Von Daniela Seitz

„Maaaaamaaaaa. MAAAAAAAAMAAAA!“, kreischt Mareike.

Helene eilt zum Kinderzimmer ihrer Tochter, setzt sich auf Mareikes Bett und streichelt ihr beruhigend übers braune Haar.

„Was ist denn los? Hast du schlecht geträumt?“, fragt sie Mareike.

Empört entwindet sich Mareike der Streicheleinheiten, richtet sich in eine sitzende Position auf und zeigt anklagend auf ihre Nachttischlampe.

„Papa hat mein Licht schon wieder ausgemacht!“

Entgeistert folgt Helenes Blick dem ausgestreckten Zeigefinger ihrer Tochter. Die Lampe ist aus, dass ist unleugbar. Allerdings hatte Helene Thorsten gebeten, nicht die Nachtischlampe von Mareike auszumachen, wenn er, nach seiner Schicht in der Bar, bei ihr nach dem Rechten sieht, bevor er selbst ins Bett geht.

Zugegeben, geeinigt hatten sie sich nicht darauf. Denn Thorsten ist der Meinung, dass der Strom nicht länger verbraucht werden muss, wenn Mareike erst einmal eingeschlafen ist. Auch wenn er einsieht, dass seine Tochter Angst im Dunkeln hat und das Licht daher zum Einschlafen braucht. Doch wenn er morgens um 3:00 Uhr nach Hause kommt, schläft Mareike tief und fest. Und dann macht er das Licht eben aus um Strom zu sparen. Und Helene hat dann das morgendliche Drama, wenn Mareike feststellt, dass das Licht nicht angelassen wurde.

Seit einem Monat schon steht sie zwischen den Fronten. Erklärungen akzeptiert Mareike nicht, obwohl Thorsten und Helene sich viel Mühe gegeben haben. Und Thorsten will nicht von seinem Standpunkt abweichen und seinem Kind den Wert von Sparsamkeit vermitteln.

„Ach Eiki-chen, was hat der Papa dir dazu gesagt?“

„Ist mir egal!“

„Aber Eike, du kannst der Umwelt helfen. Willst du der Erde nicht helfen?“, appelliert Helene.

„Doch…aber ohne Licht kommen die Nomami“, wird Mareike kleinlauter.

„Die Nomami? Wer ist das?“

„Krieger, die Menschen überfallen“, erklärt Mareike.

„Woher hast du das?“

Mareike windet sich. Sie weiß, dass sie nicht heimlich das im Fernsehen anschauen darf, was sich die Eltern anschauen.

„Mareike! Bist du wieder aufgestanden und hast ohne Papas Wissen mit ihm ferngesehen?“

Mama kennt sie so gut. Mareike deutet ihr Nicken mehr an, als das sie tatsächlich nickt. Doch der erwartete Ärger bleibt aus.

„Seit wann hast du Angst vor den Nomami?“, fragt Helene sanft.

„Seit Papa mich beim heimlich Fernsehen erwischt hat!“

Helene erinnert sich. Es passt. Denn es ist einen Monat her. Sie wird Thorsten fragen, was er sich da genau angeschaut hat. Und dann wird sich eine Lösung finden lassen.

„Eiki-chen, da reden wir später noch mal drüber. Jetzt gehen wir erst mal frühstücken“, sagt Helene und kitzelt Mareike aus dem Bett, die sich so fröhlich lachend an den Frühstückstisch trollt.

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Die Yanomami. Ein Naturvolk das am Amazonas lebt und sein Stammesgebiet durch Überfälle auf andere Stämme vergrößern konnte. Nicht wirklich blutrünstig. Aber widerstandsfähiger gegen die Krankheiten der Weißen, die die anderen Stämme so dezimiert hatten, dass diese sich nicht mehr gegen die Überfälle der Yanomami behaupten konnten. Thorsten hatte lediglich eine Dokumentation über den Amazonas geschaut.

„Sie muss im genau falschen Moment zugeschaut haben, wenn ihr das Angst gemacht hat“, sagt Thorsten, „Aber das Licht werde ich deswegen trotzdem nicht anlassen, wenn sie schon schläft“.

„Keine Sorge, ich habe schon einen Plan. Vielleicht hilft ihr das“, sagt Helene zu Thorsten.

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Bevor Mareike diesmal ins Bett geht, nimmt Helene sie mit in den Garten. Schon länger hat Helene auch nachtaktive Pflanzen wie die Nachtkerze hier angepflanzt. Doch Mareike hat sich bisher nie für die Pflanzen interessiert. Da die Blühte der Nachtkerze sich außerdem erst nach Sonnenuntergang öffnet, hat Mareike bisher noch nie das Öffnen der Blühte erlebt.

„Schau Eike, das ist die Eisenbahnlaterne oder Nachtkerze oder auch Oenothera genannt.“

„Warum hat sie so viele Namen?“, fragt Mareike, während sie fasziniert beobachtet, wie sich die Blühten innerhalb von Minuten nach dem Sonnenuntergang ganz öffnen.

„Damit du dir den leichtesten aussuchen kannst“, lacht Helene.

„Thera“, sagt Mareike ohne Umschweife.

Helene schaut ihre Tochter verwundert an. Sie beobachtet schon seit längerem, dass ihre Tochter Namen einfach abkürzt, so wie sie auch aus Yanomami Nomami gemacht hatte. Aber sie hätte eher mit einer einfachen Laterne oder Kerze gerechnet.

