Von Agnes Decker

He, Johanna, wie war dein Morgenritual? Ich habe heute früh Holz hacken müssen. Dieser Winter ist hart, aber auch wunderschön. Alles ist wie in Watte gepackt und die Eisschicht auf dem See glitzert im Sonnenlicht. Viele Grüße vom Ende der Welt. Dein Jo.

Ich stelle mir vor, wie Jo den Eingang seiner Hütte freischaufelt und durch den tiefen Schnee stapft. Fröstelnd ziehe ich die Schultern hoch. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur einen Rest Raureif, der in der milden Wintersonne bald geschmolzen sein wird.

Jo, denke ich und mir wird ganz warm ums Herz. Wie gut, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Sonst hätte ich dich nie kennengelernt.

Direkt nach meinem Entschluss setzte ich mich an den Computer, meldete mich bei verschiedenen Foren an und  gründete schließlich selber eines, für Menschen, die so leben wie ich. Wie viele es derzeit sind, kann ich nicht sagen, aber es sind viele und es werden zusehends mehr. Einer von ihnen ist Jo, der irgendwo im Allgäu an irgendeinem See wohnt, einsam, auf sich gestellt. Die Schilderung seiner Gefühle ist den meinen so gleich und ich fühle mich ihm so verbunden, dass ich denke, er müsse mein Zwilling sein, wenn ich denn je einen gehabt hätte. Wir haben sogar den gleichen Namen. Johanna und Johannes. Allerdings muss er erst auf einen Berg steigen, um ein Netz zu haben, während ich im Schlafanzug in meiner warmen Küche sitze. Durch ihn erfuhr ich, dass es nichts Krankes ist, was ich tue,  sondern eine Spielart des Lebens, eine seiner vielen Facetten. Er nennt uns moderne Eremiten. Das gefällt mir.

Guten Morgen Jo, tippe ich in meinen Laptop. Ich habe es tatsächlich gerade hinter mich gebracht. Habe den Tag mit dem Sonnengruß am offenen Fenster begonnen, und, während der Jasmintee zog, meine Übungen absolviert, mit dem Blick auf das Glitzern des Raureifs im Garten. Ja, du hast recht, es ist wunderschön. Johanna.                                                                                                                           

Auch damals war Winter,  an dem Tag, an dem ich den Entschluss fasste. Wie lange genau es her ist, weiß ich nicht mehr. Die Zeit ist untergegangen im Rhythmus des Alltags, dem Einerlei der Tage, unterbrochen nur durch den Wechsel der Jahreszeiten. Er kam nicht überraschend, vielmehr wartete er, tief in mir vergraben, seit langem auf sein Eintreten. Ich dagegen hatte gezögert, ihn als dumme Idee abgetan, obwohl ich spürte, dass ich nicht an ihm vorbeikommen würde. Jetzt, nachdem der Zeitpunkt im Damals liegt, sind wir eine Einheit, er und ich. Trotzdem beginne ich seit einiger Zeit wieder an das andere zu denken, zunehmend sogar und mit Neugier und Ungeduld. Je mehr ich versuche, es zu ignorieren, desto stärker drängt es sich gegen meinen Willen an die Oberfläche und entlässt  mich aus meiner lethargischen Zufriedenheit.

Wenn du wüsstest, wie ich leide, lieber Jo. Immer öfter stehe ich hier, auf der anderen Seite. Der Kampf wird heftiger und die Befürworter in mir übermächtiger. Ich bin mir dessen bewusst, was es bedeutet. Trotzdem ist die Sehnsucht gewaltig, lässt meinen, sich selbst genügsamen Körper aufleben und meinen Geist sich der Ahnung endloser Tatkraft hingeben.

