Von Brigitte Noelle

Ich klingelte an der Wohnungstür.

„Hallo Solveig, da bist du ja. Komm herein!“

„Servus Poldi! Danke, dass ich vorbei schauen darf. Ich habe ein paar Kleinigkeiten aus der Konditorei gegenüber mitgebracht, hoffentlich magst du sie.“

Am Türschild stand „Leopoldine Vlcek, Kartenlegerin“, und das war meine Wohnungsnachbarin, seitdem ich vor vier Monaten eingezogen war. Sie selbst wohnte hier schon seit über zwanzig Jahren, doch nachdem wir uns einmal im Aufzug begegnet waren, wusste ich, dass auch sie aus der Hauptstadt im Osten des Landes hierher in den äußersten Westen gezogen war.

Und sie schien sehr erfolgreich zu sein: Mehrmals an Tag empfing sie die Ratsuchenden, darunter, wie ich bald erkannte, wichtige Leute aus Wirtschaft, Politik und Kunst.

Und nun mich. Einige Tage zuvor hatte sie mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, sie Mittwoch Nachmittag zu besuchen. „Ich glaube, es könnte dir gut tun, mit mir zu reden“, meinte sie.

Und da war ich nun und sah mich um. Weder die Wohnung noch Poldi selbst sahen so esoterisch aus, wie es ihre Berufsbezeichnung hätte nahelegen können. Die Einrichtung hätte bei jeder beliebigen Frau stehen können. Die Eigentümerin sah aus wie eine normale, gepflegte Dame um die 50. Auffällig war allein ihre Ausstrahlung – durch ihre Anwesenheit ging in meinem Inneren stets die Sonne auf.

Als wir bei Kaffee und Kuchen am Tisch saßen, erklärte sie: „Ich erinnere mich, wie schwer es war, hier Fuß zu fassen, als ich hierher kam. Dir geht es sicher ähnlich, und ich denke, wir sollten zusammenhalten. Vielleicht kann ich dir helfen? Erzähl mir doch ein wenig! Und zwar – du hast es dich bestimmt schon gefragt – mit Hilfe meiner Karten.“

Sie hielt mir ein aufgefächertes Set Karten hin und ich zog eine. Darauf war eine Gestalt auf einem einsamen Feld zu sehen, die auf drei Kelche sah, die umgestürzt am Boden lagen. Hinter ihr standen zwei weitere, noch volle. „Also, was fällt dir dazu ein?“, fragte Poldi.

„Es ist ein trauriges Bild. Als ich zehn Jahre alt war, verließ uns unser Vater. Meine Mutter, die seinetwegen ihre norwegische Heimat verlassen hatte, blieb danach in Wien, um mich nicht aus meinem gewohnten Umfeld zu reißen. Je älter ich wurde, desto schlechter kamen wir jedoch miteinander aus, und als ich während des Studiums zu meinem Freund zog, ging sie zurück nach Norwegen. Ich schloss mein Skandinavistik-Studium ab und schmiedete hochfliegende Pläne. Doch dann eröffnete mir mein Freund, dass er eine andere Frau kennen gelernt hatte und er sich von mir trennen wolle.“

Die nächste Karte zeigte ein Boot auf See, am Heck stand ein Ruderer, im Boden vor sich steckten mehrere Schwerter. Im Hintergrund ließ sich bergiges Land ausmachen.

„Ich wollte nur noch weg von allem. Im vorigen Jahr habe ich hier einen Urlaub verbracht und war begeistert von der schönen Landschaft: Der Bodensee, das Rheintal, und daneben gleich die Berge! Auch die Menschen fand ich liebenswert, freundlich und auch ihre pragmatische Art gefiel mir – schließlich hatte ich oft genug ansehen müssen, wie Projekte in Wien in den Sand gesetzt wurden. Ich fand ein Übersetzungsbüro hier in der Gegend, wo ich gleich beginnen konnte – natürlich auf Werkvertragsbasis, aber das störte mich nicht.“

Wieder wählte ich eine Karte, und ich erschrak: In einer Gewitternacht, umtost von bewegtem Meer, stand ein Turm, aus dem Flammen züngelten.

