Von Ingo Pietsch

Cora genoss die Fahrt durch die grüne Landschaft Irlands.

Sie bestaunte die Hügel und Wälder im Herzen der Insel und sog die Ruhe in sich auf.

Die Zeit schien viel langsamer zu vergehen.

Links neben ihr saß ihr fünf Jahre jüngerer Bruder Holger und tippte auf einem Gerät herum, dass er selbst erfunden hatte.

Cora verstand zwar nicht die genauen Funktionen, aber sie wusste, dass ihr Bruder damit einen Topf voller Gold am Ende eines Regenbogens aufspüren wollte.

„Jetzt genieße doch auch mal die schöne Landschaft!“, spornte sie an, das Ding mal wegzulegen.

Er blickte auf, doch konnte er an diesem leicht diesigen Morgen nicht die gleiche Schönheit wie seine Schwester erkennen.

Cora war aus drei Gründen mitgekommen, um ihren Bruder zu unterstützen: Erstens hatte sie ein paar Jahre Journalismus in England studiert und beherrschte deshalb die englische Sprache perfekt.

Holger war es nie vergönnt gewesen Fremdsprachen zu lernen. Er war ein Genie was Mathematik und Physik betraf, aber für sein Abitur hatte er sich gerade so durch Englisch und Latein durchgemogelt.

Der zweite Grund war, dass Holger mit seinen fünfundzwanzig immer noch Fahranfänger war. Und mit dem Linksverkehr wäre er schon gar nicht zurecht gekommen.

Und natürlich hatte Cora schon immer mal die grüne Insel besuchen wollen. Das Land, in dem ihre Lieblingsromane spielten.

Auf die Frage, warum sein Gerät denn in Hamburg nicht funktionierte, hatte er nur behauptet, dass es dort keine Berge und zu viele Interferenzen gab.

Bei einer Fahrt in den Harz wollte sie dasselbe von ihm wissen und er entgegnete, dass die deutschen Kobolde kein Gold verstecken würden.

Holger hatte als Kind angeblich einmal eine unangenehme Begegnung mit einem Kobold und war seitdem besessen davon, zu beweisen, dass es sie gab.

So war Cora ein schönes Wochenende beschert worden, mit dem sie ihrem Bruder hoffentlich die Flausen aus dem Kopf treiben und er sich wieder der Realität widmen würde.

Sie waren mit dem Flugzeug von Hamburg nach Dublin geflogen und hatten sich dann einen E-Auto gemietet, mit dem sie seit zwei Stunden unterwegs waren.

Die ländliche Gegend mit ihren Höfen und kleinen Dörfern unterschied sich gar nicht so sehr von der Englischen, dachte Cora, die öfters außerhalb von London unterwegs gewesen war.

 

Am späten Samstagvormittag kamen sie in einem kleinen Ort an, der an einem See lag.

Cora hatte den Namen schon wieder vergessen, als sie in den einzigen Pub des Dorfes gingen, um Mittag zu essen und um nachzufragen, ob es hier in der Gegend etwas Interessantes zu entdecken gab.

Der Wagen musste auch wieder aufgeladen werden und vielleicht gab es hier ja auch ein Gästezimmer, für den Fall, dass sie länger blieben.

„Das ist merkwürdig.“ Holger blieb vor der Tür stehen.

„Was denn?“

Ihr Bruder war fast auf der gesamten Fahrt still gewesen. Es musste also was Wichtiges sein.

„Mein L-Ometer schlägt leicht aus.“ Das L stand für Leprechaun, hatte er ihr erklärt. Ein besserer Name war ihm nicht eingefallen.

„Meinst du, da drin ist ein Kobold?“, ihre Frage klang nicht ganz ernst und Holger verzog sein Gesicht. „Tut mir leid, aber was genau misst dein L-Ometer denn? Regenbogenstrahlen?“

„Ja, die auch. Die kann man tatsächlich anpeilen. Aber auch eine gewisse Hintergrundstrahlung. Und die ist hier deutlich stärker vorhanden.“

„Dann nichts wie rein.“

 

Die beiden mussten erst einmal husten und außerdem sahen sie überhaupt nichts in dem Pub, so rauchgeschwängert war die Luft. Und es war laut. Musik ertönte aus versteckten Lautsprechern, die Gäste redeten miteinander und spielten Karten.

Der Wirt wäre der typische irische Kobold gewesen, hätte er die beiden nicht um zwei Köpfe überragt. Er trug einen Hut, hatte einen rötlichen Backenbart und eine Zigarette steckte in seinem Mund.

Er fragte etwas, was Holger nicht verstand. Also fragte er zurück: „Kobold, Läpräschohn.“

Schon bei dem Wort Kobold, zuckte der Wirt, O`Brien stand auf einer Urkunde hinter ihm, kaum merklich zusammen.

O`Brien erwiderte etwas und sah Holger durchdringend an.

Cora übersetzte für die Beiden: „Er sagt, es heißt Läpräkohn.“

„Ok, gibt es hier welche?“, kam Holger ohne Umschweife auf den Punkt.

Es wurde kurz ruhig im Pub, doch die Gespräche wurden gleich wieder leiser fortgeführt.

„Ja natürlich, wir sind in Irland. Und du bist wahrscheinlich auf der Suche nach dem Topf voller Gold?“

Er hatte dabei auch in Richtung Cora genickt und etwas anzügliches bemerkt, dass sie lieber nicht übersetzen wollte.

