Vom Kollektiv Next Level

„Wach auf, wach auf“, hörte ich im Halbschlaf, als mich meine Freundin Chloe weckte. Widerwillig öffnete ich die Augen: „Was ist denn los?“, fragte ich mit verschlafener Stimme. „Ein Raumschiff ist in die Erdatmosphäre eingetreten.“ – „Du meinst ein Alien-Raumschiff?, dabei bemühte ich mich, meine Fassung zu bewahren. – Sind sie uns feindlich gesinnt?“, fragte ich besorgt und setzte mich im Bett auf. „Nein, dann hätten sie uns wahrscheinlich schon angegriffen. Die NATO und die Minister für Sicherheit der Mitgliedsstaaten versuchen gerade herauszufinden, was genau die Außerirdischen von uns wollen“, – „Das klingt .. wow .. Einfach unglaublich. Guten Morgen erstmal“, sagte ich und küsste Chloe.

 

Später am Montag, dem 22.07.2030 waren die Medien voll von Spekulationen über die Aliens und ihre Absichten. „Was denkst du, wollen sie von uns, Jill?“, fragte mich Chloe neugierig. Ich dachte kurz nach und antwortete dann: „Wieso genau jetzt, wollen sie etwa unseren halb zerstörten Planeten? Die Erde befindet sich in einem katastrophalen Zustand, durch Smog vernebelte Städte, Grundwasserverschmutzung und Ressourcenknappheit.“  „Ja, leider konnten die führenden Politiker durch Klimaabkommen noch nicht zum Umdenken bewegt werden und jetzt ist es zu spät.“

 

Chloe schaltete auf der Suche nach Nachrichten den Fernseher an, News zu den Aliens liefen auf jedem Sender. Die Korrespondenten befanden sich beim Aufeinandertreffen der UN mit den Aliens. Sie verließen ein kleineres Raumschiff aus organisch aussehendem Material. Als Treffpunkt wurde der Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana gewählt. Die UN-Repräsentanten empfingen die Aliens und die Verhandlungen begannen. Der Dolmetscher der Außerirdischen fasste folgendes zusammen: „Wir wissen, dass die Erde nicht mehr lange bewohnbar sein wird und haben deshalb ein Angebot für euch: ihr Erdlinge könnt einen der Planeten in unserem Sonnensystem bewohnen, er ist der Erde ähnlich und ein Tag dauert 48 Stunden. Er ist unerschlossen, also könnt ihr ihn nach euren Vorstellungen gestalten.“

 

Chloe blickte fassungslos vom Fernseher auf und fragte mich: „Hast du gesehen, wie die aussehen? – Humanoide Wesen, mit blauer, reptilienähnlicher Haut und Reißzähnen.“ – „Wie blaue Krokodile auf zwei Beinen.“, antwortete Ich.

 

Die Verhandlungen zogen sich über einen Zeitraum von einer Woche hin und der Pressesprecher der UN verkündete, dass sie das Angebot der Aliens annehmen und den Planeten „Midas“ kolonialisieren werden. Im Gegenzug verlangen die Außerirdischen Verhandlungspartner verschiedene Metalle und seltene Rohstoffe.

Einige Tage später gab es eine Auktion hinsichtlich der Plätze im Raumschiff. Die weniger Vermögenden mussten ihr Hab und Gut für ein vermeintlich besseres Leben verkaufen, die Reichen hingegen kamen einfacher an die „Tickets“.

 

Chloe und ich unterhielten uns wenig später darüber, was dies für die Erde und uns selbst bedeuten könnte: „Was meinst du passiert, wenn unsere Machtstruktur in sich zerfällt?“, fragte ich besorgt. – Chloe antwortete optimistisch: „Das kann doch aber auch ein Neuanfang sein, wir können eine neue, bessere Welt formen, in der kaum Unterschiede zwischen Arm und Reich existieren und in der die Menschen insgesamt verbundener sind.“ – „Danke, du gibst mir Hoffnung.“ sagte  ich enthusiastisch und küsste meine langjährige Freundin auf die Stirn.

 

Innerhalb eines halben Jahres landeten in jeder Großstadt Raumschiffe, welche jeweils circa 100.000 Menschen aufnehmen konnten, insgesamt wurden rund eine Milliarde mitgenommen, darunter Wissenschaftler, Ärzte, mittelständische Familien, Politiker und die reichsten der Reichen, jedoch keine Älteren oder Kranken, da sie die Reise wahrscheinlich nicht überstehen würden und zum Mutterschiff transportiert.

 

Nach einigen Monaten voller Chaos beruhigte sich die Lage.  Zurückgeblieben waren Lebenskünstler, Selbstversorger, systemkritische Rebellen, Straßenkinder, Hausbesetzer, Rentner, Farmer, Freaks, Geeks, Kleinkriminelle, Durchschnittsmenschen, Philosophen und einige Ärzte. Die Menschen lebten vorwiegend in kleineren Gruppen und eine neue Gesellschaftsstruktur entstand.  Die Reichen waren verschwunden und mit ihnen die unstillbare Gier nach Macht, Geld und Profit.

 

Chloe und ich waren Teil einer Community, die sich über das Internet organisierte, wir beide übernahmen dort wichtige Rollen in der Beratung und Logistik. Ich wurde durch  meine Kompetenzen im Bereich der Kommunikation zu einer neutralen Anlaufstelle bei Problemen zwischen den verschiedenen Fraktionen. Die Welt wurde insgesamt interessenbasierter. Landesgrenzen verschwanden. Wir beide fühlte sich in dieser neuen Welt wohl.

 

Irgendwann erreichte ein Signal die Erde, abgeschickt von einem der Kolonisten mit folgendem Inhalt: „Ich bin der letzte, alle Anderen wurde gefressen, es war eine Falle. Ich habe mich wie ein Feigling in der Kommandozentrale versteckt. Es tut mir Leid. Lasst dies eine Warnung sein.“ Danach hörte man nie wieder etwas vom Planeten „Midas“.