„Ja, so geht es mir jetzt. Ich habe mich so getäuscht in den Menschen. Sobald sie merken, dass ich nicht von hier bin, gehen sie auf Distanz. Und der Dialekt ist völlig unverständlich – viele können nicht einmal richtig Deutsch sprechen und sind darauf auch noch stolz. Und ich bin dahinter gekommen, wie sie von uns sprechen, wenn sie einmal unter sich sind. Außerdem sind die Mieten unverschämt teuer und bezahlt werde ich dagegen erbärmlich!“

Poldi nickte. „Ich weiß, mir ist es auch so gegangen. Damals war es noch schlimmer, aber das Herumziehen liegt in meiner Familie. Mein Bruder Rudi ist Bildhauer und auf der ganzen Welt zuhause. Und er nennt sich jetzt Bucasis de Grimoire, stell dir das vor! Doch weiter zu dir, beende deine Geschichte!“

Diesmal zeigte die Karte fünf Männer, bewehrt mit langen Ästen.

„Was soll ich dazu sagen? Irgendwie muss ich mich durchbeißen. Vielleicht sollte ich mir Hilfe suchen?“

Nachdenklich schweifte mein Blick durch den Raum. Das konnte doch nicht wahr sein! Da war eine Schildkröte am Balkon!

Poldi bemerkte mein Erstaunen. „Das ist Klytämnestra“, erklärte sie. „Du kannst sie aber Kly nennen.“

Auch wenn der Nachmittag mit Poldi keine Lösung für mein Problem brachte, fühlte ich mich doch besser. Wir vereinbarten, in einigen Monaten wieder ein solches Gespräch zu führen.

In den nächsten Wochen stellte sich heraus, dass es unter meinen Kolleginnen viele gab, deren Eltern und Großeltern auch „Zugereiste“ oder, wie man hier hinter vorgehaltener Hand sagte, „Uuslända“ waren. Obwohl ich mit einigen vertrauter wurde, blieb doch eine unsichtbare Wand zwischen uns.

Eines Abends im Februar klingelte es an der Tür. Es war Poldi. Sie erklärte mir, dass sie zu einem wichtigen Klienten in Kanada gerufen wurde und schon morgen abreisen müsse. Ob ich während ihrer Abwesenheit die Pflanzen gießen könne? Und das Wichtigste: „Kly ist im Keller und hält Winterschlaf. Wenn sie aufwacht, müsstest du dich um sie kümmern.“ Sie zeigte mir die heugefüllte Kiste, in der die Schildkröte die kalte Jahreszeit verbrachte und erklärte mir, was ich zu beachten hätte. Dann reiste sie ab.

Die Wochen vergingen, und Poldi war noch immer nicht zurück. Und dann hatte sich Kly eines Tages aus den Tiefen des Grasbettes empor gearbeitet. Ich hob sie aus der Kiste – sie war erstaunlich schwer – und trug sie hinauf. Zunächst bereitete ich ihr ein warmes Bad und freute mich, als sie begann zu trinken. Später bot ich ihr einige Salatblätter an, von denen sie gierig abbiss.

Es war ein langer Tag, und ich wollte ihn vor dem Fernseher beenden. Gerade als ich es mir bequem machte, sagte Mickey Mouse: „Hallo!“

Ich fuhr herum. Da war keine Mickey Mouse, nur Kly, die gerade ins Wohnzimmer kroch.

„Hast du etwa was gesagt?“, stotterte ich verdattert.

„Ja, sicher. Warum denn nicht?“

„Aber warum hast du denn früher nicht geredet?“

„Das war ja nicht nötig. Aber jetzt, wo Poldi nicht da ist, scheint es, du brauchst ein wenig Hilfe. Nimm einfach an, ich bin ihre Vertretung.“

Wie könnte mir eine Schildkröte denn helfen? Aber immerhin, ich hatte nach der Arbeit wenigstens Gesellschaft. So gewöhnten wir uns bald an unser Zusammenleben.

