Hause erwartet mich die Betriebskostenabrechnung. Endlich! Ich war das ganze Jahr so sparsam, dass ich ein Guthaben erwirtschaftet haben muss. Und jetzt am Ende des Monats, bin ich auf die Erstattung des Guthabens meines Vermieters angewiesen, um die letzte Woche, bis mein Gehalt überwiesen wird, über die Runden zu kommen.

Ich reiße den Brief erwartungsvoll auf und meine Welt bricht zusammen. Eine Nachzahlung! Das darf nicht sein. Ich rechne jeden einzelnen Posten nach. Leider finde ich keinen Fehler. Ich hatte eine Erstattung durch den Vermieter fest eingeplant! Das Geld für nächsten Monat ist ebenfalls voll verplant. Ich kann mir eine Nachzahlung an den Vermieter also nicht leisten. Und ganz davon abgesehen, wovon soll ich jetzt bitte schön eine Woche lang leben?

Ich kann die Tränen nicht zurückhalten. Ich brauche jetzt Gesellschaft, sonst werde ich wahnsinnig! Ich schaue auf die Uhr. Svenja hätte grundsätzlich noch eine Stunde Zeit für mich. Vielleicht verschiebt sie ja sogar das Treffen oder wird etwas später hingehen, wenn ich ihr von dieser Ausnahmesituation erzähle. Ist ja nicht ihr Chef. Eigentlich müsste sie ja gar nicht mitgehen. Dann hätte sie den ganzen Abend Zeit für mich.

Ich rufe sie an und schildere ihr meine Notsituation. Doch ich ernte nicht die Aufmerksamkeit, die ich mir erhofft hatte.

„Jana, das kann doch nicht dein Ernst sein! Welcher verdrehte Haushaltsplan geht denn bitte bei einer Betriebskostenabrechnung fest von einem Guthaben aus. Da muss man doch einen Puffer einplanen, falls man doch nachzahlen muss“, sagt sie mir.

„Soll das heißen ich kann jetzt nicht bei dir vorbeikommen“, frage ich unter Tränen.

„Nein, kannst du nicht. Nicht nach dem was du heute alles gemacht hast. Und schon gar nicht, wegen einer finanziellen Ausgabe, mit der man jährlich wiederkehrend rechnen muss“, antwortet sie mir.

„Du bist halt reich. Du verstehst nicht, wie das ist, wenn man mit jedem Cent rechnen muss“, schreie ich sie an. Ich weiß, dass sie es hasst, wenn man sie reich nennt. Immerhin hat sie mich bereits zweimal gebeten, sie nicht so zu nennen.

„Wie oft muss ich dir noch erklären, dass ich jahrelang auf Urlaube verzichtet habe, um mir ein Polster anzusparen. Also hör auf mich reich zu nennen, bloß weil du das nicht gemacht hast. Und trag gefälligst die Konsequenzen deiner Ich könnte morgen schon tot sein, also gebe ich mein Geld heute aus Philosophie und vereinbare mit deinem Vermieter eine Ratenzahlung“, hält sie mir entgegen.

„Du willst es einfach nicht verstehen! Ich bin alleine. Du und dein Mann ihr seid Doppelverdiener ohne Kinder. Das ist unfair…“, beginne ich über die Ungerechtigkeit der Welt zu lamentieren, wegen der sie besser da steht als ich.

„Nur das du es weißt, ich lerne auch morgen nicht mit dir“, sagt sie eisig und legt einfach auf.

Was für eine Frechheit! Ich rufe sie immer wieder an, da sie nun nicht mehr abnimmt. Sie hasst es, wenn man sie terrormäßig immer wieder anruft. Auf die Art bekomme ich sie bestimmt wieder ans Telefon und sei es nur, damit sie mich anbrüllen kann, dass ich das Unterlassen solle. Wenn sie das macht, habe ich sie und dann kann sie sich aber warm anziehen. Doch stattdessen schaltet sie ihr Handy aus und ich bekomme nicht einmal mehr eine Leitung.

Nun, morgen im Büro wird sie mir nicht aus dem Weg gehen können, denke ich.

Doch als ich am nächsten Tag ins Büro komme, hat sie sich für den Rest der Woche krank gemeldet. Sie lässt mich einfach im Stich. Sie weiß, dass ich ohne sie die Klausur morgen verhauen werde und entzieht sich mir nun auf diese Art und Weise um mich eiskalt ins Messer laufen zu lassen. Da hilft mir nur noch selber auch krankzumachen und die Klausur nachzuschreiben.

Dann will der Chef mich sprechen und erzählt etwas von einem Mobbing-Tagebuch. Ich versichere ihm, dass ich dies nie tun würde, da ich selber in der Schule gemobbt wurde.  Doch ausgestanden ist die Sache damit noch nicht. Svenja hat mich beim Chef in die Pfanne gehauen. Jetzt herrscht Krieg!

Am Samstag habe ich einen Brief von ihr im Briefkasten:

Jana, dein Neid ist einfach nicht mehr auszuhalten! Ich kündige dir die Freundschaft, weil ich es nicht mehr ertrage wie du mich manipulierst, kritisierst und kontrollierst. Ein Nein akzeptierst du nicht. Stattdessen versuchst du durch emotionale Erpressung ein Ja zu erzwingen. Ist dir eigentlich klar, dass Vergewaltiger ebenfalls kein Nein akzeptieren? Das geht nun schon seit vier Jahren so. Seit einem halben Jahr führe ich ein Mobbing Tagebuch. Mir reicht es. Von nun an möchte ich keinen privaten Kontakt mehr zu dir haben. Svenja

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