von Marco A. Rauch

Eine sanfte Brise weht träumerische Düfte von Wiesen und Blüten über die Veranda. Ganz eng kuscheln sie sich in meine Nase und verwandeln den Augenblick in ein Potpourri der Erinnerung. Wilder Thymian mit würzig-kräftiger Note beherrscht die Eindrücke hier oben, in dieser Bergregion. Hier oben, in den endlosen Weiten plätschernder Gebirgsbäche, den Meeren aus Gräsern und Blumen, den Nadelbäumen mit ihrem unbeirrbaren Grün. Fast wie ein Land der Träume wirkt es, in dem Bienen umherschwirren und alles Leben sein darf.

Die letzten Sonnenstrahlen legen sich wärmend auf meine Hand, während ich nach der Tasse greife. Tröstend wirken sie, wie ein Versprechen auf baldige Wiederholung. Am Abendhimmel verführen rote und orangene Schleier in stimmungsvollen Mustern zum bedächtigen Versinken, um über Abschied und Wiederkehr zu sinnieren.

Wilder Bergthymian, der alles einnehmende, für sich gewinnende Duft, hier oben zwischen den rauen Felsen, die violette Farbenpracht inmitten des Heidekrauts. Könnten wir nur noch einmal losziehen, so wie früher, alter Freund.

Wehmütig wandert mein Blick über den Weg, zum Zaun, zur Koppel dahinter und zu den Spitzen der Berge, die im warmen Lichtspiel der Dämmerung wie ein Abschiedsgruß für dich strahlen. Für dich, der du mir so viele Jahre treu zur Seite standest. Immer auf der Suche nach dem Wertvollen, das die Natur uns hier zur Genüge bietet. Auf der Suche nach dem Geruch, den du über alles geliebt hast. Wilder Bergthymian, der nur hier oben wächst, in einem endlos violetten Meer, das nur für dich zu blühen schien. Wie gerne hätte ich dich gehalten auf dem letzten deiner Wege, wie gerne hätte ich dich gestützt. Auf deinem letzten Zug durch die Wiesen bis hin zum ewigen Frieden.

Viele Jahre ist es her, seit wir uns das erste Mal begegneten. Du warst noch so jung, so klein und tollpatschig. Suchtest dein Glück in den verlassenen Bergstollen, ohne zu wissen, dass du so nah dran warst. Zottelig sahst du aus und schmutzig, wie ein alleine gelassenes Junges, das mühsam versuchte, der nahenden Strenge des Winters zu entkommen. Der klirrenden, alles durchstoßenden Kälte, den Mauern aus Schnee, die hier oft für Monate nicht niedriger werden wollten.

Die sanfte Abendbrise dreht sich, schickt mir süßlichen Duft von Zitronenminze, der sich um mich schmiegt, um mir sinnlich berührend von vergangenen Tagen zu berichten, die in meinen vielen Erinnerungen verborgen liegen. Damals, in diesem Sommer, der so heiß war, dass wir dachten, selbst der Schnee auf den höchsten Gipfeln würde schmelzen, waren wir gemeinsam unterwegs, auf der Suche nach aromatischer Minze und dem unvergleichlichen Thymian. Es gibt so vieles hier oben, das die Natur uns spendet, ohne jemals eine Gegenleistung zu verlangen. Frischer Tee ist eines davon, wir genossen ihn, so oft wir konnten. Abends nach dem Essen saßen wir in warme Decken gekuschelt hier, auf dieser Veranda, und erfreuten uns an der majestätischen Aussicht, an der Friedlichkeit um uns und der Friedlichkeit ins uns, die aus so viel Glücksgefühl gespeist wurde, wie es nur ein Leben im vollkommenen Gleichklang mit der Wildnis zu versprechen vermochte. Der Ausblick auf die erhabenen Gipfel der Berge, die in sanftem Abendrot schlummerten, andächtige Stille und die feinen Düfte des weit geöffneten Aromagartens des Lebens erweckten ein Gefühl in uns, das wir immer teilten. Manchmal warst du bereits eingeschlafen, wenn die Sterne in der klaren Gebirgsluft über uns den Gruß der ewigen Unendlichkeit aussprachen. Sanft nahm ich dich auf meine Arme und trug dich auf dein Nachtlager, bedeckte dich mit selbst gestrickten Decken, um dir einen erholsamen Schlaf im Schutze meiner robusten Blockhütte zu ermöglichen. Wie friedlich du dalagst, so unschuldig im Sinn. Und wie ich es genoss, dir manches Mal noch eine Weile zuzusehen, in dem guten Wissen, dass du wohlbehütet aufwachen würdest.

Oft setzte ich mich noch einmal auf die Veranda, lauschte den Zikaden und genoss die vollkommene Atmosphäre einer perfekten Harmonie im Gleichklang aller Dinge um mich herum.

 In diesem Sommer damals, ich kann mich gut erinnern, wäre es um ein Haar geschehen. Zwei Berglöwen kamen uns gefährlich nahe. Du verscheuchtest sie mit großem Geschrei und deinem Wanderstock, den du vorne angespitzt hattest. Du sagtest einmal, es wäre zum Schutz. Und ich war stolz auf dich, weil du mir zugehört hattest. An jenem Tag konntest du ihn zum ersten Mal für etwas anderes als zum Pflücken von zu hoch hängenden Früchten gebrauchen. Hinterher sahst du mich an, ich konnte das erste Mal Furcht in deinen Augen entdecken. Deine Hände zitterten. Ich erkannte deutlich, wie dich diese unerwartete Begegnung überrascht und mitgenommen hatte, obwohl ich dich immer gewarnt hatte, dass es passieren könnte. In diesem Augenblick tratest du auf mich zu, legtest deine Hand auf meine Schulter und fragtest mich, ob es mir gut ginge. Ich war eine Närrin, zu hoffen, du spürtest mehr als nur Sorge für mich.

