Von Franck Sezelli

 

»Zentrale Leitung des Volksbuchhandels, Telefonzentrale, mit wem darf ich Sie verbinden?«

Franck atmete tief durch. Wie erwartet, hatte er seine Mutter am Apparat. Seit ihr aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit in der Schule nicht mehr möglich war, arbeitete sie in dieser Telefonzentrale. Elisabeth, seine frühere Freundin, die schon sehr lange in dem Verwaltungsbetrieb tätig war, hatte ihr die Stelle vermitteln können. Beide hatten, auch nachdem Franck und Elisabeth sich getrennt hatten, nie den Kontakt zueinander abreißen lassen. Gerda fühlte sich immer noch wie eine Schwiegermutter für die langjährige Jugendliebe ihres Sohnes. Für deren Töchter war sie sogar zu einer Ersatzoma geworden, denn Elisabeth hatte ihre Eltern zeitig verloren.

»Hallo, sind Sie noch dran? Wen wollen Sie sprechen?«

»Ich bin’s, Mutti. Hast du am Wochenende Zeit für mich? Ich muss mich mit dir unterhalten …«

»Ist was passiert, Franck? Du klingst so aufgeregt …«

»Monika will sich von mir scheiden lassen.«

»Was? – Natürlich kannst du am Wochenende kommen. Am Sonnabend! Für den Sonntag habe ich Elisabeth versprochen, zu ihr zu kommen. Sie steht hier neben mir und hat mir gerade erzählt, dass ihr Mann sich scheiden lassen will.«

»Nein …! Das gibt’s doch nicht!« Franck war völlig verwirrt. Tausend verschiedene Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum. Aus dem Bauch heraus – er wusste später nicht, wieso es dazu gekommen war – sprach er ins Telefon: »Da komme ich am besten am Sonntag mit dir zu Elisabeth.«

Franck hörte Gemurmel. Wahrscheinlich hatte seine Mutter den Hörer zugehalten und erzählte Elisabeth die Neuigkeit.

»Hallo Franck! Elisabeth ist einverstanden. Am Sonntag fünfzehn Uhr bei ihr! Dann reden wir über alles. Mach’s gut, mein Junge!«

Das gibt es doch nicht, denkt Franck. Was für ein Zufall! Dasselbe Problem und im gleichen Moment wenden wir uns an meine Mutter …

 

  Als Elisabeth ihn an der Tür empfing und seine Blumen entgegennahm, war Francks Eindruck: Sie hat sich kaum verändert. In den vergangenen über zwanzig Jahren hatten sie sich vielleicht vier, fünf Mal – und das nur per Zufall – gesehen.

»Komm rein, deine Mutter ist schon da.«

Beim Kaffeetrinken verflogen die ersten etwas peinlichen Momente schnell. Elisabeth und dann Franck erzählten kurz, wie es ihnen in den letzten Wochen und Monaten ergangen war. Wie sich die Bilder glichen! Ihre beiden Partner waren fremdgegangen, die Ehen waren am Ende. Niemand am Tisch wollte dieses Thema jetzt noch weiter vertiefen.

So kamen die drei fast zwangsläufig auf die Ereignisse zu sprechen, die sie alle seit Monaten beschäftigten.

»Seit dem 9. Oktober, als Zehntausende über den Ring liefen, hat sich alles verändert«, meinte Gerda.

»Ja, vor allem, weil eben nicht passiert ist, was alle vorher befürchtet hatten. Als ich an jenem Montag von der Uni zum Bahnhof gelaufen bin, um nach Hause zu fahren, musste ich in der Goethestraße an ihnen vorbei: gepanzerte Fahrzeuge eins hinter dem anderen am Straßenrand und Polizisten mit einer nie zuvor gesehenen Ausrüstung, Helme und riesengroße Schilde. Das hätte ganz schlimm ausgehen können.« Nach einer kleinen Pause, in der er dies alles noch einmal vor sich sah, sagte Franck aufatmend: »Aber dann blieb alles friedlich …«

Elisabeth meinte: »Es war ein bisschen wie ein Wunder. Der Aufruf der Sechs mit Kurt Masur und Bernd-Lutz Lange hat sicherlich viel dazu beigetragen.«

»Die drei Sekretäre der Bezirksleitung, die den Aufruf mit verfasst hatten, waren meiner Meinung nach besonders mutig. Andererseits zeigt es auch, dass sie deutlich gesehen haben, dass es so nicht mehr weiterging.« Franck schaute Bestätigung suchend zu Elisabeth. 