Je mehr sich der Januar nähert und damit die wiederholte Verjährung, desto stärker wird der innere Drang. Was hat die Vernunft dagegen zu setzen? Ihre kläglichen Argumente gehen unter in der neuen Lebendigkeit. Ich meine, jeden Tropfen des Blutes zu spüren, das durch meine Adern gejagt wird. Jedes Klopfen meines Herzens treibt die Begierde voran. Manchmal spiele ich mit ihr, teste mich, führe mich in Versuchung, ohne mich letztendlich zu unterwerfen. Ein kraftzehrender Kampf. Ich gehe in die Nähe der Tür und schaue sie an. Stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich sie einen winzigen Spalt öffnen würde. Stopp, sage ich dann laut, und: Nicht weiter. So, wie ich es einmal gelernt habe. Damals, als man dachte, ich sei krank. Das war lange bevor ich mir diese Welt schuf, hier, wo ich gesund bin, funktioniere, lebe.

Der Tag, an dem ich mein Leben änderte, war, wie die vorhergehenden und viele davor, grau und kalt. Es war nichts Besonderes vorgefallen, kein aktueller Anlass sozusagen. Es war vielmehr die Spitze einer Anhäufung von Überdruss und Widerwillen vor allem, was um mich herum geschah. Ich konnte die überfüllten Bahnen und Busse mit ihren Gerüchen nicht mehr ertragen, die harten Stimmen, das Gedudel der Handys nicht mehr hören. Mich widerten die Menschen an, die in Form korrigierter Körperteile, Tattoos und diverser anderer Optimierungen, die Erarbeitung ihrer eigenen Vervollkommnung zur Schau stellten. Ebenso, wie die Überindividualisierten, fast ausschließlich mit sich selbst Beschäftigten, deren soziales und politisches Engagement nie über bloße Lippenbekenntnisse hinausging.  Aber auch die Guten, die hilflosen Helfer, deren Ohnmacht sich in ihren blassen Gesichtern widerspiegelte, erfüllten mich zunehmend mit Abscheu.

Ein Artikel über in Japan lebende Menschen, die sich freiwillig gesellschaftlich zurückziehen, weckte ein großes Verlangen in mir, eine regelrechte Gier danach, es ihnen gleich zu tun. Die Ärztin, die ich, auf Anraten einer guten Bekannten, mit der ich unsinnigerweise über meine Gedanken gesprochen hatte, aufsuchte, verordnete eine Therapie und riet zu Sport und Spaziergängen. In zahlreichen Gesprächen versuchte sie, mich in meine Vergangenheit zu führen, sehr zu meinem Leidwesen. Es hat mich reichlich Mühe gekostet, mich nicht mehr an meine Eltern, deren hartes Regiment und ihren plötzlichen Unfalltod zu erinnern. Schließlich verschrieb sie mir ein Antidepressivum, das ich in einer Schublade lagerte, für Notfälle. Obwohl ich fest davon überzeugt war, ein solcher würde nie eintreten.

An dem Tag, an dem ich den Entschluss in die Tat umsetzte, war dieses Nein in mir entstanden. Nie zuvor hatte ich mich so gefühlt. Ich stand in der Küche, eine Tasse in der Hand und verfolgte die Nachrichten über Terroranschläge, Kriege und flüchtende Menschen, die man im Meer ertrinken ließ, unterbrochen von Werbung für Luxusartikel oder Sexspielzeug. Ich spürte, wie es in mir heranwuchs, bis ich selbst zu diesem Nein wurde und mich, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben, frei fühlte.

 Meine Arbeitsstelle in dem kleinen Verlag kündigte ich per Mail, ebenso meine möblierte Wohnung. Dann zog ich zurück ins elterliche Haus, das seit einiger Zeit leer stand. Ich schloss die Tür hinter mir und spürte den inneren Frieden wie ein großes Geschenk. Endlich war ich angekommen. In der folgenden Zeit organisierte ich mit Begeisterung mein neues Leben. Am Haus und seinem Mobiliar  veränderte ich wenig, verbesserte nur die Technik,  schaffte mir eine professionelle digitale Ausstattung und eine Alarmanlage an, sowie ein kleines Fitnessstudio. Die ehemalige Haushälterin meiner Eltern kehrte bereitwillig zurück und nimmt mir seitdem sämtliche Hausarbeit ab, kocht und schneidet meine Haare. Ihr Mann erledigt alles, was außerhalb des Hauses zu tun ist. Um Finanzen und Bürokratie kümmert sich ein Freund meines verstorbenen Vaters. Meine Eltern haben mir ein kleines Vermögen hinterlassen, das mir erlaubt, in einem bescheidenen Luxus zu leben.