Mittlerweile hat sich die Dunkelheit vollständig das Verweilrecht erkämpft, während ich meinen Erinnerungen hinterhersah. Kristallklare Nacht denke ich und wende meinen Blick nach rechts. Ein leerer Schaukelstuhl, kunstfertig erbaut aus Ästen und Hölzern, der so vieles zu sagen hätte, könnte er sprechen. Eine rot-blaue Decke liegt auf seinem Sitz, gehäkelt mit Fleiß und Liebe. Wehmütig schweift mein Blick nach oben, zu den Sternen, die in der klaren Bergluft hell funkeln, wie um zu betonen, dass nichts für die Ewigkeit bestimmt ist. Selbst ihr Licht wird dereinst erlöschen. Könnten wir doch nur noch einmal gemeinsam losziehen, du und ich, so wie früher, mein guter Freund. Losziehen, auf der Suche nach Kräutern, dem Gefühl von Verbundenheit und wildem Bergthymian, den wir beide so geliebt haben. Als ich dich aufnahm, bei mir, warst du klein und verloren. Ich wusste nicht, woher du gekommen warst und ich wusste nicht, wohin du gehen würdest. Ich wusste nur, du brauchtest Schutz und Fürsorge, so lange, bis jemand nach dir suchte. Doch die Jahre vergingen und niemand kam. So wurden wir eins, wurden ein Paar, das nie eines war. Nur einmal, da wäre es um ein Haar geschehen und ich weiß nicht, bin ich einfach zu lange alleine, weil ich so denke, oder ist es die Nähe, die ich zu dir spüre, selbst jetzt, wo du schon lange fort bist? Vielleicht ist es Schicksal, dass mein Mann so früh von mir ging und vielleicht ist es Schicksal, dass ich dich fand. Aber war es auch Schicksal, das dich so früh von mir fortgeführt hat?

Das Leben in den Bergen, in dieser urtümlichen, manchmal kargen und manchmal blumig-bunten Landschaft aus Felsen, Wiesen und Heidekraut, ist ein Leben in Frieden, aber auch Demut. Es ist ein Leben voll Entbehrungen, aber auch Wunder. Es war mir nie zu viel und nie zu wenig. Wenn die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster blinzeln, ihre Wärme behütend über die Haut streichelt, wenn sie sanft küssend ein Versprechen einlösen, auf Wiederkehr, das sie am Abend ausgegeben hatten, wenn sie locken, aufzustehen, um den Tag nützlich zu gestalten, das ist die Grundlage großen Glücks, das ich stets spürte. In manchen Sommern, bevor du kamst, ging ich alleine zum nahen Gebirgssee, spürte die erfrischende Kühle des Morgens auf meiner Haut und die verbindliche Einladung, den Tag mit allen Sinnen zu genießen und zu gestalten.

Solche Erinnerungen sind es, die der Duft von Zitronenminze in meinem Innersten erweckt. Tage zwischen dir und dem wilden Bergthymian, der in voller Blüte stand, als ich dich fand. Ich war jung, du warst jünger. In zerlumpten Kleidern, mit ängstlichem Blick, bewaffnet mit einem Stein sahst du mich an. Wie ein angeschossenes Tier, das wusste, es würde nicht weit kommen, es aber dennoch versuchte. Schnell holte ich dich ein, der Kampf war kurz. Bald schon weintest du an meiner Brust, wolltest mich nie wieder loslassen. Ich rief deine Eltern, nach irgendwem, niemand antwortete. Wie lange du schon unterwegs warst, wie lange du gelitten hattest, ich wusste es nicht. Ich schenkte dir Heim und Hoffnung auf ein Morgen. Du danktest mit Lernbereitschaft und Treue. Viele Jahre lebten wir in idyllischem Miteinander, zwischen Wiesen und Bäumen, Felsen und dem, was die Natur uns reichlich schenkte. Anfangs wie ein Sohn, den ich nie haben durfte, wurdest du zuverlässiger Wegbegleiter auf einem weiten Stück meines Lebens.

Vielleicht war es Schicksal, vielleicht vorherbestimmt. Vielleicht warst du kindlich an jenem Tag, tollpatschig noch oder wieder, vielleicht ist das der Preis, den ich zahle, für die Entscheidung, meinem Mann in die Berge gefolgt zu sein. Sie wurden mein Schicksal, die Bergschlucht das deine. Könnten wir nur noch einmal gemeinsam losziehen, um wilden Thymian zu pflücken, ein allerletztes Mal. Würde sich etwas ändern, zwischen uns?

Die Haare auf meinen Armen stellen sich auf, ich schlinge die Decke noch enger um mich. Es ist spät. Nur noch einen Moment möchte ich verweilen und dich festhalten, geliebter Freund, der du mich so lange hier oben begleitest hast, umgeben von wilden Kräutern. Nur noch einen Moment möchte ich dich mehr lieben, als ich es tat.

(Inspiriert von Wild Mountain Thyme, einem Lied des Schotten Francis McPeake. Der Song handelt von Liebe und tiefer Verbundenheit mit der Natur, trägt dabei die so vielen irisch/schottischen Liedern innewohnende Melancholie in sich. Früher war Thymian als Feenkraut bekannt, als Tee sollte er Mut und Stärke verleihen, böse Alpträume abwehren. Keltische Frauen trugen ihn, um auf magische Weise atraktiver zu sein. Vermutlich entstand der Song basierend auf diesem historischen Kontext. Dargeboten unter anderem von Fiddler’s Green.  

https://www.youtube.com/watch?v=zffb9JgaWF0

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