„Nicht direkt Gold. Nur etwas, um zu beweisen, dass es sie gibt. Mit meinem L-Ometer werde ich schon was finden. Das garantiere ich Ihnen.“ Das Traumata aus seiner Kindheit hatte ihn sehr geprägt. Was auch immer damals vorgefallen war.

„Na dann viel Glück. Ihr seid nicht die Ersten, die mir leeren Händen wieder nach Hause fahren werden. Erspart euch die Enttäuschung. Falls ihr doch was gefunden habt, meldet euch bei mir. Aber lasst euch eins gesagt sein: Treibt keinen Spaß mit den Leprechauns, das haben die gar nicht gerne. Und wir würden auch darunter leiden.“

Ein Typ mit einer Augenklappe am Tresen nickte nur.

Irgendwie fanden Holger und Cora es mit einem Mal unheimlich in dem Pub.

So, als meinte der Wirt es wirklich ernst. Sie bestellten noch etwas zu essen für unterwegs und fuhren dann zum See hinunter, der an einem Hügel lag, auf dem ein kleines Wäldchen thronte.

 

Sie saßen auf einer Bank, aßen ihre Sandwiches und tranken Kaffee aus Thermobechern.

Der Nebel lichtete sich langsam und machte Platz für eine atemberaubende Aussicht.

Cora meinte, etwas Großes gesehen zu haben,  dass sich durch den See schlängelte, aber es war bestimmt nur eine Lichtspiegelung gewesen – obwohl diese Wellen geschlagen hatte.

Die Sonne strahlte über das ganze Gelände und mit einem Mal fing es an zu regnen.

Bevor Cora und Holger es auch nur halb bis zum Auto geschafft hatten, war der Schauer schon wieder vorüber.

In Holgers Jacke piepste es. Er zog sein L-Ometer heraus und drehte sich zum See um.

Cora staunte, als sie einen Doppelregenbogen erblickte. Der eine endete im See und in den Wolken und verblasste auch schon wieder, der andere schien aus dem Wäldchen zu schießen und zeigte Senkrecht in den Himmel.

„Was?“, fragte Cora ungläubig.

Ihr Bruder zog sie an ihrem nassen Ärmel: „Los, komm!“

Sie rannten am Ufer entlang, direkt auf den Hügel mit dem Wäldchen zu.

Allzu lange würde der außergewöhnliche Regenbogen wohl nicht dableiben.

Holgers Gerät piepste immer lauter. Das hatte es noch nie getan.

Sie schlugen sich durchs Unterholz, zwischen alten Eichen hindurch und gelangten auf eine kleine Lichtung, auf dem ein Megalith stand.

Der Regenbogen beleuchtete den Stein, der mit seltsamen Mustern und Schriftzeichen übersät war und alles glitzerte um ihn herum. Mitten drin befand sich eine Öffnung, durch die allerdings nur ein Kind aufrecht stehend gepasst hätte.

Holger starrte hinein: „Es geht nach unten. Da brennen Fackeln! Hier halt mal!“ Er gab Cora sein L-Ometer.

„Was hast du vor? Du kannst da nicht rein!“

Und schon kroch er in das Loch.

Cora wollte ihn an den Füßen festhalten, aber er war schneller.

„Cora, das ist unglaublich. Hier ist eine riesige Höhle mit Schätzen, Büchern und einem Schwert, dass in einem Stein steckt. Jetzt kann ich beweisen, dass alles wahr ist“, hallte es nach draußen.

Der Regenbogen verblasste langsam.

„Du musst dich beeilen!“, schrie sie ihm zu.

„Ich kann nicht. Er ist hier und hat mich festgebunden. Jetzt flieht er!“

„Wer denn? Wer?“ Jemand kam Cora entgegen. Aber es war nicht Holger.

Statt dessen, kroch aus dem Loch O`Brien, der Wirt. Er war vielleicht gerade Mal einen Meter groß und sah jetzt wirklich wie ein Kobold aus. Er zog einen Topf mit Henkel hinter sich her, aus dem goldene Münzen purzelten.

Als er heraus war, wuchs er wieder auf seine normale, menschliche Größe.

„Es ist noch alles da“, sagte O`Brien. „Und so wird es auch bleiben.“ Er riss Cora das Gerät aus der Hand und warf es in die Öffnung, die langsam mit dem Regenbogen verschwand.

„Cora, hilf mir!“

„Holger, warte, ich komme!“

Doch der Eingang war verschwunden. Nur der massive Stein war übrig geblieben.

Cora hämmerte gegen den Felsen, bis ihre Hände blutig wurden: „Holger, ich hole dich daraus! Beim nächsten Regen gibt es wieder einen Regenbogen, solange bleibe ich hier!“

O`Brien hatte die Arme verschränkt. „Ich hatte euch gewarnt. Vergiss lieber was du hier gesehen hast.“ Er war im Begriff zu gehen.

Cora war in sich zusammengesunken. Sie schaute ihn mit Tränen gefüllten Augen an.

O`Brien erwiderte nur: „Ach, übrigens: So ein Regenbogen, wie du ihn heute erlebt hast, taucht hier nur alle hundert Jahre auf. Ich muss es wissen.“

Eine alte Melodie pfeifend ging er davon und ließ die völlig verzweifelte Cora im nächsten beginnenden  Regenschauer einfach dort sitzen …