Einmal beklagte ich wieder einmal mein Schicksal. „Das habe ich schon gehört, als du es Poldi erzählt hast“, meinte Kly. „Bist du gut in deinem Job?“

Tatsächlich, das konnte ich ohne falschen Stolz bestätigen.

„Dann sorge doch dafür, dass das auch dein Chef merkt, wenn er es bis jetzt noch nicht weiß. Und dann versuch, für dein nächstes Arbeitsjahr eine bessere Bezahlung auszuhandeln.“

„Aber ich möchte für kein Geld der Welt mein Leben hier beschließen …“

„Eins nach dem anderen! Du kannst deine Übersetzungen doch auch zuhause machen?“

„Theoretisch schon. Aber man besteht darauf, dass ich einmal in der Woche im Büro arbeite, wegen persönlicher Kontakte und Austausch.“

„Und du willst zurück nach Wien? Dann versuch doch, dass du dort Aufträge bekommst, die du online erledigen kannst. Versuch, einen Fuß in die Tür zu bekommen und einen guten Ruf aufzubauen. Dann kannst du dir überlegen, ob du die Arbeit hier reduzieren oder ganz aufgeben möchtest.“

„Ich verstehe. Aber was dann?“

„Dann wirst du ja sehen, wie es weitergeht, kann ich denn wahrsagen? Übrigens, diese Wohnung – wie bist du an die herangekommen?“

„Die gehört meinem Chef, der hat sie mir zu Wucherkonditionen vermietet.“

„Ach, der tut nur, was hier alle machen. In Wien zahlst du wahrscheinlich genauso viel. Also schau dich langsam nach einer Bleibe im fernen Osten um. Und wenn du etwas gefunden hast, frag deinen Chef, ob du deine Anwesenheitstage nicht blocken kannst. Wenn er so viel von dir hält, wird er froh sein, dass du nicht ganz fort bist, und die Hotelkosten kannst du auch noch von der Steuer absetzen…“

So gescheit war meine Schildkröte!

In den nächsten Tagen merkte ich widerwillig, dass sich leise, aber hartnäckig Zweifel an meinem Vorhaben meldeten: Was würde mich erwarten, wenn ich zurück käme? Schließlich war ich vor

einem Jahr doch so begeistert von meinem Umzug gewesen! Und hatten es nicht viele andere geschafft, hier heimisch und glücklich zu werden?

Als ich die Pflanzen in Poldis Wohnung versorgte, fiel mir einer ihrer Kartenstapel auf. In Gedanken hob ich die oberste Karte ab: Sie zeigte eine Königin, streng, etwas wehmütig, mit Rosen und einem Schwert in der Hand. Sie erinnerte mich an meine Mutter.

Seit langem dachte ich wieder an sie und ihre Familiengeschichte. Erinnerte mich, dass sie ihr Land für eine letztlich unglückliche Liebe verlassen hatte. Erinnerte mich, dass schon ihr Großvater in der Zeit des Nationalsozialismus Berlin verlassen musste. Erinnerte mich auch, dass dessen Vorfahren im 17. Jahrhundert ihrer Religion wegen vertrieben wurden. Und nun ich: War es ein Wunder, dass ich dessen überdrüssig war, wie meine Vorfahren immer und immer an anderen Orten neu anfangen zu müssen?

Doch nun wusste ich: Es wird meine Entscheidung sein – und ich würde abwarten, wie sie im richtigen Moment ausfallen würde. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich befreit von Groll, Verbitterung und Zweifeln.

Am nächsten Tag musste ich wieder ins Büro und konnte ohne Misstrauen den Kolleginnen begegnen, die ihrerseits erfreut und herzlich reagierten und mich zu einem Restaurantbesuch am Wochenende einluden.

Als ich nach Hause kam, merkte ich, es hatte sich etwas verändert. Kly war schweigsam und aufgeregt. Und dann klingelte es. Ich ging zur Tür, doch Kly war schneller als ich dort. Da wusste ich, wer sich bei mir meldete!

„Und, war Kly brav?“

 

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