Von Anne Moog

Meine Oma starb ganz plötzlich nach einer Gehirnblutung. Zu diesem Zeitpunkt war mein Opa gerade Rentner geworden. Ab da verbrachte er viel Zeit mit seinen Enkeln, besonders mit mir. Ich war die Jüngste und seine einzige Enkelin. Je älter ich wurde, umso mehr ähnelte ich meiner Oma. Das sagten alle. Sicher war das auch ein Grund, warum mein Opa so sehr an mir hing. Die Beiden hatte die große Liebe verbunden. Ich war sein Sonnenschein. Das sagte er immer, wenn wir beim Spazieren am Rhein entlang die anderen Rentner trafen. Sie schauten oft etwas neidisch, wenn wir, Hand-in-Hand, dazu stießen, lachend oder in ein Gespräch vertieft. Auch meine Freundinnen beneideten mich um Opa.

Mein Opa war ein warmherziger, humorvoller Mann, sehr belesen und musikalisch. Wenn er Klavier spielte, vergaß er alles um sich herum. Er versank in Mozarts Melodien, Omas Lieblingskomponisten. Je nach Stimmung improvisierte er auch. Das faszinierte mich besonders. Daher war es klar, dass ich lange vor den Buchstaben Noten lesen konnte. Er lehrte mich das Klavierspielen, indem er immer wieder meine Begeisterung entfachte. Heute würde man sagen, er war der geborene Motivator. Ein weiteres Hobby, das uns verband, war das Lesen. Wir verbrachten Stunden damit, uns gegenseitig vorzulesen. Opa saß und ich lag auf dem Sofa und hatte meine Füße auf seinem Schoß. Wir redeten immer über das Gelesene. Opa brachte mir bei, was es heißt zuzuhören, nachzufragen und zu hinterfragen. Er lehrte mich das Philosophieren, erklärte mir „die Welt“ und weckte mein Interesse an so vielen Dingen und Themen, vor allem aber an den Menschen. Opa sagte immer: „Begegne den Menschen mit Respekt, Liebe und Aufmerksamkeit und es geschehen Wunder.“

 

Alles wurde an dem Tag anders, an dem ich mir eingestehen musste, dass mein Opa sich veränderte. Anfangs waren es nur Kleinigkeiten gewesen. Er war vergesslich geworden, redete weniger, hatte keine Lust mehr zu diskutieren und zu philosophieren, lachte kaum noch, am Klavier improvisierte er nicht mehr und er nannte mich nicht mehr „mein Sonnenschein“. Als ich an jenem Tag ins Wohnzimmer kam, hielt Opa das Buch verkehrt herum und tat so, als würde er lesen. Ich war geschockt und traute mich nicht, ihn darauf anzusprechen. Ich setzte mich zu ihm und umarmte ihn fest. Wir, die wir immer über alles geredet hatten, waren sprachlos. Wir sahen uns an, beide wissend, was los ist. Es war schrecklich.

Meine Eltern hatten es mir erklärt. Opa kam schwer krank aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurück. Er musste sehr starke Medikamente einnehmen. Die Ärzte hatten ihn auf eine „Verwirrtheit“ als Spätfolge hingewiesen. Das Wort Demenz kannte damals noch niemand. Dank der Tabletten hatte mein Opa noch viele gute Jahre. Bis es dann anfing …

Auch Opas körperlicher Zerfall war rapide. Wenige Wochen nachdem er bei uns eingezogen war konnte er plötzlich nicht mehr vom Stuhl aufstehen und das Laufen fiel ihm sehr schwer. Er schien zu vergessen, wie es geht. Dann kam der Tag, ab dem er im Bett blieb. Opa sprach jetzt kaum noch. Sein Blick war meistens starr. Meine Eltern erkannte er nicht mehr. Mich noch ab und zu. Dann nannte er mich Lena. Er hielt mich also für seine verstorbene Ehefrau. Ich fand das nicht so schlimm, weil ich sah, wie seine Augen glänzten, wenn er mich, also Oma erkannte. Wie sehr musste er Oma geliebt haben, ging es mir dann immer durch den Kopf.

Ich konnte mit der ganzen Situation überhaupt nicht umgehen, weil ich nicht wollte, dass mein „Fels in der Brandung“, mein Held so anders war. Ich zog mich immer mehr zurück, weinte viel und fühlte mich unendlich hilflos. Während meine Eltern sich Opa gegenüber „normal“ verhielten, gelang mir dies nicht. Der Kloß im Hals wurde immer dicker. Wenn ich an seinem Bett saß und seine Hand streichelte, hatte er meist die Augen geschlossen und ich weinte leise vor mich hin. Irgendwann erkannte ich, dass ich wohl mehr um mich als um ihn weinte. Das hätte Opa nicht gefallen, sagte ich mir. Ich erinnerte mich an Opas Maxime, die er uns allen ja oft genug gepredigt hatte: Begegne den Menschen mit Respekt, Liebe und Aufmerksamkeit und es geschehen Wunder. Genau das tat ich. Ich war für ihn da, so wie er immer für mich dagewesen war. So verbrachte ich bis zu seinem Tod wieder viel Zeit mit ihm. Ich saß am Klavier und spielte Mozart. Manchmal lächelte er. Ich saß bei ihm, die Füße auf seinem Bett und las ihm Märchen vor. Manchmal lächelte er. Manchmal glänzten dann sogar seine Augen. Es schien, als müsste er mich sehen und hören, um sich zu erinnern. Ich hatte endlich einen Weg gefunden, ihn zu erreichen. In diesen Momenten waren wir uns so nah wie nie.

 

Wenn ich heute an meinen Opa denke, der vor 35 Jahren gestorben ist, dann bin ich immer noch traurig. Gleichzeitig überkommt mich aber auch ein tiefes Gefühl von Liebe und Dankbarkeit.

Mein Opa und ich hatten eine besondere Beziehung, in der er mich – auch durch seine Erkrankung -, entscheidend geprägt und mit Respekt, Liebe und Aufmerksamkeit zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.

 

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