„Nun Eiki-chen, Thera kommt genau wie die Nomamis vom Amazonas. Den großen Fluss. Sie beschützt die Menschen vor den Nomamis.“

„Und wie macht sie das?“

„Kannst du ihren Duft riechen? Er ist so intensiv, dass die Nomamis sich nicht in ihre Nähe wagen. Sie bleiben einfach weg.“

Während Mareike an Thera riecht, hofft Helene, dass es reicht, dass Thera im Garten Wache hält. Denn der Duft sorgt auch für Kopfschmerzen und Einschlafprobleme, weshalb Helene Thera bewusst weit weg von den Schlafzimmern gepflanzt hat. Ein Nachtfalter setzt sich auf eine der Blühten.

„Thera wird nun, da du dich ihr vorgestellt hast, über dich wachen. Ab heute kommt kein Nomami mehr in deine Nähe. Dafür wird Thera sorgen“, verspricht Helene Mareike.

„Mama, warum braucht Thera keine Sonne? Brauchen Pflanzen nicht immer Licht?“, fragt Mareike.

„Sie speichert sich das Tageslicht, um in der Nacht eine eigene Sonne sein zu können“, zieht sich Helene eine kindgerechte Erklärung aus den Fingern ohne zu wissen, ob dem tatsächlich so ist.

„Kann ich Thera mit ins Bett nehmen?“

„Thera braucht die Erde, um dich beschützen zu können“, verneint Helene die Frage.

„Lasst ihr dann diesmal die Lampe an?“

„Ja Eiki-chen, wir lassen heute die Lampe an“, gibt Helene ihren Plan auf und bringt Mareike ins Bett.

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Angst. Sie rennt. Sie schwitzt. Sie wird verfolgt. Sie braucht nicht nach hinten zu sehen. Sie weiß, die Nomamis sind hinter ihr. Jagen sie. Sie hört ihr fremdes Rufen. Es klingt bedrohlich. Sie rennt schneller. Stolpert. Rappelt sich wieder auf. Schreit. Schreit um Hilfe. Fühlt sich allein. So allein. Warum hilft ihr niemand?

Es ist dunkel. Pechschwarz. Sie stolpert erneut. Fällt hin. Ihr Schrei wird schriller. Klingelt in ihren Ohren. Sie erstarrt. Ist so müde. So müde. Ein Schatten erhebt sich über ihr. Der Nomami! Sie versteckt ihr Gesicht. Kann den Anblick nicht ertragen. Angst!

„Was machst du da?“, wird sie gefragt.

Vorsichtig schaut sie unter ihrem Ellenbogen hervor. Ein Mädchen erhellt die Dunkelheit. Strahlt von innen heraus, wie eine eigene Sonne in dieser Dunkelheit.

„Ich bin weggerannt.“

„Etwa vor mir?“, fragt das Mädchen und reicht ihr die Hand.

Sie nimmt die Hand. Lässt sich hochziehen. Sieht hinter dem Mädchen eine Horde Nomamis.

„Nein vor denen da!“

„Ach die, die wollen eigentlich nur mich. Haben dich wohl für mich gehalten“, sagt das Mädchen leichthin.

„Und wer bist du?“

„Ich bin Thera! Und du?“

„Mareike. Wieso wollen sie dich?“

„Ich habe ihr Licht. Und sie wollen es zurück.“, sagt Thera leichthin.

„Warum gibst du es ihnen nicht einfach wieder?“

„Dann können die Nachtfalter mich nicht finden und sterben. Außerdem habe ich ihnen genug Licht übrig gelassen. Sie wollen nur mehr als sie brauchen.“

„Warum?“

„Weil sie Angst haben. Hast du auch Angst“, fragt Thera.

„Ja, deshalb schlafe ich nur bei Licht. Mama und Papa mögen das gar nicht!“

„Warum nicht?“

„Sie sagen, dass ich weniger Licht brauche“, antwortet Mareike.

„Dann seid ihr doch gleich. Du und die Nomami“, stellt Thera fest.

Darauf weiß Mareike nichts zu sagen. Sie schaut Thera nur an.

„Du brauchst keine Angst haben. Ich kann auch dein Licht sein. Und das der Nomamis. So wie ich es für die Nachtfalter bin“, lacht Thera und nimmt sie bei der Hand, „Komm wir gehen zu den Nomamis und geben ihnen Licht“.

Ehe Mareike widersprechen kann, hat Thera sie bereits mitgezogen. Mitten hinein in die Horde der Nomamis. Sie lachen. Haben keine Waffen mehr. Umarmen Sie. Und sie fühlt sich plötzlich geborgen.

„Thera du hast Recht. Wir sind gleich“, lacht nun auch Mareike.

Sie tanzen. Und Thera und Mareike tanzen mit ihnen.

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„Papa?“, fragt Mareike verschlafen.

„Schssss, schlaf weiter“, versucht Thorsten Mareike nicht ganz aufzuwecken, während er einen Kuss auf Ihre Stirn drückt.

„Mach das Licht ruhig aus“, murmelt Mareike.

Thorsten hält inne. Glaubt sich verhört zu haben. Er hatte vorgehabt das Licht auszumachen. Bevor Mareike aufwachte.

„Ich kann das Licht ausmachen?“, fragt er flüsternd.

„Ja, Thera ist mein Licht“, schmatzt Mareike schlaftrunken.

„Wer ist Thera?“, fragt Thorsten leise.

Mareike hat sich schon umgedreht und scheint wieder zu schlafen. Thorsten deckt Mareike ordentlich zu und löscht das Licht. Als er schon an der Tür ist hört er die schmatzende Antwort.

„Meine Freundin!“

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