Die wenigen guten Bekannten informierte ich, dass ich keinen Kontakt mehr pflegen möchte. Nach anfänglichen besorgten Anrufen, ließen sie mich in Ruhe, sie spürten wohl meine Entschlusskraft und so konnte ich mich ohne Altlasten dem Neuen widmen. Mir ist klar, dass ich einiges von dem, wovor ich geflohen bin, selber lebe und, streng genommen, damit denen ähnlich, die ich verurteile. Ich kommuniziere fast ausschließlich digital, reise virtuell durch die Welt, verfolge am Laptop politische Ereignisse ebenso wie sportliche oder kulturelle, Verbrechen und Massaker. Das alles berührt mich nicht wirklich, wirkt nach dem Anschauen noch kurz in mir, hinterlässt aber keine bleibenden Spuren. Auch bei körperlichen Beschwerden konsultiere ich das Netz,  erarbeite mir die Diagnose und bestelle entsprechende Medikation. Ich ernähre mich gesund, verbringe viel Zeit draußen auf meiner nicht einsehbaren Terrasse und treibe regelmäßig Sport mit der Hoffnung, dass dies Krankheiten, die der Behandlung bedürfen, fern hält. Tee und Yoga, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, denke ich und lächele. So vergeht die Zeit in Ruhe und Einklang.

Und dann entsteht immer wieder, wie aus dem Nichts, dieser innere Wandel, der mich vor der Tür stehen und mit der Vorstellung spielen lässt, sie zu öffnen und hinauszugehen in die Welt, von der ich mich angeekelt abgewendet hatte 

Vielleicht ist der Mensch so geschaffen, dass er sich sehnen muss, um lebendig zu sein. Sehnen, nach dem, was er nicht hat, um sich, wenn er es hat, wieder nach dem Gegenteil zu sehnen. Mein kluger Jo, danke für deine Worte. Du hast sicher recht, ich sollte die Sehnsucht genießen, ohne sie zu stillen, rede ich mir ein. Vermutlich ist meine neue Lebenskraft lediglich ein Resultat des unerfüllten Begehrens. Aber auch diese Erkenntnis kann nichts ausrichten gegen die Unruhe, das Fieber, das in mir wütet.

Gerade stehe ich wieder hier. Auf der anderen Seite. Es ist still im Raum. Die dreifach gedämmten Fenster lassen keinen Laut ins Innere und dort ist  ja niemand außer mir. Alles ist da draußen, das ganze Leben, denke ich und  fühle tief in mir eine unendliche Sehnsucht. Sie ist wie ein Sog. Ich spüre das Bedürfnis, mich ihr hinzugeben. Meine Hand zittert ein wenig, dann fällt sie die Entscheidung, legt sich wie von selbst auf die Türklinke und drückt sie herunter. Die zarte Wärme der Wintersonne berührt mein Gesicht. Ich höre die Vögel zwitschern, Stimmen und Lachen, ein Auto auf der Straße vorbeifahren. Mein Herz klopft. Vorsichtig strecke ich mein rechtes Bein aus, mache den ersten Schritt, hinaus in dieses verlockende Leben. Die plötzliche Kälte lässt mich zusammenzucken. Nach kurzem Zögern ziehe ich es zurück, schlage die Tür zu, lehne mich mit dem Rücken dagegen und warte, bis sich mein klopfendes Herz beruhigt hat.

Bin wieder da, Jo, flüstere ich, und denke verstohlen: Vielleicht morgen.

 

Version 3