»Keine zehn Tage später haben sie Erich dann auch abgesägt«, erinnerte sich Elisabeth. »Gorbatschow hatte es zum 40. Jahrestag deutlich gesagt: ‚Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.‘«

Franck nickte. »Den lieben Genossen waren Perestroika und Glasnost suspekt, sie hatten mit Reformen nichts am Hut«, meinte er in ironischem Tonfall. »1987 hatte Hager auf eine entsprechende Frage in einem Interview davon gesprochen, dass man sich nicht verpflichtet fühlen muss, seine Wohnung neu zu tapezieren, nur weil der Nachbar seine Wohnung neu tapeziert.«

Er kramte weiter in den Erinnerungen an die nicht lange zurückliegenden Ereignisse. »Als Erich zurücktreten musste, war ich gerade mit Monika im Erzgebirge im Urlaub. Während einer Wanderung fiel uns vor einer Gaststätte eine aufgeregte Menschenmenge auf. Dort haben wir dann im Fernsehen die Antrittsrede von Egon gesehen. Alles wird anders, die Partei wird eine Wende vollziehen in der Politik, im Dialog mit dem Volk. Und was ist daraus geworden? Der ehemalige Kronprinz von Erich musste im Dezember auch gehen. Seit über zwei Monaten kräht kein Hahn mehr nach ihm.«

Gerda warf ein: »Aber es hat sich doch viel gewendet, wenn auch anders, als er das gemeint hatte. Und wohin das alles noch führt, weiß ich auch nicht.«

»Jedenfalls war ich inzwischen mal in Westberlin und auch mal in Hof. Wir könnten sogar nach Paris fahren.«

Elisabeth entgegnete: »Paris wäre ja nicht schlecht, aber mit den hundert D-Mark Begrüßungsgeld kämst du da nicht weit.«

»Das ist eh schon alle. Ein Kofferradio mit Kassettenteil und ein paar andere Kleinigkeiten …«

So verging der Nachmittag im angeregten Gespräch. Nach einem kleinen Abendessen saßen die drei gemütlich um den Couchtisch zusammen, Gerda im Sessel, Elisabeth und Franck nebeneinander auf dem Sofa. Das Radio dudelte leise vor sich hin. Plötzlich stand Elisabeth auf und schaltete es aus. Eben sang David Hasselhoff noch »Looking for Freedom«. »Ich kann das nicht mehr hören. Der bildet sich doch glatt ein, die Mauer persönlich zum Einsturz gebracht zu haben.«

Später verließ Gerda wegen anderer Bedürfnisse kurz das Wohnzimmer. Da sagte Franck zu Elisabeth: »Möchtest du deine Mutti nicht mal nach Hause schicken?« Er sagte wirklich deine Mutti und es kam ihm wohl auch in der Verwirrung durch die Umstände kurzzeitig richtig vor. Das Verhältnis der beiden Frauen war wirklich enger als das seine zur Mutter. Er hatte ja auch lange nicht mehr in Leipzig gewohnt.

Jedenfalls verabschiedete sich Gerda bald darauf von Elisabeth und ihrem Sohn und ließ die beiden allein.

 

Es war zweifellos ein seltsames Gefühl für die zwei, obwohl schon zuvor im Gespräch, aber mehr noch über Blicke die alte Vertrautheit wieder hochgekommen war. Sie wussten es voneinander, jeder hatte sein eigenes Leben gelebt mit allen Höhen und Tiefen, mit anderen Partnern, mit ihren Kindern. Aber nun war es auf einmal, als ob die lange zurückliegende gemeinsame Vergangenheit alles überlagerte. Ganz eng saßen sie beieinander, Franck blickte auf das so sehr vertraute Muttermal auf Elisabeths Wange und ihm wurde warm ums Herz. Elisabeth erkannte in Francks Gesicht die lieben Augen ihres Jugendfreundes. Ihre Lippen fanden sich in einem erst zögerlichen, dann aber heftigen glückselig machenden Kuss.

 

Am darauffolgenden Wochenende machte Franck mit Elisabeth und ihren Töchtern, die vorige Woche bei einer Tante waren, einen gemeinsamen Ausflug zum traditionellen sonntäglichen Vor-Rosenmontags-Umzug in Pegau, der vor allem die Kinder begeisterte.

Als Elisabeth ein paar Tage später Franck erstmals besuchte, und zwar in seiner Wohnung in Leipzig, in die seine Frau Monika – obwohl ursprünglich so geplant – nicht mitgezogen war und die er deshalb seit Dezember allein nutzte, fragte sie ihn, ob er diesen Zettel in ihren Briefkasten geworfen hatte. Der Verdacht war richtig, Franck hatte dies ein paar Tage vorher auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Der Werbezettel versprach eine Tour nach Paris für unter einhundert Mark. Nun, das wirkte verlockend, war eigentlich für junge Leute gedacht: zwei Übernachtungen im Bus, der Tag dazwischen Bummel durch die Stadt der Liebe. Mit dem Werbeblättchen wollte er an die Interessen anknüpfen, die in ihrer gemeinsamen Schulzeit entstanden waren und ganz besonders durch Begegnungen mit französischen Schülern während mehrerer Sommerferien geprägt worden waren.

 

Zu einer Fahrt nach Paris kam es damals noch nicht. Aber den Sommerurlaub verbrachten Elisabeth und Franck – beide glücklich geschieden – an der Costa Brava. Auf der Busfahrt dahin fuhren sie erstmals nach Frankreich und dabei nicht sehr weit an ihrem heutigen Wohnort im Languedoc vorbei.

Ein reichliches Jahr später holten sie die Sehnsuchtsfahrt nach Paris nach – auf ihrer Hochzeitsreise!

Heute sind Elisabeth und Franck mehr als dreißig Jahre verheiratet und leben seit zehn Jahren glücklich in Frankreich.

 

 

 

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